Als Klasse Y14 ordnete die Great Eastern Railway (GER) 289 zwischen 1883 und 1913 nach einem Entwurf ihres Locomotive Superintendents Thomas William Worsdell beschaffte Dampflokomotiven der Achsfolge C ein. Vorgesehen waren die Lokomotiven vor allem für den Güterverkehr. 1922 begann die GER mit ersten Ausmusterungen. Die London and North Eastern Railway (LNER), in der die GER 1923 infolge des Railways Act 1921 aufgegangen war, übernahm noch 277 Lokomotiven und bezeichnete sie als Klasse J15. Die Y14 waren die stückzahlmäßig größte Lokomotivklasse der GER, auch bei der LNER waren sie die größte der von den Vorgängergesellschaften übernommenen Klassen. Durch ihre geringe Achslast und die Ausstattung vieler Maschinen mit Vakuum- und Druckluftbremsen waren sie vielfältig einsetzbar und bespannten neben den vorgesehenen Güterzügen auch Personenzüge und Sonderleistungen. Mit der Nationalisierung infolge des Transport Act 1947 gingen 1948 noch 127 Stück an British Railways (BR) über. Die letzten vier Maschinen schieden 1962 aus, sie gehörten zu den letzten im ehemaligen GER-Netz in East Anglia eingesetzten Dampflokomotiven. Eine Lokomotive der Klasse blieb als Museumslokomotive bei der North Norfolk Railway (NNR) erhalten. Der von der GER im Jahr 1913 beim Bau einer Y14 aufgestellte Weltrekord einer Bauzeit von 9 Stunden und 47 Minuten für eine Dampflokomotive wurde seitdem nie unterboten.
Geschichte Die GER hatte 1882 zusammen mit der Great Northern Railway (GNR) die Great Northern and Great Eastern Joint Railway in Betrieb genommen. Mit dieser Strecke, die von Doncaster über Lincoln nach March und Huntingdon führte, erhielt die GER Zugang zu den Kohlefeldern von South Yorkshire. Die neue Verbindung wurde bald gut nachgefragt und die GER benötigte neue Lokomotiven, um den gestiegenen Verkehr zu bewältigen. Worsdell entwarf hierfür einen konstruktiv einfachen, aber leistungsfähigen C-Kuppler mit niedriger Achslast, der auch für die Nebenstrecken der GER geeignet war. Die unternehmenseigenen Stratford Works in Stratford lieferten im Juli 1883 die erste Maschine aus. Die neue Bauart bewährte sich und wurde zur Standardgüterzuglokomotive der GER. Worsdells Nachfolger James Holden, Stephen Dewar Holden und Alfred John Hill setzten ihre Beschaffung fort. James Holden führte 1892 die von der Y14 abgeleitete neue Klasse N31 ein, was zu einer Beschaffungspause für die Y14 führte. Die N31 erwiesen sich jedoch als weniger leistungsfähig und ab 1898 wurde die Beschaffung der Y14 fortgesetzt.The Great Eastern Railway Society: Y14 Class 0-6-0 1883-1892, 1899, 1906, 1912-1913. (englisch, abgerufen am 20. September 2026)
Bis 1913 kamen so in 27 Lieferlosen insgesamt 289 Y14-Lokomotiven in den Bestand. Mit Ausnahme von 19 Stück, die 1884 Sharp, Stewart and Company lieferte, entstanden alle in den Stratford Works. Der ursprüngliche Entwurf blieb über die lange Bauzeit weitgehend unverändert.Preserved British Steam Locomotives: J15 65350 – 65479 0-6-0 GER T W Worsdell, Holden & Hill (englisch, abgerufen am 20. September 2026)
1913 stellten die Stratford Works mit einer Y14 den Weltrekord für den schnellsten Bau einer Dampflokomotive auf. Die Lokomotive 940 wurde in 9 Stunden und 47 Minuten zusammengebaut; damit unterbot die GER den bisherigen britischen Rekord der Crewe Works von 25 Stunden und 30 Minuten um fast zwei Drittel. Diese Zeit wurde seitdem nie unterboten.
