Als das Wunder von Bern wird der Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz durch die nach dem Ausschluss im November 1945 wieder startberechtigte deutsche Fußballnationalmannschaft gegen die favorisierte Nationalmannschaft Ungarns bezeichnet. Das Endspiel fand am 4. Juli 1954 im nicht voll besetzten Berner Wankdorfstadion (Kapazität: 64.000 Zuschauer) statt. Der 3:2‐Sieg (nach 0:2‐Rückstand) für die Bundesrepublik Deutschland zählt zu den besonderen Ereignissen der WM-Geschichte. Dazu trugen siegesbewusste Favoriten, kühle und feuchte Witterung, der Tausch der Schraubstollen in der Halbzeitpause, der Spielverlauf, aber auch die alle Zuhörer verbindende Radioreportage Herbert Zimmermanns bei. Die Spieler um Kapitän Fritz Walter und Bundestrainer Sepp Herberger gingen als „Helden von Bern“ in die deutsche Sportgeschichte ein. Der Titelgewinn löste nach spannungsgeladenen Begegnungen in ganz Deutschland einen Freudentaumel aus, der sich insbesondere während der Rückkehr der Weltmeistermannschaft widerspiegelte. Neun Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich ein Selbstwertgefühl der Deutschen, das mit einer Identifikation vieler Westdeutscher mit ihrem noch jungen Staat einherging, da die Fußballnationalmannschaft Wirtschaftswunder-Tugenden wie Kameradschaft, Fleiß, Disziplin, Teamgeist und Ausdauer verkörperte und die Spieler aus der Mitte der Gesellschaft kamen. Das „Wunder“ wuchs erst in den Jahrzehnten nach der Wiedervereinigung zu einem Ereignis nationaler Tragweite an und kann mit dem Fall der Berliner Mauer verglichen werden. In Ungarn, dessen Mannschaft hoher Siegfavorit gewesen war, sorgte die Niederlage für großen Unmut in der Bevölkerung – ein Anlass, lang angestaute Unzufriedenheit auszudrücken. 100px|alt=DFB-Logo 100px|alt=Wimpel mit ungarischem Logo mini|Wankdorf-Stadion (April 1954) mini|hochkant|Die Stadionuhr des „Wunders von Bern“ wurde restauriert und als Denkmal neben dem neuen Wankdorfstadion aufgestellt.

Hintergrund und Vorgeschichte Die Lage vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis 1954 Bundesrepublik Deutschland mini|Heimkehrer aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft in Berlin (März 1948) Auf der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis zum 2. August 1945 wurde beschlossen, dass die Regierungsgewalt durch die Oberbefehlshaber der Streitkräfte in den Besatzungszonen in Deutschland ausgeübt werden sollte. Nach den Erfahrungen der Weimarer Republik sollte eine stabile deutsche Demokratie entwickelt und durch ein Geflecht von Verträgen, Institutionen und Handelsbeziehungen wie Europarat, Montanunion, Europäische Wirtschafts- (EWG) und Verteidigungsgemeinschaft (EVG) nach und nach die entstehende Bundesrepublik in die internationale Gemeinschaft eingebunden werden.Brüggemeier: Zurück auf dem Platz. Deutschland und die Fußball-Weltmeisterschaft 1954. 2004 Als Folge davon kann ab 1951/52 der Beginn des Wirtschaftswunders „verortet“ werden.Harfst: Die Rezeption des Wunders von Bern durch Printmedien in England, Frankreich, Österreich und der Schweiz – ein Beitrag zu einem der Gründungsmythen der Bundesrepublik auf Quellenbasis ausgewählter Tages- und Wochenzeitungen. 2010 So stieg von 1951 bis 1954 die Zahl der zugelassenen Autos von 700.000 auf 1,3 Millionen an. Küchenmaschinen und Elektrogeräte waren sehr begehrt. Das größte gesellschaftlich-soziale Problem schienen zunächst die bis Oktober 1946 fast zehn Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen zu sein, die aus den ehemals deutschen Ostgebieten ins Bundesgebiet strömten. Ihre Arbeitskraft war jedoch in der boomenden Wirtschaft sehr gefragt. Es entwickelte sich eine Tendenz zum Familiären und Privaten, die zum einen auf die Wochenarbeitszeiten bis zu 49 Stunden zurückgeführt wurde, infolge derer die Menschen Erholung suchten. Zum anderen lag die Trennung vieler Familien noch nicht lange zurück – die Entfremdung vieler Heimkehrer belastete familiäre Beziehungen.

