Peter Michael Lewinsohn (* 17. März 1930 in Berlin; † 18. Dezember 2022 in Portland) war ein US-amerikanischer Klinischer Psychologe und emeritierter Professor an der University of Oregon.Peter M. Lewinsohn, Ph.D. – In Memorium auf Oregon Research Institute, abgerufen am 18. September 2026.Peter Lewinsohn Obituary auf legacy.com, abgerufen am 18. September 2026.
Leben Er wurde als Sohn von Hugo und Mathilde Lewinsohn in Deutschland geboren und wuchs gemeinsam mit seinem Bruder Tom auf. Aufgrund der Verfolgung deutscher Juden entschied sich seine Familie 1941 zur Auswanderung nach Shanghai, wo sie die Kriegsjahre unter schwierigen Bedingungen verbrachte. Er selbst verließ Shanghai 1947, um das Yeshiva College in New York City zu besuchen; für sein Studium wurde er von der National Association of Jewish Women und anderen jüdischen Wohltätigkeitsorganisationen unterstützt. Zwei Jahre später entschied er sich für ein College-Studium und erhielt ein Stipendium für das Allegheny College in Meadville, wo er Psychologie als Hauptfach belegte und 1951 einen B.A. erwarb. 1955 promovierte er zum Ph.D. in Klinischer Psychologie an der Johns Hopkins University. 1961 erhielt er sein Diplom in Klinischer Psychologie vom American Board of Examiners in Professional Psychology. Seine postdoktorale Ausbildung er hielt er an der Philadelphia Child Guidance Clinic.
Zuerst arbeitete er an mehreren Krankenhäusern und Kliniken (u. a. am State Hospital in Osowatomie (Kansas), dem Eastern Pennsylvania Psychiatric Institute, dem St. Christopher's Hospital for Children sowie dem LaRue D. Carter Memorial Hospital in Indianapolis), dabei vertiefte er seine Kompetenzen in der psychologischen und neuropsychologischen Diagnostik. 1963 trat er eine Stelle als Associate Professor für Psychologie an der Southern Illinois University Carbondale an. 1965 bekam er eine Professur an der University of Oregon (UO), die er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1987 innehatte. Nach seinem Ausscheiden wechselte er als Senior Scientist an das Oregon Research Institute (ORI), wo er bis weit in seine siebziger Jahre hinein gemeinsam mit Kollegen an zahlreichen Forschungsprojekten arbeitete.
Werk mini|Risk factor research in the major mental disorders : proceedings of a conference, April 3-4, 1980 Seine anfänglichen Forschungsarbeiten konzentrierten sich auf psychosomatische Fragestellungen, Diagnostik, die Messung von Veränderungen sowie auf Halluzinationen und Wahnvorstellungen. Ab 1964 verlagerte sich sein Forschungsschwerpunkt auf das Thema Depression und er wurde ein einflussreicher Wissenschaftler auf dem Gebiet der Ätiologie, Prävention und Behandlung von Depressionen.
Während seiner Zeit an der University of Oregon leistete er Pionierarbeit bei der Erforschung und Entwicklung einer kognitiven, nicht-pharmakologischen Behandlungsmethode für Menschen mit Depressionen. Im Speziellen entwickelte er die Verstärker-Verlust-Theorie, nach welcher der Verlust an positiven Verstärkern verantwortlich für die Entstehung von Depressionen ist. Diese Theorie legte den Grundstein für moderne verhaltenstherapeutische Behandlungen wie die Verhaltensaktivierung (Behavioral Activation), bei der Patienten gezielt dazu ermutigt werden, wieder Aktivitäten aufzunehmen, die ihnen Freude bereiten oder ein Erfolgserlebnis vermitteln. Er hat die Wirksamkeit dieser kognitiv-verhaltenstherapeutischen Behandlung für depressive Menschen erforscht. Dabei hat er zusammen mit seinen Studierenden einen strukturierten, psychoedukativen Kurs (The Coping With Depression Course) entwickelt, der in zahlreiche Sprachen übersetzt und für Jugendliche sowie ältere Menschen adaptiert wurde und eine wirksame Behandlungsmethode bei Depressionen ist.
Er war somit ein Pionier im Bereich der wissenschaftlich fundierten Selbsthilfe und veröffentlichte das bekannte Buch Control Your Depression, das bis heute als Leitfaden in der Bibliotherapie genutzt wird.
Während seiner Zeit am ORI führte er eine umfangreiche Studie zur Psychopathologie durch, in die Kinder, Jugendliche und Erwachsene einbezogen waren (das „Oregon Adolescent Depression Project“). Im Rahmen dieser Längsschnittstudie gewann er wichtige Erkenntnisse über die Entstehung von Depressionen im Verlauf des gesamten Lebens. Seine späteren Forschungsarbeiten befassten sich unter anderem mit (a) der Rolle der familiären Vorbelastung bei der generationsübergreifenden Weitergabe psychischer Störungen, (b) Faktoren, die den Verlauf psychischer Störungen von der Kindheit und Jugend bis ins junge Erwachsenenalter beeinflussen, (c) der klinischen Bedeutung subklinischer Störungen, (d) klinischen Prädiktoren für chronische Depressionen und Angstzustände sowie (e) generationsübergreifenden Risikofaktoren und Folgen von Adipositas.
