Unter Kriegswirtschaft oder Kriegsökonomie wird eine auf die Notwendigkeiten des Krieges ausgerichtete Wirtschaftsordnung einer Konfliktpartei verstanden, mit deren Hilfe diese versucht, die eigene Volkswirtschaft und die Wirtschaft der von ihr besetzten Gebiete so einzurichten oder umzugestalten, dass sie den Anforderungen der Kriegslage möglichst gut gerecht wird.
Typische Formen der Kriegswirtschaft sind entweder ein die Marktwirtschaft regulierender Interventionismus, der jedoch nicht den Markt oder das Privateigentum an Produktionsmitteln oder die Freizügigkeit der Arbeitnehmer vollständig aufhebt, oder aber eine zentralverwaltungswirtschaftliche (= planwirtschaftliche) Steuerung. Im letzteren Fall dürfen die Eigenheiten der Kriegswirtschaft allerdings nicht mit der Zentralverwaltungswirtschaft an sich verwechselt werden.Walter Eucken: Grundsätze der Wirtschaftspolitik. Tübingen, 6. Aufl. 1990, S. 60.
Ziel der wirtschaftlichen Mobilmachung ist die Bereitstellung von Gütern wie u. a. Waffen, Munition, militärischer Ausrüstung und Lebensmitteln zur Deckung des Armeebedarfs. Die daraus resultierende Rüstungsproduktion wird einerseits durch die Rohstoffbasis, die Verfügbarkeit von Arbeitskräften und die Kriegsfinanzierung begrenzt, andererseits schränkt sie selber die Versorgung der Bevölkerung und der zivilen Wirtschaft ein. Die beiden Sektoren konkurrieren um knappe Güter; über die Ressourcenallokation ist zu entscheiden. Die Regulierung des Verbrauchs obliegt einem bürokratischen Verteilungssystem, dessen Effizienz letztlich über die materiellen Rahmenbedingungen der Kriegsführung im industriellen Zeitalter entscheidet.
Besondere Bedeutung erlangte die Kriegswirtschaftspolitik im Zweiten Weltkrieg. Aufgrund der Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg und dem Scheitern einer zu Anfang des Zweiten Weltkriegs in einzelnen Ländern versuchten liberalen Kriegswirtschaft griffen alle beteiligten Staaten zu dirigistischen Kriegswirtschaftsmaßnahmen.Willi Albers, Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft, Bd. 6, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1981, ISBN 3-525-10259-3, S. 508. Die Reichsgruppe Industrie war die Selbstverwaltungsspitze der deutschen Industrie (neben weiteren wie Reichsgruppe Handel, Reichsgruppe Handwerk usw.). Daneben gab es regionale Wirtschaftskammern;Daniela Kahn: Die Steuerung der Wirtschaft durch Recht im nationalsozialistischen Deutschland., Das Beispiel der Reichsgruppe Industrie. Dissertation, 2006. Blick ins Buch es gab also eine Art Matrixorganisation. Der bekannte Jurist und Ökonom Franz Böhm (1895–1977) prägte für das vom NS-Regime Praktizierte den Begriff 'kombinierte Verfassung'.Daniela Kahn: Die Steuerung der Wirtschaft durch Recht im nationalsozialistischen Deutschland., Das Beispiel der Reichsgruppe Industrie. Dissertation, 2006, S. 13ff.
Neuzeit Im Dreißigjährigen Krieg wurden die Finanzierung des Krieges und die Versorgung der Truppen hauptsächlich durch Kontributionen sichergestellt: Die Bewohner besetzter Gebiete mussten bis dahin vor allem Naturalien (Lebensmittel, Holz, Salz) bereitstellen. Der Söldnerführer Peter Ernst II. von Mansfeld prägte dafür das geflügelte Wort Der Krieg ernährt den Krieg.Hans-Georg Kemper: Deutsche Lyrik der frühen Neuzeit, Bd. 4/I: Barock-Humanismus: Krisen-Dichtung. Max Niemeyer Verlag, Tübingen 2006, S. 118. Friedrich Schiller nahm diese Formulierung auf und legte sie in Die Piccolomini, dem zweiten Teil seiner Wallenstein-Trilogie, dem kroatischen General Isolani in den Mund.Friedrich Schiller: Die Piccolomini, in: Ders., Sämtliche Werke, Bd. 2: Dramen 2. Hg. v. Peter-André Alt. Dtv, München 2004, S. 313–404, hier S. 319. Eine wesentliche kriegswirtschaftliche Innovation des Feldherrn Albrecht von Wallenstein war es, auch Geld zur Bezahlung seiner Soldaten zu fordern. Durch diese „Kriegs- bzw. Besatzungssteuern“ wurde die Fähigkeit zur Kriegsführung von den finanziellen Möglichkeiten des Kriegsherrn entkoppelt, da er seine Truppen nun nicht mehr selbst bezahlen musste. Gleichzeitig stieg dadurch die Notwendigkeit weiterer Eroberungen, da die Kriegsherrn häufig den Sold nicht aus eigener Kraft bezahlen hätten können.Christoph Kampmann: Europa und das Reich im Dreißigjährigen Krieg. Geschichte eines europäischen Konflikts. W. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-17-018550-0, S. 58ff.
