Numantia (Originaltitel: La destruyción de Numancia, Tragedia de Numancia oder El cerco de Numancia) ist ein nach 1585 entstandenes Drama von Miguel de Cervantes. Die Uraufführung fand in Madrid statt.James Y. Gibson: Introduction. In: Miguel de Cervantes Saavedra: Numantia. A tragedy. Kegan Paul, Trench and Co., London 1885. S. VII–XVIII. Hier S. VII. (htm). Erstmals gedruckt wurde Numantia 1784 von Antonio de Sancha zusammen mit den Cervantes-Werken Die Reise zum Parnass und Sklave in Algier. Friedrich de la Motte Fouqué übertrug das Werk 1809 erstmals ins Deutsche. Kurzbeschreibung Der römische Feldherr Scipio übernimmt die Belagerung von Numantia, ordnet strenge Disziplin an und schneidet die Stadt von Versorgung ab. Statt zu verhandeln, eine Feldschlacht oder einen entscheidenden Zweikampf zu riskieren, will er Numantia durch Hunger zur Kapitulation zwingen. Die Numantiner sehen in der bereits grassierenden Hungersnot ihr unabwendbares Ende. Angesichts der Aussichtslosigkeit beschließen sie, ihren Besitz zu verbrennen und dem Feind keinen Triumph zu gönnen: Viele wählen freiwillig den Tod, anderen werden durch Senatsbeschluss ermordet. Am Ende sind alle Numantiner tot, nur der Knabe Variato bleibt auf dem Turm seines Vaterhauses sichtbar, doch stürzt sich in den Tod, so dass das Römische Reich zwar militärisch siegt, Numantia aber moralisch. Inhalt Erster Aufzug Scipio ist neuer Befehlshaber bei der Belagerung von Numantia. „Die schwere, unerträglich schwere Last, die Roms Senat mir auf die Schultern legte“, sieht Scipio dadurch vermehrt, dass die Moral der Belagerungstruppen vollkommen verlottert ist: „Ich muss zuerst die Laster unterbinden“, sagt er zu seinen Offizieren, darunter seinen Bruder Quintus Fabius Maximus. Vor den Soldaten hält er eine Rede, in der unter anderem Militärprostitution verboten und das Schlafen „mit einer Schütte Stroh auf hartem Boden“ befohlen wird: „Solange in Numantia leben Spanier, erlaube ich euch nichts als nur das Harte!“ Die Soldaten schwören ihrem Lotterleben ab. Die belagerten Numantiner schicken Gesandte, die im neuen Befehlshaber neue Verhandlungsmöglichkeiten entdecken: „Die letzten Konsuln kannten nichts als Härte und legten uns, voll Gier nach unseren Schätzen, ein unerträglich Joch auf unsern Nacken, daß wir nicht anders konnten, als es brechen“. Doch Scipio würde nur eine Kapitulation akzeptieren: „Für die Empörung in den vielen Jahren ist euer Wunsch nach Frieden keine Sühne“. Die Gesandten gehen ab, Fabius ruft ihnen prahlend-drohend nach und wird von seinem Bruder gebeten, das zu unterlassen, denn dergleichen wäre „fremd dem wackern Herzen eines Tapfern“. Scipios Plan: „Ich will die Stadt mit einem Graben gürten, daß sie vor Hunger in die Knie mir geht“, weil Ausbruchsversuche zur Verproviantierung stärker erschwert werden. Um auch den an Numantia angrenzenden Duero als Versorgungsweg abzuschneiden, lässt Scipio im Flussbett „Türme baun und Schanzen“.

Zweiter Aufzug Numantias Führer beraten sich, wie sie auf die erschwerte Belagerungssituation reagieren sollen, „denn die Belagerung, sofern sie dauert, bedeutet nur Numantias Untergang. Der breite Graben hindert uns daran, das Waffenglück von neuem zu versuchen“, so der Numantiner Theogenes. Ein Ratsherr schlägt vor, dass die Römer „ein Freifeld gäben für einen hier von uns und einen Römer und daß der Tod des einen oder andern das Urteil sei in unserm alten Streit“. Hierzu erklärt Theogenes sich bereit: „Ich mache mich, so ihr es wollt, erbötig – sofern ihr meiner Tapferkeit vertraut – als Kämpfer mit dem Römer mich zu stellen, so dieser Zweikampf sollt zustandenkommen“. Außerdem sollen die Priester und Zauberer laut dem Ratschluss über die Zukunft Numantias befragt werden, beispielsweise Marquino.

