mini|Dschingis Khan (Bildnis aus dem 14. Jh.)

mini|hochkant=0.3|„Dschingis Khan“ im klassischen Mongolisch

Dschingis Khan, ursprünglich Temüdschin oder Temüüdschin (* wahrscheinlich um 1155, 1162 oder 1167; † wahrscheinlich am 18. August 1227David Morgan: The Mongols (= People of Europe). Blackwell, Oxford (UK) / New York 1986, ISBN 0-631-13556-1, S. 55.), war ein Khagan der Mongolen und Begründer des Mongolischen Reichs. Er vereinte die mongolischen StämmeHans Rainer Kämpfe: Tschinggis Khan. In: Veronika Veit, Walther Heissig, Michael Weiers (Hrsg.): Die Mongolen. Beiträge zu ihrer Geschichte und Kultur. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1986, ISBN 3-534-03579-8, S. 183f. und eroberte weite Teile Zentralasiens und Nordchinas. Seine Regierungszeit als erster Khagan der Mongolen dauerte von 1206 bis 1227.

Er vereinte die mongolischen Stämme auf dem Territorium der heutigen zentralen und nördlichen Mongolei und führte sie zum Sieg gegen mehrere benachbarte Völker. Nach der Ernennung zum Khagan aller Mongolen begann er mit der Eroberung weiterer Gebiete; im Osten bis an das Japanische Meer und im Westen bis zum Kaspischen Meer. Um dieses Reich zu verwalten, ließ er eine eigene Schrift entwickeln und setzte schriftliche und für alle verbindliche Gesetze durch. Nach seinem Tod wurde das Reich unter seinen Söhnen aufgeteilt und noch weiter vergrößert, fiel aber zwei Generationen später auseinander.

Name und Schreibweisen Der Geburtsname war Temüdschin ( temüǰin), auch Temüüdschin geschrieben (mongolisch ); er bedeutet im Tatarischen „der Schmied“.Fernsehsender Phoenix: Mongolen – Im Reich des Dschingis Khan vom 11. August 2007 (16:15–17:00 Uhr). Temüdschin erhielt diesen Namen von seinem Vater. Nach alter mongolischer Sitte stammte der Name von einem gefangenen Feind.

Der Titel Dschingis Khan ( činggis qaγan) wurde Temüdschin im Jahr 1206 verliehen (siehe unten). Andere Schreibweisen sind Genghis Khan, Cinggis-Khan, Dschingis-Chan und Djingis Chan. Die im europäischen Raum weit verbreitete Schreibweise Genghis Khan geht auf D’Herbelot zurück, von dem sie Gibbon übernahm.Ruy González de Clavijo, Clements Markham: Narrative of the embassy of Ruy Gonzalez de Clavijo to the court of Timour at Samarcand, A.D. 1403-6 (= Works issued by the Hakluyt Society. Nr. 26). Printed for the Hakluyt Society, London 1859, Vorwort S. xi.

Zur Herkunft des Titels gibt es zahlreiche Theorien. Zwei davon sind: Dschingis Khan entstand aus der chinesisch-türkischen Zusammensetzung chêng-sze khan (aus chinesisch chêng-sze: „edler Reiter/Ritter“ und alttürkisch khan: „Herrscher“) mit der Bedeutung: „Herrscher der edlen Reiter“. Dschingis Khan wurde aus dem rein alttürkischen tengis khan (tengis: „Meer“) gebildet und hätte dann die Bedeutung „Herrscher der Meere“, „Ozeangleicher Herrscher“ oder „Herrscher zwischen den Weltmeeren“ (Weltherrscher).

