mini|Elena Drapkina als Partisanin, 1944 Jelena Oskarjewna Drapkina (, ), geborene Levina (geboren 5. November 1924 in Minsk, Weißrussische Sozialistische Sowjetrepublik, Sowjetunion; gestorben 22. Dezember 2016 in Sankt Petersburg, Russland) war eine jüdische sowjetische bzw. belarussische Partisanin und Holocaustüberlebende. Nach der Flucht aus dem Ghetto Minsk, schloss sie sich der Partisanenbewegung an. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete Drapkina für den Exekutivrat (Ispolkom) von Minsk und schloss zudem eine Ausbildung zur Zahnärztin ab. Obwohl sie als säkulare Jüdin und sowjet-russische Nationalistin aufgewachsen war, wandte sie sich später stärker der jüdischen Religionspraxis zu, um das Andenken ihrer im Holocaust ermordeten Verwandten und Familienangehörigen zu ehren. Mitte der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre beteiligte sie sich außerdem an mehreren Oral-History-Projekten zur Dokumentation der Erfahrungen jüdischer Partisanen.
Frühe Lebensjahre Drapkina war die Tochter von Osher Levin und Ginde Levina. Sie hatte einen älteren Bruder, Hirsh (* 1920), und einen jüngeren Bruder, Saul (* 1929). Die Eltern waren Lehrer, gaben diesen Beruf aber zugunsten der Mitarbeit im Minsker Exekutivrat auf. Minsk war mit rund 70.000 Juden ein Zentrum des Ansiedlungsrayons, des Gebiets der jüdischen Bevölkerung in Russland. Die Familie gehörte der relativ wohlhabenden Mittelschicht an und war wie viele Juden gut in die säkulare sowjetische Gesellschaft integriert. Drapkinas Großeltern waren noch traditionelle Juden, sie selbst wurde von den Eltern atheistisch erzogen und lernte zum Beispiel kein Jiddisch.
Die säkulare Integrationspolitik der Sowjetunion ermöglichte Drapkina den Besuch einer guten Schule mit Diskussionszirkeln und Pionierhaus. Dort nahm sie kommunistische und sozialistische Werte auf. Zusätzlich besuchte sie das paramilitärische GTO-Sportprogramm (Готов к труду и обороне СССР, deutsch „Bereit für Arbeit und Verteidigung“). Drapkina lernte den Umgang mit Waffen und wurde eine erfolgreiche Schwimmerin mit mehreren Rekorden im Brust- und Schmetterlingsstil.
Kriegsjahre mini|Karte des Ghetto Minsk Der Deutsche Angriff auf die Sowjetunion begann am 22. Juni 1941. Erste Luftangriffe auf Minsk erfolgten am 23. Juni. Die Zivilbevölkerung war nicht gewarnt oder evakuiert worden. Bis Ende Juni war Minsk umschlossen und Anfang Juli erobert. Minsk wurde Sitz des Generalbezirks Weißruthenien mit Wilhelm Kube als Generalkommissar. Von den rund 75.000 Juden in der Stadt wurden 50.000 sofort im Ghetto Minsk zusammengedrängt, ebenso begannen Exekutionen.
Drapkina wurde ins Ghetto verbracht und lebte mit neun Familienmitglieder in einem 14 m2 großen Zimmer. Die Ghettobewohner konnten einer Arbeit nachgehen, waren aber konstantem Hunger und Gewalt, auch sexueller Gewalt, ausgesetzt. In späteren Interviews beschrieb Drapkina ein Warnsystem, das ihre Nachbarin als eine Art Selbstverteidigung eingerichtet hatte: Sie läutete für die gesamte Nachbarschaft eine Glocke, sobald sie einen Schrei hörte. Drapkina nutzte ihre Arbeitsaufträge im Ghetto, um heimlich ihre spätere Flucht zu planen. Sie meldete sich zusammen mit ihrer Freundin Mascha Bruskina für eine Tätigkeit im Arbeitsamt des Judenrats, der jüdischen Verwaltung des Ghettos, an. Beide blieben jedoch erfolglos, und Drapkina wurde stattdessen auf den Güterbahnhof versetzt. Dort arbeitete sie zusammen mit 16 anderen Frauen bei der Reinigung von Zügen und der Schneeräumung auf den Gleisen und erhielt dafür tägliche Lebensmittelrationen. Diese Arbeitsorte boten die Möglichkeit, Kontakte zu Untergrundbewegungen zu knüpfen.
Am 20. November 1941 überlebte Drapkina eine Razzia, weil sie sich unter einer Treppe, die mit Blechplatten und Wäsche abgedeckt war, verstecken konnte. Als sie das Versteck schließlich verließ, musste sie beobachten, wie einer ihrer Onkel ermordet wurde. Drapkinas Mutter und ihr jüngerer Bruder wurden im Zuge dieser Razzia verschleppt und später ermordet. Einige Tage nach der Razzia boten zwei russische Arbeiter Drapkina einen Pass an. In dem war vermerkt, dass sie Polin sei, was ihr die Flucht aus dem Ghetto ermöglichen konnte.
