mini|hochkant=1.3|Schloss Benrath, das als „Schloss Holterhof“ in Die Betrogene eine zentrale Rolle spielt.

Die Betrogene ist die letzte abgeschlossene Erzählung von Thomas Mann. Sie entstand in den Jahren 1952 und 1953 und erzählt die Geschichte einer Frau in den Wechseljahren, der sich der Tod unter dem trügerischen Deckmantel einer wundersamen Verjüngung nähert. Wie alle Spätwerke Manns ist auch dieses im parodistischen Stil geschrieben („Ich kenne im Stilistischen eigentlich nur noch die Parodie“Thomas Mann, Die Entstehung des Doktor Faustus, Amsterdam (1949), S. 51.), was laut Erich Heller den Eindruck erweckt, „daß Felix Krull das Buch schrieb, während ihm Thomas Mann dabei über die Schulter blickte.“Erich Heller, Thomas Mann. Der ironische Deutsche, Frankfurt am Main 1975, S. 348.

Die Betrogene wurde 1953 erstmals im Merkur veröffentlicht.Merkur, Jahrgang 7 (1953), Heft 63–65. Im selben Jahr kam auch die erste Buchausgabe beim S. Fischer Verlag auf den Markt. 1958 wurde die Erzählung in die Stockholmer Gesamtausgabe aufgenommen.

Inhalt Rosalie von Tümmler, seit langen Jahren Witwe, lebt mit ihrer Tochter Anna und ihrem Sohn Eduard in Düsseldorf. Während sie zu ihrem Sohn nur eine oberflächliche Beziehung hat, besteht zu ihrer Tochter eine weitaus tiefere Bindung. Anna, bereits fast dreißig Jahre alt, hat Malerei studiert und ist ihres Klumpfußes wegen unverheiratet geblieben. Ihre Mutter bedauert dies zwar, genießt aber andererseits den Vorteil, auf diese Weise die vertraute Gesprächspartnerin immer um sich zu haben, wenngleich die Ansichten von Mutter und Tochter öfter auseinandergehen: Während Rosalie eine leidenschaftliche Naturschwärmerin ist und für alles, was das weibliche Geschlecht betrifft, einen unfehlbaren Instinkt hat – Schwangerschaften erkennt sie beispielsweise schon im frühesten Stadium –, gibt sich Anna eher kühl und rational und hat sich in ihrer Malerei – die Erzählung spielt in den 1920er Jahren – mehr den Tendenzen zur abstrakten und asketischen Gestaltung verschrieben.

Rosalie erklärt sich diese Haltung ihrer Tochter aus deren Enttäuschung über ihr Liebesleben, kann sich aber nicht damit abfinden. Sie, die die Menstruation als „ehrwürdigen“ weiblichen „Lebensakt“ bezeichnet, versteigt sich angesichts Annas monatlicher Leibschmerzen sogar zu einer gewagten These:

Anna lacht über diese Idee. Doch Rosalie, von den Wechseljahren geplagt, ist nicht zufällig auf dieses Thema gekommen, denn sie leidet darunter, dass ihre Monatsblutung in letzter Zeit immer unregelmäßiger eingetreten ist und nun schon seit zwei Monaten ganz ausgeblieben ist. So empfindet sie sich nur noch als „vertrocknete Hülle“, von der Natur „ausgeschieden“ und „bloßes Gerümpel“. Die „Anpassung der Seele an die neue Körperverfassung“ will ihr noch nicht gelingen.