Ungarn mini|hochkant|Imre Nagy (1945) Ungarn hatte auf Beschluss Nazi-Deutschlands und des faschistischen Italiens am 29. Oktober 1938 Gebiete im Süden der Slowakei und am 30. August 1940 Nordsiebenbürgen erhalten, war am 20. November 1940 dem Dreimächtepakt beigetreten und am 11. April 1941 auf deutscher Seite in den Zweiten Weltkrieg eingetreten. Es hatte sich umgehend an der Besetzung Jugoslawiens beteiligt. 1943 kämpften Verbände der ungarischen Armee auf deutscher Seite an der Ostfront.Ploetz: Auszug aus der Geschichte (1951), S. 729 und 902

Um (ein halbes Jahr nach dem Seitenwechsel Italiens) einen Seitenwechsel der ungarischen Regierung zu verhindern, wurde das Land jedoch am 19. März 1944 von Nazi-Deutschland besetzt und durfte sich daher nach der Befreiung durch die Rote Armee zur Siegerseite rechnen.

Das Land kam auf Grund des Vertrages von Jalta unter sowjetischen Einfluss. Auf deren Druck wurden die Kommunisten in die Regierung aufgenommen und rissen bis zu den Wahlen im Mai 1949Kasza: 1954 — Fußball spielt Geschichte. Das Wunder von Bern. 2004. schrittweise die Macht an sich. Das Land wurde dem Kommunismus nach sowjetischem Vorbild unterworfen. Bis 1953 verfolgte Ungarn unter Mátyás Rákosi einen stalinistischen Kurs. Die repressivsten Jahre des Regimes – getrieben durch die Geheimpolizei ÁVH – fielen mit den Erfolgen der ungarischen Fußballnationalmannschaft zusammen: Einerseits Zwangsräumungen, Misshandlung von Gefangenen und ständig steigende Arbeitszeiten, auf der anderen Seite volle Stadien an den Wochenenden und die unschlagbare Elf. Fußball war zu dieser Zeit die erfolgreichste Form der Unterhaltung, und auch das Vehikel, die Überlegenheit Ungarns gegenüber seinen Nachbarn zu verdeutlichen. Vereine wie MTK und Ferencváros Budapest wurden verstaatlicht und Spieler von Verteidigungsminister Mihály Farkas zu Honvéd Budapest transferiert, das wie Real Madrid dominieren sollte. Die Spieler unterhielten einen florierenden Schmuggelbetrieb, der nach Auswärtsspielen lukrativ war. Die vermeintliche politische und wirtschaftliche Überlegenheit, die Rákosi in die UdSSR gemeldet hatte, wurde nach Stalins Tod 1953 durch Chruschtschow entlarvt. Imre Nagy wurde zum Ministerpräsidenten ernannt und 1956 zur „Symbolfigur des Volksaufstands“. Fußball von 1945 bis 1954 Deutscher Fußball-Bund und seine Nationalmannschaft Der deutsche Fußball litt an den Folgen des Zweiten Weltkrieges. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) hatte sich am 1. Juli 1940 aufgelöst, und die Nationalmannschaft bestritt am 22. November 1942 ihr vorerst letztes Länderspiel. Personen und Institutionen blieben dieselben wie im Nationalsozialismus – dies galt jedoch für weite Teile der Exekutive und Judikative.Jöckel: Vom „Wunder von Bern“ zum „Sommermärchen“ – Fußball-Weltmeisterschaften und die deutsche Nation. 2014 Das Exekutivkomitee der FIFA beschloss am 12. November 1945 den Ausschluss Deutschlands (und Japans). Der Liga-Spielbetrieb wurde trotz infrastruktureller Probleme in der Oberliga Süd am 4. November 1945 mit 16 Vereinen aufgenommen.Leinemann: Sepp Herberger. Ein Leben, eine Legende. 1997. Anfang des Jahres 1948 waren Begegnungen mit englischen und amerikanischen Soldaten sowie Schweizer Studenten an der Tagesordnung. „Vertragspieler“ konnten im September 1948 ein Monatsgehalt von 150–320 DM verdienen. Die Fußballweltmeisterschaft in Brasilien 1950 wurde ohne die deutsche Auswahl durchgeführt, da das Team noch nicht spielberechtigt war. Im Nachgang zum in Rio de Janeiro stattfindenden 27. FIFA-Kongress wurde die Wiederaufnahme Deutschlands am 22. September 1950 beschlossen.Friedebert Becker in Bahr: Fussball Weltmeisterschaft 1954. 1954, S. 27. Die Schweiz leistete nachbarschaftliche Hilfe und kam am 22. November 1950 zu einem Länderspiel ins Neckarstadion in Stuttgart. Vor 115.000 Zuschauern gewann die deutsche Elf dieses erste Nachkriegs-Länderspiel (mit Turek, Ottmar Walter, Herrmann, Klodt und Morlock) mit 1:0. Das Länderspiel der deutschen Elf am 9. November 1952 gegen die Schweiz in Augsburg wird als Geburtsstunde der Weltmeistermannschaft von 1954 angesehen, da acht Spieler der späteren Helden von Bern dabei waren. Wenige Wochen vorher – am 5. Oktober 1952 – war die Mannschaft zu einem Länderspiel gegen Frankreich nach Paris gefahren. Nach einer 1:3-Niederlage gab es viel Kritik von der deutschen Presse. Die Bild-Zeitung titelte: „Nach der 1:3-Pleite – Zerbricht die National-Elf an Sepp Herberger? Bluffs und Tricks helfen nicht weiter!“ zu sehen nach 12:20 min, verfügbar in der ARD-Mediathek bis 20. November 2024 Fritz Walter erklärte im Anschluss seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft.Walter: 3:2. Deutschland ist Weltmeister!. 1954, 2004, 2020. Doch Herberger gelang es noch zum nächsten Spiel, jenem besagten Spiel in Augsburg, seinen speziell gegenüber Frankreich überforderten Mannschaftsführer zurückzuholen. Für etliche Spieler bedeutete die WM-Teilnahme Verdienstausfall, da unbezahlter Urlaub genommen werden musste.