Ehrungen/Positionen „Psychologist Scientist Award“ der Lane County Psychologist Association „Distinguished Scientist Award“ der Society for the Science of Clinical Psychology „Professional Award“ der Mental Health Association of Oregon „Gold Medal Award for Lifetime Achievement in the Application of Psychology“ der American Psychological Association (APA)
Privates Er war seit 1959 mit Cynthia Lewinsohn (geb. Stiefel) verheiratet, die er an der Philadelphia Child Guidance Clinic kennen gelernt hatte; aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor: David (geboren 1960) und Mark (geboren 1963). 1965 zog die Familie nach Eugene. Er pflegte vielfältige Interessen und unternahm häufig Aktivitäten wie Wandern, Angeln, Kanufahren, Rucksackreisen und Skifahren. Zudem reiste er leidenschaftlich gern und versuchte dabei, sich schon vor Reiseantritt die jeweilige Landessprache anzueignen, er verstarb im Alter von 92 Jahren.
Publikationen (Auswahl) Monografien Mit Ricardo F. Muñoz; Mary Ann Youngren: In de put, uit de put. Thieme Meulenhoff, Amersfoort 1995, ISBN 978-90-5574-046-8. Mit Hyman Hops; Gregory Clarke; Paul Rohde: Adolescent Coping with Depression Course: Leader's Manual for Parent Groups. Castalia Publ, Zug 1990, ISBN 978-0-916154-20-2. Mit David O. Antonuccio; Julia L. Steinmetz; Lin Teri: The Coping with Depression Course: A Psychoeducational Intervention for Unipolar Depression. Castalia Publ., Zug 1984, ISBN 978-0-916154-11-0. Control your depression. Prentice Hall, Hoboken 1978, ISBN 978-0-13-171702-2. Deutsche Ausgabe: Der Weg zum seelischen Gleichgewicht: Depressionen erkennen, überwinden, vermeiden; das erfolgreiche Selbsthilfe-Programm. Otto Müller Verlag, Salzburg 1982, ISBN 978-3-7013-0633-6. Niederl. Ausgabe: Leren leven met een chronische ziekte. Thieme Meulenhoff, Amersfoort 1997, ISBN 978-90-5574-118-2.
Herausgeberschaften Mit Linda Teri: Clinical geropsychology: new directions in assessment and treatment. Pergamon Press, New York 1983, ISBN 978-0-08-029413-1.
Zeitschriftenartikel/Buchbeiträge Mit Cecilia A. Essau; Alejandro de la Torre-Luque; Paul Rohde: Patterns, predictors, and outcome of the trajectories of depressive symptoms from adolescence to adulthood. In: Depression and Anxiety, 2020, 37 (6), S. 565–575. Mit Derek Kosty; Richard F. Farmer; John R. Seeley; Kathleen Merikangas; Daniel N. Klein; Jeff M Gau; Susan C. Duncan: The Number of Biological Parents with Alcohol Use Disorder Histories and Risk to Offspring through Age 30. In: Addictive Behaviors, 2020, 102, Art. Nr. 106196. Mit Thomas M. OlinoIs, Laura Benini, Grace Icenogle, Sylia Wilson, John R. Seeley: Is the Assessment of Personality Comparable in Persons Who Have and Have Not Experienced Depressive, Anxiety, and Substance Use Disorders? An Examination of Measurement Invariance. In: Assessment. 2019, 26 (1), S. 45–55. Mit Richard F. Farmer, John R. Seeley, Jeff M Gau, Daniel N. Klein, Kathleen Merikangas, Derek Kosty, Susan C. Duncan: Clinical Features Associated With an Increased Risk for Alcohol Use Disorders Among Family Members. In: Psychology of Addictive Behaviors, 2018, 32, (6), S. 628–638. Mit Cecilia A. Essau, Satoko Sasagawa, Paul Rohde: The impact of pre- and perinatal factors on psychopathology in adulthood. In: Journal of Affective Disorders, 2018, 236, (1), S. 52–59. Mit Cecilia A. Essau; Jie Xin Lim; Moon-Ho Ringo Ho; Paul Rohde: Incidence, recurrence and comorbidity of anxiety disorders in four major developmental stages. In: Journal of Affective Disorders, 2017, 228, S. 248–253. Mit Richard F. Farmer; John R. Seeley; Derek Kosty; Jeff M. Gau; Susan C. Duncan; Kenneth J. Sher: No Reliable Evidence That Emotional Disorders Are Proximal Antecedents, Concomitants, or Short-Term Consequences of First Episode Alcohol Use Disorders in a Representative Community Sample. In: Journal of Studies on Alcohol and Drugs, 2017, 78 (2), S. 222–231. Mit Douglas W. Larson, Ricardo F. Muñoz: The measurement of expectancies and other cognitions in depressed individuals. In: Cognitive therapy and research. 1982, 6 (4), S. 437–446.
Weblinks
Peter M. Lewinsohn’s research while affiliated with Oregon Research Institute and other places auf Research Gate, abgerufen am 18. September 2026. [https://www.ovid.com/journals/ampsy/abstract/10.1037/amp0001186~peter-m-lewinsohn-19302022?redirectionsource=fulltextview P. Rohde; A. Zeiss; J. R. Seeley: Peter M. Lewinsohn (1930–2022). In: American Psychologist, 2023, 78 (7), S. 921. Lewinsohn, Peter M. In: Encyclopedia of Behavior Modification and Cognitive Behavior Therapy. abgerufen am 18. September 2026. Peter M. Lewinsohn auf Science Direct, abgerufen am 19. September 2026.
Einzelnachweise
Kategorie:Klinischer Psychologe Kategorie:Hochschullehrer (Southern Illinois University Carbondale) Kategorie:Hochschullehrer (University of Oregon) Kategorie:Geboren 1930 Kategorie:Gestorben 2022 Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Mann