mini|Der archäologische Park Lago Lucone mit dem mit einem Zelt überdachten Grabungsareal Lucone D Die Pfahlbauten von Polpenazze sind ein prähistorischer Siedlungsplatz bei Polpenazze del Garda in der Provinz Brescia, Italien. Die Fundstelle der Pfahlbautensiedlungen wurde 2011 mit 110 weiteren Fundstellen in sechs Alpenländern von der UNESCO in das Inventar des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen. Die Pfahlbauten von Polpenazze werden im archäologischen Museum des Val Sabbia in Gavardo museal aufgearbeitet.
Lage mini|Das ehemalige Seebecken des Lago di Lucone, im Hintergrund der Gardasee Der prähistorische Siedlungsplatz liegt westlich von Polpenazze del Garda in den Moränenhügeln der Valtenesi auf einer Höhe von Antonella Aimar, Stefano Gregoriani: I manufatti in materia dura animale del sito di Lucone. Analisi micromorfologica di superficie. S. 12. Er befindet sich in einer weitläufigen Senke, die größtenteils urbar gemacht wurde und einst von einem kleinen See bedeckt war, dem Lago di Lucone.
Der See wurde 1458 durch den Bau eines Entwässerungskanals, der 1567 nochmals ausgebaut wurde, langsam trockengelegt. Im Gegensatz zu anderen Verlandungsmooren in den Valtenesi, wurde in Lucone nie kommerziell Torf gestochen.Marco Baioni, Gabriele Bocchio, Claudia Mangani: Il Lucone di Polpenazze: storia delle ricerche e nuove prospettive. S. 83. In der Mitte des Seebeckens, in dem fünf Pfahlbausiedlungen entdeckt wurden, befindet sich ein Moorgebiet.
Entdeckung Die archäologische Fundplatz Lucone ist seit Ende des 19. Jahrhunderts bekannt. Er geriet danach wieder in Vergessenheit und wurde in den 1950er und 1960er Jahren zufällig wiederentdeckt, als eine Volksschullehrerin aus Polpenazze einige prähistorische Fundstücke entdeckte.Marco Baioni, Gabriele Bocchio, Claudia Mangani: Il Lucone di Polpenazze: storia delle ricerche e nuove prospettive. S. 83–84. Zwischen 1965 und 1971 fanden im Auftrag der Sopraintendenza die ersten Grabungen im Areal Lucone A statt. Nachfolgend wurden die vier Areale Lucone B, C, D und E ausgemacht, die vermutlich verschiedenen Pfahlbausiedlungen entsprechen.
Archäologischer Befund mini|Dreidimensionale Karte des Beckens des Luconesees, eingezeichnet sind die Grabungsareale Lucone A bis E Das Becken des Luconesees war nach einer ersten Siedlungsphase in der späten Jungsteinzeit durchgehend von der Frühbronzezeit bis zur frühen Mittelbronzezeit besiedelt. Noch im Laufe der Mittelbronzezeit wurde der Siedlungsplatz anscheinend vollkommen aufgegeben. Während der späten Mittelbronzezeit entstanden dann die ersten Siedlungen auf den Moränenhügeln in der Umgebung des Sees.Marco Baioni, Gabriele Bocchio, Claudia Mangani: Il Lucone di Polpenazze: storia delle ricerche e nuove prospettve. S. 85.
Archäologische Grabungen fanden in den Grabungsarealen Lucone A und D statt. Die Areale Lucone B, C und E sind zwar als Fundstellen bekannt, aber weitgehend unerforscht.
Lucone A mini|Reste von Pfahlbauten in Lucone D Bei Lucone A handelt es sich um das erste erforschte Areal. Eine erste Grabungskampagne fand zwischen 1965 und 1971 statt. 1965 beschränkte man sich auf eine oberflächliche Untersuchung, um die Ausdehnung des archäologischen Areals festzulegen. Dabei wurden unter anderem die Reste eines Einbaums entdeckt. Anhand der bis 1971 gemachten Funde, lassen sich mehrere Siedlungsphasen dem Areal Lucone A zuordnen. Der älteste Horizont fällt in die Frühbronzezeit, von der allerdings nur spärliche Fundstücke vorhanden sind. Dies ist wohl darauf zurückzuführen, dass diese 2,1 m unter der Erdoberfläche gelegene Schicht nur sehr wenig erforscht ist. Die Funde dieses Horizonts – darunter eine Axtklinge der Remedello-Kultur – legen nahe, dass am Ufer des Sees eine Pfahlbausiedlung bestand, die vermutlich durch einen Brand zerstört wurde.Marco Baioni, Gabriele Bocchio, Claudia Mangani: Il Lucone di Polpenazze: storia delle ricerche e nuove prospettve. S. 86.
