Siegfried Aschner (geboren am 21. Dezember 1882 in Breslau; gestorben am 15. Juni 1942 in Vernichtungslager Sobibor) war ein deutscher Philologe, Schriftsteller und Übersetzer. Neben seiner Tätigkeit als Lehrer an verschiedenen Berliner Schulen machte sich Aschner als Übersetzer, Herausgeber und Autor belletristischer sowie kunst- und literaturwissenschaftlicher Werke einen Namen.

Leben und Wirken Aschner, geboren als Sohn des jüdischen Kaufmanns I. Aschner und seiner Frau Friderike, besuchte zunächst das Wilhelms-Gymnasium in Breslau. Nach der Übersiedlung der Familie nach Berlin im Jahr 1892 wechselte er an das Askanische Gymnasium. Hier legte er sein Abitur ab und nahm anschließend ein Studium an der Philosophischen Fakultät der Universität Berlin auf. Je ein Semester studierte er in Freiburg im Breisgau und München. Zu Aschners akademischen Lehrern zählten in Berlin Erich Schmidt, Gustav Roethe, Max Herrmann, Ludwig Geiger, Heinrich Wölfflin und Carl Stumpf; in Freiburg hört er bei Friedrich Kluge und Friedrich Panzer, in München bei Hermann Paul. Er wurde 1909 mit einer Schrift zum Thema „Die deutschen Sagen der Brüder Grimm“ promoviert.

Im Jahr 1912 legte Aschner die Lehramtsprüfung ab und unterrichtete zunächst am Königstädtischen Gymnasium sowie an mehreren Privatschulen. Zu Ostern 1921 trat er sein Seminarjahr in Schöneberg an der Hohenzollernschule an. In den folgenden Jahren wurde er als Studienassessor mehrfach versetzt und unterrichtete hauptamtlich an der Albrecht-Dürer-Schule, der Treitschkeschule, der Schillerschule, der Fontaneschule und der Grunewaldschule; nebenamtlich war er am Bismarck-Pädagogium sowie als Lehrer an der Religionsschule der jüdischen Gemeinde tätig. Im Adressbuch von 1931 ist er unter der Anschrift Berlin N 24, Auguststraße 5, verzeichnet. Im Winterhalbjahr 1932/33 gehörte er dem Kollegium des Hermsdorfer Lyzeums bzw. Realgymnasiums als Studienassessor für die Fächer Deutsch und Französisch an.Avigdor Ben-Trojan: Jüdische Spurensuche in Reinickendorf. Bd. 2 Hermsdorf und Umgebung. Boesche, Berlin 2003, S. 98, ISBN 978-3-923809-82-0.

Da er keinen Frontkämpferstatus besaß, wurde Aschner bereits im April 1933 auf Grundlage des sogenannten Arierparagraphen und des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums aus dem Schuldienst entfernt und am 1. Dezember 1933 zwangsweise in den Ruhestand versetzt. Nach seiner Entlassung unterrichtete er weiterhin als Religionslehrer der jüdischen Gemeinde, in der er zudem als Archivar tätig war.

Am 2. Juni 1942 wurden Aschner und seine Frau Irma Aschner, geborene Schönberger (geb. 16. April 1886 in Belovar, Kroatien), aus ihrer Wohnung abgeholt. In der Literatur heißt es, dass beide wenige Tage später, am 13. Juni 1942, mit dem 15. Transport aus Berlin in das Konzentrationslager Majdanek bei Lublin deportiert wurden und als „verschollen“ gelten. Den Opfern der Deportation wurden nur wenige Minuten gegeben, sich reisefertig zu machen und ein kleines Gepäckstück mitzunehmen. Per Lastwagen wurden sie zur Sammelstelle in der Synagoge Levetzowstraße 7–8 gebracht, mussten dort sämtliche Wertsachen und ihr Bargeld aushändigen sowie ihr Vermögen dem Staat übertragen. Am 13. Juni wurden alle Deportierten aus dem Sammellager zum Bahnhof Grunewald gebracht, von wo die Reichsbahn sie in Personenwagen der dritten Klasse mit nicht genanntem Ziel in den Osten transportierte. Auf dem Transport befanden sich bis zu 1.030 Männer, Frauen und Kinder, darunter bis zu 748 Juden aus Berlin und bis zu 280 aus dem Raum Potsdam. Die Bewachung leisteten 15 Mann der Schutzpolizei. Der Zug hielt am Bahnhof von Lublin, wo eine Selektion durchgeführt und eine unbekannte Zahl arbeitsfähiger Männer im Alter zwischen 15 und 50 Jahren aus dem Zug geholt und in das Konzentrationslager Majdanek verbracht wurde. Als der Zug am 15. Juni Sobibor erreichte, wurden alle Juden des Transports umgehend ermordet. Das Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933–1945 verzeichnet Siegfried Aschner als am 13. Juni deportiert in das Vernichtungslager Sobibor und dort ermordet am 15. Juni 1942.

