Leopold Max Walther von Wiese und KaiserswaldauKaiserswaldau, heute Piastów, ein Stadtteil von Piechowice, damals Petersdorf. (* 2. Dezember 1876 in Glatz; † 11. Januar 1969 in Köln) war ein deutscher Soziologe und Volkswirt. Er wirkte als Hochschullehrer und Vorsitzender der 1946 wiedergegründeten Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS). In dieser Funktion restaurierte er diese als Gelehrtengesellschaft und war maßgeblich an der Konstruktion der inzwischen widerlegten Legende beteiligt, nach der es keine Soziologie im Nationalsozialismus gegeben habe.

Leben mini|Leopold von Wiese (1969). Leopold von Wieses Eltern waren der preußische Hauptmann Benno Kasper Leopold von Wiese und Kaiserswaldau (* 20. September 1843; † 23. Juni 1886) und dessen Ehefrau Anna Helene von Rabenau (* 10. Juni 1855). Wiese entstammte damit dem schlesischen Uradelsgeschlecht Wiese und Kaiserswaldau.

Er erhielt seine schulische Ausbildung auf den Kadettenanstalten in Wahlstatt und Lichterfelde, wo er nach acht als sehr unglücklich erlebten Jahren das Kadettenkorps verlassen konnte.Seine Zeit in Wahlstatt beschrieb er im Jahre 1924 unter dem Titel Kindheit; Erinnerungen aus meinen Kadettenjahren, Paul Steegemann, Hannover; neu erschienen und von Hartmut von Hentig kommentiert unter dem Titel Kadettenjahre, Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München 1978. Er studierte dann Volkswirtschaftslehre an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin und wurde dort 1902 zum Dr. phil. promoviert. Anschließend war er wissenschaftlicher Sekretär des „Instituts für Gemeinwohl“ in Frankfurt am Main. Im Jahr 1905 wurde er Privatdozent für Volkswirtschaftslehre an der Universität Berlin. 1906 als Professor der Staatswissenschaften an die Königliche Akademie zu Posen berufen, wechselte er schon 1908 als Professor für Volkswirtschaftslehre und Gewerbeökonomie an die Technische Hochschule Hannover. 1912 wurde von Wiese Studiendirektor an der „Akademie für kommunale Verwaltung“ in Düsseldorf und 1915 Professor an der Handelshochschule Köln.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde von Wiese im Jahr 1919 Direktor am „Forschungsinstitut für Sozialwissenschaften“ in Köln und als ordentlicher Professor für Wirtschaftliche Staatswissenschaften und für Soziologie an die 1919 wiedergegründete Universität zu Köln berufen. Er hatte damit den ersten Lehrstuhl für Soziologie in Deutschland inne. An dem auf Initiative des Oberbürgermeisters Konrad Adenauer gegründeten „Institut für soziale Forschung“ war er Direktor der Abteilung für Soziologie. Seine von ihm ab 1921 herausgegebenen Kölner Vierteljahreshefte für SozialwissenschaftenAb ca. 1924 „…für Soziologie“. Zur Titelgebung im Einzelnen siehe die Diskussionsseite zur Nachfolge-Zeitschrift. existieren unter dem Titel Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie noch heute. mini|hochkant|Grab auf Melaten-Friedhof. Bis 1933 war von Wiese Sekretär der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS). Nach der „Stilllegung“ der DGS durch Hans Freyer und des Forschungsinstitutes für Sozialwissenschaften durch die Nationalsozialisten ging er 1934 für ein Jahr in die USA. Seinen Lehrstuhl übernahm Willy Gierlichs. Nach seiner Rückkehr lehrte er Volkswirtschaft in geschlossenem Hörerkreis.

Von 1946 bis 1955 war er Vorsitzender der wiederbelebten DGS. Zum 1. Oktober 1949 wurde von Wiese emeritiert. 1954 wurde er Vizepräsident der „Internationalen Gesellschaft für Soziologie“.

