mini|hochkant|Oscar Schuster
Oscar Schuster (* 1. Oktober 1873 in Markneukirchen; † 2. Juni 1917 in Astrachan) war ein deutscher Mediziner und Alpinist. Er war einer der Pioniere in der Erschließung des Klettergebiets Sächsische Schweiz, ebenso absolvierte er bedeutende Erstbegehungen und Erstbesteigungen in den Alpen und im Kaukasus.
Schuster wuchs als Sohn eines wohlhabenden Kaufmanns in Dresden auf und absolvierte dort sowie im Fridericianum Davos seine Schulausbildung. Von 1894 bis 1901 studierte er Medizin, war aber nach dem Abschluss mit Promotion nicht auf die Ausübung seines Berufs angewiesen. Er widmete sich stattdessen seinen vielfältigen alpinen Interessen. Neben der Erschließung der Sächsischen Schweiz, in der er über 30 Erstbegehungen absolvierte und wesentliche Grundlagen für Technik und Kletterethik legte, war er vor allem in den Alpen aktiv. Bis 1903 verzeichnete er dort über 700 bestiegene Gipfel, darunter ebenfalls etliche Erstbegehungen. Auf vier Expeditionen in den Jahren von 1903 bis 1914 bestieg er zudem diverse Gipfel im Kaukasus. Bei der letzten Expedition kam er aufgrund des beginnenden Ersten Weltkriegs als „feindlicher Ausländer“ in russische Internierung, in der er schwer erkrankte und 1917 starb.
Leben Christian Friedrich Oscar Schuster wurde in Markneukirchen am 1. Oktober 1873 als Sohn des Kaufmanns Ernst Oscar Schuster und dessen Ehefrau Christine Marie Schuster, geborene Prenner, geboren. Sein Vater, der aus einer Markneukirchener Instrumentenbauerfamilie stammte, betrieb in Markneukirchen einen erfolgreichen Musikinstrumentenhandel. Schuster hatte eine ältere und eine jüngere Schwester sowie einen jüngeren Bruder.Joachim Schindler: Oscar Schuster (1873–1917) – Bergsteiger, Alpinist, Erschließer, Arzt, Publizist. Dresden 2013, S. 6.
Einige Jahre nach seiner Geburt zog die Familie nach Dresden, woher seine Mutter stammte. Zunächst erhielt Schuster Unterricht durch Hauslehrer, bevor er 1886 an das Dresdner Wettiner Gymnasium wechselte. Nach zwei Unterrichtsjahren wechselte der als eher schwächlich geltende Schuster an das Fridericianum Davos, ein Gymnasium speziell für lungenkranke und schwächliche Jungen. In dieser Zeit entdeckte er die Berge und absolvierte im Juni 1889 seine erste Bergtour zur Diavolezza.Joachim Schindler: Oscar Schuster (1873–1917) – Bergsteiger, Alpinist, Erschließer, Arzt, Publizist. Dresden 2013, S. 8.
Im Jahr 1890 wechselte Schuster zurück nach Dresden, diesmal an die Kreuzschule, Ende 1891 ging er allerdings wieder zurück ans Fridericianum, um ein Jahr später erneut an die Kreuzschule zu wechseln. An dieser legte er im Frühjahr 1894 das Abitur ab.Joachim Schindler: Oscar Schuster (1873–1917) – Bergsteiger, Alpinist, Erschließer, Arzt, Publizist. Dresden 2013, S. 11. Schuster hatte zunächst ein Jurastudium ins Auge gefasst, schrieb sich dann jedoch im April 1894 an der Universität Jena für das Studium der Medizin ein. Dies unterbrach er bereits im Oktober desselben Jahres zur Absolvierung der ersten Hälfte seines Dienstes als Einjährig-Freiwilliger beim Königlich Sächsischen Fußartillerie-Regiment Nr. 12. Danach wechselte er für das im April 1895 beginnende Sommersemester an die Medizinische Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München, für das folgende Wintersemester an die Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. In Freiburg blieb Schuster bis zum Sommer 1898. Sein Studium schloss Schuster schließlich in Kiel ab, zu seinen dortigen Studienkollegen gehörte der Botaniker, Genetiker und Züchtungsforscher Erwin Baur.Joachim Schindler: Oscar Schuster (1873–1917) – Bergsteiger, Alpinist, Erschließer, Arzt, Publizist. Dresden 2013, S. 222. An der dortigen Christian-Albrechts-Universität absolvierte er am 18. März 1901 sein medizinisches Staatsexamen, gefolgt von der Promotion am 29. Juni desselben Jahres. Seine Doktorarbeit mit dem Titel Ueber die Tuberkulose bei Handwerksburschen, Gelegenheitsarbeitern und Landstreichern wurde mit Cum laude bewertet. Die zweite Hälfte seines Militärdienstes leistete er als Assistenzarzt in Straßburg ab.Joachim Schindler: Oscar Schuster (1873–1917) – Bergsteiger, Alpinist, Erschließer, Arzt, Publizist. Dresden 2013, S. 16.