Nach der Deportation der Aschners kam der Antiquar Max Niederlechner (1889–1970) in die Wohnung, um als Sachverständiger für den Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg (OFP) die verbliebenen Bücher Aschners zu bewerten Er fand verpackte Bücher vor und entdeckte das seltene Buch De convenientia vocabulorum rabbinicorum von David Cohen de Lara, 1648 in Amsterdam gedruckt. Dies überwies er dem Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, der im „Führerauftrag“ Schriften zum Judentum zwecks „weltanschaulicher Auswertung“ sammelte. Der Verbleib des Buches ist bisher ungeklärt.

Schriften Zwei Einakter. Josephine. Historisches Dramolet / Die Glücklichmacher. Jüdisches Milieustück, Diessen 1902. Glut. Ein Buch Gedichte von Siegfried Aschner. H. Schildberger, Berlin 1903. Die deutschen Sagen der Brüder Grimm. Berlin, Univ., Diss., 1909. Ebering, Berlin 1909. Amor als Landschaftsmaler. In: Goethe-Jahrbuch. 1911. Einiges zu Lenz und Goethe. In: Goethe-Jahrbuch. 1911. Zu "Aucassin und Nicolette", in: Zeitschrift für romanische Philologie 35 (1911), S. 741–743. Zu Wilhelm Meister. Von den Röm. Elegien. In: Goethe-Jahrbuch. 1912. Der deutsche Unterricht und die Romantik, in: Zeitschrift für Geschichte der Erziehung und des Unterrichts 6 (1916), S. 225–280 (). Basedow und seine Freunde in Briefen. in: Zeitschrift für Geschichte der Erziehung und des Unterrichts 8/9 (1918/1919), S. 131–141 (). Geschichte der deutschen Literatur. Vom 9. Jahrhundert bis zu den Staufern (Geschichte der deutschen Literatur, 1) (Germanische Studien, 6,1). Ebering, Berlin 1920. Raffael. Der Maler reiner Schönheit. H. Schmidt, München 1920. Die Kunst der Gemäldebetrachtung. P. Neff, Esslingen a. N. 1922. "Sirenen". Ruhrrevier-Nachtspuk. E. Ebering, Berlin 1923. Schicksale und Menschen. Novellen. E. Pierson, Dresden 1924. Anthologie lyrique française. G. Westermann, Braunschweig 1927. Evolution de la Constitution française. G. Westermann, Braunschweig 1927. Artikel in: Georg Herlitz und Bruno Kirschner (Hrsg.): Jüdisches Lexikon. Ein enzyklopädisches Handbuch des jüdischen Wissens in vier Bänden, 4 Bde., Berlin 1927–1930 siehe Liste Jakob Wassermann und die „Unbekannte von der Seine“. [Verl. der Jüdischen Rundschau], Berlin 1934. Holzman-Gedächtnisfeier. 1941, S. 3.

Herausgeberschaft und Übersetzung Wolfgang Müller von Königswinter: Höllenfahrt von Heinrich Heine (Neudrucke literarhistorischer Seltenheiten, 4), hrsg. von Siegfried Aschner, Berlin . Philippe de Commynes: Die Denkwürdigkeiten des Philipps von Commynes, Herrn von Argenton. hrsg. und übers. von Siegfried Aschner, Müller, München 1920. Jean de Joinville: Des Herrn Johann von Joinville Geschichte des heiligen Ludwig (Religiöse Geister, 1,26), übers. und hrsg. von Siegfried Aschner, Mainz 1928. Kaiser Friedrichs I., des Rotbarts, Kampf um Italien. Otto von Freising und Rakewin [Ausz.]. Dt. nacherz., mit Einl. u. Schlußwort vers. Enßlin & Laiblin, Reutlingen (1933).

Weblink Aschner. Siegfried. In: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Oberfinanzpräsident Berlin-Brandenburg, Rep. 36A (II) 1282.

Einzelnachweise

Kategorie:Germanist Kategorie:Romanist Kategorie:Autor Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Novelle Kategorie:Lyrik Kategorie:Übersetzer aus dem Altfranzösischen Kategorie:Brüder Grimm Kategorie:Person des Judentums (Berlin) Kategorie:Opfer des Holocaust Kategorie:Todesopfer im Vernichtungslager Sobibor Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1882 Kategorie:Gestorben 1942 Kategorie:Mann