Die Lokomotiven waren vielseitig einsetzbar und wurden, da die jüngeren Lieferlose auch mit Druckluftbremsen ausgerüstet waren, vor fast allen Zugarten verwendet. Von den schwersten Güterzügen verdrängten sie ab etwa 1900 die neuen und größeren C-Kuppler der Klasse F48.LNER Encyclopedia: The Class J15 (GER Class Y14) 0-6-0 Locomotives (englisch, abgerufen am 20. September 2026) Während des Ersten Weltkriegs verlieh die GER 43 Y14-Lokomotiven an die Railway Operating Division (ROD) der British Army. Sie wurden in Frankreich hinter der Westfront eingesetzt; aufgrund ihrer geringen Achslast eigneten sie sich auch für den Einsatz auf provisorisch verlegten, frontnahen Gleisen. Alle kehrten 1919 nach Großbritannien zurück, jedoch musste eine Lokomotive aufgrund kriegsbedingter Schäden 1920 ausgemustert werden.
1922 begann die GER mit der Abstellung der ältesten Y14, so dass bei der Übernahme durch die neugegründete London and North Eastern Railway (LNER) noch 272 Lokomotiven in die Klasse J15 der LNER übernommen wurden. Rund ein Drittel davon war im Depot Stratford in London stationiert. Der Großteil der übrigen Lokomotiven war in East Anglia in den Depots von Cambridge, Ipswich, Norwich und Peterborough beheimatet. Neben dem Güterverkehr, wo sie inzwischen vor allem Sammlerzüge, Viehtransporte und diverse Sonderaufgaben übernahmen, waren sie weiter auch im Personenverkehr vor Ausflugs- und Truppenzügen eingesetzt. Ab Ende der 1920er Jahre wurden sie teilweise von neuen J39 aus manchen Diensten verdrängt. Die LNER setzte die schrittweise Ausmusterung älterer Exemplare fort, so dass 1930 noch 222 und 1940 noch 130 Stück vorhanden waren. Fünf Maschinen erhielten 1934/35 neue Führerhäuser mit Seitenfenstern und Tender mit Schutzwand für den Einsatz auf der Stichstrecke nach Brightlingsea und der Colne Valley Line, auf denen sie aufgrund fehlender Drehscheiben an den Endbahnhöfen auch rückwärts Züge bespannen mussten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte die LNER ab 1947 die Ausmusterungen fort, so dass zum 1. Januar 1948 noch 127 Lokomotiven mit der Verstaatlichung infolge des Transport Act 1947 zu British Railways (BR) kamen. 32 davon waren in Stratford stationiert und 22 in Cambridge. Auch die Depots in Colchester, Ipswich und Norwich besaßen jeweils zwischen 13 und 18 Stück. Die älteste Maschine hatte das Baujahr 1886, war also zu diesem Zeitpunkt bereits 62 Jahre alt.Hugh Longworth: British Railways Steam Locomotives 1948–1968, Oxford Publishing, 2. Auflage, Hersham 2013, ISBN 978-0-86093-660-2, S. 243
BR musterte jährlich weitere Maschinen aus und zum 31. Dezember 1959 waren noch 26 Y14 im Bestand. Auch bei BR blieben die Lokomotiven – von zwei Ausnahmen abgesehen – im ehemaligen GER-Netz stationiert. Lediglich 1957 und 1958 waren zwei Lokomotiven für kurze Zeit vor ihrer Abstellung in Neasden stationiert und bedienten die im ehemaligen Netz der Great Western Railway (GWR) liegende Strecke von Princes Risborough nach Watlington nordwestlich von London. Die letzten vier Maschinen wurden schließlich im September 1962 ausgemustert. Sie zählten zu den letzten Dampflokomotiven im ehemaligen Netz der GER, auf dem der Dampfbetrieb noch im gleichen Jahr endete. Darunter war mit der Lokomotive 65361 eine des Baujahrs 1889, die somit 73 Jahre im Dienst gestanden hatte.