Währenddessen plagt den Numantiner Marandro in dem Zwiegespräch mit einem Freund der Liebeskummer: „Weißt du nicht, seit wieviel Jahren Lira ich im Herzen trage? […] Gleicherweise weißt du, Freund, daß vor unserm Freudentag dieser Krieg uns überraschte und der Hoffnung Knospe brach. Unsre Heirat ward verschoben, bis der Krieg zu Ende ist“, was nicht abzusehen wäre. Das Gespräch wird unterbrochen, weil numantinische Priester auftreten, mit Opfertier und Weihrauch. Doch welche Methode die Auguren auch wählen, das Ergebnis ist stets, dass „die Himmel uns das Urteil gesprochen, und es heißt: der Untergang“. Außerdem klaut einer der heraufbeschworenen Dämonen nolens volens den zu opfernden Widder. Theogenes fordert den Zauberer Marquino zu einer weiteren Weissagung auf, „daß ohn Widerruf ein jeder wisse, was uns bringt an Schrecken ein unabwendbar längst entschiednes Los“. Marquino will einen Toten wieder zum Leben erwecken, der drei Stunden zuvor des Hungers starb, denn „an die Sonne tretend soll der Tote wissen, wie es mit uns in diesem Krieg bestellt“. Doch der Hungertote hat zum einen keine Lust zu erscheinen und zum anderen nichts anderes zu berichten als das, was die anderen Weissagungen brachten – allerdings mit der neuen Nuance, „daß Numantia ein gräßliches, ein nie gesehnes Ende durch jene finden wird, die seiner Freiheit und seinem Glanz am allernächsten stehen“. Marquino will, „um diesen Greuel nicht zu sehen, mein Leben hier in dieser Gruft beschließen“ und stürzt sich selbstmörderisch in jene Gruft, in die er Hungertote unmittelbar zuvor zurückgekehrt ist.

Dritter Aufzug Von der Stadtmauer aus trägt der numantinische Herold den Vorschlag eines alles entscheidenden Zweikampfes vor: Wenn der Numantiner unterliegen, dann möge Numantia römisch werden, wenn der Römer, „dann sei dieser Krieg zu Ende“. Scipio lehnt diesen Vorschlag brüsk ab, nennt die Numantiner „ein Ungetier, steckt jetzt im Käfig, und zähmen will ich euch auf meine Art“. Scipio wird seinerseits von der Stadtmauer herab geschmäht, doch in deren Innern ist man ratlos, auch der Möchtegern-Zweikämpfer Theogenes: „Den Zweikampf hat man schmählich uns verweigert. Was bleibt uns noch zu tun? Wer weiß noch Rat? Wir können nur dem Untergang uns weihen. Es soll darum der Numantiner Mut in dieser Nacht in höchstem Glanz sich zeigen, und was nur Absicht war, es werde Tat! Der Feinde Mauer sei im Sturm durchstoßen, denn sterben wollen wir auf offnem Feld und nicht wie Memmen hinter festen Mauern“. Numantinerinnen, darunter Lira, protestieren gegen solch ein massenhaftes Selbstmordkommando: „Das Leben wollt ihr kämpfend von euch werfen, um auszuliefern uns dem wilden Feind, der uns erst schänden wird und nachher morden“. Die Männer geben nach, Theogenes fordert allerdings eine Alternative: „Nur müssen wir beraten, wie der Feind nicht Sieger werde und nicht triumphiere“. Erste Maßnahme, den Triumph zu schmälern: der Vernichtung aller Wertsachen durch ein großes Feuer auf Numantias Hauptplatz. Die Menge verlässt die Szene, zurück bleiben Marandro und Lira, die davon berichtet, wie ihr ein Bruder und die Mutter bereits verhungert wären und die fürchtet, selbst am Hunger „zu verscheiden, ehe noch die Stunde um ist“. Marandro will gewaltsam aus dem Römerlager Brot holen, doch Lira argumentiert gegen dieses irrationale, aus Liebe ersonnene Vorhaben, „zwei, drei Tage“ längeres Lebe wäre das Risiko eines solchen Brotraubs nicht wert. Dennoch macht Marandro sich mit einem Freund auf den Weg zum Raubüberfall, während der Scheiterhaufen auf dem Hauptplatz zu lodern beginnt und erste Nahrung findet. Außerdem macht ein Gerücht über einen Beschluss des numantinischen Senats die Runde: „Beschlossen ward, daß keiner überlebe die Stadt, nicht Mann, nicht Weib, nicht Kind noch Greis, denn schließlich würde fürchterlicher noch der Hunger sie in seiner Wut erwürgen“.

