mini|300px|Schematische Lage von Castrum Rauracense im Bereich der Augusta Raurica Das Castrum Rauracense ist eine spätantike römische Befestigungsanlage am Hochrheinabschnitt des Donau-Iller-Rhein-Limes auf dem Gebiet der Einwohnergemeinde Kaiseraugst im Schweizer Kanton Aargau. Zudem gehören zu der Gesamtanlage eine abgegangene Brücke und ein rechtsrheinischer Brückenkopf auf dem Gebiet der Gemeinde Grenzach-Wyhlen im baden-württembergischen Landkreis Lörrach. Castrum Rauracense war ein Legionslager, das administrativ zur Provinz Maxima Sequanorum gehörte. Um 300 u. Z. verlegte Rom seine Nordgrenze wieder zurück an den Rhein. Die Handelsstadt Augusta Raurica wurde zur Grenzstadt – und damit strategisch wieder erheblich wichtiger. Das Kastell entstand zum Schutz des Rheinübergangs und als Stützpunkt einer Legionseinheit.

Das um 300 errichtete Castrum Rauracense gilt als eine der eindrucksvollsten Wehranlagen im oberen Abschnitts des Donau-Iller-Rhein-Limes. Die militärische Besatzung wurde – zumindest in der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts – von der Legio Prima Martia gestellt. Neue Forschungen haben zudem gezeigt, dass auch in der Lagervorstadt mit einer andauernden Siedlungstätigkeit im 4. und 5. Jahrhundert zu rechnen ist. Im Umland hatte sich hingegen die Zahl der villae rusticae im späteren 3. und im 4. Jahrhundert stark verringert; in der zweiten Hälfte des vierten und im 5. Jahrhundert konzentrierte sich die Besiedlung entlang der militärisch gesicherten Fernstrassen über den Jura. Der Rhein bildete auch nach dem Abzug der Limitanei bis in das 6. Jahrhundert eine ethnische Grenze, und das Castrum Rauracense mit seiner romanischen Bevölkerung blieb noch für eine längere Zeit das bedeutendste Siedlungszentrum der Region. Seine wirtschaftliche und (kirchen-)politische Bedeutung verlor es erst im 7. Jahrhundert an Basilia, das bereits in der um 400 entstandenen notitia Galliarum als Civitas bezeichnet wird.

2001 wurden im Augarten Reste eines befestigten Getreidespeichers aus dem 4. Jahrhundert ausgegraben. Es handelt sich um den bislang einzigen Fund einer grösseren aus Holz errichteten Befestigungsanlage aus spätrömischer Zeit auf dem Staatsgebiet der Schweiz.Peter-Andrew Schwarz: Das Castrum Rauracense und sein Umland zwischen dem späten 3. und dem frühen 7. Jahrhundert. In: Michaela Konrad, Christian Witschel (Hrsg.): Römische Legionslager in den Rhein- und Donauprovinzen. Nuclei spätantik-frühmittelalterlichen Lebens. C. H. Beck, München 2011, S. 345.

Lage Das antike Stadtgebiet von Augusta Raurica liegt auf dem Boden der politischen Gemeinden Augst, Kaiseraugst und teilweise auch Pratteln am südlichen Rheinufer in verkehrsgeografisch und strategisch sehr günstiger Lage. Das Gelände eignete sich für den Brückenschlag sowie für die Anlage eines Hafens. Die militärischen Befunde liegen auf rund 270 Höhenmetern zu beiden Seiten des Hochrheins, respektive der deutsch-schweizerischen Grenze. In beiden Fällen lagen die Siedlungsstellen in antiker Zeit rund zehn Meter oberhalb des Flusses und waren mit einer Brücke verbunden, von der jedoch keine Spuren mehr erhalten sind. Das eigentliche Castrum Rauracense liegt linksrheinisch auf Schweizer Gebiet,Hauptlager bei das Brückenkopfkastell rechtsrheinisch auf der deutschen Seite.Brückenkopfkastell bei Geologisch wird das Gebiet von den Muschelkalk, Dolomit und Mergel führenden Wellengebirgen der Kaiseraugst-Formation geprägt, durch die sich das Rheintal zieht, das dort kies- und schotterhaltige, zur Besiedlung geeignete, hochwasserfreie Flussterrassen gebildet hat.Kaiseraugst-Formation im Lithostratigraphischen Lexikon der Schweiz, abgerufen am 11. September 2026.