20. Jahrhundert bis heute Allgemein Industrie In marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaften unterstützen die Eigentümer industrieller Produktions- und Forschungskapazitäten die Kriegsanstrengungen ihres Landes normalerweise freiwillig, sei es aus Patriotismus und/oder weil sie im Falle eines verloren Krieges den Verlust ihrer Vermögenswerte fürchten müssen (siehe zum Beispiel Deutsche Inflation 1914 bis 1923; Militärische Güter im Ersten Weltkrieg).
Deshalb kam es in der Vergangenheit eher selten zur Beschlagnahme von Fabriken oder Produktionsmitteln. Das Vorgehen großer Industriestaaten war daher meist auf eine Zusammenarbeit von Staat und Unternehmern, mit dem Ziel der Umstellung der Industriekapazitäten auf die Produktion kriegswichtiger Güter, gerichtet. Der Aus- oder Aufbau solcher Industrieanlagen wurde dabei oft mit zusätzlichen staatlichen Anreizen wie Preisgarantien, Beteiligung an den Baukosten, Bereitstellung von preisgünstigen Arbeitskräften (wie z. B. Kriegsgefangenen) und anderen Maßnahmen gefördert. Anders als bei rein staatlich geführten Unternehmen in einer Planwirtschaft wurden so die Erfahrungen und die größere Innovationskraft der Privatunternehmer für die Kriegswirtschaft genutzt bzw. erhalten. Dies war effizienter als der Aufbau einer Zentralverwaltungswirtschaft (= „Planwirtschaft“); die von Kriegsministerien oder den Anführern militärischer Organisationen geforderten Produktionsmengen können so in der Regel mit geringerem Rohstoffverbrauch und Personalbedarf, schneller und/oder qualitativ besser erreicht werden.
Wie Wilhelm Röpke formulierte, erwies es sich nach der Kriegslogik des 20. Jahrhunderts (speziell des „totalen“ Zweiten Weltkriegs) als bedauerliche Notwendigkeit, die freie Marktwirtschaft durch einen Kriegskollektivismus abzulösen. Der totale Krieg habe nämlich die Tendenz, jede Nation in eine Art wirtschaftlichen Belagerungszustand zu versetzen, in dem sich die Rationierung wichtiger, durch Produktion oder Einfuhr aber nicht hinreichend beschaffbarer Güter geradezu aufzwingt.Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte. Von 1945 bis zur Gegenwart. C. H. Beck, 2011, ISBN 978-3-406-510946, S. 178. Eine enge Zusammenarbeit zwischen produzierender Industrie und Staat kann zur Entstehung von Kriegsgewinnlern führen.
Teilweise werden die Produktionsprioritäten verschoben und ein Teil der bisherigen Produktion ziviler Güter wird auf militärische Güter umgestellt.
Rohstoffe mini|150px|Deutsches Plakat ruft im Ersten Weltkrieg zur Einsparung von Seife durch die Bevölkerung auf
Bei kriegerischen Auseinandersetzungen treten durch den gestiegenen Bedarf des eigenen Militärs und durch die teilweise Unterbrechung von Rohstoffimporten in der Regel schnell Verknappungen ein. Besonders betroffen sind dabei Rohstoffe, die der kriegführende Staat nicht selbst fördern oder produzieren kann. Folglich müssen im Rahmen der Kriegswirtschaft schnell Vorkehrungen für eine gesicherte Versorgung des Militärs und der Zivilbevölkerung getroffen werden.
