mini|Erstausgabe Radetzkymarsch ist der Titel eines 1932in Fortsetzungen in der Frankfurter Zeitung und als Buch im Kiepenheuer-Verlag, Berlin publizierten historischen Romans von Joseph Roth. Erzählt wird die wechselvolle Geschichte der fiktiven Familie von Trotta, „Mitläufer und Randfiguren im Sog des historischen Geschehens“,Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1973, Bd. 18, S. 7972. beispielhaft für den Zerfall des Habsburgerreiches zwischen der Schlacht von Solferino und dem Ersten Weltkrieg. Der Titel bezieht sich auf den gleichnamigen Marsch von Johann Strauss (Vater), der sich symbolhaft durch die Handlung zieht. Roths 1938 erschienener Roman Die Kapuzinergruft setzt die Thematik fort.
Inhalt Joseph Roth erzählt in Radetzkymarsch die Geschichte der dem Kaiserhaus der Habsburger schicksalhaft verbundenen Familie Trotta. Die Erzählung vom Niedergang der unerwartet in den Adelsstand aufgestiegenen österreichischen Familie wird mit der krisenhaften Entwicklung und dem Verfall der Habsburgermonarchie parallelisiert und verknüpft. Im Mittelpunkt des Romans steht Carl Joseph von Trotta und Sipolje, der Enkel des Helden von Solferino.
Anschaulich und facettenreich wird die Dekadenz des Offiziersstandes dem Untergang der Donaumonarchie und des Kaiserhauses gleichgestellt: Am Anfang steht der Aufstieg einer Familie als Lohn für die Rettung des Kaisers, am Ende ein Opfergang für die namenlosen Kameraden. Der adelige Zweig der Familie Trotta erlischt mit ihm. Zwei Jahre später, am Tag der Beisetzung Kaiser Franz Josephs, stirbt auch der Bezirkshauptmann.
Erster Teil Aus einer ärmlichen Bauernfamilie im slowenischen Dorf Sipolje rückt der erste im Roman vorgestellte Trotta in der Armee zum Rechnungs-Unteroffizier und später zum Gendarmerie-Wachtmeister auf. Nachdem er im Kampf mit bosnischen Schmugglern ein Auge verloren hat, lebt er als Militärinvalide und Parkwächter des Schlosses Laxenburg bei Wien.Ein Nachkomme des Parkwächters von Schloss Laxenburg ist auch der bürgerliche Franz Ferdinand Trotta, den Joseph Roth zur Hauptperson seines 1938 erschienenen Romans Die Kapuzinergruft machte. Sein Großvater war ein Bruder des „Helden von Solferino“. Seinem Sohn Joseph eröffnet er eine Offizierslaufbahn; dieser bringt es zunächst zum Leutnant der Infanterie. In der Schlacht von Solferino rettet Leutnant Joseph Trotta unter Einsatz seines Lebens dem jungen Kaiser Franz Joseph I. das Leben. Als „Held von Solferino“ wird er dafür mit dem Militär-Maria-Theresien-Orden ausgezeichnet, als „Joseph Trotta von Sipolje“ in den Adelsstand erhoben und zum Hauptmann befördert. mini|Ritterkreuz des Militär-Maria-Theresien-Ordens mit Schriftzug FORTITUDINI (lat. der Stärke) Er verlässt damit unwiderruflich den Weg seiner bäuerlichen Vorfahren. Er heiratet standesgemäß die begüterte Nichte seines Obersten und wird mit seinem Sohn Franz „zum Ahnherrn eines neuen Geschlechtes“. Nachdem der Hauptmann im Schulbuch seines Sohnes zufällig eine heroisierende Darstellung seiner Rettungsaktion entdeckt und sich darüber – zunächst ohne Erfolg – sogar beim Kaiser beschwert hat, verlässt er verbittert die Armee und zieht sich auf das kleine Gut seines Schwiegervaters in Mähren zurück. „Die kaiserliche Gnade“ verlässt ihn jedoch nicht:Joseph Roth: Radetzkymarsch. Verlag Kiepenheuer & Witsch und Verlag Allert de Lange Amsterdam, 1999, S. 13. Er wird als Major verabschiedet und in den Freiherrenstand erhoben. Für die Studien seines Sohnes, Franz Freiherrn von Trotta und Sipolje, erhält er aus der Privatschatulle 5000 Gulden. Aber der Vater reagiert missmutig und verbietet seinem Sohn eine Karriere beim Militär. Dieser schlägt stattdessen eine zivile Beamtenlaufbahn ein und wird schließlich durch die Gunst des Kaisers zum Bezirkshauptmann in der mährischen Stadt W. ernannt, wo an jedem Sonntag eine Militärkapelle vor seinem Amtssitz den Radetzkymarsch spielt.
