Die Salzbibel ist eine ungedruckte Handschrift des hessischen Pfarrers und Salzgräfen Johannes Rhenanus (um 1528–1589) über die Saline Sooden an der Werra. Ihr eigentlicher Titel lautet New Saltzbuch; der Beiname spielt auf das geistliche Amt ihres Verfassers und auf den Umfang des Werks an.Hans-Henning Walter: Rhenanus, Johannes. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 21, Duncker & Humblot, Berlin 2003, ISBN 3-428-11202-4. Rhenanus verfasste sie von 1567 an im Auftrag des Landgrafen Wilhelm IV. von Hessen-Kassel, der fürchtete, mit den letzten Zeitzeugen gehe das Wissen um Herkunft und Beschaffenheit des Salzwerks verloren.Georg Wilhelm Justin Wagner: Chronik von Allendorf und Sooden. Kassel 1865.
Auf rund 2000 Seiten behandelt das Werk in fünf Büchern, vier Anhängen, einem Abschnitt mit Quellenauszügen und neun technischen Zeichnungen die Geschichte, das Recht, die Verwaltung und die Technik eines der wichtigsten Salzwerke Mitteldeutschlands. Es ist nie gedruckt worden. Ediert ist bis heute allein der vierte Anhang, das Reisebuch, das Hans-Henning Walter 1989 herausgab.Hans-Henning Walter (Hrsg.): Das deutsche Salinenwesen im 16. Jahrhundert. Reiseberichte des Allendorfer Salzgräfen Johannes Rhenanus (um 1528–1589). Veröffentlichungen des wissenschaftlichen Informationszentrums der Bergakademie Freiberg, Nr. 116, Freiberg 1989. Schon Wagner bemerkte 1865, das Buch sei „nur von Wenigen gesehen“ worden.
Die in der Universitätsbibliothek Kassel verwahrte Reinschrift ist vollständig digitalisiert und gemeinfrei zugänglich. Seit 2026 liegt zu ihr eine vom Heimatforscher Martin Schülbe erarbeitete Lese- und Arbeitsfassung vor, die den Wortlaut aller drei Bände sowie eine Übersetzung in heutiges Deutsch seitengleich zum Digitalisat bereitstellt.salzbibel.de, Forschungsprojekt zur Salzbibel von Martin Schülbe, abgerufen am 12. September 2026.
Entstehung Der Auftrag von 1567 1567 beauftragte Wilhelm IV. den Salzgräfen Christoph Homberg, gemeinsam mit Rhenanus alles Wissen über das Salzwerk „in ein ordentlich Erbbuch zum immerwährenden Gedächtniß“ zu bringen; der Pfarrer in Soden habe es „in Kapitel und Artikel“ auszuzeichnen. Anlass war die Sorge, mit den letzten Zeitzeugen gehe die Kenntnis von Herkunft und Beschaffenheit der Anlage verloren.
Die Arbeitsteilung war genau geregelt: Rhenanus schrieb allein und legte das in einer Woche Geschriebene jeweils Homberg zur Durchsicht vor. Konnten sich beide über einen Punkt nicht einigen, sollte jeder seine Gründe darlegen und der Landgraf entscheiden. Da dieses Verfahren häufig Streit erzeugte, griff Wilhelm IV. mehrfach selbst ein und drängte auf Fortgang der Arbeit.
Dauer und Datierung
Die Arbeit zog sich über anderthalb Jahrzehnte hin. Die Manuscripta Hassiaca bezeichnen die Kasseler Handschrift als „Reinschrift des Originals, das zwischen 1567–1585 entstand“;Peter Vogel, Angela Pietzschke, Roswitha Ruhnke: Manuscripta Hassiaca (Typoskript). Kassel 1986 ff. (= Die Handschriften der Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, Band 5), Beschreibung zu 2° Ms. Hass. 186 [1–3]. die Neue Deutsche Biographie nennt dieselbe Spanne. Gelegentlich wird 1586 als Endjahr angegeben; das fünfte Buch beginnt mit einer Bestätigungsurkunde dieses Jahres, die Reinschrift ist also nicht vor 1586 abgeschlossen worden.New Saltzbuch, Bd. 2, Bl. 1r–22v.
Überlieferung
Von der Salzbibel sind nach der Neuen Deutschen Biographie drei Exemplare bekannt:
die Urschrift im Bergarchiv Clausthal-Zellerfeld, dem früheren Oberbergamt, die Reinschrift in der Universitätsbibliothek Kassel – Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, Signatur 2° Ms. Hass. 186 [1–3], eine 1974 angefertigtes Faksimile in zwei Bänden sowie eine Ausgabe auf CD-ROM im Salzmuseum in Bad Sooden-Allendorf.
Wagner kannte 1865 zwei Exemplare: Von der Salzbibel existierten „nur zwei Exemplare, deren eins die Beamten in Sooden in Verwahrung haben, das andere aber in einer saubern Abschrift auf der Domainen-Kammer in Kassel sich befinden soll“. Ein Vergleich der Urschrift mit der Reinschrift ist bislang nicht veröffentlicht.
