mini|hochkant=1.4|Kathedrale aus Südwesten: vier hohe Glockentürme und Vierungsturm mini|hochkant=1.4|Vierungsturm und östliche Glockentürme aus dem südlichen Westturm
Die Kathedrale von Laon (Notre-Dame de Laon) ist eines der Hauptwerke der (Früh-)Gotik in Frankreich. Sie wurde in den Jahren 1155 bis 1235 für das damalige Bistum Laon gebaut und zählt zu den ersten Kirchenbauten, die in diesem Stil errichtet wurden. Die Kirche ersetzte eine ältere Kathedrale aus dem 5. Jahrhundert, die 1112 abgebrannt war. Es bestand zu dieser Zeit eine Kathedralschule, deren bekanntester Domscholaster Anselm von Laon war.
Das erste gotische Kreuzrippengewölbe entstand in dem ab 1140 errichteten neuen Chor der Abteikirche von Saint-Denis. Die Wirkung war gewaltig. Fortan bauten die Bischöfe im Norden Frankreichs gotisch, und rasch breitete der Stil sich aus. In nur wenigen Jahren entstanden die neuen Kathedralen von Sens (seit 1135), Senlis (1151) und Noyon (1157). Die Kathedrale von Laon gehört ebenfalls zu dieser frühen Phase der Gotik, genannt Gothique primitif.
Abmessungen mini|Westtürme aus Südosten Länge: 110,50 m Breite: 30,65 m Gewölbehöhe des Langhauses: 24 m Höhe des Vierungsturmes: 42 m Querschifflänge: 56 m Turmhöhe der Westfassade: 56 m Höhe des Turms der Nordfassade des Querschiffs: 56 m Höhe des Turms der Südfassade des Querschiffs: 60,5 m Querschiffbreite: 22 m
Das Gebäude befindet sich seit 1840 unter Denkmalschutz. In den Jahren 1853 bis 1913 wurde die Kathedrale restauriert.
Türme mini|links|Nördlicher Westturm mini|hochkant|Westfassade im 18. Jahrhundert Die Kathedrale von Laon hat vier gleichartige hohe Glockentürme, zwei an der Westfassade und je einen an den Westecken der Querhausenden. Der südliche Westturm trug mehrere Jahrhunderte lang ein hohes Pyramidendach. Die Türme an den Ostecken der Querhausenden haben den gleichen Grundriss, aber ihre Freigeschosse wurden nicht ausgeführt. Der Vierungsturm hat ein hohes Fenstergeschoss und belichtet als Laternenturm die Vierung. Er trägt ein Zeltdach. Der Ostgiebel ist mit vier kleinen Türmen geschmückt, durchbrochen wie die Glockentürme, aber mit Pyramidendächern versehen. Villard de Honnecourt, mit seinem Skizzenbuch einer der bedeutendsten Architekturtheoretiker des Mittelalters, besichtigte Laon Anfang des 13. Jahrhunderts, wohl bald nach der Fertigstellung der Glockentürme, und war von der wandauflösenden Gestaltung begeistert: „Ich habe viele Länder gesehen, […] aber an keinem Ort habe ich jemals einen solchen Turm erblickt, wie der von Laon einer ist.“ Zu den Kirchen, an denen man sich die Laoner Glockentürme zum Vorbild nahm, gehören der Bamberger und der Naumburger Dom.
Diese Türme von Laon sind nicht nur wegen ihrer weitgehenden plastischen Durchgliederung des Mauerwerks berühmt geworden, sondern auch, weil sie zum ersten Mal von einer viereckigen Grundfläche zu einer achteckigen in den oberen Geschossen überleiteten, was von da an ebenfalls häufig nachgeahmt wurde. Die oberen beiden Geschosse sind in ihrem Kern achteckig und vor jeder zweiten Ecke steht die große zweigeschossige Fiale mit den Ochsen. Damit ist auch ein Moment der Drehung in die Türme hineingekommen.
Als Vorbild der Glockentürme der Kathedrale von Laon werden gerne diejenigen der Kathedrale von Tournai gesehen, die aber selber erst nach der Anfang des 13. Jahrhunderts erfolgten Einwölbung des Querhauses errichtet wurden, also wahrscheinlich jünger als die von Laon sind. Überzeugender als Vorbild ist der Westturm der Kathedrale von Ely in England, errichtet zwischen 1174 und 1189 und in seinen Formen sogar schon näher an denen von Laon.
Unter den Turmgeschossen zieht sich, an den Ecken der Türme leicht versetzt, über die ganze Breite der Fassade eine Zwerggalerie hin. Dieses Gestaltungselement gilt sonst als typisch für die deutsche Romanik sowie für die lombardische Romanik und Gotik.
