mini|Brigittakapelle
Die Brigittakapelle ist eine im barocken Stil errichtete ehemals römisch-katholische Kapelle im 20. Wiener Gemeindebezirk Brigittenau und steht . Sie wird von der georgisch-orthodoxen Gemeinde für Messen benutzt, dabei fungiert sie als Kirche zum Heiligen König David der Erneuerer.
Vorgeschichte Um die Errichtung der im 20. Bezirk am Forsthausplatz stehenden Brigittakapelle ranken sich zwei Legenden aus dem Dreißigjährigen Krieg: Eine Legende beruft sich darauf, dass Kaiser Ferdinand III. an dieser Stelle 1648 die Kunde vom Westfälischen Frieden erreichte. Die zweite Legende handelt davon, dass der Bruder des Kaisers, Erzherzog Leopold Wilhelm, in Ausübung des Oberbefehls über die kaiserlichen Truppen bei der Erstürmung der so genannten Wolfsschanze (benannt nach der Wolfs-Au) in seinem Kommandozelt nur knapp von einem schwedischen Artilleriegeschoss verfehlt wurde. Die neuere Forschung belegt, dass beide Legenden nicht den Tatsachen entsprechen, dennoch halten sie sich dauerhaft in Literatur und Bevölkerung.
Die ursprünglichen Namen des Gebietes der heutigen Brigittenau waren Wolfsau und Schottenau. Die Bezeichnung „Brigittenau“ leitet sich von der Brigittenkapelle her und wurde erstmals 1670 urkundlich genannt. Das Augebiet befand sich nördlich des heutigen Augartens und war ein Teil des sogenannten Unteren Werds. Über die Grundherrschaft der ausgedehnten, kaum besiedelten Gründe verfügte das Stift Klosterneuburg. Im Zuge der Stadterweiterung von 1850 wurde Wien in acht Bezirke geteilt, von denen der zweite sich aus der heutigen Brigittenau und der Leopoldstadt zusammensetzte. Bis dahin bestand die Brigittenau zum Großteil aus einer Auenlandschaft, der sogenannten Wolfsau, und dem Gebiet Zwischenstrom. Die beiden Gebiete wurden durch das Kaiserwasser, den damaligen Hauptstrom der Donau, getrennt.Susanne Kompast, Auf den Spuren von Kunst und Bau im 20. Wiener Gemeindebezirk. Wien 1999, S. 4.
mini|Innenraum mit Altar Die militärische Situation Die vernichtende Niederlage des kaiserlichen Heeres bei Jankau veranlasste Ferdinand III., in aller Eile die Besatzung der für die Verteidigung Wiens strategisch bedeutenden Sternschanze, die dem nördlichen Ende der Wolfsbrücke vorgelagert war, zu verstärken.Franz Kaiser: Siedlungs-, Bevölkerungs- und Industrieentwicklung der Brigittenau seit der Donauregulierung in historisch-topographischer Sicht. Diss. Wien 1966, S. 71.Walter Kalina: Die Brigittakapelle in Wien 20 (1650/51). „in capella a nobis nuper in sylva Thaber inter pontes Danuby extructa...“, in: Bundesdenkmalamt (Hrsg.), Österreichische Zeitschrift für Kunst- und Denkmalpflege. LIX, Horn/Wien 2005, Heft 3/4, S. 246. Diese so genannte Wolfsschanze soll bereits 1484 beim zweiten Ansturm von Matthias Corvinus auf Wien zu einem befestigten Brückenkopf ausgebaut worden sein. Bereits 1643 hatte im Auftrag des schwedischen Feldherrn Torstensson die leichte Kavallerie seines Heeres unter General Wrangel das Gebiet der Donaubrücken bei Wien gestreift. Jedoch zog das in Mähren stehende schwedische Hauptheer vor einem möglichen Vorstoß auf Wien wieder überraschend nach Norden ab, um im Rahmen des Torstenssonkrieges in Holstein einzufallen und Dänemark anzugreifen.
Am 9. April 1645 stand Torstensson dann erneut mit seinem Heer vor der Schanze. Der drückenden Übermacht des Feindes unterlegen, mussten sich die kaiserlichen Truppen aus der Schanze auf die westlichen Donauinseln zurückziehen, jedoch nicht ohne zuvor die Brücke hinter sich in Brand zu setzen. In der Folge tobte ein vier Tage währender Kampf um die Strominseln. Die Schweden hofften auf ein Zusammenwirken mit dem Siebenbürger Fürst Georg II. Rákóczi, der sich aber überraschend mit dem Kaiser geeinigt hatte. Das führte zu einem unvermutet raschen Rückzug des schwedischen Hauptheeres nach Brünn. Die Wolfsschanze wurde aber weiterhin von einer schwedischen Besatzung gehalten.
