Fetzers Flucht ist eine Fernsehoper von Günter Stahnke von 1962, nach der Funkoper von Kurt Schwaen und dem Drehbuch von Günter Kunert. Sie wurde nach ihrer Erstausstrahlung verboten, der Autor und der Regisseur wurden mit heftigen Formalismus-Vorwürfen überzogen und sanktioniert.

Inhalt Harry Fetzer flüchtet aus der DDR in den Westen. Dabei tötet er einen Wärter. Diese Tat verursacht bei ihm heftige Gewissensbelastungen, auch fühlt er sich in der neuen Heimat nicht wohl. Deshalb kehrt er reumütig in die DDR zurück, die er als das bessere Land erkennt.

Gestaltung Die Gestaltung des Films ist eigenwillig und expressionistisch. Viele Szenen sind schematisiert, die Hauptfigur bewegt sich allein in einer kargen Umgebung, es gibt eine starke Gut- und Böse-Kontrastierung usw. Es gibt keine Dialoge, einige Texte werden gesungen, im Hintergrund ist die Musik der Oper zu hören, aber ohne dass die Musiker zu sehen sind. Der Film ist eigentlich eine Pantomime mit Musikbegleitung.

Entstehung Der Komponist Kurt Schwaen hatte 1958 die Funkoper Fetzers Flucht fertiggestellt, die im selben Jahr beim OIRT-Festival in Prag ein Diplom mit der ausdrücklichen Unterstützung von Dmitri Schostakowitsch erhielt. Im Frühjahr 1959, noch vor der Erstsendung im DDR-Rundfunk, begannen Verantwortliche vom Deutschen Fernsehfunk mit den Vorbereitungen für eine Verfilmung.Thiele, 2014, S. 226, mit Details über die Entstehung.

1960 wurde das Drehbuch von Günter Kunert geschrieben, im Frühjahr 1962 war der geschnittene Film fertiggestellt.

Es war die erste Regiearbeit des 34-jährigen Günter Stahnke, die Hauptperson Harry Fetzer wurde vom Theaterschauspieler und frischvermählte Brecht-Schwiegersohn Ekkehard Schall gespielt, weitere Darsteller waren Fred Düren als Wächter, Gerry Wolff als Fahrer und Marianne Wünscher als dekadente westdeutsche Striptease-Tänzerin.

Danach wurde die Oper für den Film bearbeitet und als Hintergrundmusik durch das DEFA-Sinfonieorchester eingespielt.

In dieser Zeit berichtete das SED-Zentralorgan Neues Deutschland erstmals wohlwollend über dieses Projekt und betonte die Experimentierfreude der Beteiligten.

Sendungen und Verbot

Am 13. Dezember 1962 wurde Fetzers Flucht um 20 Uhr erstmals im Deutschen Fernsehfunk gesendet, anlässlich von dessen zehnjährigen Bestehens am folgenden Tag. Am nächsten Tag gab es eine Wiederholung. Vorher hatte die Fernsehzeitschrift FF Dabei eine ausführliche Vorbesprechung veröffentlicht, ebenso weitere Zeitungen, auch danach gab es positive Rezensionen in mehreren Publikationen. Viele Zuschauer waren allerdings durch die unkonventionelle Form und den Inhalt des Films sowie die moderne Musik befremdet.Fetzers Flucht Fernsehen der DDR (Memento), von Peter Flieher.

Am 22. Dezember gab es den ersten kritischen Artikel über die Fernsehoper in der BZ am Abend, am nächsten Tag folgte ein heftiger Verriss im Neuen Deutschland von Walter Baumert gegen den Autor Günter Kunert, mit dem Vorwurf des Formalismus.Walter Baumert, Kunerts Flucht in den Schematismus, in Neues Deutschland vom 23. Dezember 1962, S. 4.

Der Hintergrund war, dass Lotte Ulbricht den Film gesehen hatte und ihren Mann Walter Ulbricht darauf aufmerksam machte. Dieser ließ sich ihn daraufhin zeigen und startete danach die Kampagne gegen ihn, unter dem Einfluss der heftigen polemischen Rede des KPdSU-Generalsekretärs Nikita Chruschtschow vom 1. Dezember 1962 gegen den Formalismus in der Kunst, der die Freiheiten des politischen Tauwetters in der Sowjetunion einzuschränken begann.

Der Film Monolog für einen Taxifahrer ebenfalls von Günter Stahnke und Günter Kunert, der am 23. Dezember erstmals gezeigt werden sollte, wurde kurzfristig aus dem Programm genommen.

In den folgenden Monaten gab es eine breite Polemik gegen Fetzers Flucht in vielen Zeitungen, auch mit unsachlichen und ausfallenden Leserbriefen. Bei vielen Künstlern, auch den der DDR positiv gegenüberstehenden, gab es großen Unmut gegen diese unverhältnismäßig heftigen Angriffe, zumal in der gleichen Zeit das Theaterdrama Die Sorgen und die Macht von Peter Hacks ebenfalls verboten wurde.Reaktion von Schriftstellern und Künstlern zum VI. Parteitag der SED DDR im Blick, besonders Text mit Anmerkungen 72 bis 75, Gesamteinschätzung des MfS. Es blieb auch unverständlich, warum die Fernsehverantwortlichen und die staatlichen Kontrollbehörden, die den Film die ganze Zeit unterstützt hatten, von der Kritik ausgenommen wurden.

Beim VI. Parteitag der SED im Juni 1963 kritisierte Walter Ulbricht den anwesenden Autor Günter Kunert für den Modernismus der Filme.

Wiederaufführungen Am 26. Januar 1990 zeigte die Akademie der Künste der DDR in Ost-Berlin erstmals wieder Fetzers Flucht und Monolog für einen Taxifahrer im Rahmen einer wöchentlichen Reihe mit verbotenen DDR-Filmen. Neben Betroffenheit gab es bei einigen anwesenden Kulturjournalisten auch eine leise Heiterkeit über die unfreiwillige Komik vieler unbeholfen wirkender Szenen.Ute Thon, Der verbotene Fetzer, in taz vom 29. Januar 1990, die westdeutsche Filmexpertin vermutete sogar, dass der Film im Westen (in der alternativen Kunstszene) wegen seiner unfreiwilligen Komik einen Kultstatus erreichen könnte Der anwesende Komponist Kurt Schwaen und der Regisseur Günter Stahnke rieten dann auch von einer Neuausstrahlung im Deutschen Fernsehfunk ab.

2023 stellte das Filmmuseum Potsdam erstmals die Funkoper und die Fernsehoper Fetzers Flucht gemeinsam vor.Fetzers Flucht Filmmuseum Potsdam. Diese ist auch auf einer DVD in der Reihe DDR-Klassiker erhältlich.

Literatur Wolfgang Thiele: Fetzers Flucht – vielumstritten, verboten, vergessen.... In: Kieler Beiträge zur Filmmusikforschung. 11/2014. S. 222–234 (Digitalisat). Ute Thon: Der verbotene Fetzer. In: Die Tageszeitung (taz) vom 29. Januar 1990 (Text).

Weblinks Fetzers Flucht Fernsehen der DDR (Memento) Fetzers Flucht Filmportal

Einzelnachweise

Kategorie:Filmtitel 1962 Kategorie:Opernverfilmung Kategorie:Verbotener Film (DDR) Kategorie:Schwarzweißfilm Kategorie:Flüchtlingsthematik im Film Kategorie:Flucht aus der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR Kategorie:Deutsche Teilung im Film