Als sich der Judenrat im März 1942 weigerte, 500 Einwohner zur Ermordung auszuliefern, wurde ein erneuter Überfall deutscher und litauischer Polizisten auf das Ghetto durchgeführt. Drapkina erfuhr davon im Voraus, als sie ein Gespräch zwischen deutschen Arbeitern belauschte. Während der Razzia wurden alle Kinder im Waisenhaus, die Patienten im Krankenhaus und weitere Zivilisten ermordet. Drapkinas Arbeitskolonne wurde am Ende des Tages auf einen Lastwagen gezwungen und zur Kontrolle am Ghettotor eskortiert. Als sie sich zum Wiedereintritt ins Ghetto anstellen musste, nahm ein deutscher Wachmann ihren Pass an sich, mit der Begründung, sie sei eine einfache Arbeiterin und keine Fachkraft, und versuchte, sie zu schlagen. Schließlich ließ man sie gehen und sie passierte den Kontrollpunkt. Außer ihr überlebte nur eine weitere Frau aus ihrem Freundeskreis in der Arbeitskolonne diese Selektion am Tor. Drapkina wartete bis zu einer weiteren Razzia Ende Juli 1942, um ihre Flucht zu wagen, in der Hoffnung, dass die Deutschen sie am Ende der Razzia einfach für tot erklären würden.
Nach der Flucht aus dem Ghetto traf Drapkina eine nichtjüdische Frau, die ihr erlaubte, in ihrem Bauernhaus westlich von Minsk zu wohnen und für sie als Hausmädchen zu arbeiten. Während ihrer Arbeit auf dem Bauernhof traf Drapkina auf eine Gruppe sowjetischer Fallschirmjäger, die in dieses Gebiet entsandt worden waren, um hinter den deutschen Frontlinien eine Partisaneneinheit aufzubauen. Sie überzeugten sie, sich ihnen anzuschließen. Drapkina war damals 18 Jahre alt und diente am Ende zwei Jahre lang. Drapkinas Partisaneneinheit (otriad, отряд), bestand anfangs aus acht Personen und wurde von I. M. Timchuk angeführt. Bis Februar 1943 war sie auf 40 Mitglieder, darunter eine größere Zahl an Frauen, angewachsen. Jedes Mitglied hatte eine bestimmte Aufgabe, und Drapkina wurde zunächst in der Küche, dann als Sanitäterin eingesetzt. Nachdem sie dem Kommandanten mitgeteilt hatte, dass sie unter Blutphobie leide, wurde sie schließlich als Kämpferin. Anfang 1944 wurde Drapkina zur Kommandantin von Morozova ernannt, einem Dorf, das unter der Aufsicht ihrer Einheit stand. Sie organisierte die Evakuierung der Einwohner, da unbekannte Truppen das Gebiet durchquerten. Ende Juni 1944 schloss sich ihre Partisanengruppe den die Region befreienden sowjetischen Truppen an.
Spätere Jahre Drapkina fand eine Anstellung als Sekretärin im Hauptquartier der weißrussischen Partisanenbewegung in Minsk, wo man ihr einen Platz in einem Wohnheim und Lebensmittelkarten wie einer Militärangehörigen zur Verfügung stellte. Danach arbeitete sie im Exekutivrat (Ispolkom) der Stadt in einer relativ hochrangigen Führungsposition. Mitte 1945 zog Drapkina nach Leningrad und lebte bei ihrer Tante, ihrer einzigen noch lebenden Verwandten; der Rest ihrer Familie war im Holocaust umgekommen. Ihre Tante überzeugte sie, an die Universität zu gehen, und sie schrieb sich für Kurse an der Universität ein. Obwohl sie seit der 9. Klasse keine akademische Prüfung mehr abgelegt und seit 1941 keine Zeitung mehr gesehen hatte, schloss Drapkina ein Studium der Zahnmedizin erfolgreich ab und arbeitete anschließend als Zahnärztin in Leningrad. In den frühen 1950er Jahren lebte sie in Angst vor den weit verbreiteten antisemitischen Kampagnen gegen jüdische Ärzte.
1945 heiratete sie Vul’f Drapkin, einen Offizier. Er starb 1949 an den Folgen seiner Kriegsverletzungen. Sie hatten einen Sohn, Alexander Wulfowitsch Drapkin, den Drapkina allein großzog.
Später im Leben lernte Drapkina Jiddisch und suchte mehr über ihr jüdisches Erbe zu erfahren. Sie besuchte Kurse zur jüdischen Kultur und begann, in die Synagoge zu gehen. Zum Gedenken an ihre verstorbenen Verwandten zündete sie an deren Todestagen eine Jahrzeitkerze an.
Drapkina nahm Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre zudem an mehreren Interviews teil, um über ihre Erlebnisse während des Krieges zu berichten. Im Rahmen dieser Oral-History-Projekte, von denen einige in multimediale Unterrichtsmaterialien mündeten, sprach sie ausführlich über ihr Leben vor, während und nach dem Holocaust. Im Jahr 2008 setzte sich Drapkina mit anderen dafür ein, dass ein Gedenkstein für ihre Freundin Mascha Bruskina unter deren Namen ausgewiesen wurde, der in den 1960er Jahren mit der Aufschrift „junge Frau/Name unbekannt“ errichtet worden war.
Drapkina starb am 2016 in Sankt Petersburg und ist auf dem jüdischen Preobraschenskoje-Friedhof zusammen mit ihrem Sohn beerdigt.
Weblinks Elena Drapkina, Jewish Survivor, Interview 2325, Visual History Archive, USC Shoah Foundation, basierend auf einem Interview mit Karen Leeds, 1995. Elena Drapkina: A Jewish Partisan, Kurzfilm, 2291, basierend auf einem Interview mit Vera Postavinskaya, 2006.
Einzelnachweise
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