mini|Konzernzentrale Tour Saint-Gobain in La Défense (2025) Die Compagnie de Saint-Gobain ist ein börsennotierter französischer Industriekonzern. Die unter seinem Dach vereinten Unternehmen beschäftigten 2023 rund 160.000 Mitarbeiter bei einem Jahresumsatz von rund 50 Milliarden Euro.
Die 1665 gegründete Saint-Gobain zählt zu den ältesten Unternehmen der Welt und ist weltweit in 75 Ländern vertreten. Namentlich bei Flachglas, Baustoffen, Industriekeramik, Hochleistungskunststoffen und im Baustoffhandel spielt die Unternehmensgruppe eine führende Rolle; bei etlichen Produkten aus diesen Bereichen sogar als Weltmarktführer oder als europäischer Marktführer. Ihre Aktivitäten sind in drei Hauptsparten unterteilt: Innovative Werkstoffe, Bauprodukte und Baufachhandel.
Organisation Die Muttergesellschaft ist eine börsennotierte Aktiengesellschaft. Unter dem Dach der Muttergesellschaft werden rund 1200 Einzelgesellschaften konsolidiert. Saint-Gobain ist eine Matrixorganisation. Sie ist unterhalb der Generaldirektion in Generaldelegationen und Hauptsparten unterteilt. In Deutschland, Österreich und den Benelux-Ländern wird Saint-Gobain vertreten durch die Generaldelegation für Mitteleuropa mit Sitz in Aachen. Sie stellt insoweit eine Besonderheit dar, als dass es sich um keine eigenständige Gesellschaft, sondern um eine Zweigniederlassung (Betriebsstätte) der französischen Muttergesellschaft handelt.
Geschichte Entstehung des Unternehmens im Zeitalter des Merkantilismus mini|Schloss Versailles, Spiegelsaal
Unter König Ludwig XIV. erhielt sein Contrôleur général des finances, Jean-Baptiste Colbert, den Auftrag, eine Compagnie des Glaces in Paris zu gründen. Dies war die Geburtsstunde der Manufacture Royale des glaces de Miroirs (königliche Spiegelglas-Manufaktur) im Pariser Faubourg Saint-Antoine. Wie manch andere Betriebe, die in jener Zeit entstanden, war sie ein Element der zentral gesteuerten Wirtschaftspolitik Frankreichs im 17. Jahrhundert. Der damals vorherrschenden merkantilistischen Produktionslehre folgend, wurden die Güter in solchen Betrieben in genau festgelegter Art und Qualität und in arbeitsteilig durchorganisierter Produktion hergestellt, im Gegensatz zur zuvor vorherrschenden kunsthandwerklichen Produktionsweise. Zur Gründung wurden 20 Glasmacher der venezianischen Insel Murano abgeworben, die bis dato ein mehr als zweihundertjähriges Monopol auf die Herstellung von Kristallspiegeln besaßen. Obwohl Markt und Produktion staatlich reguliert waren, lag das Unternehmertum in privater Hand. Der erste Großauftrag des jungen Unternehmens war die Glasproduktion für den Spiegelsaal des königlichen Schlosses in Versailles.
Nach mehreren Umgründungen und Umbenennungen firmierte die Gesellschaft unter dem Namen Compagnie des Grandes Glaces. Sie erhielt 1688 von Staats wegen das Monopol auf die Herstellung von Flachglas aller Abmessungen ab 60 Zoll × 40 Zoll (1,56 m × 1,04 m) aufwärts. 1692 wurde die Produktion in das Dorf Saint-Gobain in der Picardie in Nordfrankreich verlegt. In den folgenden Jahren kamen weitere Produktionsstätten hinzu. Die neuen Standorte dienten schließlich als Namensgeber für die neue Firma: Manufactures des Glaces et des Produits Chimiques de St. Gobain, Chauny et Cirey à Paris.
mini|links|Herstellung von Glas im Tischwalzverfahren
Nach dem Tod von Colbert wurden Konkurrenzunternehmen zugelassen. Das Unternehmen geriet nach dem Verlust des Monopols zunächst in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Es konnte jedoch aus eigener Kraft erneut eine Vormachtstellung erringen: Louis Lucas de Nehou, Hüttendirektor bei Saint-Gobain, entwickelte ab 1688 ein neues Verfahren für die Herstellung von Flachglas, mit dem sich dieses in besserer Qualität, größeren Mengen und größeren Abmessungen herstellen ließ. Bei diesem so genannten Tischwalzverfahren wird die Glasschmelze auf ebenen Gießtischen ausgegossen, sodann mit schweren Walzen glatt gewalzt und schließlich mit Sand geschliffen. Zuvor wurde Flachglas zumeist durch Erhitzen, Aufschneiden und Flachwalzen von zylindrischem Glas gewonnen (Antikglas). Etwa ab 1691 gelangte das neue Gießverfahren zur Marktreife. Saint-Gobain verdrängte damit nach und nach die zuvor vorherrschende venezianische Glasproduktion vom europäischen Markt. Nehous Methode wurde im Laufe der Zeit ständig verbessert, blieb jedoch im Prinzip bis ins 19. Jahrhundert das Standardverfahren für die Herstellung von Flachglas.
