Walther Muthmann (auch Walter Muthmann; * 22. April 1902 in Elberfeld; † 14. Juni 1971 in Bonn) war ein deutscher Rechtsterrorist und späterer Ministerialbeamter. Während der Weimarer Republik kämpfte er in verschiedenen Freikorps, war Mitglied der rechtsterroristischen Organisation Consul und Protagonist der Landvolkbewegung. Während der Zeit des Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik war er Beamter in verschiedenen Ministerien.
Werdegang Weimarer Republik Walther Muthmann war ein Sohn des Fabrikanten Friedrich Muthmann (1869–1926), dem Inhaber der C. Blumhardt Fahrzeugwerke. Nach dessen Tod übernahmen Walthers jüngere Brüder Günther (1903–1985) und Wilhelm (1912–1997) die Leitung des Unternehmens. Sein älterer Bruder Friedrich (1901–1981) war Kunsthistoriker und Diplomat. Der Chemiker Wilhelm Muthmann (1861–1913) war sein Onkel.
Er besuchte bis 1912 das Lyzeum in Vohwinkel und anschließend die dortige Realschule, an der er 1919 die Obersekundareife ablegte. Daraufhin absolvierte Muthmann bis 1921 eine landwirtschaftliche Lehre auf verschiedenen Landgütern. Bereits in den Anfangsjahren der Weimarer Republik trat er dem Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund und der Marine-Brigade Ehrhardt bei. Später gehörte er auch deren Nachfolgeorganisationen Organisation Consul und Bund Wiking an.
Ab 1922 war er als kaufmännischer und technischer Volontär in Vohwinkel und Hamburg tätig. Da das heimische Vohwinkel im Januar 1923 im Rahmen der Ruhrbesetzung von französischen Truppen okkupiert und vom Rest des heutigen Wuppertals abgetrennt wurde, zog Muthmann nach München. Er trat dort als Zeitfreiwilliger in das 19. Infanterie-Regiment ein. Am 1. Mai 1923, dem Tag der Arbeit, nahm er an der ersten größeren Aktion der Arbeitsgemeinschaft der Vaterländischen Kampfverbände in München teil. Am 1. Oktober 1923 nahm er als Kämpfer der Schwarzen Reichswehr am Küstriner Putsch teil. Noch im selben Jahr wurde er Ausbilder im 2. Artillerie-Regiment in Schwerin. In dieser Zeit war er auch als Kurier der völkischen Verbände zwischen Schwerin, Berlin und München tätig und half bei der Beobachtung des sozialdemokratischen preußischen Innenministers Carl Severing mit. Von Januar bis Juli 1924 war er landwirtschaftlicher Beamter auf dem Rittergut Radensleben.
mini|Fahne der Landvolkbewegung Von 1924 bis 1927 absolvierte Muthmann ein Studium an der Landwirtschaftlichen Hochschule Hohenheim. Er schloss das Studium als Diplomlandwirt ab. Von Februar bis Juni 1928 war er landwirtschaftlicher Beamter auf der Domäne Münchenlohra. Ab 1928 übernahm er Presse- und Organisationtätigkeit für die Landvolkbewegung, er war unter anderem für die wehrorganisatorische Erfassung der Jungbauernschaft im Landbund Plön zuständig. 1929 trat er auch dem Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten bei. Am 1. August 1929, der auch als „Schwarzer Donnerstag“ bezeichnet wird, fand eine Großdemonstration der Landvolkbewegung in Neumünster statt. Die Bauern brachten ihre neue Fahne, schwarz mit silbernem Pflug und rotem Schwert und als Fahnenstange eine geradegeschmiedete Sense, mit. Muthmann ging der Demonstration als Träger der Fahne voran. Es kam zu mehreren Zusammenstößen mit der mit Säbeln bewaffneten Polizei. Muthmann wurde dabei von Polizisten schwer verletzt und verhaftet. Die Fahne wurde beschlagnahmt, was dazu führte, dass die Bauern zehn Monate lang die von der Landwirtschaft abhängige Stadt Neumünster boykottierten, was diese an den Rand des Ruins brachte. Beendet wurde dies erst durch eine feierliche Übergabe der Fahne an Mitglieder der Bewegung.Onno Poppinga: Landvolkbewegung. In: Bauern und Politik (Teil von Studien zur Gesellschaftstheorie). Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt am Main/Köln 1975, ISBN 3-434-20077-0, S. 160–168. Muthmann kam in Untersuchungshaft, wurde angeklagt und zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.