Fassadengliederung In der Westfassade wurden jegliche Wandflächen vermieden. In der Mitte dominiert die erste Westrose der Gotik. Ihr Durchmesser ist größer als die Höhe der flankierenden aufrechten Fenster unter den Türmen. Die Zwerggalerie über dem Rosengeschoss hat deswegen einen Höhenversatz, liegt über der Rose höher als in den Türmen. Die Stufenportale im Erdgeschoss haben jedes eine eigene Vorhalle, und deren vordere Bögen sind mit Wimpergen bekrönt, eine Neuerung gegenüber Saint-Denis und Notre-Dame de Paris. Das mittlere Portal und sein Wimperg sind breiter und höher als die seitlichen. Die zusammen vier Pfeiler der Vorhallen sind mit kleinen Türmchen bekrönt, durchbrochen wie die Glockentürme, aber mit spitzen Helmen mit Ecktürmchen bedeckt. Die Betonung der Mitte in mehreren Etagen und die kleinen und großen vertikalen Elemente, die in Schichten „hintereinander aufsteigen“ (auch dies eine Neuerung) geben der Fassade einen dynamischen Charakter. „Ein triumphaler Zug kommt in die Eingangsseite, und man begreift, dass die späteren Schaufronten von Bischofskirchen in Chartres, in Amiens und in Reims an das dramatische Vorbild von Laon angeknüpft haben.“Willibald Sauerländer in: Funkkolleg Kunst, Studienbegleitbrief 1, 1984, S. 132.. Sie suchten die Balance zwischen der ausgewogenen, statischen Lösung von Paris und der dramatischen Unruhe von Laon.
Im 19. Jahrhundert wurde die Fassade im Zuge von Instandsetzungen erheblich überarbeitet. Katja Schöck: Arrangiern und restaurieren – die Westfassade der Kathedrale von Laon und ihr Wandel im 19. Jahrhundert. In: INSITU 2017/2. ISSN 1866-959X, S. 163–174. mini|hochkant=0.5|Ochsen auf den Türmen Die 16 Ochsen Die Türme sind in ein filigranes Gliedersystem aufgelöst und in geradezu spielerischer Laune dekoriert: Auf den Zwischenplattformen der Ecktürmchen der vier Glockentürme stehen die Vollplastiken von insgesamt 16 Rindern, die üblicherweise als Ochsen bezeichnet werden, obwohl sie dafür ungewöhnlich schlank sind.
Zum Sinn dieser Tierplastiken wurden schon viele Gedanken geäußert, aber keine eindeutige Erklärung gefunden. Eine frühere Ansicht geht dahin, dass die Bauleute damit den zahlreichen Ochsen einen Gedenkstein setzen wollten, die bei der Errichtung der Kathedrale mitgeholfen haben, indem sie das Steinmaterial auf unzähligen Karren herbeigezogen haben. „Heute neigt man zu geistigeren, symbolträchtigeren Erklärungen und vermutet eher eine Anspielung auf die Ochsen, die nach dem Buch der Könige im Hof des Salomonischen Tempels zu sehen waren.“Willibald Sauerländer: Studienbegleitbrief 1, Funkkolleg Kunst, 1984, S. 134.
Langhaus mini|Mittelschiff nach Osten mini|Wandaufriss des Mittelschiffs mini|Gewölbe: im Querhaus vierteilig, in Chor- und Mittelschiff sechsteilig, Laterne achtteilig
Das Langhaus von Laon geht noch einen Schritt weiter als das in Noyon: hier gibt es fast keinen Stützenwechsel mehr, sondern nur noch Säulen. Nur beim zweiten und beim vierten Säulenpaar westlich der Vierung sind die Säulen durch jeweils vier schlanke Nebensäulen zu einer Art von Bündelpfeiler ergänzt. Für den optischen Eindruck eines basilikalen Innenraumes ist die Gestaltung der Stützen des Langhauses von großer Bedeutung. Pfeiler, deren Kanten in Richtung der Längsachse des Gebäudes und quer dazu stehen, grenzen Mittelschiff und Seitenschiffe stark voneinander ab und betonen so die Schwere und Wucht der Mauern. Säulen erlauben die diagonale Sicht aus einem Schiff ins andere. Bei der gotischen Form von Bündelpfeilern, deren Kanten in der Summe im Winkel von 45° zu den Gebäudeachsen stehen, ist grundsätzlich eine gute Diagonalsicht gegeben. Es hängt jedoch vom Durchmesser der Pfeiler und der Länge des Kirchenraums ab, ob die Arkaden eher Durchblicke zulassen oder die Schiffe wie enge Schluchten wirken. Hier in Laon, wo es nur noch Säulen gibt, wirkt die Architektur wesentlich leichter und offener als in Noyon, die Bodenschwere ist genommen. Das vielzitierte Stützsystem der Gotik tritt hier schon ausgeprägt in Erscheinung. Der Raumeindruck wird bestimmt durch die vom Boden bis ins Gewölbe hochziehenden senkrechten Linien, die die Joche und damit den ganzen Bau zwischen sich einzuspannen scheinen. ‚Joche‘ sind die aufeinander folgenden Raumeinheiten einer Kirche, bestehend aus einem Mittelschiff- oder einem Seitenschifffeld. Die Kombination von Mittelschifffeld und den begleitenden Seitenschifffeldern nennt man in der Gotik eine ‚travée‘.