Schuster übte den Medizinerberuf jedoch nie praktisch aus. Das väterliche Vermögen – sein Vater war bereits 1891 verstorben – ermöglichte ihm ein Leben als Privatgelehrter, der seinen vielfältigen Neigungen und Interessen nachging – vor allem alpinen Expeditionen und Unternehmungen, sowohl in der Sächsischen Schweiz als auch den Alpen, dem Kaukasus und weiteren Zielen. Sein Wohnsitz befand sich wiederholt wechselnd in München, Freiburg im Breisgau und Dresden. Schuster blieb unverheiratet, trotz mancher Versuche seiner Schwester, ihn zu verheiraten. Er entschied sich, obwohl er diverse freundschaftliche Beziehungen zu Tourenpartnerinnen pflegte, für ein Leben als Junggeselle. Vor allem seine teils mehrmonatigen Auslandstouren ließen ihm wahrscheinlich ein ungebundenes Leben als sinnvoller erscheinen, so die Einschätzung seines Bergfreunds Oskar Pusch.Joachim Schindler: Oscar Schuster (1873–1917) – Bergsteiger, Alpinist, Erschließer, Arzt, Publizist. Dresden 2013, S. 19.
Von 1906 bis 1908 war Schuster als Student der Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München eingeschrieben und hörte Vorlesungen zu Philosophie und Psychologie, ohne allerdings eine Prüfung abzulegen. Er gehörte 1911 zusammen mit Karl Gjellerup zu den Dresdner Gründungsmitgliedern der Schopenhauer-Gesellschaft. Schuster publizierte umfangreich zu bergsteigerischen und alpinen Themen, aber auch zu philosophischen Fragen.
miniatur|Gedenktafel für Oscar Schuster auf dem Dresdner Trinitatisfriedhof Am 4. Juli 1914 trat Schuster zusammen mit seinem Freund Walter Fischer aus Dresden sowie zwei Schweizer Bergsteigern erneut eine Kaukasus-Expedition an, wo er seit 1903 bereits mehrfach größere Bergtouren absolviert hatte. Im Kaukasus überraschte der beginnende Erste Weltkrieg die Expedition. Während die Schweizer Bergsteiger als Angehörige eines neutralen Landes ausreisen durften, wurden Schuster und Fischer in Suchumi verhaftet und kamen in russische Internierung. An Malaria erkrankt kamen sie nach einiger Zeit nach Orenburg, wo zur Malaria eine Lungentuberkulose hinzukam. Ende 1916 wurde Schuster in einem Internierungslager in Astrachan inhaftiert, wo er an Typhus erkrankte und schließlich seiner Krankheit am 2. Juni 1917 erlag und drei Tage später beigesetzt wurde.Joachim Schindler: Oscar Schuster (1873–1917) – Bergsteiger, Alpinist, Erschließer, Arzt, Publizist. Dresden 2013, S. 224. Zur Erinnerung wurde am Familiengrab auf dem Trinitatisfriedhof in Dresden eine Gedenktafel angebracht.
Seine umfangreiche alpinistische Bibliothek vermachte Schuster der Bücherei des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (DuÖAV) in München. Die Alpenvereinsbücherei mitsamt dem Schuster-Nachlass wurde während eines Bombenangriffs auf München in der Nacht zum 3. Oktober 1943 vernichtet.Joachim Schindler: Oscar Schuster (1873–1917) – Bergsteiger, Alpinist, Erschließer, Arzt, Publizist. Dresden 2013, S. 230. Erhalten geblieben sind drei Postkarten, die Oscar Schuster aus der Gefangenschaft an seinen Freund Henry Hoek bzw. dessen Ehefrau geschrieben hat. Die Postkarten datieren vom August und Dezember 1916.
Bergsteigerische Laufbahn Schuster machte seine ersten Bergtouren nicht in den heimatlichen Felsgebieten der Sächsischen Schweiz, sondern als Schüler von Davos aus in den dortigen Bergen. Seine erste Tour führte ihn im Juli 1889 auf die Diavolezza, bereits am 4. August desselben Jahres bestieg er mit dem Piz Kesch den höchsten Gipfel der Albula-Alpen. Im September folgten diverse Bergtouren in Südtirol, unter anderem der Ortler und die Königspitze. Die Begeisterung für den Alpinismus führte dazu, dass er noch im Herbst 1889 der Sektion Davos des Schweizer Alpen-Clubs beitrat.