mini|Menschenauflauf vor dem Reichstag am 1. September 1929 nach dem Anschlag Kurze Zeit später beteiligte sich Muthmann an einem provokatorischen Scheinanschlag auf das Reichstagsgebäude in Berlin. Im Keller des Gebäudes explodierte in der Nacht zum 1. September 1929 eine „Höllenmaschine“, ein mit einem „nichtbrisanten, schwarzpulverartigen Sprengstoff“ gefülltes Paket, das er dort abgelegt hatte. Der Sachschaden war minimal.Zum Hergang und zur Höllenmaschine siehe Ulrich Thürauf (Hrsg.): Schulthess’ Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Fünfundvierzigster Jahrgang 1929. Der ganzen Reihe 70. Band. C. H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1931, S. 165; ähnlich Klein, S. 190. Dort auch der Hinweis zum Gutachten der Chemisch-Technischen Reichsanstalt zum nichtbrisanten Sprengstoff. Die Folge war eine größere Verhaftungsaktion, der sich Muthmann durch Flucht nach Schweden entzog.Marcus M. Payk: Im Zaubergarten: Eine intellektuellengeschichtliche Annäherung an Ernst v. Salomons Roman „Die Stadt“ (1932). In: Deutsche Vierteljahrsschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte (2026). Er war dort als landwirtschaftlicher Beamter in Helsingborg und Visbohammar tätig.
NS-Zeit 1932 kehrte Muthmann nach Deutschland zurück, wo er zunächst eine Tätigkeit in der familiären Fahrzeugfabrik aufnahm. Er trat der 1931 von Hermann Ehrhardt und Hartmut Plaas gegründeten nationalbolschewistischen „Gefolgschaft“ bei, in der sich enttäuschte Nationalsozialisten und Kommunisten sammelten, die eine Machtübernahme Adolf Hitlers verhindern wollten und vor allem die Demagogie der NSDAP anprangerten. Die „Gefolgschaft“ stand Otto Strasser und dem linken Flügel der NSDAP nahe. Muthmann war Mitarbeiter der Ehrhardt-Zeitung und Kommandant der Berliner Ehrhardt-Gefolgschaft. Wegen dieser Betätigung wurde er nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten für einige Wochen im SA-Gefängnis Papestraße inhaftiert.
Daraufhin bekannte sich Muthmann wie auch die restlichen Anhänger Ehrhardts zur NSDAP; er trat der Partei zum 1. Mai 1933 bei (Mitgliedsnummer 2.588.659).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/29980604 Die Ehrhardt-Gefolgschaft wurde in den Sicherheitsdienst des Reichsführers SS eingegliedert. Außerdem gehörte er von 1934 bis 1937 der Deutschen Arbeitsfront an. Muthmann war von Juli 1933 bis April 1934 landwirtschaftlich-technischer Mitarbeiter bei der Zentralverwaltung Berliner Stadtgüter GmbH. Daraufhin war er ab Mai 1934 zunächst Sachbearbeiter im Reichsheimstättenamt und anschließend bis Januar 1937 Abteilungsleiter bei der Reichsstelle für Raumordnung; zwischenzeitlich war er zur Landesplanung Oldenburgs abgeordnet. Von Februar bis Oktober 1937 war er Sachbearbeiter bei der Reichsumsiedlungsgesellschaft.