Forschungsgeschichte mini|Ausgrabungen an der Kastellmauer um 1962 Erste Ausgrabungen und Untersuchungen fanden bereits ab 1582 durch Andreas Ryff und Basilius Amerbach dem Jüngeren im Theater statt. Damit ist das Areal der antiken Stadt einer der ältesten archäologischen Forschungsstätten nördlich des Alpenbogens. Ab 1839 übernahm die Historische und Antiquarische Gesellschaft zu Basel (HAGB) die Forschungstätigkeiten: Seit 1878 fanden periodisch durchgeführte Ausgrabungen statt, ab 1957 mit festem Ganzjahresteam. 1884 kaufte die HAGB das Theater- und Schönbühlareal um die antiken Mauerreste vor weiterer Zerstörung und Steinraub zu bewahren. 1935 erfolgte die Gründung der Stiftung Pro Augusta Raurica (PAR). Bis heute erwarben HAGB, PAR und der Kanton Basel-Landschaft weitere Areale des römischen Stadtgebiets, um stellten es unter Schutz.Alex R. Furger: Augusta Raurica. Historisches Lexikon der Schweiz, 2006.

In der Forschung stand das Castrum Rauracense lange im Schatten von Augusta Raurica. Erst 1887 erfolgten spezielle und umfangreiche Untersuchungen am Castrum, insbesondere an der Umwehrung, der sogenannten «Heidenmauer». Weitere Forschungen schlossen sich 1905/1906 (am Westtor), 1909 bis 1912 und 1926 (im Gräberfeld), 1933 und 1979 (im 1886 entdeckten Brückenkopfkastell), 1936/1937 (an der Ostmauer und am Osttor), 1957 bis 1965 (an zwei Türmen und am Horreum), 1960 bis 1964 (im Bereich der frühchristlichen Kirche), 1968 (an weiteren Türmen) und 1975/1976 (in den Thermen) an. Um 1961/1962 wurde der Silberschatz von Kaiseraugst entdeckt.Walter Drack, Rudolf Fellmann: Kaiseraugst AG. CASTRUM RAURACENSE. In: Dies.: Die Römer in der Schweiz. Theiss/Raggi, Stuttgart/Jona (SG) 1988, ISBN 3-8062-0420-9, S. 411.

Seit 2024 und geplant bis 2029 finden Konservierungs- und Restaurierungsarbeiten in Zusammenarbeit mit dem Museum Augusta Raurica statt. Die letzte Restaurierung war zwischen 1951 und 1963 vorgenommen worden. Die schadhaften Überkronungen der Mauer aus den 1950er-Jahren werden dabei entfernt und die Altrestaurierungen durch neue Mauerpassagen ersetzt. Durch die bei den früheren Restaurierungen verwendeten Materialien, der damals verwendete Zement ist für die antike Bausubstanz zu hart, haben sich im Laufe der Zeit Spannungsrisse gebildet, die Abplatzungen am Zement und an der Mauer zur Folge hatten. Dadurch drangen Regen- und Tauwasser in den Mauerkern ein und führten besonders in der kalten Jahreszeit zu starken Schäden. Auch aus dem Zement gelöste Salze setzen dem antiken Mauerwerk stark zu. Zudem wird die gesamte Oberfläche des Mauerwerks von einer schwarzen Biopatina, die sich aus Schmutz, Erde und kleinen Pflanzen gebildet hat, überzogen.Spätrömische Kastellmauer Kaiseraugst wird umfassend restauriert. Archäologie Online, 8. März 2024.

In jüngster Zeit wurde das große Potenzial geoarchäologischer Analysen erkannt, um im Suburbium die Anwesenheit von Mensch und Tier sowie deren Aktivitäten (z. B. Trittspuren, handwerkliche Tätigkeiten wie Metallverarbeitung, Weidenutzung etc.) nachzuweisen. Dies gilt besonders für Bereiche, in denen Bodenbildungsprozesse deutliche Spuren anthropogener Strukturen verwischt und zur Entstehung sogenannter „Dark Earth“ (Schwarzerde) geführt haben.Flückiger 2021; 2023. Einen weiteren Ansatz bietet die 3D-Kartierung von Münzen und anderen Kleinfunden; sie hat dazu beigetragen, spätantike Siedlungsschichten sichtbar zu machen, die dem bloßen Auge bisher verborgen geblieben waren.Allemann 2014, S. 199; Flückiger 2019; 2021, S. 19–27 und S. 67–69; 2023; vgl. auch Peter 2016, S. 100.

