Irma Scheuer, geb. von Wolfenhagen, (* 22. August 1926; † 2000 in Berlin) war eine deutsche Pädagogin, autodidaktische Malerin und Grafikerin, Buchautorin und Lyrikerin.
Leben und Werk
Irma Scheuer, geb. von Wolfenhagen, wurde an der damaligen Westgrenze der Sowjetunion geboren. Ihr Vater war Baron Emil Oskarowitsch von Wolfenhagen, der sich 1917 als junger zaristischer Offizier auf die Seite der Bolschewiki gestellt hatte und eine Kavallerie-Einheit der Roten Armee kommandierte. Die Familie zog um 1930 nach Moskau, wo der Vater Lehrer für Taktik an der Zentralen Militärhochschule war. Die Mutter arbeitete als Meisterin in einer Fabrik für Spielzeuge. Irma wurde spartanisch erzogen.
Im Zug des Großen Terrors wurde ihr Vater 1937 verhaftet und wenig später hingerichtet. Irmas Mutter wurde im September gleichfalls eingekerkert und in ein Lager verbracht. Irma kam über eine Sammelstelle für obdachlose Kinder und jugendliche Kriminelle in das Waisenhaus Nr. 8 in Astrachan, ein Heim für Waisen, schwer erziehbare und kriminelle Kinder und Jugendliche und Kinder von Inhaftierten. Dort herrschte eine demütigende Atmosphäre, unter der sie als Kind von „Feinden des Volkes“ („Repressiertenkind“) besonders zu leiden hatte. Irma Scheuer beschreibt dieses Leben anschaulich in ihrem autobiografischen Buch „Meine seltsame Liebe zu Rußland“.
1940 wurde Irma aus dem Waisenhaus entlassen und von der Familie ihrer Tante und dem Großvater in Kiew aufgenommen. Mit dieser wurde sie 1941 in den Vor-Ural evakuiert, wo sie es in der Schule als Kind einer Familie von „Volksfeinden“ wieder schwer hatte.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden ihre Eltern rehabilitiert. Irma machte eine pädagogische Ausbildung und arbeitete als Lehrerin. Sie heiratete den Arzt Leo Scheuer (1909–2002). Dieser kam aus einer jüdischen Familie in Galizien, lebte aber zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in der Tschechoslowakei. Er wurde 1941 in ein Ghetto verschleppt, aus dem es ihm zu fliehen gelang. Er konnte in der von der Wehrmacht besetzten heutigen Ukraine untertauchen und überlebte in einem Versteck in einem Erdstollen. Seine Retter wurden in Israel als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt. Nach Kriegsende arbeitete Scheuer als Arzt in der Sowjetunion. 1965 ging er mit seiner Frau in die DDR. Sie wohnten in Berlin-Buch, wo er bis 1972 weiter als Arzt tätig war.
Irma Scheuer arbeitete an Schulen und an der Humboldt-Universität zu Berlin als Lehrerin für Russisch, Französisch und Kunsterziehung. Ab 1975 war sie freischaffend als Malerin und Grafikerin tätig. Sie war bis 1990 Mitglied des Verbands Bildender Künstler der DDR und von 1977 bis 1986 auf fünf Berliner Bezirkskunstausstellungen vertreten. Bilder Irma Scheuers wurden u. a. auch über den Kunsthandel der DDR vertrieben.
Nach der deutschen Wiedervereinigung war Irma Scheuer wegen horrender Mieterhöhungen gezwungen, ihr Atelier aufzugeben. Sie stellte ihre Bilder mit anderen Künstlerinnen und Künstlern im Nikolaiviertel und zu Füßen des Fernsehturms aus und betätigte sich als autobiografische Autorin und Lyrikerin, illustrierte auch ihre Publikationen und machte Lesungen. Einige ihrer Arbeiten veröffentlichte die Heimatzeitung Bucher Bote.Neues Deutschland, Berlin, 22. November 1994.
Bilder Irma Scheuers befinden sich als Teil der Sammlung Familie Scheuer im Jüdischen Museum Berlin sowie in der Stiftung Stadtmuseum Berlin und im Kunstarchiv Beeskow.Marlene Heidel: Bilder außer Plan. Kunst aus der DDR und das kollektive Gedächtnis. Lukas Verlag, Berlin, 2015; ISBN 978-3-86732-218-8, S. 73
Weitere Werkbeispiele
Aquarell
Altberliner Eck (1974)Abbildung in Bildende Kunst, Berlin, 5/1977, S. 212.
Buchpublikationen
Meine seltsame Liebe zu Russland. Als Repressionskind im Waisenhaus von Astrachan 1937 bis 1940. Haag + Herchen, Frankfurt am Main 1993, ISBN 978-3-89228851-0 (als Irma von Wolfenhagen). Vier Jahreszeiten. Gedichte in deutscher und russischer Sprache. Haag + Herchen, Frankfurt am Main 1993, ISBN 978-3-86137064-2. Die Zeit danach. Kindheit und Jugend in der Sowjetunion 1930 bis 1945. Haag + Herchen, Frankfurt am Main 1995, ISBN 978-3-86137381-0. Orte, an denen ich auch einmal war. Arnim Otto Verlag, Offenbach am Main, 1997.
Literatur
Dietmar Eisold (Hrsg.): Lexikon Künstler in der DDR. Verlag Neues Leben, Berlin 2010, ISBN 978-3-355-01761-9, S. 824.
Weblinks Sammeldatensatz: Graphiken und Gemälde der Künstlerin Irma Scheuer (1927-2000) Jüdisches Museum Berlin
Einzelnachweise
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