Hendrik Willem Egbert Cramer (* 23. August 1884 in Utrecht, Niederlande; † 17. Dezember 1944 im KZ Neuengamme) war ein niederländischer Schriftsteller, Dichter und Avantgardekünstler. Er schrieb auf Niederländisch und Französisch und stand in engem Zusammenhang mit der französischen avantgardistischen Künstler- und Literaturgruppe Le Grand Jeu.
Leben Hendrik Cramer wurde 1884 in Utrecht geboren. Auf Wunsch seines Vaters schlug er zunächst eine militärische Laufbahn ein. Während seiner Dienstzeit begann er Gedichte und Prosatexte zu schreiben. 1911 veröffentlichte er anonym im Selbstverlag seinen Roman Op Zee.
Nach dem Ende seiner militärischen Verpflichtungen im Jahr 1919 heiratete Cramer die Pianistin Miep Heiligers. Das Paar hatte zwei Kinder. Im selben Jahr ging Cramer als Korrespondent der niederländischen Zeitung Nieuwe Rotterdamsche Courant in die Vereinigten Staaten. Zwischen 1919 und 1923 veröffentlichte er dort zahlreiche, teilweise nicht signierte Beiträge.
In New York bewegte sich Cramer in Künstlerkreisen und veröffentlichte Prosatexte in der von Hervey White herausgegebenen Avantgarde-Zeitschrift The Plowshare. Zwischen 1923 und 1927 hielt er sich mehrfach in Haiti auf. Die haitianische Kultur und insbesondere der Vodou beeinflussten sein späteres literarisches Werk nachhaltig. Aus dieser Erfahrung gingen unter anderem seine Récits de Haiti hervor.
1927 kehrte Cramer nach Europa zurück und ließ sich gemeinsam mit Vera Milanova in Paris nieder. Dort kam er mit Künstlern und Schriftstellern aus dem Umfeld der europäischen Moderne und des Surrealismus in Kontakt. Zu seinem Pariser Umfeld gehörten unter anderem Piet Mondrian, Theo van Doesburg, Hans Arp, Max Ernst und Josef Šíma sowie die Schriftsteller René Daumal, Roger Gilbert-Lecomte, Robert Desnos, Roger Vailland, André Rolland de Renéville, Michel Leiris, Arthur Adamov und Monny de Boully.
Cramer arbeitete an den ersten beiden Ausgaben der Zeitschrift Le Grand Jeu mit. Darüber hinaus veröffentlichte er Texte unter anderem in den Cahiers du Sud, im Mercure de France und in der niederländischen Zeitschrift De Gids.
1940 heiratete Cramer Éléonore Dechartre. Während der ersten Kriegsjahre lebte das Paar in Cassis in Südfrankreich. 1944 schloss sich Cramer dem französischen Widerstand an. Nach seiner Verhaftung wurde er zunächst im Internierungslager Compiègne festgehalten und anschließend in das KZ Neuengamme deportiert. Dort starb er am 17. Dezember 1944.
Éléonore Dechartre überlebte die Deportation.
Werk Cramers literarisches Werk ist vergleichsweise schmal und verbindet Elemente des Surrealismus mit einer visionären und poetischen Prosa. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet sein Werk weitgehend in Vergessenheit. Spätere Forschungen von Laurens Vancrevel sowie Alain und Odette Virmaux trugen zu seiner Wiederentdeckung bei.
Zu seinen bekannten Veröffentlichungen gehören:
Op Zee, Roman, 1911, anonym im Selbstverlag veröffentlicht Het lot van de kinderen van Lir, gemeinsam mit Arthur Adamov, veröffentlicht 1938 im Mercure de France Visioen en Geboorte, 1940; später in einer überarbeiteten und erweiterten Ausgabe von Laurens Vancrevel, Amsterdam, Meulenhoff, 1974 Visions et naissances, herausgegeben von Alain und Odette Virmaux, Monaco, Éditions du Rocher, 1988 Vision et naissance, suivi de Contes brefs, Marseille, Éditions Marguerite Waknine, 2016
Rezeption und künstlerische Auseinandersetzung Cramer wurde nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem durch literaturhistorische Forschungen in Frankreich und den Niederlanden wiederentdeckt. Seine Verbindung zu Le Grand Jeu, seine Aufenthalte in Haiti sowie sein Verhältnis zur europäischen Avantgarde machen ihn zu einer Figur an den Schnittstellen von Literatur, Kunst, Reisen und politischer Geschichte.
Hommage an Hendrik Cramer von Youssef Tabti 2026 widmete der französische Künstler Youssef Tabti Hendrik Cramer eine szenische Installation in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme in Hamburg. Die Ausstellung trug den Titel Vizioen en geboorte – Hommage an Hendrik Cramer (1884–1944) und war vom 13. September bis zum 31. Oktober 2026 zu sehen.
Tabti beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit der europäischen Avantgarde der Zwischenkriegszeit. Für die Arbeit über Cramer verband er historische Dokumente, Fotografien, Bücher und Veröffentlichungen mit einer zeitgenössischen szenischen Installation. Das Projekt wurde speziell für den historischen Ort der KZ-Gedenkstätte Neuengamme entwickelt.
Im Mittelpunkt der künstlerischen Recherche standen Cramers literarisches und künstlerisches Umfeld, seine Verbindung zu Le Grand Jeu sowie die Spuren, die von seinem Leben und Werk überliefert sind. Die Installation stellte damit eine Verbindung zwischen historischer Recherche, Erinnerungskultur und zeitgenössischer Kunst her.
Die Ausstellung wurde am 13. September 2026 in Anwesenheit des Künstlers eröffnet. Sie war in den Räumen der Hauptausstellung der KZ-Gedenkstätte Neuengamme zugänglich und wurde bei freiem Eintritt gezeigt.
Nach Angaben des Institut français d'Allemagne handelte es sich um die erste Ausstellung, die Hendrik Cramer ausdrücklich gewidmet war.
Literatur
Laurens Vancrevel: Hendrik Cramer – ein niederländischer Avantgardist in Frankreich. In: Septentrion. Alain und Odette Virmaux (Hrsg.): Visions et naissances. Éditions du Rocher, Monaco 1988. Vision et naissance, suivi de Contes brefs. Éditions Marguerite Waknine, Marseille 2016.
Weblinks
KZ-Gedenkstätte Neuengamme Institut français d'Allemagne – Hommage à Hendrik Cramer Französischer Wikipedia-Artikel zu Hendrik Cramer
Kategorie:Person (Résistance) Kategorie:Todesopfer im KZ Neuengamme Kategorie:Niederländer Kategorie:Geboren 1884 Kategorie:Gestorben 1944 Kategorie:Mann