Besser mit Funden dokumentiert ist die Endphase der Frühbronzezeit, darunter befinden sich auch einige Brotlaibidole. Mit Hilfe der zwischen 1968 und 1969 erfolgten Grabungen konnte festgelegt werden, dass auf der älteren abgebrannten Siedlung eine neue Pfahlbausiedlung errichtet wurden, die vermutlich teilweise auf dem Trockenen lag. Diese Siedlung wurde später wahrscheinlich ebenfalls durch ein Feuer zerstört.Marco Baioni, Gabriele Bocchio, Claudia Mangani: Il Lucone di Polpenazze: storia delle ricerche e nuove prospettve. S. 87.
Zahlreiche Fundstücke gibt es auch vom Beginn der Mittelbronzezeit. Bei den Grabungen 1971 wurden unter anderem zwei Bronzenadeln entdeckt. Über die Art der Siedlung dieses Horizonts lässt sich allerdings nichts sagen, da der Horizont größtenteils durch spätere Feldarbeiten zerstört wurde. Ein Großteil der Fundstücke wurde auf landwirtschaftlich genutzten Schichten oder unmittelbar darunter gefunden. Fundstücke aus anschließenden späteren Phasen der Mittelbronzezeit sind nur sehr vereinzelt zu Tage getreten, so dass zu diesen Phasen keine verlässlichen Aussagen gemacht werden können.Marco Baioni, Gabriele Bocchio, Claudia Mangani: Il Lucone di Polpenazze: storia delle ricerche e nuove prospettve. S. 87–88.
Lucone B Lucone B ist ein weitläufiger Fundbereich, auf dem zahlreiche Holzfragmente gefunden wurden. Die Horizonte von Lucone B sind bislang nicht untersucht worden. Die Holfragmente konnten auf das Ende der frühen Bronzezeit und auf den Beginn der mittleren Bronzezeit datiert werden.Marco Baioni, Gabriele Bocchio, Claudia Mangani: Il Lucone di Polpenazze: storia delle ricerche e nuove prospettive. S. 84.
Lucone C Das Grabungsareal Lucone C besteht aus einer flachen, von menschlichen Siedlungsspuren geprägten Schicht am Rande einer ehemaligen Landzunge des Sees. Freigelegt wurden der aus einer weißen Schicht bestehende Seerand sowie der Kieselstock des Seegrundes. Der Fundplatz weist nur wenige Tonscherben, aber zahlreiche Splitter aus Feuersteinen auf. Erstere lassen sich der Vasi-a-bocca-quadrata-Kultur und der Lagozza-Kultur zuordnen, während zweitere der Jungsteinzeit und der Kupfersteinzeit zugewiesen werden können. Einige Feuersteinsplitter stammen zudem aus der Bronzezeit.
Lucone D mini|Museale Aufarbeitung der Pfahlbauten von Polpenazze im archäologischen Museum in Gavardo Lucone D ist das einzige Grabungsareal, das nicht im nordwestlichen Bereich des Beckens liegt, sondern im vollständig trockengelegten Südosten der Senke.Marco Baioni, Gabriele Bocchio, Claudia Mangani: Il Lucone di Polpenazze: storia delle ricerche e nuove prospettive. S. 88. Es wurde in den 1980er Jahren und erneut ab den 2000er Jahren archäologisch untersucht. Lucone D war eine kleinere Siedlung als Lucone A mit einer Fläche von etwa 1 Hektar. Sie war zudem nur für einen relativ kurzen Zeitraum besiedelt.Marco Baioni et al.: Daily Life in a north Italian Early Bronze Age pile dwelling: Lucone di Polpenazze del Garda (Italy-Brescia). S. 54, 56. Mittels Radiokarbonmethode wurde festgestellt, dass die ersten Pfähle von Lucone D in der italienischen Frühbronzezeit um das Jahr 2033 v. Chr. (± 10) im Seegrund verankert wurden. Diese erste Pfahlbausiedlung brannte später vollkommen ab. In der Folge entstand eine neue Pfahlbausiedlung, deren letzte Pfähle laut Radionkarbonmethode um das Jahr 1967 v. Chr. gefällt wurden.Marco Baioni, Gabriele Bocchio, Claudia Mangani: Il Lucone di Polpenazze: storia delle ricerche e nuove prospettive. S. 89. Die zweite Siedlungsphase dauerte ohne Unterbrechungen, was aus dem Vorhandensein von mehreren Horizonten ersichtlich ist. Wahrscheinlich noch im Laufe der späten Frühbronzezeit wurde schließlich Lucone D aufgegeben. Die Grabungsergebnisse lassen die Vermutung zu, dass sie am Ende eine Randsiedlung einer neuen auf trockenem Untergrund errichteten Siedlung gewesen ist, die in erhöhter Lage in gewisser Entfernung vom Ufer des Luconesees errichtet wurde.Marco Baioni, Gabriele Bocchio, Claudia Mangani: Il Lucone di Polpenazze: storia delle ricerche e nuove prospettive. S. 90–91.
