Die Jahreszeiten (litauisch: „Metai“) ist der Titel eines 1818Das Jahr in vier Gesängen, ein ländliches Epos aus dem Litauischen von Christian Donalleitis. Herausgegeben mit einer deutschen Übersetzung von Ludwig Rhesa. Hartung, Königsberg posthum veröffentlichten Hexameter-Epos von Kristijonas Donelaitis. Es erzählt realistisch vom Leben litauischer Bauern Mitte des 18. Jh. in Ostpreußen.
Inhalt Überblick Das Epos hat keine zusammenhängende Romanhandlung. Ein Erzähler schildert den Wechsel der Natur während eines Jahres und die damit zusammenhängenden Lebens- und Arbeitsabläufe litauischer Bauern in einem fiktiven Bezirk „Vyžlaukis“litauisch für „Bastschuhfeld“ in Ostpreußen. Sie bewirtschaften als Leibeigene ihr Pachtland, geben dafür einen Teil ihrer Ernte ab und arbeiten als Scharwerker an einigen Wochentagen auf den Feldern oder im Fronhof des deutschen Grundherrn, der zugleich als Amtmann den Bezirk verwaltet und die Steuern durch den Wachtmeister eintreiben lässt.
Eingegliedert in die Beschreibungen sind Äußerungen vieler Bauern, ihre Klagen über ihr schweres Leben, die Nachbarn, ihre Knechte, den Grundherrn und Amtmann und andere vom König in Preußisch Litauen angesiedelte Bevölkerungsgruppen. Der Erzähler mischt sich immer wieder in diese Gespräche ein, kommentiert sie, bezieht Stellung und präsentiert sein eigenes christlich-gottergebenes Weltbild mit der Hoffnung auf ein belohnendes bzw. bestrafendes Jüngstes Gericht. Seinen Nachbarn empfiehlt er eine an der litauischen Tradition orientierte bescheidene Lebenshaltung und eine besonnene, gut über das Jahr eingeteilte Wirtschaftsweise.
Frühlingsfreuden Das Epos beginnt mit einer Naturschilderung, dem Erwachen des Lebens nach dem kalten Winter: „Schon stieg die Sonne wieder zur Höhe und weckte die Welt auf, Lachend, da sie vom Winter mühsam Geschaffenes vernichtet.“Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 5. Die Tiere kommen aus ihren Verstecken und beginnen mit ihren Frühlingsaktionen: „Aber welch ein Wunder ist’s doch, dass nicht einer aus zahlreichen Scharen Unter Tränen und Seufzern wieder zu uns sich zurückzog! Nein, sie kamen zusammen zum Weinen nicht, sondern zur Freude“.Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 6. Die Vögel flattern fröhlich herum, singen ihre Lieder und bauen Nester. Der Adler, in der Rolle des Königs, fragt sie besorgt, wie sie den Winter überstanden haben, und der Storch predigt und preist die Schöpfung Gottes. Besonders hervorgehoben wird die Nachtigall: Mit ihrem Gesang ist sie die Königin unter den Vögeln, ihr „schlichtes Kittelchen“ dagegen gleicht dem „bäuerischen Sperling“: „Du verschmähst das untadlich gefertigt gefällige Herrnkleid.“Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 8.
Der Erzähler stellt die Nachtigall den Menschen als Vorbild hin, z. B. dem Jüngling, der töricht herumtollt, mit seinem Degen wie ein Herr auftritt und nicht daran denkt, dass er einmal ein Hirte war: „O du nichtiger Mensch! Du lerne hieraus dich begnügen […] Dir, o Mensch, dir schenkte der liebe Gott sehr viel mehr noch, Und da murrst du noch, wenn du zuweilen manchmal auch hungerst Oder in kärglichen Zeiten dir deinen Brei kratzt aus Erbsen?“Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 10. Zwar findet sich unter den Vögeln auch „manch listiger Gauner […] Aber ein solcher Raubmörder fand sich bei uns doch niemals, Wie mancher Mensch einer ist“.Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 11.
