Der Neusiedler See (ungar. Fertő tó, fertő bedeutet wörtlich „Sumpf“) ist, wie der Plattensee, einer der wenigen Steppenseen in Europa und der größte ohne natürlichen Abfluss ausgestattete See in Mitteleuropa. Er liegt flächenmäßig überwiegend auf österreichischem und zu einem weit geringeren Teil auf ungarischem Staatsgebiet. Der See zeichnet sich durch seinen Schilfgürtel, seine geringe Tiefe und sein mildes, aber windiges Klima aus. Seine einzigartige Fauna und Flora wird durch die Errichtung der beiden Nationalparks Neusiedler See-Seewinkel und Fertő-Hanság sowie durch die Ernennung zum UNESCO-Welterbe mit der Bezeichnung Kulturlandschaft Fertő/Neusiedler See geschützt.

Der österreichische Teil des Sees ist überwiegend Eigentum der Familie Esterházy; kleinere Teile gehören den Anrainergemeinden.Wem gehören „unsere“ Seen? im Kurier 28. Juli 2012, abgerufen am 29. August 2014. Der See ist wegen der globalen Erwärmung zunehmend von seiner Austrocknung bedroht.

Auf österreichischem Gebiet ist der Neusiedler See samt einer rundumlaufenden Zone, die östlich breiter ist und hier den österreichischen Teil des Nationalparks Neusiedler See-Seewinkel einschließt, gemäß den Luftverkehrsregeln 2014 wegen des Natur- und Vogelschutzgebiets ein Flugbeschränkungsgebiet mit allgemeinem Flugverbot von 1. Oktober bis 31. Juli, in einer Flughöhe von 0 (Erdboden) bis in 1500 Fuß (etwa 457 Meter) Höhe über Grund.Anm. Einsatz- und Rettungs- und Militärflüge sind ausgenommen, AustroControl kann Ausnahmen bewilligen, Ausnahmen bestehen für – alte – Modellflugplätze.Luftverkehrsregeln 2014 ris.bka.gv.at, Flugbeschränkungsgebiet Neusiedler-See (LO R 16), abgerufen am 7. Februar 2021.Dronespace Austro Control, abgerufen am 7. Februar 2021 – Dronespace App für Android und iOS, https://map.dronespace.at/ für Desktop – blauviolettes Gebiet auf Karte.

Geografie Der Neusiedler See ist ein echter Steppensee, der westlichste einer Serie, die sich über ganz Eurasien bis China zieht (Eurasische Steppe). Dabei schließt er direkt an die östlichsten Ausläufer der Alpen an und liegt somit in der subalpinen Übergangszone zur Pannonischen Tiefebene, dem Alpenvorland im Osten.

Ausmaße mini|Neusiedler See, gesehen von Norden

Die Seefläche beträgt je nach Wasserstand durchschnittlich 320 km², und etwa die Hälfte davon ist mit Schilf bewachsen. Es liegen 230 km² in Österreich und 90 km² in Ungarn. Der österreichische Teil bildet damit die größte Seefläche des Landes (die ganz auf seinem Staatsgebiet liegenden Seen sind kleiner, ebenso der österreichische Anteil am insgesamt größeren Bodensee). Das Einzugsgebiet des Sees beträgt 1120 km². Die Hauptausdehnung in nord-südlicher Richtung beträgt 34 Kilometer, die Breite (von Ost nach West) zwischen 4,5 und 8 Kilometer ohne Schilfgürtel. Bei dieser Länge wirkt sich die Erdkrümmung bereits deutlich aus, weshalb beispielsweise zwischen Neusiedl am See und Mörbisch auf etwa 22 km Entfernung ein Warnlicht auf einem knapp 10 m hohen Mast nicht mehr sichtbar ist.

Schilfgürtel mini|Schilfgürtel bei Podersdorf mit der Bauminsel

Der den See fast vollständig umgebende Schilfgürtel bildet den Lebensraum der einzigartigen Tierwelt der Region und ist nach dem Donaudelta das größte zusammenhängende Schilfgebiet in Europa. Durch die vorherrschende nordwestliche Luftströmung wächst am Ostufer deutlich weniger Schilf als am Westufer. Bei Donnerskirchen ist der Schilfgürtel bis zu fünf Kilometer breit, Podersdorf liegt am einzigen schilffreien Strandabschnitt von zwei Kilometern Länge. Die Passagen durch den Schilfgürtel bezeichnet man als Schluichten. Teilweise wächst der Schilfgürtel Richtung Seemitte und umschließt damit wiederum Bereiche wie den Silbersee im Süden.

