Brienz/Brinzauls ( und bis 1996 offiziell ; ) ist ein Dorf und eine Fraktion der Gemeinde Albula/Alvra im Schweizer Kanton Graubünden. Bis 2014 bildete Brienz/Brinzauls eine selbständige politische Gemeinde.

Brienz ist im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder von nationaler Bedeutung der Schweiz (ISOS) verzeichnet. Die Gebirgslandschaft von Brienz/Brinzauls mit den Ortschaften, den Feldfluren, Waldgebieten und hohen Bergen liegt am Südrand der Plessur-Alpen und im regionalen Naturpark Parc Ela und gehört mit dem Gebiet «Rhätische Bahn in der Kulturlandschaft Albula/Bernina» seit 2008 zum UNESCO-Welterbe.

Das Dorf liegt auf einer rutschenden Terrasse, auch die Hänge oberhalb des Dorfes sind in Bewegung. Aufgrund der Gefahren eines möglichen Bergsturzes war das Dorf 2023 über sieben Wochen lang evakuiert, während am 15. Juni ein Schuttstrom fast das Dorf erreichte. Am 17. November 2024 wurde das Dorf erneut evakuiert. Am 26. Januar 2026 wurde die Evakuierung aufgehoben.

Geographie mini|links|Historisches Luftbild von Werner Friedli von 1954 mini|Gemeindestand vor der Fusion am 1. Januar 2015

Im Gebiet der ehemaligen Gemeinde liegen das Dorf Brienz/Brinzauls auf und einen Kilometer westlich davon der Weiler Vazerol auf einer Landschaftsterrasse am Sonnenhang des Albulatales. Oberhalb der Siedlungen steigt der bis auf die Höhe von etwa bewaldete und von Felsgebieten durchsetzte Berghang gegen Norden steil an. Über der Waldgrenze erhebt sich die Bergpyramide des Piz Linard (). Auf dessen Ostseite und zwischen dem Lenzer Horn (), dem höchsten Punkt im Gebiet von Brienz/Brinzauls, und dem Piz Mulain () liegt der weite Talkessel der Alp Manuir. Über die Berggrate zwischen diesen Gipfeln verlief die historische Gemeindegrenze.

Unterhalb und in der näheren Umgebung des Dorfes erstreckt sich über etwa zwei Quadratkilometer das offene Landwirtschaftsgebiet. Das Wiesland ist von vielen kleinen Hecken und Waldpartien unterbrochen und erreicht südöstlich des Dorfes auf bei Pro SalviesterPro, von lat. prātum, für deutsch «Wiese». und Dalmeras den Uferwald in der Flussniederung an der Albula, nicht aber den Flussraum selber. Auf diesem Abschnitt der Albula fliesst nur eine Restwassermenge, weil vom Ausgleichsbecken bei Filisur aus der grösste Teil des Wassers durch einen Druckstollen zum Kraftwerk Tiefencastel der Albula Landwasser Kraftwerke AG geleitet wird. Bei Brienz/Brinzauls ist eine ausgedehnte, kleinstrukturierte Heckenlandschaft erhalten, wie sie in andern Gebieten selten geworden ist. Zahlreiche extensiv bewirtschaftete Wiesenflächen sind im Bundesinventar der Trockenwiesen und -weiden von nationaler Bedeutung registriert. Dazu gehören eine Wiesenfläche oberhalb des Dorfes Brienz/Brinzauls unter dem BergrutschgebietNaturschutzgebiet Brienz auf admin.ch., Wiesen bei VazerolNaturschutzgebiet Vazerol auf admin.ch. und Teile der Fluren Bualet und Igl Platz unterhalb von Brienz/Brinzauls.Naturschutzgebiet Bualet auf admin.ch.Naturschutzgebiet Igl Platz auf admin.ch. Die Trockenrasen wurden im «Landschaftsqualitätsprojekt Albulatal» als einer der wichtigsten Landschaftswerte des Gebiets bestimmt. Der Verein Parc Ela und das kantonale Amt für Natur und Umwelt begannen 2019 ein Programm zur Erhaltung der vielen Gehölze im Grüngebiet.