In Lucone D wurden eine Reihe von Artefakten entdeckt. Fast alle größeren Tongefäße konnten rekonstruiert werden, da sie vor Ort zu Bruch gingen. Kleine und mittlere Gefäße wurden zum Großteil sogar intakt geborgen. Zu den am häufigsten gefundenen Objekten gehören Becher, Amphoren und Krüge, die für die Polada-Kultur charakteristisch sind. Neben zahlreichen Artefakten aus Ton wurden Bronzeklingen, Armbänder aus Stein sowie aus Knochen hergestellte Nadeln geborgen. Zudem fand man Werkzeuge aus Holz, wie Sicheln, Ruten und Hacken sowie Spindeln und Webgewichte aus Stein für die Verarbeitung von Wolle und Leinen, wovon auch entdeckte Leinenfragmente zeugen. Unter den entdeckten ornamentalen Gegenständen befinden sich Fayence-Perlen und Brotlaibidole, die auf einen Kultur- und Gütertausch mit Mitteleuropa hinweisen.Marco Baioni et al.: Daily Life in a north Italian Early Bronze Age pile dwelling: Lucone di Polpenazze del Garda (Italy-Brescia). S. 57–58.
Zahlreiche Funde pflanzlichen und tierischen Ursprungs geben zudem Aufschluss auf die Ernährung und Lebensweise der frühbronzezeitlichen Bewohner von Lucone D.Marco Baioni et al.: Daily Life in a north Italian Early Bronze Age pile dwelling: Lucone di Polpenazze del Garda (Italy-Brescia). S. 58–59. Erkenntnisse über die Struktur und den Aufbau der Siedlung geben die über 1200 Holzelemente, die bis Ende der 2010er Jahre auf einer Fläche von 335 m² in Lucone D freigelegt wurden.Siti palafitticoli preistorici dell’arco alpino. S. 56.
Schädelkult mini|2012 entdeckter Kinderschädel in Lucone D, Zeugnis eines in Lucone praktizierten Schädelkultes 2012 wurden in Lucone D Teile eines Kinderschädels unter einem Stück Rinde entdeckt. Die Rinde diente vermutlich als Abdeckung. Weitere Knochenreste, die ebenfalls von einem Kind stammen, wurden später einige Meter vom Fundort des Schädels freigelegt. Das Kind war etwa 2 ½ bis 3 Jahre alt, als es starb. Laut dendrochronologischer Untersuchungen wurde der Schädel zwischen 2035 und 1967 (± 10) v. Chr. unter die Rinde gelegt und kann damit der frühen Frühbronzezeit zugeordnet werden. Er wurde kurz vor dem Neubau der vorher teilweise abgebrannten Pfahlbausiedlung auf dem Grund des Sees deponiert. Möglicherweise wurde das Kind in einem Ritual vor dem Neubau der Siedlung geopfert und dann enthauptet. Rituale dieser Art waren in der Ur- und Frühgeschichte weit verbreitet und sind beispielsweise in Göbekli Tepe dokumentiert. In Norditalien stellen solche Schädelkulte eher eine Ausnahme dar, weshalb dem Fund in Lucone ein besonderes Gewicht beikommt.Marco Baioni, Alessandro Canci: Il bambino del Lucone di Polpenazze (BS). Un culto dei crani in una palafitta dell’antica età del Bronzo? S. 203–208.
Die übrigen Skelettteile des Kindes wurden 2018 in etwa 20 m Entfernung von der Fundstelle des Schädels entdeckt. Der Schädel ist mittlerweile im archäologischen Museum in Gavardo ausgestellt. 2019 wurde in Lucone D ein weiterer Kinderschädel in 2 m Entfernung vom ersten Fundort entdeckt. Nach Aussagen des Grabungsleiters und Direktors des archäologischen Museums in Gavardo, Marco Baioni, unterstreicht der Fund, dass es sich um ein ganz spezifisches Bestattungsritual handelt. Auch der zweite Schädel, war von Rinde umgeben und nach dem Tod des Kindes vom Rumpf abgetrennt worden. Er ist ebenfalls um die 4000 Jahre alt.
Lucone E Lucone E ist der jüngste Fundplatz der ausgemacht wurde. Er wird von einer vermutlich aus Schwemmmaterialien bestehenden Schicht überdeckt. Der Fundplatz wurde zufällig bei landwirtschaftlichen Arbeiten entdeckt, als einige prähistorische Funde zu Tage traten, darunter eine bronzene Axtklinge.
Literatur Marta Bazzanella-Anna Mayr: Tessuti e intrecci dall'insediamento di Lucone di Polpenazze (Polpenazze del Garda - Brescia). In: Museo Archeologico della Valle Sabbia (Hrsg.): Annali del Museo. Band 17 (1999). Museo Archeologico della Valle Sabbia, Gavardo 1999.