Schilf war bis Mitte des 19. Jahrhunderts am Seeufer nur stellenweise und vornehmlich im Waasen anzutreffen. Der Schilfgürtel ist ab 1909 (Eröffnung Einserkanal) bis 1965 (Beginn der Seeregulierung) stark angewachsen und bedeckt heute eine Fläche allein in Österreich von annähernd 100 km². Ursachen der Verschilfung sind der Eintrag von Dünger aus der Landwirtschaft und der Einser-Kanal, der eine Verringerung des Salzgehaltes des Wassers bewirkte. Das konkurrenzstarke Schilf konnte sich rund um den See verbreiten und bewächst fast alle Seebereiche mit geringem Wasserstand.

Knapp die Hälfte des Schilfgürtels liegt in der streng geschützten Naturzone des Nationalparks, vom Rest werden 10 bis 15 Prozent des Schilfgürtels von Landwirten und einigen professionellen Schilfschneidern im Winter maschinell geerntet und teilweise auch weiterverarbeitet. Dazu wäre das einjährige Schilf am besten geeignet, der Nationalpark erfordert aber eine mehrjährige Rotationsbewirtschaftung der Schilfflächen. Das führte in der Vergangenheit immer wieder dazu, dass alte Schilfbestände gesetzeswidrig in Brand gesteckt wurden, um Flächen für junges Schilf zu erhalten. Die burgenländische Landesregierung errichtete 2006 in Neusiedl am See ein Biomasseheizkraftwerk, welches das alte Schilf verwertet, um damit der drohenden Verschilfung des Sees entgegenzuwirken. Weiters werden seit 2013 die Schilfflächen von WWF und BirdLife so verwaltet, dass möglichst wenig dauerhafte Schäden durch den Schilfschnitt entstehen.

Ein schon altes Produkt des Sees ist das Schilf als Baumaterial, obgleich sich auch die Anwendung erweitert hat. Es wird wie früher für Stuckatur und für die Dachdeckung verwendet, da es Kieselsäure eingelagert hat und dadurch besonders widerstandsfähig ist. Außerdem wird es als Wärmedämmung und Sichtschutz verarbeitet. Es wird in größerem Stil exportiert.

Bei den sogenannten Inseln des Neusiedler Sees, auch Schoppen (Singular: der Schoppen) genannt, handelt es sich meist nur um von offenem Wasser umgebene Schilfbestände. Hierzu gehören: Bauminsel oder Podersdorfer Schoppen (nahe dem Ostufer zwischen Podersdorf und Weiden) Oggauer Schoppen (Südteil der Oggauer Bucht, nur durch engen Kanal vom Strandschilf getrennt) Fünf Schoppen (südlich vor der Ruster Bucht, Gruppe mit zwei bis fünf Schilfinseln) Möwenschoppen (südlich der Fünf Schoppen) Schotterinsel (Schotter nur bei Niedrigwasser, sonst Schilfinsel, auf halbem Weg zwischen Ruster Bucht und Ostufer) Vogelinsel (am Ostufer südlich von Podersdorf)

Vermessungspunkt „B0“ Wo die österreichisch-ungarische Staatsgrenze, die vom Südrand Mörbisch (Westufer) kommend ostwärts in den See läuft, um etwa 100° genau nach Süden knickt, hat die ungarische Grenzwacht 1973 eine kleine Betoninsel in Kreisringform mit etwa 13 Meter Außendurchmesser errichtet. Sie trägt in ihrer Mitte ein Vermessungszeichen.Vermessungspunkt B0 im Neusiedler See Google Maps, google.com/maps/, abgerufen am 4. April 2020. – Die Insel wird (nur) in der Satellitensicht angezeigt. Das Vermessungszeichen in ihrem Mittelpunkt wird mit N47.735325 E16.720934 verortet. Etwa zwei Meter südöstlich davon (und damit gut innerhalb des Kreisrings) wird der etwa rechtwinkelige Knickpunkt der Staatsgrenze bei N47.735306 E16.720945 angezeigt.

Die künstliche Insel durfte weder betreten noch umfahren werden und gilt als Symbol des Kalten Krieges. Im Juni 2004 kam es zur ersten Sternfahrt von vier Personenschiffen aus den Häfen Fertőrákos, Rust, Illmitz und Mörbisch zu diesem Punkt. Dabei wurde dem Gedenken an die ehemalige geopolitische Situation Ausdruck verliehen. Die in den folgenden Jahren wiederholten Fahrten verstanden sich als Friedensmissionen untermalt mit religiösen Elementen.

mini|Rust

Umland Der See liegt in der Kleinen Ungarischen Tiefebene, die den westlichen Ausläufer der Ungarischen Tiefebene darstellt. Er wird im Nordwesten von den letzten Ausläufern der Alpen, dem Leithagebirge, im Süden vom Ödenburger Gebirge und im Norden von der Parndorfer Platte begrenzt. Weiters liegt ein Teil des Heidebodens und der Seewinkel im Osten, das Ruster Hügelland im Südwesten und der Waasen, ungarisch auch Hanság genannt, im Süden und Südosten.

