miniatur|Der Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag (Darstellung aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry)
Die Karwoche ( ‚Klage‘, ‚Kummer‘, ‚Trauer‘; früher: Charwoche, auch: Stille Woche) ist im christlichen Kirchenjahr die letzte Woche der Fasten- oder Passionszeit und damit die Woche vor Ostern.
In weiteren Sprachen, Kirchen oder Konfessionen wie in der Liturgie der römisch-katholischen Kirche wird der Zeitraum – allerdings unter Einschluss der Osterfeier – als Heilige Woche () bezeichnet; im Anglikanismus Holy Week.Cajus Fabricius: Die Kirche von England: Ihr Gebetbuch, Bekenntnis und kanonisches Recht S. 17; Walter de Gruyter 2014 (). In den christlich-orthodoxen Kirchen wird auch von der Großen Woche (oder Großen Heiligen Woche) gesprochen, um auf das traditionell strenge Fasten mit anschließendem Fastenbrechen zu Ostern hinzuweisen.
Die Namen der ersten drei Tage, die dem Palmsonntag folgen, haben mehrere Varianten (Karmontag oder Blauer Montag; Gelber, Blauer, schiefer Dienstag, auch Kar- oder Eierdienstag; Guter oder Großer, Weißer, krummer, schiefer Mittwoch, selten Kar- oder Platzmittwoch), gefolgt von Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag."Karwoche" bei festjahr.de. Abgerufen am 17. November 2022."Vom blouwen Mundach bis zum Poosche Obend" bei windream.com. Abgerufen am 17. November 2022."Es ist Ostern. Die Karwoche." bei multi-deutsch.de. Abgerufen am 17. November 2022.
Etymologie Der Begriff leitet sich im Deutschen von Karfreitag (; häufiger auch kartac) ab. Das Kompositum ist eine Bildung mit im Neuhochdeutschen untergegangenem (9. Jahrhundert), mittelhochdeutsch kar ‚Trauer, Wehklage‘, altsächsisch kara ‚Sorge, Klage‘, altenglisch caru, cearu, englisch care ‚Sorge, Kummer‘. Im Altnordischen bedeutet kǫr ‚Bett‘, besonders ‚Krankenbett‘, poetisch auch ‚Kummer, Schmerz‘, gotisch kara ‚Sorge‘ (germanisch *karō). Im heutigen Deutsch wird noch das Wort karg aus althochdeutsch karag, mittelhochdeutsch karc verwendet (etwa in wortkarg). Im Englischen wird die Karwoche im Sinne der Heiligen Woche als Holy Week, italienisch settimana santa, französisch semaine sainte, spanisch semana santa oder niederländisch als Goede WeekJan Willem Drijvers und Vincent Hunink: In het land van de bijbel: reisverslag van Egeria, een dame uit de vierde eeuw S. 141; vgl. online in Google Books („Gute Woche“) bezeichnet. Damit ist die deutsche Bezeichnung eine sprachliche Besonderheit in Hinsicht der europäisch geprägten Weltsprachen.
Dauer und Bedeutung Die Karwoche beginnt am Palmsonntag mit der Erinnerung an den Einzug Jesu in Jerusalem und umfasst außerdem die stillen Tage Montag bis Mittwoch. Es folgen am Abend des Gründonnerstags das Gedächtnis der Einsetzung der Eucharistie beim letzten Abendmahl sowie am Karfreitag die Feier vom Leiden und Sterben Jesu. Der Karsamstag gilt als Tag der Grabesruhe Jesu Christi. Die Karwoche mündet in die Feier der Osternacht.
Die Bezeichnung Karwoche ist ein traditioneller Begriff aus dem deutschsprachigen Raum. In anderen Sprachen sowie in der römisch-katholischen Liturgie spricht man demgegenüber von der „großen“ oder heiligen Woche (, von ), die – anders als die Karwoche – den mit der Feier der Osternacht beginnenden Ostersonntag einschließt und dem theologischen Gedanken der Einheit von Leiden und Kreuzestod Christi und seiner Auferstehung von den Toten (Pascha-Mysterium) Rechnung trägt.