Der etwa sieben Quadratkilometer grosse Wald (rätoromanisch ) oberhalb des Dorfes besteht aus den Flächen Got da Laresch, Caltscheras, Fops, Runtgeller, Arsa Gronda (deutsch «Grosses Waldbrandgebiet»),Artikel Arsa im Dicziunari Rumantsch Grischun, Band 1, S. 418. Got la Schitscha, Vals und Got Dafora. Ein grosser Teil der Waldfläche liegt im ausgedehnten Waldreservat «Auerhuhn Albula», das der Kanton Graubünden 2018 auf der orographisch rechten Seite des Albula- und des Landwassertales in den Gemeinden Albula/Alvra und Schmitten einrichtete, wo sich ein bedeutendes Habitat des geschützten Auerwilds befindet.Pierre Mollet (u. a.): Verbreitung und Bestand des Auerhuhns Tetrao urogallus in der Schweiz 2001 und ihre Veränderungen im 19. und 20. Jahrhundert. In: der ornithologische Beobachter, 10. Jg., 2003, S. 67–86, S. 71, 76.

An mehreren Stellen liegen nur zeitweise bewohnte Bergsiedlungen (Maiensässe) in Rodungslichtungen. Die Häusergruppen heissen Pigni, Propissi Sot, Propissi Saura, Schautschen, Ruoinas und Hetta da las Nuarsas (deutsch «Hütte der Schafe»)Hetta de la Nuorsas auf ortsnamen.ch. und sind im kantonalen Natur- und Landschaftsschutzinventar aufgeführt. Nordwestlich von Propissi lag auf einer Geländeterrasse bis in das frühe 20. Jahrhundert der Bergsee Lai, der danach verlandete.

Die Wälder sind an mehreren Stellen von hohen Erosionstrichtern, Felswänden und Abbruchstellen unterteilt. Eine Felswand im Osten des ehemaligen Gemeindegebiets heisst Crappa Naira (deutsch «Schwarzer Fels»); die Stelle ist im Natur- und Landschaftsschutzinventar aufgeführt und umfasst als besonders Geotop eine Höhle. Die Siedlung beim nächsten Felsabbruch westlich davon heisst (rätoromanisch für «Felsabbruch, Rutschhang»), und unter den beiden wilden Stellen liegt das Tobel des Wildbachs Ava da Crappa Neira, der mit starken Verbauungen gegen Murgänge gesichert ist. 1,5 Kilometer östlich des Dorfes befinden sich die Gräben und Erosionstrichter des Val digls Boischels. Auf einem schmalen Bergvorsprung zwischen den beiden Vertiefungen steht die Ruine der Burg Belfort. Das grösste Abbruchgebiet direkt oberhalb des Dorfes Brienz/Brinzauls heisst rätoromanisch (); der Flurname besteht aus dem romanischen Artikel Igl für deutsches «Der» und dem Lehnwort Rutsch, das aus dem Deutschen in das Romanische übernommen wurde, was im Sprachkontaktgebiet Mittelbündens nicht unüblich ist.

Das Dorf Brienz/Brinzauls liegt hoch über der Hauptstrasse 417 zwischen Tiefencastel und Davos, die in Tiefencastel von der Bergstrasse zum Julierpass abzweigt und im Bündner Strassenverzeichnis die Bezeichnung «Landwasserstrasse» hat. Durch das Dorf Brienz/Brinzauls selbst und unmittelbar unter dem stark steinschlaggefährdeten Gebiet verläuft eine Nebenroute mit der Bezeichnung «Brienzerstrasse». Ab 1874 verkehrte eine Pferdepost von Davos nach Lantsch/Lenz und seit 1964 das Postauto zwischen Lenzerheide und Wiesen-Station. Vor 1964 musste der Briefträger von Brienz die Post in Vazerol abholen, das an der Julierstrasse von Chur über den Julierpass nach Silvaplana liegt.

Am Fuss des Berghangs unterhalb des Dorfes liegt neben der Hauptstrasse die Trasse der Albulabahn, die mit ihrer Umgebung zum UNESCO-Welterbe gehört. Etwas oberhalb der Bahngleise überquert die Albulaleitung, eine 380-kV-Hochspannungsleitung von Sils im Domleschg über den Albulapass in das Engadin, die Landschaft von Brienz/Brinzauls.

