mini|Jan O’Herne Jeanne Alida „Jan“ Ruff-O’Herne (* 18. Januar 1923 in Bandung in Niederländisch-Indien; † 19. August 2019 in Adelaide in South Australia) war eine niederländisch-australische Menschenrechtsaktivistin, die sich als selbst von Zwangsprostitution durch die Kaiserlich Japanische Armee Betroffene international gegen Vergewaltigungen in Kriegszeiten einsetzte.
Werdegang Jan O’Herne wurde 1923 in Bandung auf Zentral-Java in den Niederländischen Kolonien in Niederländisch-Indien in eine wohlhabende, römisch-katholische Kolonialfamilie in vierter Generation geboren. Ihre Eltern Celestin und Josephine O’Herne betrieben eine Zuckerrohrplantage und eine Zuckerfabrik in der Nähe von Semarang. Mit ihren älteren Geschwistern Edouard und Aline und ihren deutlich jüngeren Geschwistern Josephine und Céleste wuchs sie behütet in einem kultivierten Umfeld auf, gefördert von den musischen Eltern und ihrem in Kunst, Musik und Literatur bewanderten Großvater. Jan O’Herne besuchte eine franziskanische Mädchenschule und verbrachte die Ferien mit ihrer Familie im reizvoll gelegenen Haus des früh verwitweten Großvaters zusammen mit weiteren Verwandten. Die Kinder konnten Tennis spielen, den Swimmingpool nutzen und Bergwanderungen unternehmen. Jan O’Herne absolvierte am Franziskaner-Lehrerseminar in Semarang eine Ausbildung zur Lehrerin.
Gefangenschaft Während des Zweiten Weltkriegs wurde Jan O’Hernes Vater einige Monate vor dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor im Dezember 1941 in die niederländischen Streitkräfte in Niederländisch-Ostindien eingezogen. Die niederländischen Truppen ergaben sich nach der japanischen Invasion Javas im März 1942 schnell. Insgesamt wurden auf Java etwa 100.000 Niederländer in Kriegsgefangenenlagern oder zivilen Internierungslagern festgehalten, davon etwa 47.000 Frauen und Kinder, die getrennt in mehreren verschiedenen Lagern außerhalb von Semarang interniert wurden. Jan O’Herne wurde mit ihren Schwestern und ihrer Mutter in einer stillgelegten Armeekaserne in Ambarawa, die als Kriegsgefangenenlager diente, interniert, ebenso wie Tausende anderer niederländischer Frauen und Kinder. Sie litten an Hunger, Malaria, Ruhr und den Schikanen des Wachpersonals.
Im Februar 1944 mussten alle Mädchen ab 17 Jahren vor japanischen Offizieren antreten. Sieben von ihnen, darunter Jan O’Herne, wurden in ein etwa 47 Kilometer vom Lager entferntes altes niederländisches Kolonialhaus in Selarang gebracht. In dem bei den Japanern als „Haus der sieben Meere“ bekannten Militärbordell und Offiziersclub wurden die dort festgehaltenen Frauen und Mädchen als sogenannte „Trostfrauen“ Opfer japanischer Kriegsvergewaltigungen. Dazu wurden Fotografien der Mädchen ausgehängt, anhand derer die japanischen Militärangehörigen ihre Wahl treffen konnten. In den folgenden vier Monaten wurden die Mädchen mehrmals täglich vergewaltigt, bei Gegenwehr misshandelt und geschlagen, selbst bei den wöchentlichen ärztlichen Untersuchungen auf Geschlechtskrankheiten durch den Arzt.
Nach vier Monaten wurden die Gefangenen in ein Lager in Bogor auf West-Java verlegt, wo sie ihre weiblichen Familienmitglieder wiedertrafen. Die Japaner drohten den Insassinnen damit, dass sie selbst und ihre Familienangehörigen getötet würden, sollten sie über das Geschehene sprechen. Einige Monate später wurde Jan O’Herne mit ihrer Familie in ein Lager in Kota Paris in Batavia verlegt, das am 15. August 1945 befreit wurde.
