mini|Typisches Erscheinungsbild der Parkinson-Krankheit (Fünfzigjähriger Patient Pierre D. im Jahr 1870) mini|Erklärvideo: Was ist Parkinson? (Dauer: 2 Minuten)
Die Parkinson-Krankheit oder der Morbus Parkinson entsteht durch einen langsam fortschreitenden Verlust von Nervenzellen im Gehirn. Die charakteristischen Symptome sind Bewegungsarmut, Muskelstarre und Ruhetremor. Ungefähr ein Prozent der Weltbevölkerung über 60 Jahren ist von dieser Krankheit betroffen (Stand 2004). Die Parkinson-Krankheit ist damit nach der Alzheimer-Krankheit die zweithäufigste neurodegenerative Erkrankung der Welt.
Die Leitsymptome (auch Kardinal- oder Kernsymptome genannt) sind:
frühe Symptome (Prodromalsymptome) können den motorischen Manifestationen um Jahre oder sogar Jahrzehnte vorausgehenE. Tolosa, A. Garrido, S. W. Scholz, W. Poewe: Challenges in the diagnosis of Parkinson’s disease. In: The Lancet. Neurology. Band 20, Nummer 5, Mai 2021, S. 385–397, doi:10.1016/S1474-4422(21)00030-2, PMID 33894193, (Review). Verminderter oder veränderter Geruchssinn (Hyposmie) Verstopfung Salbengesicht Stimmungsschwankungen (leichte Reizbarkeit) mit leichten Depressionen Störung des Traumschlafs durch häufige und starke Bewegungen während des REM-Schlafs (im gesunden Zustand normalerweise bewegungslos)
motorische Krankheit im Hauptstadium (niedriger Dopaminspiegel) Bradykinese, Hypokinese oder Akinese: verlangsamte Bewegungen, verminderte Bewegungsamplitude bis hin zu Bewegungslosigkeit Rigor: wächserne (bleirohrartige) Muskelstarre bzw. unelastische erhöhte Ruhespannung Gangstörung: „unrunde“ Bewegung beim längeren Laufen (Fuß etwas nachziehen) Tremor: Muskelzittern in Ruhe, insbesondere als rhythmisches Zittern der Extremitäten Die Handschrift wird etwas kleiner Posturale Instabilität: Vorgebeugte Haltung, Gleichgewichtsstörungen, Sturzneigung
Die Parkinson-Krankheit ist gekennzeichnet durch das vornehmliche Absterben der dopaminproduzierenden Nervenzellen in der Substantia nigra, einer Struktur im Mittelhirn. Der Mangel an dem Botenstoff Dopamin führt letztlich zu einer Verminderung der aktivierenden Wirkung der Basalganglien auf die Großhirnrinde und somit zu den Bewegungsstörungen.
Es gibt bis heute noch keine Möglichkeit einer ursächlichen Behandlung der Parkinson-Krankheit, weshalb nur eine Behandlung der Symptome möglich ist. Mit einem Fortschreiten der Krankheit werden häufig mehrere Medikamente kombiniert, die in immer kürzeren Abständen eingenommen werden müssen, um eine ausreichende Wirksamkeit zu erzielen und Wirkschwankungen zu vermeiden. Fortgeschrittene Therapieoptionen bestehen in einer kontinuierlichen Apomorphin-Infusion, kontinuierlichen L-Dopa-Infusion oder einer tiefen Hirnstimulation.
Ältere und umgangssprachliche Bezeichnungen: Parkinsonsche Krankheit, Schüttelkrankheit, Paralysis agitans, Schüttellähmung oder Zitterlähmung. Parkinsons-Syndrom oder Parkinsonismus bezeichnet das reine Symptombild ohne Bezug zu einer Ursache. Einordnung Der Begriff Parkinson-Syndrom bezeichnet Erkrankungen mit den oben genannten Leitsymptomen. Die Parkinson-Krankheit, bei der bestimmte dopaminproduzierende Nervenzellen absterben, umfasst hingegen auch Aspekte von Behandlung und Verlauf und bezog sich ursprünglich ausschließlich auf das idiopathische Parkinson-Syndrom (das heißt ohne bekannte äußere oder genetische Auslöser). Liegt indes eine bestimmbare äußere Ursache zugrunde, sprechen die Ärzte von einem sekundären oder symptomatischen Parkinson-Syndrom. Liegt ein neurodegeneratives Krankheitsbild mit anderem Schädigungsmuster, mit zum Teil auch weiteren Symptomen vor, so werden diese atypische Parkinson-Syndrome genannt.