Bade- und Hafenanlagen haben im Bezirk Neusiedl am See die Orte Illmitz, Podersdorf, Weiden, Neusiedl am See, Jois und im Bezirk Eisenstadt-Umgebung Breitenbrunn am Neusiedler See, Purbach am Neusiedler See, Oggau, Mörbisch und die Freistadt Rust in Österreich sowie Fertőrákos in Ungarn.

Weitere Orte im Umland sind Apetlon, Gols, Winden am See, Donnerskirchen, Oslip, Fertőboz, Fertőd, Balf (Wolfs), Fertőhomok, Hegykő, Sarród und Fertőújlak (Mekszikópuszta).

Geologie mini|Das Tethys-Meer wich mit der Entstehung der Gebirge (Alpen, Karpaten, Balkan, …) seit etwa 30 Mio. Jahren aus Europa zurück.

Im mittleren Tertiär vor ca. 16 Millionen Jahren war die Gegend des heutigen Neusiedler Sees von einem Ausläufer des Urmeeres Tethys bedeckt. Es herrschte ein tropisches bis subtropisches Klima. In den küstennahen Bereichen, also am heutigen Leithagebirge und am Ruster Höhenzug, wuchsen ausgedehnte Rotalgen- und Korallenriffe, deren mineralischen Sedimentationsprodukte als Leithakalk bekannt sind. Der Stein wurde seit Langem auf beiden Seiten des Leithagebirges und im Ruster Höhenzug hauptsächlich als Baustein genutzt (z. B. Römersteinbruch von St. Margarethen).

Die Auffaltung des Alpenbogens und des Karpatenbogens bewirkte eine tektonisch bedingte Absenkung der dazwischen liegenden Gebiete. Mit dem Rückzug der Paratethys bildete sich ein Binnengewässer im entstandenen Tiefland, wo sich seit dem Badenium mächtige Schichten aus Tonen und Sanden am Boden ansammelten. Dieser Pannonische See verlandete so bis Ende des Pannoniums vor etwa fünf Millionen Jahren und hinterließ die Pannonische Tiefebene und das Wiener Becken.

mini|Künstlich abgelagerter Seeschlamm

Die vier jüngsten Eiszeiten des Pleistozäns der letzten zwei Jahrmillionen haben sich im Gebiet zwar nicht so stark ausgewirkt wie in den Alpen, doch brachten die Flüsse gewaltige Mengen an Sedimenten von Ton, Lehm, Schluff und Sand. Die Mächtigkeit der neogenen und quartären Sedimente ist allerdings unterschiedlich verteilt. Am Ostrand des Leithagebirges beginnt die Schichtung des Neogen mit null Meter und erreicht unter dem Hanság (Waasen) mehr als 2000 Meter. Zudem sind die Schichten in Richtung Osten verkippt.Erich Draganits, Michael Weißl, Johannes Loisl, Gabor Tari, András Zámolyi: Geologie und Landschaft des Neusiedler Sees. In: Christian Janisch, Alois Lang, Bibi Watzek (Hrsg.): Das Ende des Neusiedler Sees? Eine Region in der Klimakrise. Residenz Verlag, Salzburg / Wien 2023, S. 94–99, hier S. 95. Die mineralische Zusammensetzung des Seeschlamms ergibt sich hauptsächlich aus Calcit mit einem geringen Magnesiumanteil sowie Chlorit und akzessorisch Fragmente aus Glimmermineralen. Ferner befinden sich darin (calcitische) Muschelkrebsschalen und Kieselalgenreste. Unter dem Schlamm erstreckt sich eine Sandschicht, die überwiegend Quarzanteile enthält. Darunter folgen glimmerhaltige Tonmergel, die bei Trocknung nur eine geringe Schrumpfungsneigung zeigen.Thomas Zechmeister: Der Schlamm- und Sedimenthaushalt im Freiwasser des Neusiedler Sees. In: Christian Janisch, Alois Lang, Bibi Watzek (Hrsg.): Das Ende des Neusiedler Sees? Eine Region in der Klimakrise. Residenz Verlag, Salzburg / Wien 2023, S. 62–71, hier S. 66.

Das Seewasser erneuert sich zu etwa 76 % aus atmosphärischen Niederschlägen und knapp 20 % aus Zuflüssen. Die jährlichen Niederschlagsmengen schwanken zwischen 350 und 890 Millimetern. Unterirdische Austritte mineralhaltiger Wässer aus Klüften sind für den hohen Gehalt an gelöstem Soda verantwortlich, bewirken aber auch Gehalte von Natriumsulfat und Natriumchlorid sowie Kalium- und Magnesiumsalzen.Thomas Zechmeister: Der Schlamm- und Sedimenthaushalt im Freiwasser des Neusiedler Sees. In: Christian Janisch, Alois Lang, Bibi Watzek (Hrsg.): Das Ende des Neusiedler Sees? Eine Region in der Klimakrise. Residenz Verlag, Salzburg / Wien 2023, S. 62–71, hier S. 62–63.