Bei einem Prozess vor dem niederländischen Militärgericht in Batavia 1946 wurden dreizehn japanische Militärangehörige und Zivilisten der Verschleppung von Frauen und Mädchen aus den Lagern in Militärbordelle um Selarang angeklagt. Er endete mit dem Todesurteil für den Hauptverantwortlichen, Major Okada, und Gefängnisstrafen zwischen zwanzig und nur einigen Jahren für die anderen Beteiligten. Zwei Personen wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen.
Weiteres Leben 1946 heiratete Jan O’Herne in England den britischen Soldaten Tom Ruff, dessen Einheit das Lager nach der Befreiung vor indonesischen Freiheitskämpfern geschützt hatte. Im Jahr 1960 wanderten die beiden von Großbritannien nach Australien aus und ließen sich in Adelaide nieder. Jan Ruff-O’Herne arbeitete als Lehrerin an katholischen Primary Schools in Adelaide und war Mitglied des Pfarrchors. Die ihr angetane Gewalt und Kriegsfolter hatten neben den Traumata, mit denen sie in den folgenden Jahren umgehen musste, auch körperliche Verletzungen hinterlassen. Nach drei Fehlgeburten und einer Operation wurde sie Mutter von zwei Töchtern.
1975 gab sie ihren Beruf auf, um die Pflege für ihren Mann zu übernehmen, der von einem Auto angefahren worden war und einen Hirnschaden davongetragen hatte. Sie kümmerte sich bis zu seinem Tod im Jahr 1995 um ihn.
Im Jahr 1994 veröffentlichte sie unter dem Titel Fifty Years of Silence. The extraordinary memoir of a war rape survivor ihre Memoiren. Ihre Autobiografie wurde ins Japanische und Indonesische übersetzt. Der gleichnamige Dokumentarfilm aus demselben Jahr wurde vielfach ausgezeichnet. In ihren letzten Jahren lebte Jan Ruff-O’Herne in einem Pflegeheim in Adelaide, wo sie 2019 starb.
Menschenrechtsarbeit und Kampf um Anerkennung Jan Ruff-O’Herne trat erstmals nach fünfzg Jahren an die Öffentlichkeit und sprach als erste europäische Frau über die Vergewaltigungen, ermutigt durch das Beispiel einiger koreanischer Frauen, die Anfang der 1990er Jahre ihr Schweigen brachen und eine Entschuldigung sowie Entschädigung von der japanischen Regierung forderten. Sie schloss sich der Kampagne an und sagte im Dezember 1992 bei einer internationalen öffentlichen Anhörung zu den japanischen Kriegsverbrechen in Tokio aus.
In den folgenden Jahrzehnten kämpfte Jan Ruff-O’Herne für offizielle Entschuldigungen Japans an alle Frauen, die zur Zwangsprostitution gezwungen worden waren. Schätzungen einiger Historiker zufolge wurden während des Zweiten Weltkriegs in den japanisch besetzten Gebieten rund 200.000 Frauen als Trostfrauen missbraucht. Sie forderte mit der Übernahme der Verantwortung auch eine finanzielle Entschädigungszahlung für die Kriegsverbrechen von der japanischen Regierung. Den 1995 eingerichteten „Asian Women’s Fund“ lehnten sie und weitere Opfer aufgrund des inoffiziellen Charakters des Fonds ab, da es sich um einen privaten Fonds handelte, dessen Geld von Privatunternehmen und aus der Privatwirtschaft stammte, aber nicht von der Regierung.
Jan Ruff-O’Herne setzte sich weltweit gegen Vergewaltigungen im Krieg ein und ermutigte weitere Frauen, ihre Geschichte zu erzählen. Sie arbeitete mit der Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen, dem Internationalen Roten Kreuz und Amnesty International zusammen und hielt unter anderem Vorträge in Australien, Neuseeland, Japan, den USA, Großbritannien und den Niederlanden. Auf die ihr häufig gestellte Frage, warum es so lange gedauert habe, „bis die Welt die Gräueltaten erkannte, die sie hatte erleiden müssen“, antwortete sie: „Vielleicht liegt die Antwort darin, dass diese Übergriffe an Frauen verübt wurden. Wir haben es alle schon gehört: So etwas geschieht Frauen im Krieg. Vergewaltigung gehört zum Krieg dazu – als ob der Krieg sie rechtfertigen würde.“ 2007 sprach sie vor dem US-Kongress über ihre Erlebnisse.
