Spiel im Morgengrauen ist eine Erzählung von Arthur Schnitzler. Sie erschien erstmals von Ende 1926 bis Anfang 1927 in der Berliner Ilustrirten Zeitung. Erzählt wird die Geschichte des jungen Leutnants Wilhelm Kasda, die innerhalb weniger Stunden in eine existenzielle Lebenskrise gerät. Ausgelöst wird das durch seine Neigung zum Glücksspiel sowie durch den ambivalenten Ehrbegriff seines Militärstandes.
Inhaltsangabe In 48 Stunden gerät das Leben des Infanterie-Leutnants mit Kasernendienst, Gelegenheitsliebschaften, Kasinoabenden mit Kollegen und „Hasardpartien“ am Spieltisch aus den Fugen.
Sonntag
An einem schönen Frühlings-Sonntag will Wilhelm Kasda von Wien aus nach Baden fahren, in der „Stadt Wien“ oder bei der Familie Keßner zu Mittag essen und vielleicht Bekannte im Café treffen. Da meldet am frühen Morgen sein Bursche Joseph einen unerwarteten Besucher an (Kap. 1): Sein ehemaliger Dienstkamerad Oberleutnant Otto von Bogner bittet ihn dringend um 960 Gulden, die er aus der Firmenkasse entwendet hat und nun vor der drohenden Revision zurücklegen muss. Die Barschaft von Wilhelm besteht aber nur aus 120 Gulden. Auch alle Bekannten, die als Leihgeber in Frage kämen, wurden entweder schon gefragt oder hatten selbst kein Geld. Schließlich hat Wilhelm die Idee, das benötigte Geld beim Kartenspiel im Café Schopf zu gewinnen.
Kasda nimmt den Zug nach Baden und versucht seine privaten Interessen mit der Hilfe für Bogner zu verbinden. Zuerst besucht er die Familie Keßner in ihrem Landhaus und wird zum Mittagessen eingeladen (Kap. 2). Frau Keßner und ihre Tochter Emilie hat er im Fasching auf dem Industrieball kennengelernt und hofft auf ein Liebesabenteuer: am besten mit der durch ihre Ehe gebundenen Hausfrau, denn die Anbahnung einer Beziehung zur mit großer Mitgift ausgestatteten Tochter wäre eine langwierige Angelegenheit. Er muss sich aus dieser Gesellschaft verabschieden, um in der Angelegenheit Bogners aktiv zu werden, er plant jedoch nach seinem Spielgewinn zu den Damen und ihren inzwischen eingetroffenen weiblichen Gästen zurückzukehren. Im Café Schopf trifft er auf die Runde der Spieler (Kap. 3): Leutnant Greising, Theatersekretär Weiß, Oberleutnant Wimmer, Doktor Flegmann, der Schauspieler Elrief, Regimentsarzt Tugut. Das kapitalkräftige Schwergewicht der Gruppe ist der Geschäftsmann Schnabel, der den Titel „Konsul von Ecuador“ trägt. Nach einem großen Verlust versorgt er sich, ohne Gemütsregung, mit einem Griff in die Westentasche mit neuen Scheinen. Wilhelm spielt vorsichtig, hat Glück und es dauert nicht lange, bis er eine Summe von über tausend Gulden gewonnen hat. Damit ist seine Mission erfüllt und er kann seine privaten Interessen verfolgen. Er beendet das Spiel und geht zufrieden, mit in einer Konditorei gekauften zwei Tüten Bonbons, zur Villa Keßner (Kap. 4). Dort erfährt er jedoch, dass die Gesellschaft kurzentschlossen einen Ausflug ins Helenental unternommen hat. Er überlegt kurz, ihnen zu folgen, findet aber keine preisgünstige Kutsche, und so beschließt er, zum Café zurückzukehren. Er beteiligt sich wieder am Spiel und vergrößert nach anfänglichem Pech sein Vermögen auf über 2000 Gulden. Anschließend wird gemeinsam in der „Stadt Wien“ zu Abend gegessen und Kasda verabschiedet sich endlich, um den Zug um zehn Uhr vierzig nicht zu versäumen. Da erblickt er an einem Tisch die Familie Keßner und plaudert mit ihr einige Minuten. So verspätet er sich mit der vom Konsul für den Weg zum Bahnhof zur Verfügung gestellten Kutsche und verfehlt um eine Minute die Abfahrt des Zuges nach Wien (Kap. 5).