Die Karwoche galt – wie die gesamten Fastenzeiten vor Ostern oder Weihnachten – im Christentum als eine sogenannte geschlossene Zeit, in der öffentliche Festlichkeiten (Tanzverbot) oder kirchliche Trauungen nicht stattfinden durften. Auch das mittelalterliche weltliche Recht knüpfte an die Karwoche gewisse Einschränkungen. So war die Karwoche eine gebundene Zeit, in der unter anderem kein Gericht zusammentreten konnte und keine Fehde vollzogen werden konnteHeiner Lück, Gebundene Tage. In: Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte, 2. Auflage, Band I, Lieferung 8, Sp. 1974–1975.. Heute ist in den deutschen Bundesländern der Karfreitag (teilweise auch der Gründonnerstag und Karsamstag) nach den Feiertagsgesetzen ein gesetzlich geschützter stiller Tag. In allen christlichen Konfessionen gelten Einschränkungen für die Karwoche. So hat die Evangelische Kirche im Rheinland geregelt, dass in der Karwoche keine kirchlichen Trauungen durchgeführt werden.Lebensordnungsgesetz § 33, Absatz 5 in der Fassung vom 15. Januar 2016, abgerufen am 10. August 2017. In der römisch-katholischen Kirche werden bestimmte, mit einem freudigen Festgeheimnis verbundene Sakramentalien nicht gespendet. Der Karfreitag gilt als „Fast- und Abstinenztag“, an dem man nur eine sättigende Mahlzeit zu sich nimmt und keine Fleischspeisen isst.
Liturgie und Brauchtum in den christlichen Konfessionen Römisch-katholische Kirche
Die Heilige Woche () ist in der Liturgie der römisch-katholischen Kirche die Oktav vom Palmsonntag bis zum Osterfest. Im Unterschied zur Karwoche ist sie keine reine Trauerwoche.Herbert Thurston: Holy Week. In: The Catholic Encyclopedia. Vol. 7. Robert Appleton Company, New York 1910, newadvent.org abgerufen am 13. April 2014 Sie umrahmt vielmehr die Feier des messianischen Einzugs Jesu Christi in Jerusalem am ersten Tag, die drei österlichen Tage mit der Messe vom letzten Abendmahl und dem Gedächtnis des Leidens und Sterbens Jesu mit der Feier der hochheiligen Osternacht am achten Tag der heiligen Woche. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wird in der Heiligen Woche unterschieden zwischen der Karwoche (von Palmsonntag bis zur Vesper des Gründonnerstags) und dem Triduum Sacrum oder Triduum Paschale (von der Messe vom letzten Abendmahl am Gründonnerstagabend bis Ostersonntag einschließlich).Grundordnung des Kirchenjahres 16, 28, 30, 31; Auch die gesamte Woche, die vor Ostern endet, wird weiterhin als Karwoche bezeichnet.
Messfeiern, Stundengebet und Andachten Der Karfreitag und der Karsamstag sind die einzigen Tage im Kirchenjahr, an denen keine heilige Messe gefeiert wird. An den Kartagen werden morgens vor allem in Kathedralen und Klosterkirchen die Karmetten gesungen. Mancherorts finden in der Karwoche tägliche Kreuzwegandachten statt. Am Karfreitag ist der Hauptgottesdienst die Feier vom Leiden und Sterben Christi am Nachmittag. Am Karsamstag wird nur das Stundengebet gehalten. Zwischen der Karfreitagsliturgie und der Osternacht besteht in vielen Kirchen der Brauch, das „heilige Grab“ mit dem dort niedergelegten Kruzifix in Stille zu besuchen (visitatio crucis).Manfred Becker-Huberti: Feiern, Fest, Jahreszeiten. Lebendige Bräuche im ganzen Jahr. Herder Verlag, Freiburg, Sonderausgabe 2001, ISBN 3-451-27702-6, S. 289.
Am Vormittag des Gründonnerstags findet in den Bischofskirchen die Chrisammesse mit der Weihe der heiligen Öle statt. Vielerorts wird diese Feier bereits an einem früheren Tag in der Karwoche gehalten.