Auszeichnungen Am 1. Januar 2001 wurde Jan Ruff-O’Herne für „ihre Rolle als Aktivistin und Fürsprecherin für Menschenrechte und den Schutz von Frauen in Kriegen“ mit der von der australischen Regierung gestifteten Centenary Medal geehrt. Am 10. Juni 2002 wurde sie mit dem Officer of the Order of Australia ausgezeichnet für „herausragende Verdienste um die internationale Gemeinschaft als Fürsprecherin für Menschenrechte und den Schutz von Frauen in Kriegszeiten sowie für ihre Führungsrolle dabei, der Sprache über kriegsbedingte Gräueltaten Raum zu geben“. Ebenfalls 2001 wurde ihr in Anerkennung dieser Arbeit von der niederländischen Regierung der Orden von Oranien-Nassau verliehen. Ehrung mit dem RSL ANZAC Friedenspreis Auszeichnung als Dame Commander des Silvesterordens
Veröffentlichungen Jan Ruff-O’Herne: Fifty Years of Silence. The extraordinary memoir of a war rape survivor. Tom Thompson, Sydney 1994, ISBN 1-875892-00-1.
Einzelnachweise Philip Williams: Jan Ruff-O'Herne, 93-year-old Australian former 'comfort woman', still waiting for apology from Japan. In: ABC News vom 16. Februar 2016. Abgerufen am 13. September 2026 Allies in adversity, Australia and the Dutch in the Pacific War: Comfort women. In: Australian War Memorial. Abgerufen am 13. September 2026 Peter Winnemöller: Bekommt Australien eine Heilige der Vergebung? Einblick in die Weltkirche. In: Bistum Regensburg vom 22. Januar 2026. Abgerufen am 14. September 2026 50 Years of Silence. In: Goodreads. Abgerufen am 14. September 2026 Mrs Jeanne Alida Ruff-O’Herne. Officer of the Order of Australia. In: Australian Government. Department of Prime Minister and Cabinet. Abgerufen am 14. September 2026 Mrs Jeanne Alida Ruff-O’Herne. Centenary Medal. In: Australian Government. Department of Prime Minister and Cabinet. Abgerufen am 14. September 2026 Dutch Australian activist died at 96 years. In: NL Times vom 21. August 2019. Abgerufen am 14. September 2026 Katherine Q. Seeliye: Jan Ruff-O’Herne, Who Told of Wartime Rape by the Japanese, Dies at 96. In: The New York Times vom 10. September 2019. Abgerufen am 14. September 2026 Jan Ruff-O’Herne. In: Penguin Random House. Abgerufen am 14. September 2026 Jan Ruff-O’Herne: I Fought Each One of Them. Anhörung vor dem Unterausschuss für Asien, den Pazifik und die globale Umwelt des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten des US-Repräsentantenhauses, Washington D.C. am 15. Februar 2007 Emily Langer: Jan Ruff-O’Herne, seeker of dignity for fellow ‘comfort women’ of World War II, dies at 96. In: The Washington Post vom 27. August 2019. Abgerufen am 14. September 2026 André Hertrich: Wann beginnt Zwang? Fälle von Zwangsprostitution durch das japanische Militär vor niederländischen Kriegsverbrechertribunalen. In: Kerstin von Lingen, Klaus Gestwa: Zwangsarbeit als Kriegsressource in Europa und Asien. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2014, ISBN 978-3-506-77727-0, S. 335–339 (eingeschränkte Buchvorschau) Jan Ruff-O’Herne: Fifty Years of Silence. The extraordinary memoir of a war rape survivor. Heinemann, Sydney 2008, ISBN 978-1-74166-746-2, S. 4–12 (eingeschränkte Buchvorschau)
Kategorie:Menschenrechtsaktivist (Niederlande) Kategorie:Menschenrechtsaktivist (Australien) Kategorie:Zwangsprostituierter Kategorie:Trostfrauen Kategorie:Niederländischer Emigrant in Australien Kategorie:Niederländer Kategorie:Australier Kategorie:Officer des Order of Australia Kategorie:Träger des Ordens von Oranien-Nassau (Ritter) Kategorie:Träger des Silvesterordens Kategorie:Geboren 1923 Kategorie:Gestorben 2019 Kategorie:Frau