Er kehrt wieder ins Café zurück und beteiligt sich zum dritten Mal am Spiel (Kap. 6). Zu Beginn setzt er vorsichtig, gewinnt dann nochmals kräftig und findet sich schließlich im Besitz von 4200 Gulden. Als sich schon das Ende dieser Partie ankündigt, das auf halb drei angesetzt ist, packt ihn die Spielsucht und er riskiert immer mehr (Kap. 7). Konsul Schnabel legt eine Bank von 3000 Gulden auf, und Wilhelm spielt riskant und verliert nahezu sein gesamtes Vermögen. Die Umstehenden empfehlen ihm, das Spiel zu beenden, doch der Konsul animiert ihn, indem er ihm immer wieder Geld leiht. Kasda hört auf, die Tausenderscheine mitzuzählen und spielt vom Fieber gepackt in der Hoffnung weiter, sein Unglück in den letzten Minuten noch abzuwenden. Am Ende der Partie hat er 11000 Gulden Schulden. Schnabel rechnet ab und präsentiert ihm geschäftsmäßig kühl die Summe. Während die Mitspieler betreten schweigen, erklärt sich der Konsul bereit, die Rechnung für die gesamte Bewirtung zu übernehmen und bietet dem Leutnant an, mit ihm in seiner Kutsche nach Wien zu fahren (Kap. 8). Er spricht freundlich mit ihm und zeigt Verständnis für die Situation des Verlierers. Er selbst habe sie kennengelernt, allerdings nicht als Offizier, da er im Militärdienst nicht weit gekommen sei und auf Reisen ins Ausland gehen musste. Jedoch besteht er eiskalt auf der immerhin großzügig bis Dienstagmittag verlängerten Frist, bis zu der Kasda ihm die Ehrenschuld zurückbezahlen soll, ansonsten müsse er die Angelegenheit beim Regimentskommando melden und er verliere dann seinen Offiziersrang. Der Fiaker erreicht die Kaserne und der Konsul verabschiedet sich mit einer letzten Ermahnung, die Sache ernst zu nehmen.
Montag
Wilhelm meldet sich am nächsten Tag krank, nachdem er seinem Burschen aufgetragen hat, Bogner seinen Misserfolg mitzuteilen (Kap. 9). Verzweifelt begibt er sich zu seinem Onkel Robert Wilram in der Hoffnung auf Hilfe (Kap. 10). Nach einigem vergeblichen Insistieren erfährt Willi, dass der Onkel seit zweieinhalb Jahren verheiratet ist und sein Vermögen wegen seiner Organisationsmängel seiner jungen Frau überschreiben musste. Sie hat seine Haushaltsführung und ihren Umgang miteinander streng geregelt und überwacht ihn. Seit dieser Zeit erhält Wilhelm nicht mehr die monatliche Zulage. Aus der Erzählung des Onkels erkennt er, dass die Tante das Blumenmädchen Leopoldine Lebus ist, das er vor etwa vier Jahren in einem Wirtshaus kennenlernte und mit dem er eine Nacht verbrachte. Seither hat er sie nicht mehr wiedergesehen und kann sich kaum an den „blonden Wuschelkopf“ erinnern. Er besorgt sich ihre Adresse und sucht sie auf (Kap. 11). Leopoldine ist jetzt eine würdige Geschäftsfrau mit strenger Frisur und Zwicker. Sie erkennt ihn sofort wieder und Willi trägt ihr seine Notsituation vor. Sie reagiert distanziert und zuerst ablehnend, ihr Kapital sei fest angelegt. Dann erklärt sie sich jedoch dazu bereit, mit ihrem Advokaten über Möglichkeiten zu sprechen. Sie werde ihm am Abend zwischen sieben und acht Bescheid geben lassen. Wilhelm schöpft wieder Hoffnung und speist mittags in einem vornehmen Hotelrestaurant (Kap. 12). Am Abend erscheint Leopoldine in einem Sommerkleid in seinem Kasernenzimmer (Kap. 13). Da sie nach höflicher Konversation vor ihrem angekündigten Abschied nicht auf das Geld zu sprechen kommt und Willi nicht wagt, sie danach zu fragen, überredet er sie zu einem gemeinsamen Essen in seinem Zimmer und daraus entwickelt sich eine gemeinsame Liebesnacht.
Dienstag
Als Wilhelm am Morgen erwacht, gibt Leopoldine ihm 1000 Gulden Liebeslohn und erinnert ihn daran, dass er vor Jahren zehn Gulden auf ihrem Tisch zurückgelassen hat und sie dies als Demütigung empfand, weil sie ihn geliebt habe. Die erwarteten 11000 hat sie nicht mitgebracht. Kasda lässt seinen Burschen Joseph die 1000 Gulden zu Bogner bringen. (Kap. 14)
Drei Stunden später fragen der dankbare Bogner und der besorgte Regimentsarzt Tugut nach Wilhelm und sie finden ihn erschossen in seinem Zimmer. Wilhelms Onkel erscheint und will seinem Neffen ein von Leopoldine erhaltenes Kuvert mit den rettenden 11000 Gulden überreichen. Er beugt sich über den Toten und glaubt das Parfüm seiner Frau zu riechen. Der durch einen Blick auf die Abendessenreste verstärkte Verdacht verfliegt wieder, als Joseph ihm erklärt, der letzte Gast sei ein Kamerad gewesen. (Kap. 15)
Interpretation Form Die Erzählung Spiel im Morgengrauen ist chronologisch-linear aufgebaut und klar strukturiert. Sie spielt innerhalb von 48 Stunden. Beide Handlungskomplexe, Hasardspiel und erotisches Spiel, sind auf jeweils die Hälfte der Erzählung verteilt.
