Jean Jacques Jules Wild (* 3. Dezember 1866 in Saint-Quentin, Département Aisne; † 13. Juni 1951 in Paris) war ein französischer Offizier. Er wurde vor allem bekannt als Vorsitzender der Interalliierten Militär-Kontrollkommission (IMKK), die von 1920 bis 1924 in München über die Einhaltung der Bestimmungen des Versailler Vertrages durch die bayerische Regierung und den bayerischen Teil der Reichswehr wachte.

Leben und Tätigkeit

Frühe Jahre

Wild kam im nordfranzösischen Saint-Quentin als Sohn von Adolphe Wild und dessen Ehefrau Clémence Ludivine, geb. Vinçot, zur Welt. Seine Familie war ausländischer Herkunft. Im Alter von zwanzig Jahren gab Wild am 12. Oktober 1887 auf dem Rathaus seiner Geburtsstadt eine formelle Verzichtserklärung auf seine bisherige Staatsangehörigkeit ab, um die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Kurz darauf trat er am 24. Oktober 1887 als Freiwilliger (Engagé volontaire) in das 32. französische Artillerieregiment ein.

Nach dem Besuch der Fachschule für Artillerie- und Genieoffiziere (École d’application de l’artillerie et du génie) schlug Wild die Laufbahn eines Berufsoffiziers ein. Am 1. Oktober 1889 erfolgte seine Beförderung zum Leutnant (Sous-Lieutenant). Nach einer mehrjährigen Dienstzeit stieg er am 31. Dezember 1897 zum Hauptmann (Capitaine) auf.

Zum 1. Januar 1911 wurde Wild in das 44. Artillerieregiment (44e Régiment d’Artillerie) nach Le Mans versetzt. Für seine dortigen Verdienste wurde er am 16. Januar 1912 durch den Divisionsgeneral Boëlle feierlich als Ritter (Chevalier) in die französische Ehrenlegion aufgenommen.

Erster Weltkrieg

Während des Ersten Weltkriegs diente Wild vorwiegend bei der schweren Artillerie, unter anderem im 75. Artillerieregiment (75e Régiment d’Artillerie), und stieg in den Rang eines Oberstleutnants (Lieutenant-Colonel) auf. Aufgrund seiner technischen Expertise wurde er 1918 als französischer Verbindungs- und Stabsoffizier direkt dem kommandierenden General der amerikanischen Eisenbahnartillerie (Artillerie Lourde sur Voie Ferrée – ALVF) an der Westfront zugeteilt, wo er den Einsatz der schweren US-Geschütze koordinierte. Für seine Leistungen an der Front wurde er im Juli 1919 zum Offizier der Ehrenlegion ernannt.

Tätigkeit bei der Kontrollkommission in Deutschland und Hitler-Putsch Nach dem Inkrafttreten des Versailler Vertrages wurde Wild im Januar 1920 von seinem damaligen Stammtruppenteil, dem 83. Infanterieregiment, für eine Sonder- und Auslandsmission freigestellt (détaché pour mission). Er wurde in das besetzte Deutschland abkommandiert, um im Rahmen der Interalliierten Militär-Kontrollkommission (IMKK) an der Überwachung der Einhaltung der Abrüstungsbestimmungen des Friedensvertrages durch das Deutsche Reich mitzuwirken. Im August 1922 war Wild dauerhaft im Stab der IMKK unter General Charles Nollet in Berlin registriert.

In den Jahren 1922 und 1923 leitete Wild im Rang eines Oberstleutnants mit dem einsatzbedingten Funktionstitel eines Obersten (Colonel à titre temporaire) die mobile Kontrollgruppe der Kontrollkommission für das Gebiet des Freistaates Bayern. Seine Einheit war organisatorisch der Ständigen Inspektion der Artillerie-Fabrikation (Inspection permanente des fabrications de l’artillerie) unterstellt und operierte von München aus, um dortige Rüstungsbetriebe und verdeckte Waffenlager der bayerischen Einwohnerwehren zu liquidieren.

In den Fokus der Öffentlichkeit geriet er durch einen vielbeachteten Zwischenfall am Rande des Hitlerputsches: In der Nacht vom 8. auf den 9. November 1923 drang ein Stoßtrupp aus Angehörigen des 2. Bataillons des Münchner SA-Regiments unter Führung von Edmund Heines in das Hotel Vier Jahreszeiten ein, in dem die Offiziere der in München stationierten alliierten (belgischen und französischen) Delegation der Überwachungskommission ihre Wohnquartiere hatten. Heines hatte die Absicht, die Offiziere im Rahmen des angelaufenen Putsches als Geiseln festzusetzen, um zu verhindern, dass sie die Information, dass ein nationalistischer Putsch in Deutschland stattfinde, vorzeitig ihren Regierungen übermitteln würden. Wild, vom Lärm der in sein Hotelstockwerk eindringenden SA-Männer geweckt, gelang es, sich in seinem Zimmer zu barrikadieren, bevor diese ihn im Schlag überraschen und widerstandslos festsetzen konnten. Als die SA-Leute auf seine Weigerung, die Tür zu öffnen, begannen, diese mit Gewehrkolben einzuschlagen, richtete er seine Dienstpistole durch die zertrümmerte Tür auf diese und drohte von der Schusswaffe Gebrauch zu machen. Eine weitere Eskalation der Situation wurde durch das geistesgegenwärtige Dazwischentreten des Hotelgeschäftsführers Christian Tauber verhindert. Dieser nutzte seine Französischkenntnisse um zwischen beiden Seiten zu vermitteln und einen Kompromiss auszuhandeln: Die Putschisten verzichteten darauf, Wild und die übrigen Offiziere, die die Nachbarzimmer bewohnten, physisch festzunehmen und als Gefangene in den Bürgerbräukeller zu bringen, stattdessen wurden sie in ihren Hotelzimmern unter ehrenhaften Hausarrest gestellt. Das heißt, sie durften unbehelligt in ihren Räumen verbleiben, es wurden aber SA-Männer als Wachen vor jedem von einem Offizier bewohnten Zimmer postiert und weitere SA-Leute im Hotelfoyer zurückgelassen.

Nachdem die Putschleitung von Heines eigenmächtiger Aktion gegen die alliierten Offiziere erfahren hatte, ordnete sie, da sie diese für unklug hielt, die sofortige Freilassung derselben an. Gegen 4:00 Uhr morgens zogen die SA-Wachen daraufhin ab und die Offiziere kamen unversehrt frei.

Spätere Jahre Wild verblieb nach dem Ende seiner Deutschland-Mission im Dienst der Rüstungsüberwachung und wurde administrativ beim 182. schweren Artillerieregiment geführt. Im Jahr 1926 trat er im definitiven Rang eines Lieutenant-Colonel in den Ruhestand.

Für seine langjährigen Verdienste um die französische Armee wurde er in den Nachkriegsjahren mit der dritthöchsten Stufe des nationalen Ordens ausgezeichnet und zum Kommandeur (Commandeur) der Ehrenlegion ernannt. Er verstarb am 13. Juni 1951 im Alter von 84 Jahren in seiner Wohnung in der Avenue Constant Coquelin im 14. Arrondissement von Paris.

Auszeichnungen Ritter der Ehrenlegion (1912) Offizier der Ehrenlegion (1919) Kommandeur der Ehrenlegion (vor 1951)

Literatur John Dornberg: Munich 1923: The Story of Hitler’s First Grab for Power, 1982, S. 175–177.

Weblinks Digitalisierte Personalakte zu Wild in der Base Léonore (französisch)

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