Dazu stehen der Verwaltung eines funktionierenden Staates verschiedene Mittel zur Verfügung:
Ausbau der bisherigen Friedenskapazitäten der eigenen Industrie und Landwirtschaft. Neubau von Anlagen zur alternativen Gewinnung von Rohstoffen, die im Frieden unrentabel waren (wie z. B. die chemische Aktivierung von Luftstickstoff durch das Haber-Bosch-Verfahren).Sandro Fehr, Die Stickstofffrage in der deutschen Kriegswirtschaft des Ersten Weltkriegs und die Rolle der neutralen Schweiz, Verlag Traugott Bautz, Nordhausen 2009, ISBN 978-3-88309-482-3, S. 90–95, 108–112. Ausbeutung von Rohstoffen in Gebieten, die während des Krieges erbeutet wurden. Verstärkter Einkauf von Rohstoffen im neutralen Ausland, soweit möglich. alternative Beschaffung durch Blockadebrecher (z. B. Handels-U-Boote), Schmuggel, Schwarzmarktgeschäfte u. a. Werben / Propaganda für das Einsparen oder das Wiederverwerten von Rohstoffen durch die Bevölkerung; auch Werbung für Energiesparen Requirieren von Material. Beispiele: im Ersten Weltkrieg wurden in Deutschland Fahrradreifen requiriert, weil diese an der Front Mangelware waren.40 Jahre Verein Deutscher Fahrrad-Industrieller e. V. Universität Köln (Digitalisat, Seite 2; PDF; 1,4 MB) Am 1. März 1917 wurden per Gesetz alle Kirchenglocken beschlagnahmt; ihre Ablieferung bis Juli/August 1917 wurde angeordnet. Im Zweiten Weltkrieg wurden Glocken für die Kriegsrüstung beschlagnahmt (siehe Ausschuss für die Rückführung der Glocken).
Finanzen mini|150px|Amerikanisches Plakat ruft im Zweiten Weltkrieg zur Leihgabe privater Ferngläser an die US-Marine auf Die Finanzierung des vergrößerten Militärs und des Ausbaus von Produktions- und Förderanlagen der Industrie erhöht von Kriegsbeginn an die staatlichen Ausgaben sprunghaft. Zur Deckung dieses Mehrbedarfs an Geld können Staaten und andere Kriegsteilnehmer verschiedene Wege gehen. Als Folge der enormen Summen, die insbesondere in den beiden Weltkriegen von den beteiligten Staaten aufzubringen waren, beschränkten sich die Möglichkeiten im Wesentlichen auf folgende Maßnahmen: Druck neuen Geldes Vorteile: schnelle Deckung des Mehrbedarfs an Geld, keine zusätzliche Verschuldung Nachteile: die gestiegene Menge an umlaufendem Geld führt zu Inflation (siehe z. B. Deutsche Inflation 1914 bis 1923). Kreditaufnahme Vorteile: mittelfristige Deckung des Mehrbedarfs an Geld. Keine direkte Inflationsgefahr. Bei Krediten in Form von Kriegsanleihen erfolgt eine engere Bindung der zeichnenden Bevölkerung an den Kriegserfolg des eigenen Landes. Nachteile: Einnahmen durch den Verkauf von Kriegsanleihen sind nicht garantiert, da sie vom Kauf- bzw. Zeichnungsverhalten der Bevölkerung abhängen. Geliehenes Geld muss später, mit Zinsen, vom Staat zurückgezahlt werden. Da die Kriegsdauer nicht immer absehbar ist, kann dies den Staat im Falle eines langen Krieges schwer belasten. Ausnahmen von diesen negativen Folgen sind durch die Unterstützung großzügiger Kreditgeber aber möglich (siehe z. B. Leih- und Pachtgesetz) Erhebung von zusätzlichen Steuern und Abgaben Vorteile: mittelfristige Deckung des Mehrbedarfs an Geld. Nachteile: die verringerte Menge an Geldmitteln der privaten Haushalte kann zu Deflation führen. Die Stimmung in der Bevölkerung und/oder der Wirtschaft kann sich verschlechtern und den Kriegserfolg beeinflussen.
Neben den beschriebenen klassischen Wegen, einen Krieg zu bezahlen, sind auch andere Finanzierungsmöglichkeiten gang und gäbe, wenn sie auch weit weniger ertragreich sind:
Umfassende Sparmaßnahmen in allen Bereichen des Staatswesens. Beschlagnahmung und Enteignung von Geldern feindlicher Staaten und Staatsangehöriger auf inländischen Konten. Beschlagnahmung und Enteignung privater Vermögen sogenannter Staatsfeinde (Oppositionelle, Minderheiten u. a.). Abbau und Verkauf von natürlichen Ressourcen in dem Gebiet, welches man unter Kontrolle hat (siehe auch Blutdiamanten). Spenden, z. B. die Kampagne Gold gab ich für Eisen Zwangsprostitution Entführungen mit Lösegelderpressung Handel mit Drogen, Waffen, Edelsteinen und Edelmetallen.
Die Herkunft von Geldern, die, insbesondere von Nichtdemokratischen Staaten oder Gruppen, im Krieg ausgegeben werden, ist meist nicht transparent.
Organisation und Koordination der Kriegswirtschaft mini|250px|Das Hauptgebäude der Deutschen Reichsbank in Berlin um 1900