Leben Chronologischer Überblick 1155, 1162 oder 1167: Geburt des Temüdschin. 1190: Temüdschin einigt die mongolischen Sippen und unterwirft andere Steppenvölker. 1201: Sieg über Gurkhan Dschamucha. 1202: Sieg über die Merkiten und die vier Stämme der Tataren. 1203: Sieg über die Keraiten. 1204: Sieg über die Naimanen. 1206: Ernennung Temüdschins zum mongolischen Khagan Dschingis Khan auf dem Kuriltai an der Quelle des Onon. 1207/09: Unterwerfung der Tanguten und Errichtung eines Heerlagers auf der chinesischen Seite der chinesischen Mauer für weitere Eroberungszüge. 1211: Eindringen in das Gebiet der Jin-Dynastie und Vordringen bis zur Halbinsel Shandong. 1215: Einnahme von Peking. 1218: Unterwerfung des Kara-Khitai-Reiches am Balchaschsee und Freundschaftsvertrag mit dem muslimischen Choresmischen Reich. 1218: Kuriltai zum Beschluss eines Rachefeldzugs gegen das Choresmische Reich nach einem blutigen Überfall auf eine mongolische Karawane und Ernennung des drittältesten Sohnes Ögedei zum Nachfolger Dschingis Khans. 1219: Beginn der Tributzahlungen von Korea. 1219/20: Sieg in Transoxanien über die Truppen des Choresm-Schahs und Eroberung von Buchara und Samarkand. 1220: Dschingis Khan gründet die spätere Stadt Karakorum, Angriffe der Mongolen im Kaukasus und Südrussland. 1221: Sieg über die Truppen von Sultan Dschalal ad-Din Mengübirti, Sohn des zuvor auf der Flucht am Kaspischen Meer verstorbenen Ala ad-Din Muhammad. Zerstörung von Nischapur. 1223: Vordringen der mongolischen Truppen unter J̌ebe und Sube'etai bis in die Ukraine und Sieg über die Rus in der Schlacht an der Kalka. 1224/25: Dschingis Khans Rückkehr in die Mongolei und Beginn der Strafexpedition gegen die Tanguten. Schwere Erkrankung des Khagans infolge eines Reitunfalls. 18. August 1227: Tod des Khagans. 1229: Kuriltai zur Ernennung von Ögedei zum neuen Khagan nach der Vereinbarung von 1218 und zur Aufteilung der unterworfenen Völker und ihrer Gebiete unter den lebenden Söhnen sowie den Nachkommen des verstorbenen ersten Sohnes Dschötschi.

Herkunft und Geburt mini|hochkant=1.63|links|alt=A dark river flowing between bushes and open ground, curving to avoid a high ridge|Der Fluss Onon, in dessen Nähe Temüdschin geboren wurde, hier in der Provinz Khentii, Mongolei Der mongolischen Legende nach waren die Stammeltern von Dschingis Khan (und aller Mongolen) ein Wolf und eine Hirschkuh, die sich nahe dem heiligen Berg Burchan Chaldun am Ufer des dort entspringenden Onon niederließen.Michel Hoàng: Dschingis Khan. Düsseldorf 1991, S. 49–51. Der Berg liegt etwa 170 km östlich von Ulan Bator und ist Teil des Chentii-Gebirges, in dem die Flüsse Kerulen und Tuul entspringen.

Dschingis Khan war ein Mongghol aus dem Clan der Borjigin (Wildenten-Leute) und dem Unterklan der Qiyat (Kijat). Er war der älteste Sohn des Häuptlings Yesügai und seiner Frau Hoe’lun-Ujin (auch Üdschin) und Urenkel des legendären Mongolenfürsten Qabul (auch als Kabul Khan bekannt), der um 1130–1150 die mongolischen Stämme vorübergehend vereinigt hatte. Er erhielt von seinem Vater den Namen Temüdschin.Franklin Mackenzie: Dschingis Khan. 1993, S. 28–32.

In der geheimen Geschichte der Mongolen, einem nach dem Tod Dschingis Khans im Auftrag seines Sohnes und Nachfolgers Ögedei erstellten Epos, wird berichtet, dass Temüdschin bei seiner Geburt einen Blutklumpen in seiner rechten Faust hielt, für die Mongolen ein Vorzeichen für Stärke und Willenskraft. Als Geburtsort gilt der Burchan Chaldun am Oberlauf des Onon.Michel Hoàng: Dschingis Khan. Düsseldorf 1991, S. 50.

Kindheit und Jugend Während der Kindheit von Temüdschin bekämpften sich die Clans der Steppe ständig. Sein Vater Yesügai hatte durch Raubzüge gegen die Tataren und Merkiten das Stammesgebiet stark vergrößert und Reichtum angesammelt. Bei einem dieser Überfälle raubte er Hoe’lun-Ujin vom Hochzeitswagen ihres merkitischen Bräutigams und machte sie zu seiner Frau. Wie alle Mongolen lernte Temüdschin früh das Reiten, Bogenschießen und Jagen.Michel Hoàng: Dschingis Khan. Düsseldorf 1991, S. 52–54. Als kleiner Junge zunächst eher ängstlich und schüchtern, entwickelte er eine enge Bindung zu seinem Schwurbruder Dschamucha.

Temüdschin war neun Jahre alt, als sein Vater, wie damals bei den mongolischen Nomaden üblich, mit ihm auf Brautschau ging. Im Lager eines befreundeten Clans vom Stamme der Unggirat hielten sie um die Hand von Börte, der Tochter des Stammesführers, an, die ihnen dieser gewährte. Der zukünftige Bräutigam blieb nach altem Brauch einige Zeit bei seinen Schwiegereltern und freundete sich mit seiner Verlobten an.