Mit diesem Vergleich geht der Erzähler zur Beschreibung der litauischen Landbevölkerung über, die vielstimmig zu Wort kommt. Einige beklagen sich, dass ihre Scheunen und Keller nach dem Winter leer sind und sie wenig zu essen haben. Auch müssen sie jetzt, nach der langen Ruhezeit, wieder hart auf dem Feld arbeiten. Der Bauer verprügelt und beschimpft seine Knechte und der Amtmann ruft sie zur Fronarbeit. Der Schulze Pričkus muss die Organisation und Überwachung übernehmen. Er weist die Klagen zurück und kritisiert die Faulheit und schlechte Wirtschaft vieler Bauern, die Schwatz- und Lachsucht der eitlen Frauen, die darüber das Spinnrad zu drehen vergessen. Viele hätten ihre Ernte nicht gut eingeteilt und schon im Herbst mit der Fresserei begonnen.
Der Erzähler versucht zu vermitteln und nimmt dem Schulze gegenüber die Frauen in Schutz: „Schämen sollten nur die sich, die sich der Faulheit nicht schämen.“Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 18, 26. Er ermahnt alle zu einer vernünftigen Lebens- und Arbeitshaltung: „Drum muss ein jeder, wenn er den Frühling festlich jetzt feiert, Auch das alles besorgen, was das Jahr über nötig. […] So also rüstig euch rührend, beendet fröhlich den Frühling, Bis der Sommer euch dann wieder ruft zu anderer Arbeit.“Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 23, 26.
Sommermühen Während der Sommerarbeit, der Feldbestellung, Ernte und der Frondienste für die Grundherren, setzen sich die Klagen, Diskussionen und Streitigkeiten zwischen den Bauern und mit dem Schultheißen fort: Die Alten, zu denen der Erzähler gehört, klagen über die Vergänglichkeit des Lebens, den Wandel der Zeiten, den Verlust litauischer Traditionen und genügsamer Lebensweise, das gottlose Fluchen der „wanstigen Herrenwichte“ als auch der „Bauernwichte“. Sie beobachten den gehobenen Lebensstandard der Deutschen und der Städter und kritisieren die Übernahme ihrer Kleidung und Speisen. Einige Bauern beschweren sich über die Zinslasten einerseits und andererseits über die immer zunehmenden Forderungen ihrer Knechte: Diese verlangen besseres Essen mit Fleisch und mehr Lohn, verstecken sich aber nach dem Essen und drücken sich vor der Arbeit. Außerdem stehlen sie das Saatgut. „Aber ach, wie kann meinem Herrn ich das Nötigste zahlen, Wenn das üble Gesinde allein mich fast vollkommen auffrisst? Ach, ich Armer, werd bald noch als Bettler zu gehen gezwungen.“Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 39.
Ein permanenter Streitpunkt ist die Fronarbeit auf den Gütern, zu denen sie Pričkus, der Schultheiß, im Auftrag des Amtmanns für einzelne Wochentagen einteilt und, wenn sie nicht erscheinen, körperlich bestraft. V. a. das Ausmisten der Ställe des Grundherrn, das Waten mit ihren Bastschuhen im übel riechenden Dreck, den Transport des Mistes mit ihren eigenen Gespannen und dessen Verteilung auf den Feldern empfinden die Bauern und Knechte als unangenehm. Noch mehr leiden sie unter der Hochnäsigkeit und Arroganz der Herren: „Ach, wir Litauer, arme Tröpfe, auf Bastschuhen gehend, Können wohl niemals den Herren noch ihren Dienern je gleichen, Aber wir müssen auch niemals an vornehmen Krankheiten krank sein. […] Warum würgt wohl die Todesgöttin Giltine vorzeitig viele? Deshalb, weil sie die Arbeit der Bauern hochnäsig höhnen, Tag für Tag stets mit Sünden und Faulenzen sich mästen.“Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 28.
Der Schulheiß, der die Interessen des Amtsrats zu vertreiten hat und die Bauern zum „Scharwerk“, zur Fronarbeit, bestellt, weist die Klagenden zurecht: „[H]ört endlich auf jetzt mit eurem Lamento! Schämen sollt ihr euch über euer wehleidiges Wesen“.Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 35. Er spricht vom Segen der Mistdüngung auf den Feldern für das Wachstum des Getreides.
