mini|Paulus Manker (2010)
Paulus Manker (* 25. Jänner 1958 in Wien) ist ein österreichischer Schauspieler, Film- und Theaterregisseur sowie Autor und Drehbuchautor.
Leben Jugend und Anfänge Manker ist der Sohn der Schauspielerin Hilde Sochor und des Regisseurs und Theaterdirektors Gustav Manker. Er wuchs im ersten Wiener Gemeindebezirk auf und hat darüber in der ORF-Doku Meine Innere Stadt (2017) berichtet.Otto Schenk, Paulus Manker, Brigitte Swoboda und Peter Rapp präsentieren am 16. Juli „Meine Innere Stadt“; apa.at abgerufen am 28. Juli 2017. Manker wurde am Max-Reinhardt-Seminar in Wien in Regie und Schauspiel (bei Susi Nicoletti und Erni Mangold) unterrichtet.
Erste Engagements führten Manker schon während der Ausbildungszeit ans Burgtheater (1979, Komödie der Verführung von Arthur Schnitzler, Regie: Horst Zankl, Bühnenbild: Hans Hollein, Kostüme: Karl Lagerfeld), zu den Wiener Festwochen (1980, Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus, Regie: Hans Hollmann) und danach an das Mitbestimmungsmodell am Schauspiel Frankfurt (1980/1981, Intendanz Johannes Schaaf und Wilfried Minks), ans Hamburger Thalia Theater (1982, Jean Genet: Unter Aufsicht mit Sven-Eric Bechtolf) sowie 1983 ans Residenztheater in München, wo er erstmals mit dem Regisseur Peter Zadek zusammenarbeitete (Ibsens Baumeister Solness mit Barbara Sukowa und Hans-Michael Rehberg), dessen Stammensemble er von da an viele Jahre lang angehörte.
„Zadek-Schauspieler“ und Regiearbeiten Peter Zadek holte Manker 1986 in das Ensemble des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, dem Manker dann von 1986 bis 1989 angehörte. Hier sah man ihn 1986 erstmals in der Hauptrolle des antisemitischen jüdischen Philosophen Otto Weininger in dem Furore machenden Stück Weiningers Nacht von Joshua Sobol. Danach stand er als Octavius Caesar in Shakespeares Julius Cäsar mit Ulrich Tukur, als Journalist Lindekuh in Wedekinds Musik mit Susanne Lothar und als Mädchenhändler Casti-Piani in Peter Zadeks legendärer Inszenierung von Frank Wedekinds Lulu auf der Bühne.
Als Filmregisseur trat Manker erstmals 1985 in Erscheinung, sein Film Schmutz erlebte auf dem Filmfestival in Cannes 1985 in der „Quinzaine des Realisateurs“ seine Uraufführung. Auf weiteren Festivals erhielt er mehrere Auszeichnungen und wurde von Thorsten Becker zu einem Roman verarbeitet. 1988 folgte Weiningers Nacht, 1992 Das Auge des Taifun mit den Einstürzenden Neubauten, 1995 Der Kopf des Mohren nach einem Drehbuch von Michael Haneke mit Gert Voss in seiner ersten Filmrolle, 1996 der Dokumentarfilm Hans Hollein – alles ist Architektur und verschiedene Kurzfilme, darunter 2004 das Porträt seiner 80-jährigen Mutter, der Schauspielerin Hilde Sochor.
Theaterregie führte Manker erstmals 1988 am Wiener Volkstheater bei Weiningers Nacht von Joshua Sobol, wobei er selbst auch die Hauptrolle spielte, die zu seiner Paraderolle wurde. Die Aufführung wurde zu Mankers bis dahin größtem „Triumph“Selbsthassers Untergang, In: Der Standard, 3. Oktober 2007 und das Stück wurde anschließend auch von ihm selbst verfilmt.
Ensemblemitglied am Burgtheater 1990 wechselte Manker zurück ans Wiener Burgtheater unter Claus Peymann und spielte in Peymanns Inszenierung von Goethes Clavigo den Carlos (mit Ulrich Mühe als Clavigo), in Peter Zadeks Inszenierung von Shakespeares Der Kaufmann von Venedig den Bassanio (mit Gert Voss als Shylock und Eva Mattes als Portia) und in Becketts Warten auf Godot den Pozzo (Regie: Cesare Lievi). 1993 inszenierte er am Burgtheater Ferenc Molnárs Liliom (mit Karlheinz Hackl in der Titelrolle, Andrea Clausen, Gertraud Jesserer und Hanno Pöschl) und 1996 Die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht (mit Fritz Schediwy und Ingrid Caven und mit Kostümen von Vivienne Westwood).