Kreuzverhüllung mini|hochkant|Das verhüllte Kreuz, Symbol der Passionszeit
Am fünften Sonntag der Fastenzeit, dem Passionssonntag (Judica) und dem Beginn der eigentlichen Passionszeit, werden zum Zeichen der Trauer vielerorts die Kruzifixe und Kreuze in den Kirchen verhüllt. Sind Triptychen und Flügelaltäre vorhanden, sind diese häufig zugeklappt und zeigen die einfacher gestaltete Rückseite der Flügel. Im Mittelalter wurden auch Reliquiare, kostbare Evangeliare oder Lichterkronen verhüllt, und zwar häufig schon ab Aschermittwoch oder von der Terz am Montag nach dem ersten Fastensonntag. Damals bestanden die Velen zur Verhüllung der Kreuze meist aus weißem Leinen. Heute können sie aus Seide, Wolle, Baumwolle oder Leinen bestehen. Für die Farbe ist violett vorgeschrieben; bis zur Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde das Kreuz auf dem Hochaltar am Gründonnerstag mit einem weißen Velum verhüllt.Joseph Braun: Die Liturgischen Paramente in Gegenwart und Vergangenheit. Ein Handbuch der Paramentik. 2., verbesserte Auflage. Herder, Freiburg (Breisgau) 1924 (Reprographischer Nachdruck. Verlag Nova und Vetera, Bonn 2005, ISBN 3-936741-07-7), S. 233 ff.
Schweigen der Glocken Einem jahrhundertealten Brauch gemäß schweigen in allen römisch-katholischen Kirchen aus Trauer um das Leiden und Sterben Jesu Christi vom Gloria der Messe vom letzten Abendmahl am Abend des Gründonnerstags bis zum Gloria in der Feier der Osternacht die Glocken (teilweise auch der Uhrschlag). Im Volksmund heißt es, „die Glocken fliegen nach Rom“. Als Ersatz werden Schlagbretter, Ratschen, Plattenklappern, Klapperbretter (Klabeklis im Baltikum) und ähnliche hölzerne Schlaginstrumente genutzt, um die Gläubigen an die Gebets- und Gottesdienstzeiten (Angelus, Stundengebet) zu erinnern. Auch die Altarschellen werden durch solche Klappern ersetzt. Es wird weder die Orgel noch ein anderes Musikinstrument gespielt. Stattdessen wird in den Gottesdiensten a cappella gesungen. Der Verzicht auf Glockenläuten und feierliches Orgelspiel wird auch in manchen evangelischen Kirchen geübt.
Ratschen mini|Ratsche
Ein alter römisch-katholischer Brauch in Österreich, Baden und Bayern ist das Ratschen, wobei Kinder, meist Ministranten, mit Holzratschen durch die Straßen oder von Haus zu Haus gehen. Bekannt ist in Klosterneuburg das Turmratschen. Dieser Brauch ist auch im Saarland und in Rheinland-Pfalz verbreitet, wird dort allerdings als „Kleppern“ bezeichnet. Auch im Rheinland und in ländlichen Gegenden Osthessens (Bistum Fulda) ziehen Kinder mit Ratschen durch das Dorf. Auch im Westfälischen (z. B. Waltrop und Nottuln) gibt es die sogenannten Räppler, die von Gründonnerstag bis Karsamstag mit ihren Räppeln (Ratschen) durch den Ort und die Bauerschaften ziehen. Die Ursprünge des Klapperns und Rasselns werden in der Zeit vor der Christianisierung Europas vermutet. Nahe liegt die Vermutung, der Zweck sei es einst gewesen, die Geister des Winters mit Lärm symbolisch zu vertreiben, um den Frühling zu begrüßen. Regional besteht beim Ratschen der Heischebrauch, dass die Kinder mit einer Sammelbüchse von Haus zu Haus gehen und Ostergrüße überbringen; sie sammeln dabei Ostereier, Süßigkeiten und Geld.
Künstlerische Rezeption Der spanische Komponist der Renaissance Tomás Luis de Victoria (1548–1611) komponierte das Officium Sanctae Hebdomadae, das sehr selten aufgeführt wird. Es enthält 37 Einzelgesänge zu den Tenebrae, die zu den wichtigsten Tagen der Heiligen Woche (Palmsonntag, Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag) jeweils ad matutinum, das heißt frühmorgens, zu singen waren. Sie sind einer der Höhepunkte des mehrstimmigen (polyphonen) Figuralgesangs der Renaissance.
Evangelische Kirchen Die Karwoche gilt auch in den evangelischen Kirchen als die wichtigste Woche des Kirchenjahres, Karfreitag und Ostersonntag als die beiden höchsten Festtage.