Die Handlung wird, abgesehen vom letzten Kapitel, in Personaler Form aus der Perspektive Kasdas erzählt. D. h. Kasda ist die Reflektorfigur des in Er-Form präsentierten Geschehens: Der Leser erlebt die anderen Personen nur in ihrem Verhalten und in ihren Gesprächsäußerungen, ergänzt durch Willis Wahrnehmungen, Gedanken und Reflexionen, teilweise in fließendem Übergang zum Inneren Monolog bzw., nach einer anderen Definition, zur Erlebten RedeNach Käte Hamburger verschwimmen die Grenzen zwischen beiden Formen: Die „Erlebte Rede“ sei die „Wiedergabe des unformulierten Bewußtseinsstromes in der dritten Person“. Zitiert nach: Ivo Braak: Poetik in Stichworten. S. 245.: „In der mittleren Lade, zwischen den Taschentüchern, er wusste es, lag der Revolver. Ja, nun war es soweit: Geradeso weit wie der andere, der es vielleicht überstanden hatte. Oder wartete er noch auf ein Wunder? Nun immerhin, er, Willi, hatte das Seinige getan, und mehr als das.“ (Kap. 14)
Dem Handlungsablauf fehlt eine bewusste Zielsetzung. Die Handlungsanstöße der Hauptfigur ergeben sich aus der jeweiligen Situation. Das beginnt schon am Anfang der Erzählung, als durch die Begegnung mit Bogner Willis Alltag durch den Zufall bestimmt wird. Auch als sich Kasda zweimal aus dem Spiel im Café Schopf zurückziehen möchte, gerät er durch den Ausflug der Familie Keßner und dann durch das Versäumen des Zuges wieder an den Kartentisch zurück, obwohl er sein Ziel erreicht hatte und nichts mehr riskieren wollte. So entsteht ein Doppelcharakter, einerseits besitzt die Erzählung ein Erzählgefälle, welches die Hauptperson auf eine Katastrophe hintreiben lässt, andererseits kollidieren in der Handlung zufällige Überraschungen mit den aktuellen Situationen.
Eros und Thanatos Ein Grundthema in Schnitzlers Werken ist die Problematik „Eros [Liebe] und Thanatos [Tod]“ und bildet auch das Thema in der Novelle Spiel im Morgengrauen. Der Offizier Wilhelm existiert in einer Welt der Liebe und des Glücks. Schicksal wird hier identisch mit dem Glücksspiel, das man gewinnen und verlieren kann. Kasdas Leben hängt nur an den Möglichkeiten des Glücks, beim Kartentisch einige Gulden zu gewinnen, und an dem Streben nach erotischen Erfahrungen. So lautet die Volksweisheit: „Kein Glück in der Liebe – dann Glück im Spiel“ und umgekehrt. Sein Optimismus lässt sich immer auf solche Formeln zurückführen, manchmal artet der Gedanke des Zufalls aber auch aus – „Elf, zwölf – elf, zwölf – elf, zwölf (…) Zwölf, das klang vielleicht besser als elf, vielleicht brachte es ihm Glück…vielleicht geschah das Wunder – gerade wenn er zwölf verlangte.“ (S. 374*) Kasda meint in diesem Fall, als er überlegt, um wie viel er seinen Onkel bitten soll, sein Erfolg hänge einzig und allein von einer Zahl ab. Wieder zuhause in seiner Kaserne angelangt, hat er einen Traum, der ihm das Spiel vermischt mit anderen Erlebnissen widerspiegelt. Einzelne Kartenszenen spielen sich in seinem Kopf ab. Die verschiedenen Karten nehmen Züge von Persönlichkeiten in seinem Leben an: „Pik-Neun – Pik-Zehn – Herz-Dame – verdammte Kanaille, dachte Willi. Denn die Herzdame war eigentlich das Fräulein Keßner.“ (S. 369*) Hier erkennt man die Wichtigkeit der Farben. Rot (Herz-Dame) steht für das weibliche Geschlecht, für die erotischen Abenteuer, die schwarze Kartenfarbe (Pik), als das Motiv des Hasardspiels. Auch hier wiederum sind Eros und Thanatos metaphorisch im Traum vereint. Da die erotische Farbe Rot allerdings auf das Fräulein Keßner bezogen ist, die eher unwichtig ist, muss man auf die tiefenpsychologische Traumdeutung Freuds zurückgreifen, die so genannte „Traumverdichtung“.
Der Tod