Bergrutsch / «Igl Rutsch»

Geologische Lage

mini|Piz Linard und Lenzerhorn (knapp links dahinter) mit dem Rutschgebiet, 2010 Das Dorf Brienz/Brinzauls, jedoch nicht Vazerol, liegt unterhalb des Erosionsgebietes «Igl Rutsch» (deutsch «Der Bergrutsch») auf einem Erdrutschgebiet, das seit sehr langer Zeit in Bewegung ist. Es ist eine der grössten Grosshangbewegungen im Alpenraum. Sie ist mit verschiedenen Messmethoden und auch mit Sondierbohrungen untersucht worden.Daniel Figi (u. a.): Rutschung Brienz/Brinzauls (GR). Geologisch-kinematisches und hydrogeologisches Modell. In: Swiss Bulletin für angewandte Geologie, 27. Bd., 2022, S. 17–34. (Digitalisat) Auf einer Fläche von mehreren Quadratkilometern, auf welcher das Dorf steht, lösten sich gelockerte Felsschichten und verschieben sich am Berghang in das Tal. Die Albula fliesst nur noch durch einen schmalen Talgrund. Oberhalb der Rutschungsmasse löste sich auch das steile Felsgebiet vom festen Untergrund, und wiederholt brachen Felspartien ab. Friedrich von Salis berichtete schon 1880 von einem Felssturz bei Brienz.Friedrich von Salis: Der Bergeinsturz bei Brienz. In: Jahrbuch des S.A.c., 15. Jg., 1880.

Im Landwasser-Albula-Gebiet ist die Stratigraphie der geologischen Schichten als Folge der Alpenfaltung gestört. Der untere Bereich des Südhanges am Piz Linard war und ist zum Teil noch heute von etwa an bis zur Talsohle in Bewegung. Unter dem an der Oberfläche aufgeschlossenen DolomitGeologie, Stratigraphie und Paläogeographie. In: Eclogae Geologicae Helvetiae, 84. Jg., 1991, S. 923ff. liegt Schiefer der Allgäu-Formation und darunter Flysch. Partien dieser beiden Schichten bilden einen Rutschkörper, der mit dem Dorf Brienz/Brinzauls langsam in das Tal gleitet, wobei seine tiefsten Partien ständig von der Albula erodiert werden und so den Halt verlieren. Tief am wassergetränkten Berghang entspringen kleine Quellbäche. Die Bewegung kann man gut an den Strassen abgrenzen, da sie dort, wo sie vom festen in den bewegten Schiefer übergehen, Knickungen erleiden. Die Bewegung des Bodens zeigt sich an Schäden der Kantonsstrasse nach Davos und der Strassen Vazerol–Brienz/Brinzauls und Tiefencastel–Surava, am schiefen Kirchturm und an Rissen in den Mauern mehrerer Gebäude.Franco Quinter: Der Brienzer Bergsturz bzw. Bergrutsch und seine Auswirkungen. In: Bündner Wald, 42. Jg., 1989, S. 42–444. Messungen ergaben 2019, dass sich die Bodenschichten mit dem Dorf etwa einen Meter pro Jahr talwärts verschieben. Damals wurden auch Evakuierungen nicht mehr ausgeschlossen.Wie sich das Bündner Dorf Brienz auf einen Jahrhundertbergsturz vorbereitet. In: nzz.ch vom 9. Juli 2019.

Bergrutsche und Felsstürze mini|Erklärvideo: Warum rutscht Brienz ab? (1 min 07) mini|Luftaufnahme von Brienz/Brinzauls, 2020 mini|Brienz/Brinzauls und Schuttkegel des Bergsturzes von 2023

Von den verschiedenen Absackungen oberhalb von Brienz/Brinzauls ist besonders der Bergrutsch zu erwähnen, der den Schuttstrom nordöstlich des Dorfes bildet. Die Abrissstelle liegt auf ca.  unter den Maiensässen von Propissi, also etwa 500 Meter über der Dorfsiedlung. Durch das heutige Rutschgebiet führte eine Strasse vom Dorf zu den Maiensässen. Verstärkt wurde der Rutsch möglicherweise durch Abholzungen, die nach dem Brand von Brienz 1874 erforderlich wurden. Die Bewegung begann im November 1878 nach einer längeren Regenperiode und war im Winter 1878/1879 und von 1902 bis 1907 besonders aktiv; damals bewegte sich der Schuttstrom täglich etwa einen Meter weiter. Durch den Bau von Drainagen im Abrissgebiet und Aufforstungen 1947 bis 1955 beruhigte sich die Bewegung etwas.

Im Dezember 2008 kam es wieder zu einem Felssturz, wobei mehrere Felsbrocken die Brienzerstrasse blockierten, aber im Dorf selbst keine Schäden anrichteten. Im August 2019 ereignete sich eine Rutschung, in deren Folge ein ca. 100 Tonnen schwerer Felsen mit annähernd 100 Kilometern pro Stunde ein Feld und die durch eine automatische Signalanlage gesperrte Verbindungsstrasse überquerte. Er rollte an einem Kinderspielplatz vorbei und blieb auf einem Wiesengebiet liegen.