In der Folge kam es zu einem merkwürdigen Abkommen: Den Wienern sollte die Donauzufuhr erhalten bleiben, dafür durften die Schweden sich ungehindert in der Stadt versorgen.Bertrand Michael Buchmann, Der Prater. Die Geschichte des Unteren Werd, Wien 1979, S. 39. Dieses Abkommen war nicht von Dauer, denn für die geplante Wiedereroberung dieses Stützpunktes setzte der Kaiser seinen 31-jährigen Bruder, Erzherzog Leopold Wilhelm, ein. Von den Kaiserlichen wurde eine Gegenschanze aufgeworfen und Leopold Wilhelm stimmte dem von Obrist Karl Friedrich Reich ausgearbeiteten Plan zur Stürmung der Wolfsschanze zu. Am Abend des 27. Mai 1645 hatte der Erzherzog, begleitet von Graf Matthias Gallas und den meisten der in Wien weilenden Feldherren, die Schottenau zwecks Lagererkundung aufgesucht. Die Beschießung der Brückenbastionen soll am Morgen des darauffolgenden Tages eingesetzt haben. Doch hatten die Schweden ihre Festung während der mehrwöchigen Kampfpause weiter ausgebaut, sodass sie heftigen Widerstand zu leisten vermochten. Durch einen ins schwedische Hauptquartier abgesandten Eilkurier versprachen sie sich eine baldige Truppenverstärkung.
Diese kritische Situation dürfte Leopold Wilhelm dazu bewogen haben, die Nacht vom 29. auf den 30. Mai in seinem Zelt in der Schottenau zuzubringen. Reich ließ nach erfolgloser Kanonade vom Vortag ausgewählte Streitkräfte sowohl aus den Reihen seiner Truppen als auch aus den Regimentern Fehrenberg, Baden und Hunoldstein zwischen 4 und 9 Uhr morgens des 30. Mai 1645 unter Feuerschutz ans Nordufer schaffen. Dabei kam ihm sicherlich die topographische Lage so mancher nahe ans Ufer vorgeschobenen Strominseln entgegen, so dass seine Truppen wahrscheinlich einerseits auf dem kürzesten Weg über die Schwarze Lacke, bzw. den Neuhaufen und die Mühlschiedinsel kommend, die Wolfsschanze umzingeln konnten. Da man inzwischen einen schwedischen Rittmeister mit der Nachricht eines baldigen Entsatzes durch General Arvid Wittenberg mit einer Truppenstärke von 4.000 Mann (spätestens am darauffolgenden Tag, das wäre der 31. Mai) abgefangen hatte, zögerte Reich nun nicht mehr länger und ließ unter Aufbietung sämtlicher vorhandener Reserven den Brückenkopf im Sturm überlaufen, was tatsächlich mit der Einnahme des Bollwerkes am späten Nachmittag des gleichen Tages endete. Die gefangenen Schweden wurden nach Wien gebracht. Es zeigte sich, dass dies zum geeigneten Zeitpunkt geschehen war, denn schon am Morgen des nächsten Tages war Wittenberg auch wirklich bis auf wenige Kilometer herangerückt, zog aber nach Erhalt der Kunde vom Schicksal der Schweden sofort ab, sodass die Wolfsschanze vorerst dauerhaft in der Hand der kaiserlichen Truppen verblieb. Die Kämpfe um den strategisch wichtigen Punkt waren jedoch noch nicht endgültig vorüber; am 31. August 1645 besetzte Torstenson die Schanze ein weiteres Mal, zog aber bereits im Oktober wieder in sein Winterquartier ab und ließ auf dem Bisamberg und dessen Umgebung sowie in Krems und Korneuburg Befestigungen gegen Angriffe aus dem Raum Wien einrichten.Viktor Haunold, Beiträge zur Geschichte des Befestigungs- und Militärwesens der Stadt Wien zwischen den beiden Türkenbelagerungen, Diplomarbeit Wien 1995, S. 78.
Die Sage vom Kugelwunder mini|hochkant|Erzherzog Leopold Wilhelm von Österreich, Porträt von David Teniers d. J. (um 1652) An diese historischen Ereignisse knüpft sich nun eine Sage, die weit mehr Verbreitung gefunden hat, als die tatsächlichen Ereignisse bekannt wurden. Ein zeitgenössischer Chronist namens Mathias Fuhrmann berichtet darüber erst 1767 in Anlehnung an eine Erwähnung des Jesuiten Leopold Fischer (1764) ausführlich:
Fuhrmann beruft sich bei seiner Schilderung auf eine in der „Capelle befindliche gedruckte Nachricht“ und fügt hinzu, „deme seynd noch einige umstände beygefüget, die aber nicht bestehen“. Aus diesem Zusatz kann geschlossen werden, dass die einzige Quelle, welche das Wunder erwähnt, in Verbindung mit offenbar unwahren Angaben stehen musste, da sie sonst der so weitschweifige (weniger genaue) Chronist sicher in seine Ausführungen mit eingeschlossen hätte.vgl. dazu Hedwig Heger, Die Brigittakapelle in Wien. Eine historische und kunstgeschichtliche Darstellung, Wien 1960, S. 4f.