L. von Wiese war drei Mal verheiratet, zunächst ab 1902 mit der Kunstmalerin Johanna (Hanna) von Gersdorff,Hans Friedrich von Ehrenkrook, Friedrich Wilhelm Euler, Jürgen von Flotow, Walter von Hueck, Johann Georg von Rappard: Genealogisches Handbuch der Adeligen Häuser. A (Uradel). 1957. Band III, Band 15 der Gesamtreihe GHdA, Hrsg. Deutsches Adelsarchiv, C. A. Starke, Glücksburg (Ostsee) 1957, S. 219–220. jüngere Schwester des Dramaturgen Wolfgang von Gersdorff (1876–1936).Archivportal-D (Hrsg.): Wolfgang von Gersdorff. (1876–1936). Dramaturg, Schriftsteller, Theaterhistoriker, Leutnant, Theaterwissenschaftler, Stand 10. Mai 2026. Nach der Scheidung von ihr 1917 heiratete er 1919 Daisy Findlay, von der er 1925 geschieden wurde. Im gleichen Jahr heiratete er die aus Georgien geflüchtete Nathalie Garetzeloff (1900–1986). Er ist der Vater des Literaturwissenschaftlers Benno von Wiese und der Schauspielerin und Schriftstellerin Ursula von Wiese (aus der ersten Ehe), von Ingeborg von Wiese (aus der zweiten Ehe) und der SlawistinVgl. Portal-DNB. | Vgl. Index: Wiese und Kaiserswaldau, Ossana von., In: Deutsche Biographie. Stand 2026. Ossana von Wiese (aus der dritten Ehe).

Seine Grabstätte befindet sich auf dem Kölner Melaten-Friedhof (Lit. C).

Leistungen Wiese ist für seine Werke zur Gesellschaftslehre bekannt, in denen er versuchte, die Soziologie der Gegenwart als eine eigenständige Sozialwissenschaft zu etablieren, losgelöst von Geschichte, Psychologie und Philosophie. Er unterschied vier Grundkategorien des Sozialen: Abstand, Prozess, Raum und Gebilde. Abstand meint die seelisch-geistige Nähe oder Ferne im Verhalten der Menschen untereinander. Dabei konzentrierte sich Wiese auf die sozialen Beziehungen zwischen Menschen als „soziale Prozesse“ und die dafür bedeutsamen Strukturen als „soziale Gebilde“. In den Prozessen ändern sich die sozialen Distanzen zwischen den Menschen und legen ihre Beziehungen im sozialen Raum fest. Die dabei ausgebildeten Institutionen und Organisationen sind die sozialen Gebilde, die zu differenzieren sind in Masse, Gruppen und Körperschaften.

Gemeinsam mit Georg Simmel gilt er als Begründer der formalen Soziologie. Seine Beziehungslehre hat in der Soziologie allerdings keinen Einfluss mehr.

Zu seinen Schülern zählt Karl Gustav Specht, der Mitbegründer der Gerontologie und Medizinsoziologie in Deutschland und frühere Inhaber des Lehrstuhls für Soziologie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg.

Leopold von Wiese und der Nationalsozialismus Leopold von Wiese war bis 1933 Dekan der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln, musste von diesem Amt aber am 11. April 1933 auf nationalsozialistischen Druck – so wie Rektor Godehard Josef Ebers und die übrigen Dekane – zurücktreten.

1934 diente sich von Wiese den neuen Machthabern mit seiner Beziehungslehre an. In den Kölner Vierteljahreshefte für Soziologie schrieb er: „Je mehr ich diese Weltenwende auf mich wirken lasse, desto mehr ist mir das klar: Jetzt wäre gerade auch in Deutschland die Zeit für eine kraftvoll wirkende realistische Gesellschaftslehre gekommen! Biologie, Erb- und Rassenlehre sowie politische Ethik können es nicht allein machen; ein sehr großer, der größte Teil der von der praktischen Entwicklung aufgeworfenen Fragen gehört der Soziologie an.“Zitiert nach: Silke van Dyk, Alexandra Schauer: »… daß die offizielle Soziologie versagt hat«. Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS. 2. Auflage. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-06636-9, S. 47. Das Regime hatte dennoch keine Verwendung für seine Soziologie.

Auch als Schriftführer der DGS betrieb von Wiese eine „Strategie der Selbstgleichschaltung“.Silke van Dyk, Alexandra Schauer: »… daß die offizielle Soziologie versagt hat«. Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS. 2. Auflage. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-06636-9, S. 48. Auf einer Ratssitzung der DGS am 3. August 1933 in Lübeck riet er dazu, den DGS-Mitgliederbestand zu ergänzen, um die Verbindung zur nationalsozialistischen Bewegung zu erleichtern. Er schlug insbesondere die Aufnahme des „Rassenforschers“ Hans F. K. Günther und des NS-Erziehungswissenschaftlers Ernst Krieck in die Gesellschaft vor. Jüdische und ins Ausland emigrierte Soziologen sollten dagegen aus der DGS ausgeschlossen werden. Allein beim zu diesem Zeitpunkt noch amtierenden Präsidenten der DGS, Ferdinand Tönnies, stieß dieses Vorhaben auf eindeutigen Widerstand. Obwohl 11 andere Ratsmitglieder für das Vorhaben gestimmt hatten, wurde die DGS-Satzung nie entsprechend geändert.Silke van Dyk, Alexandra Schauer: »… daß die offizielle Soziologie versagt hat«. Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS. 2. Auflage. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-06636-9, S. 49.