Sein Vater ritt allein zurück und nahm unterwegs die Gastfreundschaft von Tataren an. Diese erkannten ihn als Oberhaupt eines feindlichen Stammes und vergifteten ihn. Von einem Boten über den Tod seines Vaters unterrichtet, kehrte Temüdschin zu seinem Stamm zurück. Wegen seiner Jugend wurde er dort jedoch nicht als Nachfolger seines Vaters anerkannt. Die Gefolgsleute wandten sich von seiner Familie ab, die Sippe löste sich auf, und er blieb als ältester Sohn mit der Mutter, seinen drei halbwüchsigen Brüdern und einer kleinen Schwester zurück. Ohne den Schutz des Stammes wurde ihnen nach und nach ihr gesamtes Hab und Gut geraubt.Michel Hoàng: Dschingis Khan. Düsseldorf 1991, S. 58–61. Er und seine Brüder stritten sich häufig, schließlich ermordete Temüdschin seinen Halbbruder Bektar oder tötete ihn im Streit um die Beute nach einem Raubzug.Michel Hoàng: Dschingis Khan. Düsseldorf 1991, S. 81–82.

Andere Mongolenfürsten sahen ihn trotz seiner Armut und seiner Jugend aufgrund seiner aristokratischen Abstammung als Bedrohung, und die Familie musste immer wieder fliehen. Manchmal soll Temüdschin Zuflucht am heiligen Berg Burchan Chaldun gesucht haben. Hier wurde er von den Taijut gefangen genommen, als Sklave gehalten und gedemütigt.Michel Hoàng: Dschingis Khan. Düsseldorf 1991, S. 84–88. Durch seine abenteuerliche Flucht erlangte er bei seinen Altersgenossen großes Ansehen. Er fand seine Verlobte Börte wieder, die er schließlich heiratete.

Einigung der Mongolen Es gelang Temüdschin nach und nach, seine Gegner für sich zu gewinnen oder auszuschalten. 1190 vereinte er so die mongolischen Sippen, welche unter seiner Führung begannen, die benachbarten Steppenvölker zu unterwerfen. Als Anreiz für den unbedingten Gehorsam seiner Kämpfer versprach er ihnen reiche Beute.

1201 besiegte er seinen Rivalen und ehemaligen Schwur- bzw. Blutsbruder, den Gurkhan Dschamucha. Dieser konnte fliehen, verlor jedoch einen Großteil seiner Gefolgschaft. Im Kampf gegen Temüdschin ging er ständig wechselnde Bündnisse ein. Seinen engsten Vertrauten wurden diese aussichtslosen Wechselspiele schließlich leid, und sie lieferten ihn an Temüdschin aus. Da diesem Treulosigkeit und Verrat verhasst waren, ließ er die Häscher von Dschamucha und ihre Familienmitglieder töten. Seinem Blutsbruder bot er hingegen erneut seine Freundschaft an und bat ihn, an seine Seite zurückzukehren. Dieser lehnte ab, bat um einen standesgemäßen Tod und wurde daher erwürgt. Später besiegte Temüdschin Kushluq, der mit den Kara-Kitai gegen ihn gekämpft hatte.

1202, nach einem Sieg über die Merkiten im Norden, beschloss Temüdschin, an den Tataren im Osten Vergeltung für den Tod seines Vaters zu üben. In blutigen Kämpfen besiegte er die vier Stämme der Tataren. Nach der Geheimen Geschichte der Mongolen ließ er nur die Tataren am Leben, welche nicht größer als die Achshöhe eines Ochsenkarrens waren. 1203 schlug er die Keraiten unter Toghril Khan und Nilkha und 1204 die Naimanen unter Tayang Baybugha im Westen. Damit waren die letzten Hürden auf dem Weg zur uneingeschränkten Macht überwunden.

Ernennung zum Dschingis Khan und Veränderungen mini|Das Reich der Mongolen beim Tode Dschingis Khans (1227) mini|Das Mongolenreich unter Dschingis Khan und seinen Nachfolgern. Nachfolgereiche 1294:

Im Jahr 1206 berief Temüdschin an der Quelle des Onon einen Reichstag ein, den sogenannten Kuriltai. Dort ernannten ihn die anwesenden Schamanen und Stammesfürsten zum „Dschingis Khan“, dem Großkhan aller Mongolen, und verliehen ihm dem Titel „ungestümer Herrscher“ (ozeangleicher Herrscher).Michel Hoàng: Dschingis Khan. Düsseldorf 1991, S. 130. Das ihm verliehene Hoheitszeichen, die weiße Standarte, steht heute zusammen mit neun weiteren Standarten der damaligen Kernstämme des Reiches als Symbol des heutigen mongolischen Staates im mongolischen Parlament. Die drei Zacken an der Spitze der Standarte stehen für Mond, Sonne und Flamme und sollen die Stärke der Mongolen symbolisieren. Der Mond symbolisiert die Vergangenheit, die Sonne die Gegenwart und die Flamme die Zukunft des Mongolenreiches.