Der andorranische Jude ist eine 1946 entstandene Parabel von Max Frisch und eine „Keimzelle“ seines späteren Dramas Andorra. Die Erstveröffentlichung erfolgte in Frischs Tagebuch mit Marion, einem Vorläufer des Tagebuchs 1946–1949.

Inhalt In Andorra lebt ein junger Mann, der fälschlicherweise für einen Juden gehalten wird. Das „fertige Bildnis, das ihn überall erwartet“ darüber, welche Charaktereigenschaften ein Jude habe oder eben nicht – Habgier, einen kühlen Verstand und mangelndes Vaterlandsgefühl – wird teilweise zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung: „Langsam, prozessual also, verinnerlicht der junge Mann die ihm zugesprochenen Eigenschaften“, nimmt sie als wahr an und trägt sein angebliches „Anderssein“ mit Stolz, sogar mit Ressentiment: Der Ausgeschlossene schließt seinerseits aus.

Während die meisten Andorraner ihm mit Misstrauen begegnen, achten ihn die „Andorraner eines freieren und fortschrittlicheren Geistes“ und stehen zu ihm „bis zu seinem Tode, der grausam gewesen ist“, dessen Art im Text jedoch nicht näher ausgeführt wird. Nach seinem Tod stellt sich allerdings heraus, dass der Verstorbene ein Findelkind andorranischer Eltern war und ein „Andorraner wie unsereiner“. Die Identität des Toten war somit eine reine Projektion der Umwelt. Am Ende erkennen die Andorraner beim Blick in den Spiegel mit Entsetzen, dass sie selbst „die Züge des Judas tragen“.

Textanalyse Bei Der andorranische Jude handelt es sich um eine auktorial erzählte Parabel über die destruktiven Mechanismen von Stereotypen, Ausgrenzung und Identitätsbildung: „Der größte Teil des Textes beschäftigt sich mit der Auflistung einiger als ‚typisch‘ zugeschriebener Eigenschaften des Juden und wie der junge Mann dazu steht“. Frisch „überträgt das jüdisch-christliche Gebot ‚Du sollst Dir kein Bildnis von Gott machen!‘ ins Diesseits-Weltliche und zeigt, zu welchen verheerenden Konsequenzen die Nichtbeachtung der Maxime für das Miteinander von Menschen führen kann“.Hermann Zabel: Merkst du schon, wie jüdisch du bist? Das Lehrstück „Der andorranische Jude“ von Max Frisch. In: Jüdische Rundschau. Nr. 1, 2016, , S. 29. An diesen verheerenden Konsequenzen ist niemand schuldlos, „nicht einmal dieser vermeintliche Jude: Er ist schuldig, weil er sein Ich negiert hat, stattdessen ein Fremdbild verinnerlicht hat und danach gelebt hat. […] Er ist überhaupt nicht kritisch, genau wie die anderen Andorraner: Sie alle leben nach dem Bild, das die anderen von ihnen haben“.

Hauptfigur ist ein nicht benannter vermeintlicher Jude. Statt als Nebenfiguren tauchen die anderen Andorraner nur als Kollektiv auf. Die Zeit der Handlung wird nicht genannt. Ort der Handlung ist ein fiktives Andorra, doch „Andorra hat nichts mit dem gleichnamigen Kleinstaat zu tun“ sondern steht für „alle Regionen, in denen Menschen miteinander leben.“.

Rezeption Die auch als Schullektüre gängige Parabel Der andorranische Jude wurde von Marcel Reich-Ranicki 1994 in die Manesse Bibliothek der Weltliteratur und 2003 in den Kanon aufgenommen. Hermann Zabel bezeichnete 2016 die Parabel als „eine verborgene Sternstunde der deutschen Sprache“ und stellte Vergleiche mit Johann Peter Hebel und Bertolt Brecht an.

Literatur Hans Bänziger: Der andorranische Jude. In: Hans Bänziger: Max Frisch, Andorra. (=Reclams Universal-Bibliothek: Erläuterungen und Dokumente, Band 8170.) Reclam, Stuttgart 2002. ISBN 3-15-008170-X. S. 25–27. Gonçalo Vilas-Boas: Max Frisch: Der andorranische Jude. Universität Duisburg-Essen, Essen 2000. (pdf).

Textausgaben (Auswahl) Der andorranische Jude. In: Josef Billen (Hrsg.): Deutsche Parabeln. (=Reclams Universal-Bibliothek, Band 7761). Reclam, Stuttgart 2007. ISBN 3-15-007761-3. S. 161–162. Der andorranische Jude. In: Max Frisch: Ausgewählte Prosa. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1986. ISBN 3-518-10036-X. S. 60–62. Der andorranische Jude. In: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Erfundene Wahrheit. Deutsche Geschichten 1945–1960. 7. Auflage. Piper, München 1977. ISBN 3-492-01778-9. S. 58–60. Der andorranische Jude. In: Max Frisch: Tagebuch 1946–1949. (=Suhrkamp Hausbuch, Band 1958,2.) Suhrkamp, Frankfurt am Main 1958. S. 35–37.

Einzelnachweise Max Frisch: Der andorranische Jude. In: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.): Erfundene Wahrheit. Deutsche Geschichten 1945–1960. 7. Auflage. Piper, München 1977. ISBN 3-492-01778-9. S. 58–60. Gonçalo Vilas-Boas: Max Frisch: Der andorranische Jude. Universität Duisburg-Essen, Essen 2000. (pdf).

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