Die Kasseler Bände 1 und 2 lagen 1797 in der Ober-Rentkammer zu Kassel, der früheren Kriegs- und Domänenkammer. Auf Blatt 1r beider Bände stehen die Stempel „KURF. OBER-BERG- U. SALZW. DIRECTION“ und „EX BIBLIOTHECA CASSELLANA“. In den Handschriften-Bandkatalog eingetragen wurden sie durch den Bibliothekar Johann Heinrich Christian Schubart (1800–1885).
Beschreibung der Kasseler Reinschrift
Die Handschrift besteht aus drei Bänden: Band 1 mit 532, Band 2 mit 531 und Band 3 mit 16 Blättern, bei einer Blattgröße von 30 × 19,5 Zentimetern. Die Bände 1 und 2 sind durchgehend original mit Tinte foliiert und von einer Hand in deutscher und lateinischer Sprache beidseitig sauber beschrieben, mit linkem Rand, Auszeichnungsschriften, einfachen Initialen und Kolumnentiteln in roter Tinte. Band 3 ist dagegen eine Sammelhandschrift „mit Kladdencharakter“ von mehreren Händen.
Die Einbände wurden 1972 als Ganzledereinbände erneuert; die alten Überzüge mit goldgeprägten Filetenstempeln und Streicheisenlinien sind aufkaschiert. Die Bände haben Holzdeckel, je zwei Messingschließen und Rückenbünde und liegen in rot ausgeschlagenen schwarzen Kapseln. Band 3 war vor 1972 in blauen Umschlagkarton geheftet.
Inhalt
Die Gliederung folgt der Beschreibung in den Manuscripta Hassiaca.
Teil Band Blatt Gegenstand Dedikation 1 2–18 Widmung an Wilhelm IV. Inhaltsverzeichnis 1 19–21 „Innhalt des ganntzen wercks“ Erstes Buch 1 22–69 Geschichte des Salzwerks und die Privilegien der Pfänner, 1300–1558 Zweites Buch 1 70–324 Entwicklung des Salzwerks unter Landgraf Philipp dem Großmütigen Drittes Buch 1 326–361 Verträge zwischen den Landgrafen und den Pfännern Viertes Buch 1 362–528 Salzordnungen Fünftes Buch 2 1–228 Brunnenbau Erster Anhang 2 235–309 Glossar zum ersten bis fünften Buch Zweiter Anhang 2 310–334 Universalprobierbuch Dritter Anhang 2 336–360 Spezialprobierbuch des Salzwerks Sooden Vierter Anhang 2 362–440 Reisebuch: Berichte von anderen Salzwerken Miszellen 2 441–514 Auszüge der benutzten Quellen, zugleich Register des Gesamtwerks Kunstrisse 2 516–531 Neun Zeichnungen technischer Einrichtungen Band 3 3 1–15 Fürstliches Schreiben zur Abfassung und Beilagen
Widmung und Inhaltsverzeichnis
Das Titelblatt nennt in einem einzigen Satz Auftraggeber, Gegenstand und Zweck des Werks und kündigt neben der Beschreibung des Soodener Salzwerks auch „etliche annderer aüswertiger Saltzwercker gelegennheit“ sowie ein „Vniuersal Probirbuch“ an. Es folgen eine ausführliche Widmung an Wilhelm IV. auf Blatt 2–18 und ein Verzeichnis des gesamten Werks auf Blatt 19–21.New Saltzbuch, Bd. 1, Bl. 1–21.
Erstes Buch: Ursprung und Privilegien
Das erste Buch führt den Nachweis des hohen Alters der Saline und stellt anschließend die Privilegien der Pfänner zusammen, der am Salzwerk berechtigten Bürger. Der Zeitraum reicht von 1300 bis 1558.New Saltzbuch, Bd. 1, Bl. 22r–69v.
Zweites Buch: der Streit unter Philipp dem Großmütigen
Das zweite Buch ist mit 255 Blättern der umfangreichste Teil des Werks. Es behandelt die Auseinandersetzung zwischen Landgraf und Pfännern in der Regierungszeit Philipps des Großmütigen in vier Schritten: Anlass und erste Verhandlung, die eingeholten Rechtsgutachten, den Gang der weiteren Verhandlungen samt Zwischenfällen und schließlich den Weg zur Verpachtung des Werks.New Saltzbuch, Bd. 1, Bl. 70r–324v.
Drittes und viertes Buch: Verträge und Ordnungen
Das dritte Buch enthält die Verträge zwischen Landgraf und Pfännern, namentlich den ersten Vertrag von 1538 und die Verpachtung von 1540. Das vierte Buch versammelt die Salzordnungen: die Ordnung von 1541, die Regierungsordnung von 1552/53, die Holzverträge und zuletzt, auf fast hundert Blättern, Rhenanus’ eigene Ordnung von 1567.New Saltzbuch, Bd. 1, Bl. 326r–528v.