Die Goldene Elf aus Ungarn mini|Goldene Elf 1953 Der Endspielgegner der Deutschen, die in ungarischen Medien als Goldene Elf bezeichnete Nationalmannschaft, galt damals als die weltbeste Mannschaft, die unter Gusztáv Sebes ähnliche Talentsichtung wie Herberger betriebJessen, Stahl, Eggers, Schlüper: Fußballweltmeisterschaft 1954 Schweiz, 2003. und innerhalb eines Fünf-Jahres-Konzeptes den internationalen Fußball anzuführen gedachte. Vor dem Endspiel von Bern waren sie in 32 aufeinanderfolgenden Spielen unbesiegt geblieben. Die Serie begann am 4. Juni 1950, als Polen mit 5:2 besiegt wurde. Das erste große Turnier der Staatsamateure, die unter professionellen Bedingungen agierten und Jahresgehälter bis zu umgerechnet 35.000 DMBrüggemeier: Weltmeister im Schatten Hitlers. Deutschland und die Fußball-Weltmeisterschaft 1954. 2014. verdienten (deutsche Industriearbeiter verdienten etwa 6.500 DM/Jahr), war auf Geheiß des „großen Bruders“ Sowjetunion nicht die Fußballweltmeisterschaft 1950 in Brasilien, sondern die Olympischen Sommerspiele in Helsinki 1952. Die Magyaren besiegten im Halbfinale Schweden mit 6:0 und wurden durch ein 2:0 gegen Jugoslawien Olympiasieger. Den nächsten Erfolg verbuchten die Ungarn 1953, als sie den seit 1948 ausgetragenen Europapokal der Fußball-Nationalmannschaften gewannen. Ferenc Puskás wurde mit zehn Treffern Torschützenkönig des Wettbewerbs. Am 25. November 1953 folgte das vielleicht spektakulärste Spiel der Goldenen Elf, das der englische Fußballfunktionär Stanley Rous bereits unmittelbar nach dem Olympiasieg 1952 noch in der ungarischen Kabine in die Wege leitete. Auf dem „heiligen Rasen“ des Wembleystadions spielte die Mannschaft um Kapitän Puskás vor 100.000 Menschen gegen England. Die Engländer hatten 90 Jahre lang kein Spiel vor heimischer Kulisse gegen eine Mannschaft vom europäischen Festland verloren. Die Magyaren bezwangen die Engländer mit 6:3. Dadurch galten die Ungarn als Wundermannschaft, während dies Spieler wie Buzánszky und Grosics differenzierter sahen. Nach der Niederlage in Wembley wollten sich die Engländer revanchieren, mussten sich aber am 23. Mai 1954 in Budapest mit einer 1:7-Niederlage geschlagen geben. Formell trat Ungarn mit einer 3-2-5 Aufstellung (auch WM-System genannt) an. Durch das häufige Zurückfallen des Mittelstürmers Nándor Hidegkuti ins Mittelfeld, das Vorstoßen des Außenläufers József Bozsik ins Zentrum und das Absichern Bozsiks durch den anderen Außenläufer ähnelte die Formation oft einem 2-3-3-2.

Die Vorbereitung der deutschen Nationalmannschaft Lehrgänge in den Sportschulen Grünwald und Schöneck