Manker inspirierte den Autor Werner Kofler 1999 zur Schmähschrift Manker (Invention) und war an einigen veritablen Theaterskandalen beteiligt, wie beispielsweise Zadeks Alice im Wunderland (1996, Münchner Kammerspiele), in der er das weiße Kaninchen spielte.Der Spiegel, 26. Mai 1997 Für heiße Diskussionen sorgte Manker vor allem als Richard III. (1997) von Shakespeare, das an den Münchner Kammerspielen in der Inszenierung von Peter Zadek zur Aufführung kam, und in der es zu Konflikten mit dem Theater und seinem Intendanten Dieter Dorn kam,Focus, 8. Dezember 1997 weil Manker das Ensemble „undiszipliniert, versoffen und bis in die Knochen verrottet“Warum so mimosenhaft? In: Der Spiegel, 24. November 1997 bezeichnete, worauf die Aufführung trotz des enormen Publikumserfolgs abgesetzt wurde. „Aus Kleinmütigkeit wird hier ein großer Erfolg eingestampft, den man noch jahrelang hätte spielen können.“ (Peter Zadek)
Weitere Theaterarbeiten brachten Paulus Manker mit Luc Bondy zusammen (Horváths Figaro lässt sich scheiden 1998, mit Gert Voss), mit Christoph Schlingensief (Ausländer raus! Schlingensiefs Container, 2000) und immer wieder mit Peter Zadek (Polonius in Hamlet, mit Angela Winkler und Otto Sander, Hamburg, 2000), Der Jude von Malta (mit Gert Voss, Burgtheater, 2001) sowie mit Dieter Giesing in Stücken von Botho Strauß, Pancomedia (Burgtheater, 2001) und Die Zeit und das Zimmer (Schauspielhaus Bochum, 2005).
2010 war Manker nach längerer Abwesenheit von der Bühne bei den Salzburger Festspielen als Theseus in der Aufführung von Jean Racines Phädra an der Seite von Sunnyi Melles zu sehen (Regie: Matthias Hartmann, Bühne: Johannes Schütz), einer Co-Produktion mit dem Wiener Burgtheater. Im selben Jahr veröffentlichte er ein umfassendes Buch über seinen Vater, den Regisseur, Bühnenbildner und Theaterdirektor Gustav Manker.Eva Maria Klinger: Paulus Manker: Der Theatermann Gustav Manker 1913–1988. Eine Spurensuche: Der stille Revolutionär. nachtkritik.de, abgerufen am 8. Januar 2017.
2010 erhielt Manker den Publikumspreis des österreichischen Theaterpreises „Nestroy“.
miniatur|Paulus Manker mit Ulrike Kaufmann und Erwin Piplits (Nestroy-Theaterpreis 2010)
2011 publizierte Manker ein Buch über den vergessenen Theatermann Walter Bruno Iltz, dessen Nachlass er entdeckteEnttarnter Held. Profil vom 23. Oktober 2011 und dessen angebliche Nähe zum Nationalsozialismus er damit widerlegte.www.iltz.at
Am 16. Juli 2013 fand anlässlich von Richard Wagners 200. Geburtstag die Premiere des von Manker inszenierten und geschriebenen Simultan-Dramas Wagnerdämmerung im ehemaligen K. u. k. Post- und Telegrafenamt in Wien statt,Wagner 200 – Wagnerdämmerung das im Sinne des Wagnerschen Gesamtkunstwerks Theater, Raum, Sprache, Musik und Tanz vereinte. Begleitet wurde die Produktion von einer von Manker kuratierten Ausstellung zeitgenössischer Künstler, an der Hermann Nitsch, Hans Hollein, Erwin Wurm, ONA B., Michael Bielický, Michael Kienzer, Mara Mattuschka, Karl Ferdinand Kratzl, Katharina Razumovsky, Josef Trattner, Reinhard Trinkler und 29 weitere Künstler teilnahmen.
Filmkarriere
Als Filmschauspieler war Manker erstmals 1979 in Lemminge (Regie Michael Haneke) zu sehen, danach folgten Exit – Nur keine Panik (1980) und Die Ausgesperrten (1982, nach dem Roman von Elfriede Jelinek) in der Regie von Franz Novotny, Die Macht der Gefühle von Alexander Kluge (1983) und Wer war Edgar Allan? (1984, ebenfalls in der Regie von Michael Haneke, bei dem Manker 1985 bei dem TV-Film Fraulein auch als Regieassistent arbeitete) und Luc Bondys Das weite Land (1987) an der Seite von Michel Piccoli.