Im 18. Jahrhundert profitierte Saint-Gobain noch von staatlichen Privilegien. Die französische Revolution bedeutete den endgültigen Abschied von dieser Wirtschaftsweise: Am 4. August 1789 beschloss die Nationalversammlung die Abschaffung des für die bourbonische Monarchie charakteristischen Privilegiensystems. Mit dem code de commerce von 1807 setzte die napoleonische Regierung ein neues Gesellschaftsrecht ein, auf der Grundlage von Gewerbefreiheit und Konkurrenz.
Wachstum zu einem europäischen Großunternehmen
mini|Saint-Gobain im 18. Jahrhundert
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bekam Saint-Gobain starke Konkurrenz durch die Aktiengesellschaft Manufacture royale des cristaux et de verres en table, die in ihrer Hütte St. Quirin Tafelglas herstellte. Um 1840 teilten sich beide Unternehmen jeweils etwa zur Hälfte den europäischen Markt für Flachglas. Bei der Expansion nach Deutschland hatte Saint-Quirin sogar einen Vorsprung. Andererseits begannen die beiden Unternehmen ab 1830 bezüglich Verkauf und Lagerhaltung zu kooperieren und in den folgenden Jahren wiederholt Fusionsgespräche miteinander zu führen. Etwa ab 1850 wurde die europäische Konkurrenz, vor allem in Großbritannien und Belgien, immer stärker. Unter diesem äußeren Druck wurde die Fusion in den 1850er Jahren vorangetrieben und kam 1858 schließlich zustande. Saint-Gobain wird damit zum dominierenden Flachglasproduzenten in Europa.
Mit der Fusion wurde der Firmenname bestimmt: Société Anonyme des Manufactures des Glaces et Produits Chimiques de Saint-Gobain, Chauny & Cirey (Aktiengesellschaft der Spiegelmanufakturen und chemischen Fabriken von Saint-Gobain, Chauny & Cirey).
mini|Spiegelglashütte in Stolberg, Gebäude von 1863
Um die gleiche Zeit wurde die Expansion nach Deutschland vorangetrieben. 1853 war, noch von Saint-Quirin, die erste Niederlassung in Deutschland gegründet worden, die Spiegelmanufaktur im badischen Waldhof, das 1897 nach Mannheim eingemeindet wurde. 1857 wurde, diesmal direkt seitens Saint-Gobain, die seit 1837 bestehende Spiegelglashütte in Stolberg-Münsterbusch mit Unternehmenshauptsitz in Aachen übernommen. 1868 kaufte Saint-Gobain die Usine de la Glacerie in Montluçon, die bis 1932 produzierte.
Diese Aktivitäten waren der Beginn einer für mehr als hundert Jahre durchgehaltenen, klar umrissenen Expansions- und Arrondierungsstrategie. Im Kern bestand sie darin, sich auf den Sektor Glas und eng angrenzende Produktionsbereiche zu beschränken, aber auf diesem Sektor die Marktführerschaft durch geografische Expansion und fortwährende Modernisierung der Produktion zu behaupten. Die geografische Expansion wurde meist durch Aufkauf und Ausbau bestehender Betriebe bewerkstelligt.
Es folgten Gründungen von Fabriken im italienischen Pisa (1888), im böhmischen Bilin (1897), an den belgischen Produktionsstandorten Franière (1898) und Sas van Gent (1904) sowie im spanischen Arija. Auf dem amerikanischen Markt war Saint-Gobain seit 1831 präsent, zunächst durch eine Verkaufsniederlassung in New York. Um 1920 folgte der Kauf von Unternehmensanteilen verschiedener Glas produzierender Unternehmen in den USA.
Im deutsch-französischen Spannungsfeld zwischen 1866 und 1919
mini|Lokomotive Deutz 46385/1947 der VEGLA Stolberg mini|Lokomotive St. Gobain Hannoversche Maschinenbau AG (1913) Trotz dieser internationalen Expansion spielte die Produktion in Deutschland eine herausragende Rolle: Um 1872 machte die Produktion der Fabriken in Waldhof und Stolberg rund 40 % an der gesamten Produktion von Saint-Gobain aus.