Fünftes Buch: der Brunnenbau
Das fünfte Buch behandelt den Bau des Salzbrunnens und enthält den technikgeschichtlich bemerkenswertesten Bestand des Werks. Nach einer Bestätigungsurkunde von 1586 folgen zwei Berichte von unmittelbar Beteiligten: eine Denkschrift Geyselers von 1489 und ein Baubericht Berkers von 1550. Daran schließt sich ein Bautagebuch der Jahre 1550/51 an, das den Fortgang der Arbeiten Tag für Tag verzeichnet. Das Buch endet mit einer Dankpredigt von 1550 – ein Zeugnis der Doppelstellung des Verfassers, der das geistliche und das weltliche Amt in einer Person vereinigte.New Saltzbuch, Bd. 2, Bl. 1r–228v.
Erster Anhang: das Glossar
Der erste Anhang beginnt mit einem Verzeichnis der Ämter und Dienste in Sooden und enthält anschließend ein alphabetisches Wörterbuch der Fachsprache des Salzwerks von A bis Z sowie ein eigenes Bergwerksglossar. Mit rund 75 Blättern ist es das umfangreichste Fachwörterbuch des deutschen Salinenwesens aus dem 16. Jahrhundert.New Saltzbuch, Bd. 2, Bl. 235r–309v.
Zweiter und dritter Anhang: die Probierbücher
Der zweite und der dritte Anhang beschreiben, wie im 16. Jahrhundert der Salzgehalt einer Sole bestimmt wurde: durch Versieden einer abgemessenen Menge und Wiegen des Rückstands, angegeben in Lot. Das Universalprobierbuch ist allgemein auf Salzwerke gerichtet und besteht aus einer Darstellung des Verfahrens und ausführlichen Umrechnungstafeln; das Spezialprobierbuch bezieht sich auf Sooden, beginnt mit Aufzeichnungen Hombergs und wird anschließend fortgeschrieben.New Saltzbuch, Bd. 2, Bl. 310r–360v.
Vierter Anhang: das Reisebuch
Der vierte Anhang enthält Rhenanus’ Berichte von Besuchen auswärtiger Salzwerke. Er beginnt mit einer Vorrede und der landgräflichen Instruktion vom 28. Juni 1568 und schildert dann die Reise des Jahres 1568 über Sondershausen, Kösen, Halle in Sachsen, Aschersleben, Staßfurt und Groß Salza sowie die Reise nach Pommern von 1584.New Saltzbuch, Bd. 2, Bl. 362r–440v. Dieser Teil liegt seit 1989 in der Edition Walters gedruckt vor.
Miszellen und Kunstrisse
Die Miszellen versammeln Auszüge der vom Verfasser benutzten Quellen – Privilegienbücher, Briefe, Rechnungen und Ratschläge sowie Schriftstücke zu Wald, Wasser und zum Reiseauftrag – und dienen zugleich als Register des Gesamtwerks.New Saltzbuch, Bd. 2, Bl. 441r–514v.
Den Schluss des zweiten Bandes bilden neun großformatige technische Zeichnungen, die Kunstrisse. Sie zeigen den Salzbrunnen im Grundriss, das Stoßwerk und die Auslängung des Brunnens sowie das neue Corpus und das Kunstgezeug. Die Zeichnungen sind beschriftet; die Beschriftungen benennen Himmelsrichtungen, Bauteile, Wasser- und Soleführung und enthalten knappe Erläuterungen wie „vff diesem ort stehen die Pompen“.New Saltzbuch, Bd. 2, Bl. 516–531.
Band 3 Der dritte Band ist keine Fortsetzung des Werks, sondern eine Sammlung von Beilagen. Er enthält das fürstliche Schreiben zur Abfassung des Werks und auf Blatt 1 einen später hinzugefügten Zettel.New Saltzbuch, Bd. 3, Bl. 1–15.
Digitalisat Die Kasseler Reinschrift wurde auf Anregung von Friedrich von Waitz digitalisiert und ist über das Portal ORKA der Universitätsbibliothek Kassel kostenfrei zugänglich.Salzbibel im Portal ORKA der Universitätsbibliothek Kassel, abgerufen am 12. September 2026. Die drei Bände umfassen 1077, 1066 und 45 Aufnahmen. Das Digitalisat steht wie der Text selbst unter der Lizenz Public Domain Mark 1.0; nach Auskunft der Universitätsbibliothek bezieht sich diese Freigabe nicht nur auf den Text, sondern auf die Aufnahmen selbst.
Das Übersetzungsprojekt salzbibel.de
Ausgangslage
Bis in die 2020er Jahre war die Salzbibel praktisch unlesbar: Sie ist nie gedruckt worden, in Kanzleikurrent des 16. Jahrhunderts geschrieben und nur am Aufbewahrungsort einsehbar. Von den dreizehn Werkteilen lag ein einziger ediert vor.
Digitalisierung und Transkription