Manker spielte in Joseph Vilsmaiers Schlafes Bruder (1994) den Organisten, in Michael Hanekes Das Schloss (1998) und in Code: unbekannt mit Juliette Binoche (1999), in Jo Baiers Wambo den brutalen Vater von Walter Sedlmayr (2000) und nahm 2006 mit Michael Glawoggers Film Slumming am Wettbewerb der Berlinale teil, in dem Manker mit „hyperplastischer Präsenz“ den obdachlosen Säufer Franz Kallmann im Stile eines Poète maudit darstellte. Manker mischte sich während der Dreharbeiten ins Westbahnhof-Milieu in Wien und spielte eine Szene in voll alkoholisiertem Zustand „nach 17 Whiskys“,Der Quertreiber, Profil, 11. November 2006 um seine Rolle möglichst authentisch interpretieren zu können, und hob „seine Rolle förmlich aus den Angeln“ (ARTE) und „verleiht damit seinen Auftritten die Einmaligkeit, die großes Theater und großer Film nicht zuletzt darum gewinnen: Weil sie ihre Zuschauer in einschüchternder Weise gnadenlos auf Abstand halten“.
Jüngere Vergangenheit und Gegenwart Im Sommer 2018 inszenierte Manker das Mammutdrama Die letzten Tage der Menschheit von Karl Kraus in einer siebenstündigen Simultanfassung in einer alten Waffenfabrik in Wiener Neustadt („Serbenhalle“) und feierte damit einen enormen Erfolg. Der Kurier nannte die Aufführung das „Theaterereignis des Jahres“. Die Aufführung wurde 2019 in einer noch erweiterten Fassung wiederholt, übersiedelte 2020 nach Wien und wurde 2021 und 2022 mit großem Erfolg in Berlin in der „Belgienhalle“ in Spandau erstmals auch in Deutschland gezeigt, wo vom „Theaterereignis des Jahres“ (rnd) die Rede war.
Am 25. August 2018 feierte Mankers Inszenierung von Joshua Sobols „Alma“ ihre 500. Aufführung und ist mit einer Laufzeit von 25 Jahren und 518 Aufführungen die erfolgreichste österreichische Theaterproduktion der Nachkriegsgeschichte. Im August 2022 feierte die Aufführung in Berlin ihr glanzvolles 25-jähriges Jubiläum.
2022 veröffentlichte Manker „Das große Alma-Mahler-Album“, eine Bildbiographie über Alma Mahler-Werfel, die Hauptfigur seines Polydramas „Alma“, mit 280 Photographien (davon 70 unveröffentlicht) und 340 Zitaten und mit persönlichen Erinnerungen von Peter Altenberg, Alban und Helene Berg, Leonard Bernstein, Franz Blei, Elias Canetti, Sigmund Freud, Claire Goll, Gina Kaus, Gustav Klimt, Ernst Krenek, Anna Mahler, Katja Mann, Klaus Mann, Robert Musil, Erich Maria Remarque, Arthur Schnitzler, Arnold Schönberg, Lothar Schreyer, Marietta Torberg, Kurt Weill, Alexander von Zemlinsky und Carl Zuckmayer sowie unveröffentlichte Erinnerungen von Almas Schwiegersohn Albrecht Joseph.
Persönliches Paulus Manker ist seit August 2018 mit der Journalistin Elisabeth Auer verheiratet, mit der er zuvor 14 Jahre lang liiert war.Kurier: Paulus Manker wagt ein Tänzchen mit der Braut: Paulus Manker und Elisabeth Auer haben sich getraut kurier.at, 27. August 2018, abgerufen am 29. August 2018.
Rezeption Manker gilt als eigenwillig und polarisierend, als „sensibel, verletzend, genialisch bis zur Unausstehlichkeit“,Kurier, 14. Aug. 2010 als „wuchtiges Multitalent der österreichischen Kulturszene, Provokateur und Enfant terrible.“ der aber auch Journalisten „ungewöhnliche bis unfreundliche Interview-Antworten“ gibt und damit für „große Irritationen“ sorgt. Magdalena Miedel (ORF) schrieb 2024 nach einer NDR-Dokumentation mit Missbrauchsvorwürfen gegen Manker: „Gerade am Beispiel Manker wird deutlich, wie sehr dem Theatermacher sein „Enfant terrible“-Image nicht schadet, sondern die Öffentlichkeit übergriffiges Verhalten eines Stars entschuldigt und kleinredet.“
Kritik und Missbrauchsvorwürfe Berichte und Klagen wegen Ausbeutung und Machtmissbrauchs