Als erster Nachkriegsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie forcierte von Wiese eine Strategie des „kollektiven Beschweigens“.Silke van Dyk, Alexandra Schauer: »… daß die offizielle Soziologie versagt hat«. Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS. 2. Auflage. Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-06636-9, S. 152. Im ersten Vortrag des 8. Deutschen Soziologentages in Frankfurt sagte er 1946 über die Zeit des Nationalsozialismus:Verhandlungen des 8. Deutschen Soziologentages, 19.–21. September 1946 in Frankfurt am Main. Hrsg. Heinz Sauermann. Tübingen 1948, S. 29. Reprints ISBN 3165205418, ISBN 383735010X.

Damit, so die spätere Einschätzung von Manfred Lauermann, stellte von Wiese „glänzend unter Beweis, dass Soziologen schlicht zu dumm sein können, soziologisch zu denken!“Lauermann: Die Geburt der Soziologie aus dem Geist der Renaissance. Alfred von Martin im wissenschaftsgeschichtlichen Kontext, In: Richard Faber, Perdita Ladwig (Hrsg.), Gesellschaft und Humanität. Der Kultursoziologie Alfred von Martin (1882–1979). Würzburg 2013, S. 155–188, hier S. 157, Anm. 2.

In der wiedergegründeten DGS betrieb von Wiese, zum Teil als persönlicher Pate, die Aufnahme von Fachkollegen, die auch während der NS-Zeit in Deutschland wissenschaftlich tätig gewesen waren, darunter: Hans Freyer, den von Wiese satzungswidrig ohne Beschluss der Mitgliederversammlung aufnahm, Adolf Günther, Karl Valentin Müller und Wilhelm Emil Mühlmann (für diese beiden verbürgte er sich als persönlicher Pate), Egon von Eickstedt und Ilse Schwidetzky.Henning Borggräfe, Sonja Schnitzler, Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie und der Nationalsozialismus, In: Michaela Christ, Maja Suderland (Hrsg.), Soziologie und Nationalsozialismus: Positionen, Debatten, Perspektiven. Suhrkamp, Berlin 2014, ISBN 978-3-518-29729-2, S. 445–479, hier S. 460 f. Emigrierten Sozialwissenschaftlern wurde dagegen die Vollmitgliedschaft verwehrt.Silke van Dyk, Alexandra Schauer: „… daß die offizielle Soziologie versagt hat“. Zur Soziologie im Nationalsozialismus, der Geschichte ihrer Aufarbeitung und der Rolle der DGS. 2. Auflage. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-06636-9, S. 143. Auf Grund seiner Initiative wurden von der DGS drei Anthropologisch-soziologische Konferenzen durchgeführt, an denen vor allem mit dem Nationalsozialismus verbundene Wissenschaftler teilnahmen.

In einer Rezension der Adorno-Studie über die autoritäre Persönlichkeit für die Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie zeigte von Wiese sich gegenüber dem Forschungskonzept unverständig und zudem einen latenten Antisemitismus:Ausführlich dazu: Johannes Platz: Die Praxis der kritischen Theorie. Angewandte Sozialwissenschaft und Demokratie in der frühen Bundesrepublik 1950–1960, Trier 2012, 115 ff. Online, PDF, Stand 28. Februar 2016.

In derselben Ausgabe der Kölner Zeitschrift schrieb von Wiese zum Thema „Soziologie und Psychoanalyse“, Sigmund Freud sei ein Scharlatan und ein Dichter, die Psychoanalyse frech, dilettantisch und unwissenschaftlich, vor allem etwas für die Amerikaner und nichts für die Deutschen.Michael Neumann: Leopold von Wiese über Th. W. Adornos u. a. „Authoritarian Personality“. In: Christoph Cobet (Hrsg.): Einführung in Fragen an die Soziologie in Deutschland nach Hitler 1945–1959. Verlag Christoph Cobet, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-925389-03-2, S. 115–122, hier S. 119.

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