In dieser Phase ihres Lebens macht sie eine neue Bekanntschaft. Eduard, der sich auf sein Abitur vorbereitet und festgestellt hat, dass er auf seinem weiteren Lebensweg auch Englischkenntnisse benötigen wird, hat einen Privatlehrer engagiert, einen jungen und sportlichen Amerikaner namens Ken Keaton, der im Ersten Weltkrieg nach Europa gekommen und hier geblieben ist. Zu diesem jungen Mann fasst Rosalie schnell eine mehr als nur mütterliche Zuneigung. Das fällt bald nicht nur Anna, sondern auch Eduard auf. Peinlich berührt, aber ohne seine eigentlichen Beweggründe zu nennen, schlägt er seiner Mutter vor, fortan auf Keatons Dienste zu verzichten, eine Grundlage im Englischen habe er ja nun gewonnen. Doch Rosalie lehnt dies ab. Wenig später spricht sie sich mit Anna über ihre Liebe aus. Die Tochter ist unglücklich über die Qualen der Mutter und den unhaltbaren Zustand, denn schließlich könnte Ken vom Alter her ja Rosalies Sohn sein. Sie macht alle möglichen diplomatischen Vorschläge, wie man die Situation entschärfen und Kens Einfluss verringern könnte. Doch Rosalie betont immer wieder, sie wolle davon nichts wissen. Als plötzlich ihre Periode wieder eintritt, fühlt sie sich verjüngt und bestätigt in ihrem Recht, den jungen Mann lieben zu dürfen. Während sie dieses Geschehnis als Folge des Einflusses ihrer Seele auf den Körper ansieht, bleibt Anna nach wie vor eher besorgt, da es an den äußeren Tatsachen nichts ändert und ihre Mutter außerdem körperlich eher geschwächt wirkt. mini|Schwarzschwäne Als aber Ken, der ein großes Interesse am „alten Europa“ zeigt und seinem eigenen Vaterland „seinen Mangel an historischer Atmosphäre“ vorwirft, einen gemeinsamen Ausflug zum Rokokoschloss HolterhofVorbild für das fiktionale Schloss Holterhof war das Schloss Benrath. am Rhein anregt, ist Frau von Tümmler sogleich voller Tatendrang. Zu Wasser macht man sich am folgenden Sonntag auf. Am Ziel angelangt, wandelt man zunächst durch die prächtigen Alleen des herrschaftlichen Parks. Die riesigen alten Bäume und exotischen Pflanzen dort widersprechen allerdings dem idyllischen Natursinn Rosalies. Nur das Füttern der Schwarzschwäne im Schlossteich interessiert sie vorläufig – zumal sie bei dieser Gelegenheit von dem alten Brot essen kann, das Ken für die Tiere mitgebracht hat und das seine Körperwärme gespeichert hat. Dann begibt man sich ins Innere des Schlosses, um an einer Führung teilzunehmen. Der Kriegsversehrte, der die auswendig gelernten Beschreibungen herunterleiert, zeigt der Besuchergruppe unter anderem auch eine versteckte Tapetentür, und als die übrigen Besucher weitergehen, schlüpfen Rosalie und Ken in die geheimen Räume dahinter. Rosalie fällt Ken in dem modrig riechenden Gang in die Arme. Er führt sie weiter „in einen Alkoven […], dessen Tapeten mit schnäbelnden Taubenpaaren durchwirkt waren. Eine Art Causeuse stand da, an der ein geschnitzter Amor mit verbundenen Augen in einer Hand ein Ding hielt wie eine Fackelleuchte.“ Rosalie bedauert es, ausgerechnet „in diesem Grabe“ und dieser „Totenluft“ Ken ihre Liebe gestehen zu müssen, und vertröstet ihn auf die folgende Nacht, in der sie ihn in seinem Gästezimmer besuchen wolle. Die beiden verlassen das „tote Lustgemach“, gelangen ins Freie und mischen sich wieder unter die Besucher des Schlosses.

Rosalie kann jedoch ihr Versprechen nicht mehr wahrmachen. Am Abend wiederholt sich ihre starke Blutung in besorgniserregender Weise. Ein Arzt wird gerufen und er stellt schnell fest, dass das vermeintliche Wiedererblühen der Weiblichkeit auf ein weit fortgeschrittenes Karzinom zurückzuführen ist. Aussicht auf Heilung oder auch nur Verlangsamung des Krankheitsprozesses besteht nicht mehr. Rosalie lebt noch einige Wochen und erwähnt in dieser Zeit öfters den schwarzen Schwan, der sie angezischt hat, als sie von Kens Brot aß. Kurz vor ihrem Tod hat sie noch einmal einen klaren Moment und bittet Anna:

Deutung Die Geschichte als bloße Anamnese einer heimtückischen Krankheit zu verstehen, hieße nur ihre Oberflächen-, nicht aber ihre Tiefenstruktur zu erkennen. Denn Thomas Mann entwickelt hier in Wahrheit wieder einmal eines seiner Grundthemen: das der komplexen Dialektik von Leben und Tod. Rosalie von Tümmler neigt zu einer schwärmerischen, fast mystischen Verehrung alles Lebendigen. Gerade wegen ihrer naiven und enthusiastischen Naturfrömmigkeit aber, mit der sie glaubt, „dem großen Vorrecht der Natur, der Erneuerung alles Lebendigen, nicht untreu sein zu dürfen, verstößt sie gegen das Lebensgesetz des Alterns“.Vgl. KNLL, Band 11, Seite 61.