Das Kugelwunder könnte sich (da nicht genauer angegeben) sowohl am 30. Mai wie auch am 29. zugetragen haben, wobei dem ersteren Datum zumeist der Vorzug gegeben wird. Die Situation, in der sich Leopold Wilhelm während dieses Ereignisses befunden haben soll, nämlich im Gebet vertieft, ist durchaus denkbar, war er doch Kirchenfürst und Feldherr in einer Person. Keinesfalls stimmt aber der Jahrestag des Ereignisses (selbst wenn ein breiterer Spielraum gelassen wird) mit dem Fest der hl. Brigitta überein. Die falschen Angaben der Chronisten und deren wiederholte Übernahme durch verschiedene Geschichtsschreiber der späteren Zeit hat die Angelegenheit nur noch mehr entstellt. Niemals war der 30. oder 29. Mai der hl. Brigitta geweiht gewesen, sondern der 8. Oktober (nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil der 23. Juli).Pfarre zum hl. Johannes von Kapistran (Hg.): Die Kapelle zur hl. Brigitta. Wien 1999, S. 1. Es handelt sich bei dieser Namensgebung mit Sicherheit um die hl. Brigitta (richtiger: Birgitta) von Schweden, die, um 1303 in Finstadt geboren, zu einer der bedeutendsten Mystikerinnen wurde. Auch kommen weder die hl. Brigitta von Holland (heute ebenfalls 23. Juli) noch die irländische Brigitta von Kildare (1. Februar) für das Patrozinium in Betracht.
mini|hochkant|Kaiser Ferdinand III., Porträt von Frans Luycx (um 1638)
Aber auch der Bauherr der Brigittakapelle ist bei Fuhrmann falsch angegeben. Es handelt sich dabei nicht um den Erzherzog Leopold Wilhelm, sondern um seinen kaiserlichen Bruder Ferdinand III. Der Beweis dafür ist ein kaiserlicher Stiftsbrief vom 1. Juli 1651 aus dem u. a. folgende Zeilen hervorgehen: „Deinde vero in Capella a nobis nuper in Sylva Thaber inter pontes Danuby extructa, et Diivae Brigitta Sacra“, also: „...ferner aber in der Kapelle, die von uns kürzlich im Thaborwald zwischen den Donaubrücken errichtet wurde, die der hl. Brigitta geweiht ist...“.Hofkammerarchiv, NÖ-HA, Fasz. B25, fol. 14-15, Kaiserlicher Stiftsbrief vom 1. Juli 1651 Nach alldem zeigt sich ziemlich eindeutig die Unglaubwürdigkeit von Fuhrmanns Bericht, wobei er selbst in seinem bereits 1739 erschienenen Werk „Alt und Neues Wien“ wohl von jenen Geschehnissen, jedoch kein Wort von der Gründung berichtet. Die Menschen waren seinerzeit von der Schilderung derartiger Wunder sehr eingenommen gewesen, auch waren sie vom Verfasser zwecks besserer Einprägung historischer Ereignisse gedacht, da sie doch sonst in den historiographischen Rahmen kaum hineinpassen. Spätere Geschichtsschreiber übernahmen in späteren Zeiten Fuhrmanns Bericht kritiklos, oft sogar als Tatsache. In der Tat hat Kaiser Ferdinand III. diese Kapelle als Andachtsstätte für das Jagd- und Mautpersonal des Mauthauses „Am Tabor“ errichten lassen. Erst spätere Historiker dichteten dem Gebäude verschiedenste Gründungslegenden an, von denen sich jene des Kugelwunders bis heute am hartnäckigsten hält. Die Brigittakapelle ist eine einfache Votivkapelle, deren Errichtung an dem stark frequentierten Straßenzug über die Donau notwendig war. Die Brücke und die Straße wurden schließlich 1688/98 stromabwärts verlegt und mit der Außerachtlassung des Sakralbaues kam diese Tendenz-Sage auf. Die Schreiber Fuhrmann und Fischer handelten wohl im guten Glauben und hielten die Legende auch für wahr, wobei sich die Sage um die bereits erbaute Kapelle rankte. Zum anderen wird auch die wiederholt aufgetauchte Meinung vertreten, dass die Phantasie des Volkes mit der oktogonalen Form der Kapelle nichts rechtes anzufangen wusste und sich noch am ehesten an den Grundriss eines Zeltes erinnert fühlte.
mini|hochkant|Fassadendetail: Kaiserliches Wappen
Die Sage von der Friedensschlusskunde