Drosera koikyennuruff ist eine Pflanzenart aus der Gattung Sonnentau (Drosera) innerhalb der Familie der Sonnentaugewächse (Droseraceae). Sie ist eine knollenbildende, fleischfressende Pflanze und gehört dem Drosera-microphylla-Komplex innerhalb der Sektion Ergaleium an. Die Art wurde erst 2023 wissenschaftlich beschrieben und ist bislang nur von zwei Fundorten im Süden Westaustraliens bekannt; sie zählt damit zu den am engsten begrenzt vorkommenden Endemiten der knollenbildenden Sonnentau-Arten.
Beschreibung Vegetative Merkmale Drosera koikyennuruff ist eine ausdauernde, knollenbildende krautige Pflanze (Geophyt) und erreicht einschließlich des Blütenstandes eine oberirdische Wuchshöhe von etwa 15 Zentimetern. Die unterirdische Knolle, die den Arten der Sektion Ergaleium das Überdauern der sommerlichen Trockenzeit sowie von Buschbränden ermöglicht, ist bisher nicht dokumentiert. Der oberirdische Spross ist aufrecht, selbsttragend, unverzweigt, stielrund und leicht zickzackförmig (fraktiflex); er ist kahl, 10 bis 12 Zentimeter hoch, nahe der Bodenoberfläche 0,4 bis 0,5 Millimeter und an den Internodien 0,3 bis 0,4 Millimeter dick und gelblich grün gefärbt. Im unteren Sprossbereich sitzen wenige pfriemliche Niederblätter (Kataphylle) von etwa 1,5 Millimeter Länge und etwa 0,3 Millimeter Breite, die rot bis orangegelb gefärbt sind.
Die Laubblätter stehen einzeln und wechselständig an den Knoten – Achselblätter, wie sie bei mehreren nahe verwandten Arten auftreten, fehlen. An blühenden Pflanzen sind zwei bis elf Laubblätter ausgebildet, die Internodien messen 2 bis 11 Millimeter. Der stielrunde, kahle Blattstiel ist halb aufrecht, über seine gesamte Länge oder zunehmend zur Spitze hin nach unten gebogen, 5 bis 9 Millimeter lang, am Grund 0,3 bis 0,4 Millimeter breit und verschmälert sich zur Spreite hin auf 0,1 bis 0,2 Millimeter; er ist gelblich grün mit orangegelber oder roter Spitze. Die schildförmig (peltat) angeheftete Blattspreite ist kreisrund, flach konkav und 2,3 bis 3,4 Millimeter lang sowie ebenso breit; ihre Oberseite ist dicht mit gestielten, klebrige Sekrete absondernden Fangdrüsen (Tentakeln) besetzt. Diese sind am Spreitenrand 2 bis 4 Millimeter lang und werden zur Spreitenmitte hin kürzer; ihr Stiel ist gelblich grün. Die Blattunterseite ist kahl.
Generative Merkmale Der endständige, einseitswendige Blütenstand ist ein einfacher, ein- bis zweiblütiger Wickel von 2,5 bis 4,2 Zentimeter Länge. Der stielrunde, kahle Blütenstandsschaft ist 1,2 bis 1,5 Zentimeter lang und 0,3 bis 0,4 Millimeter dick, gelblich grün und häufig rot gefleckt. Die Blütenstiele stehen zur Fruchtzeit aufrecht, sind dann 5 bis 20 Millimeter lang und in Abständen von 5 bis 13 Millimetern an der Blütenstandsachse verteilt; sie sind in der unteren Hälfte gelblich grün, in der oberen orangegelb bis rötlich orange. Die Tragblätter sind spatelförmig, schmal verkehrt-eiförmig oder pfriemlich und 1,5 bis 2,5 Millimeter lang.
Die zwittrige Blüte ist radiärsymmetrisch und fünfzählig mit doppelter Blütenhülle. Die fünf Kelchblätter sind schmal verkehrt-eiförmig, nach oben gekrümmt, leicht konkav und während der Anthese häufig zurückgeschlagen; sie sind 4 bis 6 Millimeter lang und 1,8 bis 2,1 Millimeter breit, gelblich braun bis gelblich grün und tragen oft winzige schwarze Punkte. Charakteristisch für alle Arten des Drosera-microphylla-Komplexes sind die im Verhältnis großen Kelchblätter, die die Kronblätter erreichen oder überragen. Die Blütenkrone misst 8 bis 12 Millimeter im Durchmesser. Die fünf Kronblätter sind dunkelrot, breit spatelförmig bis schmal verkehrt-eiförmig, tief konkav („löffelförmig“) und leicht nach oben gekrümmt, an der Spitze abgerundet und ganzrandig sowie 3,7 bis 5,4 Millimeter lang und 2,0 bis 2,2 Millimeter breit.