Vierter Aufzug Quintus Fabius berichtet seinem Bruder Scipio, als jener sich über unziemlichen Lärm beschwert: „Zwei Numantiner haben Wall und Graben – ihr Heldenmut steht außer jedem Zweifel; er ist zu loben – tollkühn überwunden und eine Schlacht im Lager hier geliefert. […] So stürmten wütend beide Numantiner von Zelt zu Zelt und suchten überall, bis ein paar lumpge Brote sie dann fanden. Drauf zogen sie, stets kämpfend, sich zurück. Der eine ist, verwundet, uns entkommen; der andre ward durchbohrt von tausend Schwertern“. Der Tote ist Marandros Freund, der Schwerverletzte Marandro selbst: Mit einem Korb voll blutverschmiertem Brot gelangt er in die Stadt, bricht vor Lira tot zusammen, die seinen Kopf in ihrem Schoß bettet. Ein Bruder Liras kommt, berichtet, dass der Vater nun im Sterben liege, sieht den Korb, doch „der Hunger drückt die Kehle mir so fürchterlich zusammen, daß kein Brot, und wär es Wasser, ich zu schlucken noch vermöchte“. Dann stirbt auch er. Lira erwägt angesichts der allgemeinen Katastrophe den Freitod, als ein numantinischer Soldat eine Frau verfolgt, die er gemäß Senatsbeschluss töten will. Lira fordert, „wende lieber gegen mich den Dolch“, was er aber im Hinblick auf ihre Schönheit verweigert. Da er sich weigert, fordert Lira nun von ihm, wenigstens bei der Beisetzung ihres Bruders und Marandros zu helfen, und sie transportieren die beiden Leichen ab. Während Flammen „aus den Dächern aller Häuser“ lodern, erscheint Theogenes mit seiner Familie auf dem Weg in einen erweiterten Selbstmord: „Da ich, geliebte Gattin, war der erste, der vorschlug, daß wir alle sterben sollten, bevor wir uns der Willkür unterwürfen, mit der die Römer Recht und Unrecht machen, will ich der letzte auch nicht sein im Sterben, noch seien es die Kinder“. Seine Frau willigt ein, doch „wenn ich sterben muß, dann will ich sterben im Tempel“, und Theogenes‘ Familie verlässt die Szene; später werden Theogenes und ein Numantiner auf dem Hauptplatz auf Leben und Tod kämpfen, wobei der Überlebende sich in den Scheiterhaufen stürzen mag. Doch ehe das geschieht, tritt kurz der Knabe Variato auf die Szene: Vor den Schwertern seiner Landsleute fliehend, will er sich verstecken „im Hause meines Vaters auf dem Turm“.

Vor den Mauern der Stadt ist Scipio beunruhigt: „So mich nicht trügt die Ahnung, die mich quält, so keine Sinnestäuschung sind die Zeichen – der Sterbegesang, die grelle Feuerlohe, das ungewohnte Lärmen in der Stadt –, dann kann ich nicht umhin zu denken, daß sich die letzte rohe Wut des Feindes ein Opfer suche in der eigenen Brust“. Er schickt erst einen, dann noch einen Offizier mit einer Leiter auf die menschenleere Stadtmauer. Sie berichten, dass in der nunmehrigen Geisterstadt Numantia weit und breit nur Tote und Blut zu erblicken wären. Quintus Fabius diagnostiziert rasch, dass die Numantiner ihr Leben eher enden wollten mittels „ihrer oft erprobten Schwerter, als zu vertrauen uns, den sichern Siegern, für die sie stets nur Abscheu übrig hatten“. Scipio begrübelt bereits andere Probleme: „So nur ein einzger Numantiner lebt, wird man in Rom mir den Triumph nicht währen, denn ich hab dieses stolze Volk gebändigt“. Die beiden Offiziere kehren zu Scipio zurück. Der eine Offizier berichtet unter anderem, dass Theogenes sich nach seinem letzten Zweifkampf-Sieg vereinbarungsgemäß in den Scheiterhaufen geworfen habe. Der andere Offizier meint: „Es bleibt dir in Numantia nichts zu tun, da alle Krieger tot. Ein einzger, glaub ich, hat, den Triumph zu sichern, überlebt, dort oben auf dem Turm, so will’s mich dünken“. Es ist Variato. Scipio, um seinen Triumphzug besorgt, sichert ihm die Freiheit zu und noch mehr: „Ich will, so du dich gibst in meine Hand, nach meiner Macht und deinem Wunsch dir geben dein ganzes Leben lang, was du begehrst an Reichtum, Freuden und an Möglichkeiten“. Doch Variato antwortet: „Mich schreckt nicht Furcht, noch locken mich Versprechen […]. Als Sühne für die Angst, die ich gezeigt, will zu gewagter Tat ich mich entschließen“. Er stürzt sich vom Turm in den Tod. Scipio bedauert an diesem Todesfall vor allem sich selbst, „weil du in deinem Absturz hast bezwungen den, der im Aufstieg schon, ist tief gefallen“. Und „Numantia bleibt noch im Untergang Sieger“, der einen Großteil der Römer zu bloßen Statisten degradiert. Textanalyse