Bei einer solch engen Verflechtung blieb es nicht aus, dass die bis 1945 oft von Feindschaft und Krieg gekennzeichneten französisch-deutschen Beziehungen und die sprunghafte und oft gegenläufige Entwicklung der beiden wirtschaftlichen und politischen Systeme ihre Spuren in der Unternehmensgeschichte hinterließen. Bereits vor dem Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 waren im Konzern Verwicklungen und Einbußen befürchtet worden. Dennoch war 1866, auf Grund der hohen Nachfrage in den USA und in Großbritannien, ein wirtschaftlich erfolgreiches Jahr.
Hingegen brachte der Deutsch-Französische Krieg von 1870/1871 Produktion und Verkauf fast völlig zum Erliegen. Über den Hafen von Antwerpen konnte der Export nach England, Amerika und Skandinavien aufrechterhalten werden. Dadurch konnten die nicht zum Kriegsdienst eingezogenen Unternehmensangehörigen weiter beschäftigt und der komplette Zusammenbruch des Betriebes verhindert werden.
1863 kaufte Saint-Gobain die Glashütte in Stolberg und begann mit dem Bau eines neuen Werkes am heutigen Standort im Schnorrenfeld an der Einmündung des Vichtbachs in die Inde. Hier entstand 1866 die erste Gussglashalle Deutschlands.
Am 11. Dezember 1867 eröffnete die Rheinische Eisenbahn-Gesellschaft nur für Güterverkehr die Bahnstrecke Stolberg–Stolberg-Spiegelmanufaktur mit 1,4 km Länge.
Im Ersten Weltkrieg wurde das Vermögen der Saint-Gobain-Gruppe als Feindvermögen der Zwangsverwaltung durch deutsche Direktoren unterworfen. Die Produktionsstätten in Waldhof und im schlesischen Altwasser wurden von den Zwangsverwaltern an deutsche Unternehmer versteigert. Die Saint-Gobain-Beteiligungen an den Hütten Herzogenrath und Sindorf wurden veräußert. Das Werk Stolberg wurde vom dortigen Zwangsverwalter weitergeführt. Jedoch brach dort, wie in der gesamten deutschen Glasindustrie, wegen des Mangels an Kohle und an Arbeitskräften die Produktion bis 1918 auf rund ein Fünftel des Vorkriegsniveaus ein.
In den Jahren 1919 bis 1921 bekam Saint-Gobain aufgrund des Versailler Vertrages die im Krieg verkauften Betriebe wieder zurück. Die zwischenzeitlichen Eigentümer erhielten eine Entschädigung. In der Tradition der Vorkriegszeit nahm Saint-Gobain die Geschäftstätigkeit in der Weimarer Republik wieder auf.
Saint-Gobain in der Weimarer Republik und im Zweiten Weltkrieg mini|hochkant|Glastänzer (Vorbereitung des Poliervorgangs), um 1920
1919–1920 eröffnete Saint-Gobain ein Zentralbüro für Deutschland. Es hatte seinen Sitz zunächst in Stolberg, jedoch wurde dieser 1924 nach Aachen verlegt, wo er sich bis in die Gegenwart befindet. Das Zentralbüro hat die Aufgaben, die Interessen und Finanzen des Konzerns in Deutschland zu vertreten und die Finanzen für Deutschland zu verwalten. Zuvor waren die deutschen Betriebe lediglich Niederlassungen mit geringem Handlungsspielraum. Alle finanziellen Transaktionen, einschließlich der Löhne und Gehälter, wurden von Paris aus abgewickelt. Insbesondere in der Nachkriegszeit mit ihrer strikten Devisenbewirtschaftung, bei der alle Auslandsüberweisungen sowohl auf französischer als auch auf deutscher Seite von Amts wegen genehmigt werden mussten, war dies hinderlich.
Es dauerte rund zehn Jahre, bis die Glasproduktion in Deutschland wieder den Vorkriegsstand von 1913 erreichte. Allgemeine wirtschaftliche Schwierigkeiten im Deutschland der Zwischenkriegszeit, besonders die Inflation von 1923, führten dazu, dass die Erholung nur langsam und krisenhaft verlief. mini|Inflationsgeld St. Gobain, Stolberg 1923 In dieser wirtschaftlich schwierigen Zeit führte das Unternehmen über die gesetzlich festgelegte soziale Sicherung hinaus zusätzliche Maßnahmen ein, indem es zum Beispiel 1923 Inflationsgeld für die Mitarbeiter drucken ließ oder 1926 die Pensionskassen-Aktien-Gesellschaft der Deutschen Saint-Gobain-Gruppe gründete.
mini|hochkant|Glasarchitektur bei der Weltausstellung 1937