Die fünf Staubblätter sind 2,9 bis 3,5 Millimeter lang; die Staubfäden sind zur Spitze hin leicht verbreitert – am Grund etwa 0,2 Millimeter, nahe der Spitze etwa 0,5 Millimeter breit – und tief rot gefärbt. Die zweifächrigen, rückwärts gewandten Staubbeutel sind 0,5 bis 0,6 Millimeter breit, der Pollen ist gelb. Der verkehrt-eiförmige, aus drei verwachsenen Fruchtblättern gebildete Fruchtknoten misst 1,0 bis 1,6 Millimeter im Durchmesser und ist tief rot. Die drei Griffel teilen sich dicht über dem Grund in wenige fädige Abschnitte, die sich ihrerseits nochmals vielfach verzweigen und einen dichten Schopf bilden; sie sind 1,3 bis 2,3 Millimeter lang, tief rot gefärbt und überragen die Staubblätter seitlich. Die einfachen oder kurz verzweigten Narben sitzen an den Spitzen der Griffelabschnitte, sind etwa 0,2 Millimeter lang und tief rot. Die Samen sind bislang unbekannt.
Die Blütezeit reicht von Juni bis Juli. Wie bei allen Arten des Drosera-microphylla-Komplexes sind die Blüten nicht kurzlebig, sondern öffnen sich über mehrere Tage hinweg, schließen sich jedoch allabendlich wieder.
Ökologie Drosera koikyennuruff fängt – wie alle Sonnentau-Arten – kleine Gliederfüßer mit den klebrigen Sekrettropfen der Tentakel auf der Blattoberseite und erschließt sich über deren enzymatische Verdauung zusätzliche Nährstoffe, was das Wachstum auf den extrem nährstoffarmen Böden Südwestaustraliens ermöglicht. Die unterirdische Knolle dient als Speicherorgan und erlaubt es der Pflanze, die ausgeprägte sommerliche Trockenzeit unterirdisch zu überdauern.
Bemerkenswert ist die im Vergleich zu den meisten aufrecht wachsenden knollenbildenden Sonnentau-Arten sehr frühe Blütezeit. Sie tritt bei den drei besonders dunkelblütigen Arten des Komplexes – Drosera atrata, Drosera hortiorum und Drosera koikyennuruff – gemeinsam auf; die Erstbeschreiber vermuten darin eine Anpassung an bestimmte, in dieser Jahreszeit aktive Bestäuber. Gegenüber der am selben Ort vorkommenden Art Drosera microphylla, die erst von Ende August bis Oktober blüht, wirkt die frühe Blütezeit zugleich als zeitliche Fortpflanzungsbarriere, sodass beide Arten reproduktiv isoliert sind.
Vorkommen Drosera koikyennuruff ist im Süden Westaustraliens endemisch und bislang nur von zwei Fundorten bekannt: einem im Stirling-Range-Nationalpark und einem weiteren nahe dem Ort Woogenellup. Sie besiedelt niedrige Heidevegetation innerhalb von Mallee-Gebüsch auf sandig-tonigen Böden. Das Western Australian Herbarium führt Nachweise aus den biogeographischen Regionen Esperance Plains und Jarrah Forest sowie aus den Verwaltungsbezirken Cranbrook, Gnowangerup und Plantagenet.
Im Stirling-Range-Nationalpark wächst die Art in tiefer gelegenen, sandigen Bereichen unter offenem Mallee-Bewuchs, während die dort ebenfalls vorkommende Drosera microphylla auf die mittleren und oberen Hanglagen der Bergkette mit ihren felsigen oder lateritischen Böden beschränkt zu sein scheint. Beide Arten wachsen somit in unmittelbarer Nachbarschaft, jedoch in unterschiedlichen Lebensräumen.
Gefährdung Die Erstbeschreiber empfehlen die Aufnahme von Drosera koikyennuruff als Priority Two (unzureichend bekannte Art) in die Priority Flora List der westaustralischen Conservation Codes for Western Australian Flora and Fauna; in Florabase wird die Art inzwischen entsprechend geführt. Nach den Kriterien der IUCN wird sie als „Data Deficient“ (ungenügende Datengrundlage) eingestuft.
Die Bestandssituation gilt als kritisch: Bei einer gezielten Nachsuche im Juli 2022 konnten an dem 1988 erstmals belegten Fundort im Stirling-Range-Nationalpark trotz erheblichen Aufwands lediglich ein blühfähiges und vier jugendliche Exemplare nachgewiesen werden. Die Größe der zweiten, 2021 bekannt gewordenen Population bei Woogenellup ist bislang unbekannt. Angesichts der äußerst geringen bekannten Individuenzahl könnten bereits geringfügige Lebensraumveränderungen oder das illegale Sammeln – fleischfressende Pflanzen sind ein bevorzugtes Ziel des kommerziellen Raubbaus für den Liebhabermarkt – den Fortbestand der Art gefährden. Weitere Kartierungen werden daher ausdrücklich empfohlen.