Der Erzähler ergreift für die Bauern Partei: „Pričkus, war redest du? Wirst du so mit den Herren auch sprechen? […] Weißt du doch wie ich, wie das Scharwerk den Bauersmann züchtigt, Wie solch ein armer Tropf, der täglich gebückt schafft, Kaum noch aufatmen kann bei der schrecklichen Last seiner Bürde. Ach, wer kann sie denn aufzählen, all unsere Plagen tagtäglich! […] Mancher Herrenwicht, der den Steiß sich versengt, lacht der Bauern Und verachtet, ein Laffe, nur grinsend die Arbeit des Landmanns […] Ach, wo blieben die Herren, wenn’s keine Bauern mehr gäbe, Wenn solch ein Armer ihnen mit Mist nicht immerfort hülfe. […] Fürchtest du nicht, dass sie dir mal den Hals umdrehen deswegen Oder, am Hals dich hart packend, dich im Stalle erhängen?“Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 36, 33, 37. Ein Bauer mit Bastschuhen überrage oft „einen großen Herrn […] an Verstand, ja an Weisheit, Nur wagt der Arme es nicht, es mit treffenden Worten zu sagen“.Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 43.
Am Ende des Sommers beginnen die Feste mit „aus Übermut mancherlei Unsinn“. Der Wachtmeister wünscht im Namen des Amtsrats den Menschen, die neue Nahrung zu genießen, warnt sie jedoch, die Rücklagen für die Zinszahlungen nicht zu vergessen, „was ihr dem gnädigen Herrn zu leisten verpflichtet, Auch was den Schulen und Kirchen zu zahlen und pflichtgemäß zukommt Oder was ihr an mich zu zahlen habt, wenn ich herumreit Und, den Zins eintreibend, euch alle zuweilen besuche, Denn ihr wisst, was das heißt, wenn zu euch die Wachtmeister kommen Und die verstockten Bauern schimpfen und unflätig fluchen. Gebt also acht und ladet rechtzeitig voll eure Beutel, Dass ihr für jeden, was nötig für den gerechten Bedarf ist, Ohne zu zögern herausrücken könnt eine kräftige Handvoll.“Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 50.
Herbstfülle In der Beschreibung der Herbstlandschaft überwiegt die melancholische Stimmung: beginnende Kälte, Regen, verschlammte Wege und Felder, Wind, kahle Äste, abgeblühte Blumen. Andererseits gibt es neue Nahrungsmittel und es ist die Zeit der Feste. „Schrecklich haben wir Armen uns auf den Feldern geschunden, Hurtig, wie’s Bauern geziemt, sind wir in das Scharwerk gezogen. […] Jetzt aber, da wir die Last aller Mühsal von uns geschüttelt. Wolln wir, als wärn wir zum Festmahl geladen, uns recht erlustieren. Dafür schenkte der gütige Gott uns Güter in Fülle.“Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 62, 63. Beispielsweise lädt der „Hochzeitsbitter“ die Nachbarn zur Hochzeit von Krizas Tochter Ilzbute mit dem Schulzen von Taukius ein. Drei Kühe, zwei Ochsen, viele Schweine und Schafe, Gänse und Hühner wurden geschlachtet, um die Gäste zu bewirten. Ungeladene führen sich schlecht auf und werden hinausgeworfen. Musikanten spielen zum Tanz auf und mit zunehmendem Alkoholgenuss verlieren viele ihre Haltung, erzählen „saftige Späße“ und „Viele unserer Bauern benehmen, wie’s scheint, sich wie Rüpel. Denn vor allem bei frohen Gelagen entpuppt sich mancher als Hansnarr. Der vieles herschwätzt und damit entweiht der Tauffeste Würde.“Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 59.
Der Erzähler warnt vor zu vielen Festen: „Darum schmause nicht täglich, als ob groß Hochzeit du feierst […] Labe nicht Tag für Tag mit Leckerbissen den Magen […] Dass du nachher die Speisen nicht unangemacht musst verzehren.“Kristijonas Donelaitis: Die Jahreszeiten. Insel-Verlag Leipzig 1970, S. 59, 64. Dazu passend wird während der Hochzeitsfeier ein „greulicher Schwank“ von den Verschwendern Dolčys und Plaučiūnas erzählt.
Wintersorgen Stürme und Kälte lassen den Herbstschlamm gefrieren und die Wege vereisen. Die Menschen ziehen sich in ihre warmen Stuben zurück und genießen die geernteten Früchte. Der Schultheiß Pričkus ermahnt die Bauern, auf das Feuer zu achten, und warnt vor Bränden, die Haus und Scheunen zerstören und die Inhaber zu Bettlern machen. Ein Beispiel ist der leichtfertige „Dolčys, der Halunke“, der mit seiner ins Stroh gefallenen Pfeifenglut Krizas Haus in Brand gesetzt hat.