Technik Worsdell konstruierte die Y14 bewusst schlicht mit dem Ziel einfacher Wartung. Technisch entsprach sie mit Blechrahmen und Innenzylindern mit Flachschiebern dem damaligen Stand der Technik britischer Bahnen bei vergleichbaren C-Kupplern. Mit ihrem hohen Schornstein und der niedrigen Kessellage besaß sie ein etwas altertümliches Erscheinungsbild. Typisch war der weit vorne auf dem Kessel sitzende Dampfdom. Obwohl sich gegen Ende ihrer langen Bauzeit der Einsatz von Überhitzern bereits weitgehend durchgesetzt hatte, blieben die Y14 bis zum Ende ihrer Dienstzeit Nassdampflokomotiven. Das Kesseldesign wurde auch sonst kaum verändert und Worsdells Nachfolger James Holden verwendete die Konstruktion als Standardkessel bei den Klassen C32, N31, T19 und T26.LNER Encyclopedia: The Class J14 (GER Class N31) 0-6-0 Locomotives (englisch, abgerufen am 20. September 2026) Kleinere Änderungen waren der Ersatz der ursprünglichen Flachroste durch geneigte Roste ab 1891, der Ersatz der genieteten Stoßverbindungen zwischen den Kesselschüssen durch überlappende Stöße im Zuge erster Neubekesselungen ab 1893 sowie die Erhöhung des Kesseldrucks auf 160 PSi ab 1896. Die LNER beschränkte sich auf kleinere Nachrüstungen wie etwa den Einbau von Waschluken und die Verwendung von Ross-Sicherheitsventilen auf der Feuerbüchse. Sie ersetzte auch die Schornsteine nach GER-Bauart durch solche nach Bauart der NER.
Alle Lokomotiven waren mit Dampfbremsen ausgerüstet, viele Maschinen erhielten zudem Westinghouse-Bremse und Vakuumbremse, womit sie flexibel im Personenverkehr wie auch außerhalb des GER-Netzes einsetzbar waren. Während die Güterzugmaschinen der GER schwarz lackiert wurden, erhielten die für den Personenverkehr tauglichen Maschinen die GER-typische dunkelblaue Farbgebung. Die ursprünglich verwendeten Kuppelräder waren aus Gusseisen und ohne Massenausgleich. Ab 1889 erhielten alle Maschinen Räder aus Stahlguss mit Gegengewichten.
Verbleib mini|Lokomotive 564 gastweise im Einsatz bei der Severn Valley Railway (2017) Mit der im Februar 1912 ausgelieferten Lokomotive 65462 (GER 564) blieb ein Exemplar museal erhalten. Vor dem Zweiten Weltkrieg war sie überwiegend in Norwich stationiert, zeitweilig auch in Yarmouth. Ab 1946 war sie 13 Jahre in Lowestoft beheimatet. In den letzten Dienstjahren wechselte die Lokomotive öfter ihr Depot. In Stratford erhielt sie Anfang 1962 noch neue Rohre, bevor sie am 16. September 1962 zusammen mit drei anderen Maschinen als letzte ihrer Klasse ausgemustert wurde. Sie wurde zunächst in Stratford für Erhaltungszwecke abgestellt, wo sie die Midland and Great Northern Joint Railway Society (M&GNJRS) erwarb. Zunächst wurde sie zusammen mit der ebenfalls von der M&GNJRS erworbenen Lokomotive 61572 der Klasse S69 an wechselnden Orten abgestellt, bis beide 1967 zur Museumsbahn North Norfolk Railway (NNR) nach Sheringham kamen. Bei der NNR wurde die 65462 betriebsfähig aufgearbeitet und ab 1977 eingesetzt. 1989 musste sie abgestellt werden und kam erst nach 13 Jahren und aufwändigen Kesselarbeiten ab 2002 wieder in Fahrt. Zwischen 2013 und 2017 wurde die Maschine überholt, wobei die vorige Farbgebung in Schwarz auf das für die GER typische Dunkelblau geändert wurde. Seit 2024 ist sie aufgrund mehrerer gebrochener Stehbolzen an der Feuerbüchse abgestellt und wartet auf ihre Instandsetzung.Preserved British Steam Locomotives: 65462 (GER 564, LNER 7564, LNER 5462 & BR 65462) (englisch, abgerufen am 20. September 2026)
Weblinks
The Great Eastern Railway Society: Y14 Class 0-6-0 1883-1892, 1899, 1906, 1912-1913. (englisch) Preserved British Steam Locomotives: J15 65350 – 65479 0-6-0 GER T W Worsdell, Holden & Hill (englisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Dampflokomotive Achsfolge C Y14 Kategorie:Schienenfahrzeug (Stratford Works) Kategorie:Schienenfahrzeug (Sharp, Stewart and Company)