Bei Carl Joseph Trotta von Sipolje, dem Sohn des Bezirkshauptmanns, ist von der knorrigen Stärke des „Helden von Solferino“ nichts übrig geblieben (Kap. 2). Weder ein schneidiger Soldat wie der Großvater, noch ein kaisertreuer Beamter wie der Vater, ist Carl Joseph ein äußerst weicher und feinfühliger Charakter, der die Offizierslaufbahn nicht aus eigenem Entschluss einschlägt, sondern weil er von seinem Vater dazu bestimmt wird. Der junge Mann will eigentlich kein Soldat sein, doch folgt er gemäß dem Ethos der Pflichterfüllung dem Auftrag seiner Familie.
Eine Affäre mit Kathi, der jungen Ehefrau des Gendarmerie-Wachtmeisters Slama, die den 15-jährigen Schüler der Kavalleriekadetenschule während eines Heimatbesuchs verführt, entwickelt sich zu einer Liebesgeschichte mit Briefwechsel und endet nach einem Jahr, als die Frau bei der Geburt eines Kindes stirbt. Carl Joseph ist inzwischen durch die Nachsicht seiner Lehrer mit dem Enkel des Helden als Leutnant der X-ten Ulanen in die Armee aufgenommen worden und erfährt beim Besuch des Vaters vom Tod der Geliebten. (Kap. 3). Der Bezirkshauptmann hat von der Beziehung erfahren, als ihm sein Wachtmeister die von ihm entdeckten Briefe gezeigt hat, aber er spricht zuerst nicht mit dem Sohn darüber, sondern erteilt ihm nur den Auftrag, dem Witwer persönlich zu kondolieren. Als Carl Joseph schuldbewusst und verlegen Slama besucht, gibt ihm der betrogene Ehemann, ohne die Affäre zu thematisieren, seine Liebesbriefe, die er an seine Frau geschickt hat, zurück. Er entschuldigt sich noch für die Peinlichkeit, der Bezirkshauptmann habe es so angeordnet (Kap. 4).
So vorbelastet rückt er ein in die Kavallerie-Kaserne in W., wo er seinen Dienst als Leutnant beginnt und sich mit dem Regimentsarzt Max Demant befreundet. Beide sind mit ihrem Militärdienst unzufrieden und iußenseiter der Kasino-Gesellschaft und von deren gemeinsamen Bordellbesuchen bei „Tante Mizi“, die der Korpsgeist den Offizieren abverlangt, angewidert (Kap. 5).
Demant ist unglücklich mit der leichtlebigen Eva, geborene Knopfmacher, verheiratet. Als er sie wegen des Empfangs Carl Josephs in seiner Abwesenheit zur Rede stellt, gibt sie offen zu, ihn nicht zu lieben, und provoziert seine Eifersucht mit ihrem Spaß an der Umwerbung durch einen jungen Leutnant (Kap. 6). Max befragt darauf den Freund. Dieser streitet eine Beziehung ab und gibt ihm sein Ehrenwort, aber die ca. dreijährige vertrauensvolle Beziehung ist durch den Verdacht überschattet. Zu einem Eklat kommt es, als Carl Joseph von Kollegen beobachtet wird, wie er Eva, anstelle ihres mit ihr zerstrittenen Mannes, vom Theater zu ihrer Villa begleitet und der angetrunkene Rittmeister Tattenbach den Regimentsarzt, verbunden mit einer antisemitischen Beschimpfung, wegen der Untreue seiner Frau verspottet (Kap. 7). Demant fordert nach dem Ehrenkodex Tattenbach zum Duell. Carl Joseph versucht ihn zu überreden, dem Zweikampf auszuweichen und sich eine zivile Arbeit zu suchen, aber der seines Lebens müde Arzt lehnt ab: „Ein stupides, eisernes Gesetz ließ keinen Ausweg frei. […] ‚Ich werde aus Blödheit ein Held sein, nach Ehrenkodex und Dienstreglement. Ein Held!‘ Er lachte“.Joseph Roth: Radetzkymarsch. Verlag Kiepenheuer & Witsch und Verlag Allert de Lange Amsterdam, 1999, S. 132. Bei dem Duell am frühen Morgen des nächsten Tages erschießen sich die beiden Kontrahenten gegenseitig: „[F]ür die Kaufleute und Handwerker des Städtchens waren die fremden Herren noch fremder geworden. Wie unbegreifliche Anbeter einer fernen, grausamen Gottheit, deren buntverkleidete und prachtgeschmückte Opfertiere sie gleichzeitig waren, gingen die Offiziere umher.“Joseph Roth: Radetzkymarsch. Verlag Kiepenheuer & Witsch und Verlag Allert de Lange Amsterdam, 1999, S. 137. Demant hinterlässt Carl Josef seinen Säbel mit der Inschrift „Lebe wohl und frei!“ (Kap. 8).