Siedlungsgeschichte Das antike Stadtgebiet von Augusta Raurica lag am Südufer des Rheins in verkehrsgeografisch und strategisch günstiger Lage. Es eignete sich sehr gut für die Anlage einer Brücke sowie für Hafenanlagen. Die Zivilstadt des 1. bis 3. Jahrhunderts stand auf einer leicht erhöhten Schotterterrasse (heute die Oberstadt Augst). Die Erweiterung der Siedlung in der Unterstadt – mit Flusshafen, Handelsinfrastruktur und Handwerkerquartieren – in der Rheinniederung (Kaiseraugst) setzte um 100 u. Z. ein, am Standort eines um 20 bis 50 u. Z. errichteten und später wieder aufgelassenen frühkaiserzeitlichen Militärlagers. Bereits ab Ende des 2. Jahrhunderts schwächten Germaneneinfälle, Bürgerkriege und Seuchen das Reich. Die allgemeine wirtschaftliche Lage verschlechterte sich rapide, die Bevölkerung verarmte. Nach dem Fall des Limes um 260 musste die Reichsgrenze an den Rhein zurückgenommen werden. Die Stadt lag erneut im Grenzgebiet. Es folgten unsichere Zeiten mit zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen. 273/274 wurde die Stadt durch Kriegshandlungen verwüstet, von dieser Katastrophe zeugen Zerstörungsschichten, Waffen in Strassen und Portiken, sowie menschliche Überreste mit deutlichen Spuren von Gewaltanwendung (Leichenzerstückelung). Die Keramik- und Münzenfunde aus diesen Schichten lassen eine relativ präzise Datierung der Ereignisse zu. Sie stehen ziemlich sicher im Zusammenhang mit der Zerschlagung des Gallischen Sonderreichs unter Aurelian (270–275). Um etwa 280 wurde der Geländesporn auf Kastelen mit einer Mauer und einem Wall-Grabensystem umwehrt. Die Festung bot der stark dezimierten Einwohnerschaft von Augusta Raurica Schutz. Die übrigen Stadtquartiere waren weitgehend verlassen. Verschiedene Indizien (Spitzgräben) im Gebiet des spätantiken Castrum weisen darauf hin, dass schon kurz zuvor (unter Gallienus?) oder gleichzeitig mit der Befestigung auf Kastelen auch am Rheinufer ein kleines Kastell existierte.Alex R. Furger: Augusta Raurica. Historisches Lexikon der Schweiz, 2006.

Im späten 3. Jahrhundert wurde Augusta Raurica Teil der neu geschaffenen Provinz Maxima Sequanorum. Bereits um 300 planierte man das Gelände des Steinbruchs. Während der Nutzungszeit des Kastells fanden auch hier ausserhalb zahlreiche Aktivitäten statt. Zunächst deuten Indizien auf eingezäunte Viehweiden hin – vielleicht für die Nutztiere der Soldaten. Bald wurde hier ebenfalls gebaut und das Siedlungsareal wuchs. Es ist möglich, dass das Areal um das Kastell vor allem wirtschaftlich genutzt wurde. Zwischen 320 und 340 (eventuell schon während der Bauzeit des spätantiken Legionskastells) wurden die Schutzmauern auf Kastelen wieder abgetragen. Der bekannte Silberhort wurde im Zerstörungshorizont von 352 gefunden. Zwischen 346 und 360 wird das Castrum Rauracense im Zusammenhang mit Truppenbewegungen, Bereisungen durch den Imperator und als Bischofssitz erwähnt. Die Anlage des Castrums geht wahrscheinlich noch auf eine Konzeption im Rahmen der Reichsreformen des Kaisers Diokletian (284–305) zurück und wurde noch in vor- oder in frühkonstantinischer Zeit, wohl unmittelbar zu Beginn des vierten Jahrhunderts finalisiert. Im Verlauf der ersten Hälfte des vierten Jahrhunderts verlagerte sich dann der Siedlungsschwerpunkt von der Augusta Raurica allmählich in und um das Castrum. Wahrscheinlich diente das Kastell auch als Verwaltungszentrum. Zur Konstruktion der Umwehrung und der Innenbebauung wurden zu grossen Teilen Spolien der inzwischen teilweise aufgelassenen Colonia sekundär verwendet.

Ein herber Einschnitt in der Geschichte des Castrums war die weitgehende, wenn nicht sogar vollständige Zerstörung der Innenbebauung durch einen Einfall der Alamannen im Winter 351/352. Ursächlich war vermutlich eine Aufforderung von Constantius II. (350–361) an die Germanen, in Gallien einzudringen und eine zweite Front gegen den Usurpatoren Magnentius (350–353) zu eröffnen. Das Ausmass der Katastrophe zeigt sich darin, dass verschiedene Depotfunde, darunter der Kaiseraugster Silberschatz in situ verblieben und in der hohen Zahl von Fundmünzen mit Brandspuren. Einige Zeit danach wurde das Kastell wieder repariert und instand gesetzt. Aufenthalte im Hoch- und Oberrheingebiet von Constantius II., Julian und Valentinian I. weisen jedoch darauf hin, dass die Garnison auch in der zweiten Hälfte des vierten Jahrhunderts eine gewisse Bedeutung besessen haben muss. Dass diese Reparaturen an der Wehrmauer des Castrum Rauracense mehr oder weniger unmittelbar nach dem verheerenden Alamanneneinfall vorgenommen worden sind, lässt sich - wenn