Der Wechsel 1890 zurück an die Dresdner Kreuzschule führte ihn dazu, im Elbsandsteingebirge erste Klettertouren zu unternehmen. Zunächst als Übungstouren für künftige alpine Unternehmungen gedacht, entdeckte Schuster bald den eigenständigen Wert des Klettersports in der Sächsischen Schweiz. Aus den Alpen kannte er bereits den Umgang mit dem Seil in einer Seilschaft und spezielle Kletterschuhe mit Hanfsohle. Letztere verwendete er erstmals in der Sächsischen Schweiz und führte sie dort ein. Schuster blieb den Alpen weiter verbunden und entdeckte für sich weitere Gebirge als alpine Ziele, nachhaltige Wirkung aber hatte Schuster als Pionier des Kletterns in der Sächsischen Schweiz.
Sächsische Schweiz mini|Der Falkenstein – der Schusterweg verläuft in der rechten sichtbaren Wandhälfte durch die etwa auf halber Höhe gut erkennbaren „schrägen Kamine“.
Nicht genau bekannt ist, welche Gipfel Schuster bei seinen ersten Touren im Herbst 1890 bestieg. Er selbst nannte lediglich das Gebiet um die Schweizermühle im Bielatal als Ziel. Eine erste bedeutsame Erstbesteigung war am 13. August 1891 der später nach ihm benannte Schusterturm im Bielatal, den er im Alleingang bestieg und auf dem er bei der zweiten Besteigung 1893 das erste Gipfelbuch deponierte. In den Jahren 1892 und 1893 dominierte er in der Sächsischen Schweiz die Erschließung neuer Gipfel, fast alle in dieser Zeit erstbestiegenen Routen stammen von ihm. Er bestieg nicht nur diverse Kletterfelsen im Klettergebiet Sächsische Schweiz erstmals und deponierte die ersten Gipfelbücher, sondern entwickelte auch wesentliche Gedanken und Ideen zu den später von Rudolf Fehrmann erstellten Sächsischen Kletterregeln, insbesondere den Verzicht auf künstliche Hilfsmittel zur Fortbewegung. Der von Fehrmann veröffentlichte erste Kletterführer für das Gebiet der Sächsischen Schweiz geht ebenfalls auf Schusters Vorarbeiten zurück. Schuster publizierte zudem umfangreich über seine Touren und weckte damit größeres Interesse am Klettern in der Sächsischen Schweiz.
Am bekanntesten ist Schuster in der Sächsischen Schweiz durch den von ihm gemeinsam mit seinem ehemaligen Mitschüler Martin Klimmer am 27. September 1892 erstmals begangenen Schusterweg auf den Falkenstein. Nach dem bereits 1864 begangenen Turnerweg war dies der zweite klettersportliche Anstieg auf den Falkenstein. Er zählt noch heute zu den beliebtesten und meistbegangenen Kletterwegen der Sächsischen Schweiz.Hans Pankotsch: Der Falkenstein. Aus der Geschichte eines Kletterfelsens in der Sächsischen Schweiz. Neisse Verlag 2001, ISBN 3-934038-12-3, S. 35. Im Jahr 1893 folgten gemeinsam mit Klimmer und anderen Kletterpartnern weitere Erstbesteigungen, so der Kleinen Hunskirche am Papststein, der Fluchtwand im Schmilkaer Gebiet sowie des Goldsteins und des Klimmersteins am Rauschenstein. Den Talwächter erstieg er zusammen mit Conrad und Friedrich Meurer auf einer neuen Route und erstmals ohne künstliche Hilfsmittel. Erstmals klettersportlich einwandfrei bestieg er zusammen mit drei weiteren Bergsteigern die Wartburg, einen Felsen im Kleinen Zschand, der früher Teil einer mittelalterlichen Felsenburg gewesen war. Unter sächsischen Bergsteigern bekannt ist auch seine Erstbegehung des Bösen Turms oberhalb von Schmilka am 27. August 1893, dessen letzten Abschnitt Schuster so beschrieb:
In den Jahren 1894 bis 1898 folgten jeweils vor allem im Frühjahr und dem Herbst – der Sommer war den Alpen vorbehalten – weitere Erstbegehungen und Touren in der Sächsischen Schweiz. Dazu zählten die Erstbesteigung des Winklerturms, des Müllersteins, des Wartturms und des Kampfturms (so von Schuster benannt, weil ein Auerhahn Schuster und seinen Seilpartner Friedrich Meurer am Wandfuß attackierte),Waldemar Pfeilschmidt (Hrsg.): Aus Oscar Schusters Tagebüchern (Jahr 1893). Verlag Bernhard Hartung, Dresden 1922. sowie Erstbegehungen am Heringstein und dem Hohen Torstein in den Schrammsteinen. Auch den Mönch bestieg Schuster in diesen Jahren mehrfach.