Zweiter Teil Carl Joseph fühlt sich, obwohl er die Tragödie unabsichtlich ausgelöst hat, schuldig am Tod des Arztes und lässt sich daraufhin zu einem Infanterie-Bataillon im entferntesten Osten des Kaiserreichs, knapp vor der russischen Grenze, versetzen. Das kleine Garnison-StädtchenDer Ort der Garnison wird einmal mit „B.“ bezeichnet, ein Hinweis auf Brody, den Geburtsort Joseph Roths, auf den auch die im Roman geschilderte Anlage der Stadt passt. liegt einer sumpfigen Ebene (Kap. 9): „Sumpfgeborene waren die Menschen dieser Gegend. Denn die Sümpfe lagen unheimlich ausgebreitet über der ganzen Fläche des Landes, zu beiden Seiten der Landstraße, mit Fröschen, Fieberbazillen und tückischem Gras, das den ahnungslosen, des Landes unkundigen Wanderern eine furchtbare Lockung in einen furchtbaren Tod bedeutete.“Joseph Roth: Radetzkymarsch. Verlag Kiepenheuer & Witsch und Verlag Allert de Lange Amsterdam, 1999, S. 156. Wie bei seiner ersten Garnison fühlt sich der Leutnant auch im Grenzland einsam und wird zum Alkoholiker.
Die einzigen Abwechslungen des eintönigen Garnisonslebens in der stillen Stadt mit ihrer polnisch-ukrainisch-jüdisch-ruthenischen Mischbevölkerung sind der kameradschaftliche Verkehr mit dem russischen Grenzregiment mit Reitvorführungen der artistischen Kosaken und die Feste des Grafen Chojnicki, der die Sommerzeit auf seinem Gut verbringt und mit dem sich Carl Joseph befreundet. In den Untergangsvisionen des Grafen, „dieses Reich“ müsse „untergehen“,Joseph Roth: Radetzkymarsch. Verlag Kiepenheuer & Witsch und Verlag Allert de Lange Amsterdam, 1999, S. 166. spürt der Leutnant, in seiner „Seele das ständige Echo der rauschenden, dunklen Fittiche des Todes, dem er schon zweimal begegnet war“, das „finstere Gewicht der Prophezeiungen“.Joseph Roth: Radetzkymarsch. Verlag Kiepenheuer & Witsch und Verlag Allert de Lange Amsterdam, 1999, S. 167.
Nach dem Tod seines vom „Heldenvater“ übernommenen 81-jährigen Dieners Jacques, der für den Bezirkshauptmann einen Einschnitt in seinem Leben bedeutet und in dem er zugleich ein Symbol für den Abstieg der Monarchie sieht (Kap.10), nimmt er zum ersten Mal Urlaub und besucht den Sohn in der östlichen Provinz Galizien (Kap. 11). Der Graf trägt auch dem Baron seine Gedanken über den drohenden Zerfall des Habsburger-Reiches in einer Zeit zunehmender nationaler Bewegungen vor: „Gott habe den Kaiser verlassen“ und verloren seien die beiden Trottas und er, der Graf, als die „Letzten einer Welt, in der Gott noch die Majestäten begnadet“. Durch „Nitroglyzerin und Elektrizität“ würden sie „zugrunde gehen“, es dauere „gar nicht mehr lang“.Joseph Roth: Radetzkymarsch. Verlag Kiepenheuer & Witsch und Verlag Allert de Lange Amsterdam, 1999, S. 198, 199. Kaum angekommen, wird der Bezirkshauptmann in sein Amt zurückgerufen.