Systematik Erstbeschreibung und Typusmaterial Die Erstbeschreibung von Drosera koikyennuruff erfolgte 2023 durch Thilo Krueger und Alastair S. Robinson in der Arbeit Small Leaves, Big Diversity: Citizen Science and Taxonomic Revision Triples Species Number in the Carnivorous Drosera microphylla Complex in der Zeitschrift Biology. Als Holotypus wurde eine bereits am 23. Juni 1988 von A. Rose im Stirling-Range-Nationalpark auf grauem, lehmigem Sand über Sandstein gesammelte Aufsammlung festgelegt (A. Rose 1029, Herbarium PERTH 05812402); die genaue Fundortangabe wurde aus Artenschutzgründen zurückgehalten.
Etymologie Das Epitheton koikyennuruff ist der Name der Stirling Range in der Sprache der Noongar, der Aborigines des Südwestens Westaustraliens, und bedeutet sinngemäß „Nebel über den Hügeln“.
Abgrenzung Nach Habitus sowie Blattstiel-, Spreiten- und Griffelform steht Drosera koikyennuruff der Art Drosera microphylla morphologisch am nächsten. Von dieser unterscheidet sie sich durch die deutlich frühere Blütezeit von Juni bis Juli (gegenüber August bis Oktober), die dunkelroten Kronblätter (bei D. microphylla rötlich orange mit dunkelrotem Grund), die tief roten Narben (rötlich violett), die gelblich grünen Tentakelstiele (rot beziehungsweise in der oberen Hälfte gelblich grün) sowie durch die Bindung an vergleichsweise trockene Sandstandorte im offenen Mallee-Gebüsch (moosig-feuchte Standorte auf und nahe Granitaufschlüssen, saisonal feuchte Sümpfe oder felsige Berghänge). Die Farbangabe „burgandy“ (burgunderrot) auf dem Etikett des Holotypus beschreibt die charakteristische Kronblattfärbung treffend.
Von der ebenfalls ähnlichen Art Drosera reflexa unterscheidet sich Drosera koikyennuruff durch die lockeren, keine Kolonien bildenden Bestände (D. reflexa bildet über oberirdische Ausläufer dichte Bestände), die schmal verkehrt-eiförmigen bis breit spatelförmigen Kronblätter (verkehrt-eiförmig bis sehr breit verkehrt-eiförmig), die dunkelrote Kronblattfarbe (purpurrosa mit tief rotem Grund), die gelblich braunen bis gelblich grünen Kelchblätter (rot bis purpurrot) sowie durch den Lebensraum im Bereich der Stirling Range (flache Moospolster auf Granitaufschlüssen zwischen Walpole und Denmark).
Eine bereits von Ludwig Diels bei Cranbrook gesammelte Aufstellung (Diels 3009, Herbarium B) wirft weiterhin Fragen auf: Die Ende Mai gesammelten, auffallend kleinen und stets einblütigen Pflanzen mit „dunkelkarmin“ gefärbten Kronblättern könnten nach Blütezeit und Blütenfarbe zu Drosera koikyennuruff gehören, weichen jedoch in Größe und Griffellänge ab. Da die Population bislang nicht wiedergefunden werden konnte, ist unklar, ob es sich um Drosera koikyennuruff oder um eine noch unbeschriebene, nahe verwandte Art handelt; sie wurde daher nicht in die Art einbezogen.
Drosera-microphylla-Komplex Drosera koikyennuruff gehört zum Drosera-microphylla-Komplex innerhalb der Sektion Drosera sect. Ergaleium Dieser Komplex umfasst aufrecht und selbsttragend wachsende, knollenbildende Sonnentau-Arten mit lang gestielten, schildförmigen, wechselständigen Laubblättern, langen Internodien und endständigen Blütenständen; hinzu kommen die vergleichsweise großen Kelchblätter und die tief konkaven Kronblätter. Diese Merkmalskombination findet sich in keiner anderen Gruppe der Gattung. Nach der Revision von 2023 umfasst der Komplex neun Arten: Drosera atrata Drosera calycina Drosera esperensis Drosera hortiorum Drosera koikyennuruff Drosera macropetala Drosera microphylla Drosera reflexa Drosera rubricalyx
Sechs dieser neun Arten – darunter Drosera koikyennuruff – besitzen ein bekanntes Verbreitungsgebiet mit einer maximalen Ausdehnung von weniger als 100 Kilometern; unter den übrigen 68 Arten der Sektion Ergaleium trifft dies nur auf drei Arten zu.
Entdeckungsgeschichte