Von November 1937 bis Mai 1943 war Muthmann im Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft tätig. Er war dort zunächst nur angestellt, wurde jedoch 1939 unter Ernennung zum Regierungsrat in das Beamtenverhältnis berufen. Im Ministerium arbeitete er in den Referaten „Planung außerhalb der bäuerlichen Siedlung“, „Landbedarf der öffentlichen Hand“ und „Mitwirkung bei der Klein- und Arbeitersiedlung“. 1939 war er zeitweise an die Reichsstelle für Landbeschaffung im Reichswehrministerium abgeordnet. Von 1941 bis 1942 war Muthmann als Kriegsverwaltungsrat in der Abteilung „Landwirtschaftliche Verwaltung und Organisation“ des Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete bzw. beim Wirtschaftsstab Ost. Anschließend war er von 1942 bis August 1944 bei der Reichsstelle für Raumordnung tätig, wo er das Referat „Land-, Forst- und Wasserwirtschaft“ leitete. Als solcher war er später, als sich die Wehrmacht immer weiter zurückziehen musste, für Industrieverlagerungen und Standortbestimmungen sowie die Evakuierung der Bevölkerung zuständig. Er wurde 1943 zum Oberregierungsrat befördert. Laut Claus-Joachim von Heydebreck gehörte Muthmann dem Widerstandskreis um Fritz-Dietlof von der Schulenburg an.Lebenserinnerungen unseres Vaters Claus Joachim von Heydebreck bis 1945, hrsg. v. seinen Kindern, erschienen im Eigenverlag 1986, S. 115–119. Von August 1944 bis zum Kriegsende im Mai 1945 leistete Muthmann Kriegsdienst bei der Wehrmacht.
Bundesrepublik Nach Kriegsende war Muthmann bis 1950 zunächst in der Landfahrzeugindustrie und als selbstständiger Unternehmer im Bereich Torfverwertung tätig. Zudem arbeitete er von 1946 bis 1948 als Gutachter für das Verwaltungsamt für Wirtschaft in Minden. Bei seinem Spruchkammerverfahren im Februar 1949 wurde er als „entlastet“ eingestuft. Von September 1950 bis Juni 1954 war er Beauftragter des Hauptamts für Soforthilfe beim Soforthilfeausschuss des Ennepe-Ruhr-Kreises. Bereits von 1953 bis 1954 war er zugleich im Bereich Eingliederung von Heimatvertriebenen und Flüchtlingen beim Deutschen Bauernverband tätig. Von Juli 1954 bis März 1958 arbeitete er schließlich als Angestellter beim Deutschen Bauernverband. 1958 wurde er als Oberregierungsrat wieder in das Beamtenverhältnis berufen und trat in das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten ein, wo er die Leitung des Referats „Verbesserung der Agrarstruktur“ übernahm. 1964 wurde er zum Ministerialrat befördert. 1967 trat er in den Ruhestand.
In den 1950er und 1960er Jahren nahm Muthmann an den alljährlich durchgeführten Moselfahrten eines Kreises nationalrevolutionär Gesinnter um den jüdischstämmigen Industriellen Hans-Dieter Salinger teil, dem auch Ernst von Salomon, Ernst Jünger, Erwin Topf, Ernst Rowohlt, Friedrich Hielscher und Ernst Samhaber angehörten.Ina Schmidt, Stefan Breuer (Hrsgg.): Ernst Jünger, Friedrich Hielscher: Briefe 1927–1985. Klett-Cotta, Stuttgart 2005, ISBN 3-608-93617-3, S. 384. Muthmann starb im Juni 1971 im Alter von 69 Jahren in Bonn.
Rezeption Hans Fallada verarbeitete die Person Muthmanns und explizit den Vorfall um die Fahne bei der Bauerndemonstration 1929 in Neumünster in seinem Roman Bauern, Bonzen und Bomben (1931). Die Muthmann nachempfundene Person heißt hier Georg Henning.Rolf Schneider: Klatsch, Kabale und Korruption, über Hans Falladas Bauern, Bonzen und Bomben, in: Marcel Reich-Ranicki (Hrsg.) Romane von gestern – heute gelesen, Bd. II 1918 – 1933, S. 277–284, S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 1989, ISBN 3-10-062911-6. In der Verfilmung Bauern, Bonzen und Bomben (1973) von Egon Monk wurde Muthmann/Henning von Reinhart Firchow verkörpert.
Literatur Susanne Meinl: Nationalsozialisten gegen Hitler. Die nationalrevolutionäre Opposition um Friedrich Wilhelm Heinz. Siedler, Berlin 2000, ISBN 3-88680-703-7.
Weblinks Walther Muthmann auf der Website des Projekts Beamte nationalsozialistischer Reichsministerien
Einzelnachweise
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