Dabei muss aber einschränkend betont werden, dass es auch eine starke waagerechte Gliederung in vier verschiedene Geschosse gibt, die besonders dadurch entsteht, dass die Dienste nicht bis zum Boden durchgehen, sondern auf den Säulenkapitellen aufsitzen. Es entsteht so der Eindruck, dass die Säulen die oberen Geschosse „tragen“, die damit einen leicht schwebenden Charakter bekommen. Das wird sich im Gothique classique, in Chartres und in Bourges ändern. Da werden die Emporen wegfallen, die ein dominantes waagerechtes Element bilden. Und es werden die Dienstbündel die gesamte zur Verfügung stehende Länge des Linienverlaufes einnehmen: von einer Säulenbasis, also vom Erdboden aus, über das Gewölbe hinweg bis zur anderen Säulenbasis auf der gegenüberliegenden Seite. Das wird den Jochcharakter des Langhauses betonen – der Raum wird zu einer schnellen Aufeinanderfolge gleicher Raumeinheiten – und es wird die Vertikalisierung betonen, die Höhensteigerung. Laon hat u. a. auch deshalb „noch“ Emporen, weil über diese Emporen der Gewölbeschub aufgefangen wurde in der Zeit vor der Erfindung des Strebewerks 1160/80.
Solche Dienstbündel steigen hier von den Säulenkapitellen zu den Gewölberippen hoch. Eine statische Bedeutung haben sie kaum. Sie sollen lediglich das Konstruktionsprinzip des Baues deutlich machen. Jede Rippe des Gewölbes und der Fensterzone soll sichtbar auf der Säule aufruhen und erhält deshalb einen eigenen Dienst, der ihr Gewicht symbolisch nach unten leitet.
Rein technisch hätte man den Gewölbedruck natürlich auch direkt in der Mauer nach unten und ebenfalls über die Säulen und das Strebewerk außen ableiten können. Hier aber kommt es darauf an, – und auch das ist ein Unterschied zur romanischen Architektur –, die Kraftströme einer solchen Kathedrale sichtbar zu machen, als Ausdrucksträger zu nutzen, um den Charakter des Bauwerks als Darstellung aktiv tätiger Energien zu unterstreichen. Günther Binding spricht hier von „Illusionsarchitektur“ (Binding, S. 293). Das sind ähnliche Prinzipien, wie sie schon bei der ‚Aufspaltung der Mauer‘ in Sens und die Umwandlung der Wand in eine Bildfläche wirksam waren. Die 12 Säulen des Langhauses, die auch die Apostel des Neuen Testamentes bedeuten, tragen damit für jeden erkennbar das Gebäude dieser Kirche, das die Ordnung der göttlichen Welt auf Erden symbolisiert (12 ist auch die Vollständigkeits- und Heiligenzahl, 12 Jünger Jesu, 12 Stämme Israels, 12 Stunden, 12 Monate.).
Der Wandaufbau ist der gleiche wie in Noyon, hier allerdings vollkommen original erhalten, also auch ohne Maßwerkfenster im Lichtgaden. Eine Eigenart fällt in der historischen Rückschau aber auf: hier gibt es keine deutliche Zusammenfassung von zwei Jochen zu einer Einheit mehr wie bei den Kathedralen bisher, trotzdem aber noch ein sechsteiliges Gewölbe.
Das Langhausgewölbe zeigt, mit welcher kristallinen, mathematischen Klarheit der ganze Bau konstruiert ist. Von den tragenden Säulen geht die Bewegung über die Dienste in die Gewölberippen weiter und auf der anderen Seite wieder herunter – besser gesagt geht die Bewegungstendenz von beiden Seiten durchgehend nach oben.
mini|links|Der Grundriss der Kathedrale nach Viollet-le-Duc