Der morbide Frühling Untrennbar sind in der ganzen Erzählung die beiden Motive Frühling und Tod miteinander verbunden. Rosalie empfindet die Jahreszeit ihrer Geburt als kraft- und jugendspendend und traut der Natur besonders in dieser Zeit wahre Wunder zu. Die mehrfach erwähnte Idee vom Jungbrunnen und von der Lebensrute, mit der man beim Schmackostern geschlagen wird, gehört ebenso in diesen Zusammenhang wie Rosalies mehrmalige Distanzierung vom Unglauben der biblischen Sara, die aber mit ihrem pragmatischen Lachen über die Versicherung, sie werde im hohen Alter noch ein Kind bekommen, ein deutlich objektiveres Verhältnis zu den Vorgängen in der Natur beweist als Frau von Tümmler. Diese wird denn auch von ihrer Tochter als Romantikerin mit mystischen Ideen bezeichnet. mini|Frühlingskrokus und Herbstzeitlose Doch während sowohl der Jungbrunnen als auch die Wirkung der Lebensrute – von Rosalie einmal eindeutig sexuell apostrophiert – in den Bereich der Phantasie gehören, manifestiert sich auch im Auftreten der realen Natur in der Erzählung häufig das Motiv der Vergänglichkeit. Die Eiche im Hofgarten, ein beliebtes Ziel der Spaziergänge, ist bereits hohl und teilweise abgestorben, nur vereinzelte Zweige belauben sich im Frühling noch. Das ambivalente Aussehen des Krokusses beschreibt Rosalie wie folgt: Anna, als sähe sie das Ende ihrer Mutter voraus, meint daraufhin, die Natur habe „wohl überhaupt eine anmutige Neigung zur Zweideutigkeit und Mystifikation“. Dies zeigt sich auch, als die Damen bei einem Spaziergang plötzlich Moschusduft wahrnehmen und gleich darauf feststellen müssen, dass die Quelle dieses oft als aphrodisierend empfundenen Geruchs ein widerwärtiges, von Schmeißfliegen umschwirrtes Häufchen verwesenden Unrats ist.

Selbst die Figur Ken Keatons lässt sich als Träger dieser ambivalenten Eigenschaften verstehen. Äußerlich jung und in der Blüte seines frühlingshaften Lebens, hat er doch infolge einer Kriegsverletzung eine Niere verloren und ist bereits Inhaber einer kleinen Invalidenrente. Zu seinen großen Leidenschaften gehören die sehr frühen Geschichtszahlen und die alten Gebräuche des europäischen Kontinents: Er ist es auch, der die Tümmlers unter anderem über Schmackostern aufklärt. Vor der Schlossbesichtigung schwärmt er, dass es „so etwas in aristokratischer Grazie Bröckelndes“ in der Neuen Welt gar nicht gebe, und erweist sich so als Anwalt des Verfalls und der Vergänglichkeit.

Düfte und Gerüche Düfte und Gerüche spielen schon in frühen Werken Thomas Manns eine wichtige Rolle.Ist es in der Novelle Gefallen noch der duftende Fliederstrauß, der den Erzähler an sein Jugenderlebnis gemahnt, so empfinden sowohl der sensible Hanno Buddenbrook als auch Hans Castorp den von Blumenduft nicht völlig überdeckten Geruch von Leichen als etwas eigentümlich Vertrautes. In der Erzählung Die Betrogene wird dieses Motiv der zweideutigen Gerüche weiter ausgebaut. Rosalie von Tümmler ist ausgesprochen geruchssensitiv und verbindet vor allem mit den Düften, die ihr die Natur in den verschiedenen Jahreszeiten beschert, die verschiedensten Vorstellungen und Assoziationen. Den oben bereits erwähnten Moschusduft kann sie auch dann nicht leiden, wenn er weniger ekelhaften und offensichtlichen Ursprungs ist, wohingegen sie beispielsweise Rosengeruch nicht nur mit dem Mythos von Amor und Psyche in Verbindung bringt, sondern auch meint, das Himmelreich müsse so riechen. Doch im Moment größter Seligkeit, als sie Ken endlich umarmen darf, ist sie von Moderduft und Totenluft umgeben.

Ihrer malenden Tochter stellt sie einmal im Scherz die Aufgabe, Gerüche in Bilder zu übertragen, nachdem Anna ihren kurz zuvor gemachten Vorschlag abgelehnt hat: Sie solle doch einmal etwas Herzerquickliches malen, etwa einen Fliederstrauß, daneben zwei Meißner Porzellanfiguren, nämlich einen Herrn, der einer Dame eine Kusshand zuwerfe, und das Ganze müsse sich in der Tischplatte spiegeln. Die galante Szene soll also doppelt zu sehen sein – man kann hier wiederum an das Motiv des Vexierens und Täuschens, das die ganze Erzählung durchzieht, denken, aber auch an eine „schattenhafte“ zweite Welt, die die spiegelnde Fläche zeigt: die Unterwelt oder das Totenreich.

Spiegelung, Wasser und Sumpf mini|Der Weiher auf der Rückseite des Schlosses