Somit ergibt sich folgende Einteilung der Parkinson-Syndrome:
das idiopathische Parkinson-Syndrom (IPS) mit ca. 75 % häufigstes Parkinson-Syndrom das familiäre Parkinson-Syndrom Seltenere, vererbbare, oft genetisch bedingte Formen Fällt je nach betroffenem Gen meist unter Parkinson-Krankheit, wenn Behandlung und Verlauf dem IPS ähneln Zu unterscheiden von Genen die das Risiko für Parkinson erhöhen symptomatische (sekundäre) Parkinson-Syndrome medikamenteninduziert (beispielsweise bei Neuroleptika mit Dopamin-Antagonismus = Parkinsonoid), außerdem verdichten sich Hinweise, dass Amphetamingebrauch das Risiko, zu erkranken, deutlich erhöht vaskuläres Parkinson-Syndrom, wie bei der zerebralen Mikroangiopathie (Morbus Binswanger) posttraumatisch (beispielsweise als chronisch-traumatische Enzephalopathie) toxininduziert (beispielsweise durch Kohlenmonoxid, Mangan, MPTP) entzündlich (beispielsweise nach Encephalitis lethargica, auch bei diffusen erregerbedingten Gehirnerkrankungen wie der fortgeschrittenen HIV-Enzephalopathie) metabolisch (beispielsweise beim Morbus Wilson) Parkinson-Syndrome im Rahmen anderer neurodegenerativer Erkrankungen (atypische Parkinson-Syndrome) Multisystematrophie Progressive supranukleäre Blickparese Kortikobasale Degeneration Lewy-Körperchen-Demenz
Geschichte Die Erkrankung wurde erstmals 1817 vom englischen Arzt James Parkinson in der Monographie (Eine Abhandlung über die Schüttellähmung) beschrieben. Bereits Parkinson wies auf das langsame Fortschreiten der Erkrankung hin. Als Ursache für die Schüttellähmung, später Parkinson-Syndrom genannt, vermutete er eine Störung des Rückenmarks im Halswirbelbereich, was 1960 durch die Entdeckung Arvid Carlssons, dass der Mangel des körpereigenen Botenstoffs Dopamin in bestimmten Regionen des Hirnstamms Ursache für die Parkinson-Krankheit ist, widerlegt wurde.Gisela Baumgart: Carlsson, Arvid. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 230. Die Symptome der Parkinson-Erkrankung sind jedoch schon seit der Antike bekannt. Der Tremor wurde von Celsus erstmals genauer als zu therapierendes Gebrechen älterer Patienten beschrieben.Paul Foley: Beans, roots and leaves: A brief history of the pharmacological therapy of parkinsonism. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 22, 2003, S. 215–234, stark gekürzte Publikation der Dissertation mit dem Titel Beans, roots and leaves: A History of the Chemical Therapy of Parkinsonism. Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Würzburg 2001; d-nb.info (PDF 9,5 MB) Beim Parkinson-Syndrom wurde früher unterschieden zwischen einem postenzephalitischen und einem toxischen Parkinsonismus.Immo von Hattingberg: Das Parkinson-Syndrom, Morbus Parkinson (Parkinson’s disease, maladie de Parkinson), Paralysis agitans, postencephalitischer und toxischer Parkinsonismus. In: Ludwig Heilmeyer (Hrsg.): Lehrbuch der Inneren Medizin. Springer-Verlag, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1955; 2. Auflage ebenda 1961, S. 1342–1345.
Im Jahr 1997 wurde durch die European Parkinsons Disease Association der 11. April anlässlich des Geburtstags James Parkinsons als Welt-Parkinson-Tag ausgerufen.Welt-Parkinson-Tag, offizielle Webseite, abgerufen am 11. April 2017 Inzwischen findet er am 29. März statt.
Erkrankungsalter und Häufigkeit +AlterFälle pro 100.00040 bis 50 Jahre4150 bis 60 Jahre10760 bis 70 Jahre42870 bis 80 Jahre1087>80 Jahre1.903 In Deutschland wird die Zahl der betroffenen Menschen derzeit auf 300.000 bis 400.000 geschätzt. Der Erkrankungsbeginn liegt meist zwischen dem 50. und 79. Lebensjahr mit einem Gipfel zwischen dem 58. und 62. Lebensjahr. Die Rate des Erstauftretens (Manifestationsrate) steigt mit zunehmendem Alter bis etwa zum 75. Lebensjahr an und nimmt danach wieder ab. Insbesondere in der Altersgruppe der über 80-Jährigen kommen noch weitere Formen des Parkinson-Syndroms hinzu.
Tritt die Parkinson-Krankheit vor dem 50. Lebensjahr auf, wird sie klinisch als früh einsetzende Parkinson-Krankheit (Early-Onset Parkinson's Disease, EOPD) bezeichnet. Die familiäre (monogenetische) Parkinson-Krankheit beginnt im Mittel früher und macht einen bedeutenden Teil der früh einsetzenden Parkinson-Krankheit aus.
Ursachen
mini|Dopaminerge Projektionen beim gesunden Menschen (links) und beim Morbus-Parkinson-Patienten (rechts); rote Pfeile stehen für Hemmung und blaue für Stimulation der Zielstruktur
Funktionelle Ebene: Dopaminmangel Der Morbus Parkinson ist eine degenerative Erkrankung des extrapyramidalmotorischen Systems (EPS) oder der Basalganglien. Dabei kommt es zu einem Absterben von Nervenzellen in der Pars compacta der Substantia nigra (auch Nucleus niger, „schwarzer Kern“), die Dopamin herstellen und durch ihre Axone in das Putamen transportieren. Erste Krankheitszeichen fallen erst auf, wenn ca. 55 % bis 60 % dieser dopaminergen Zellen abgestorben sind.
Der Dopaminmangel führt über zwei Wege (siehe Bild) letztlich zu einem Ungleichgewicht in der Funktion der Basalganglien. Der Botenstoff Glutamat liegt dabei relativ im Überschuss vor. Dabei hemmt letztlich der Globus pallidus internus die motorische Aktivierung der Hirnrinde durch den Thalamus. Dies führt zu den Hauptsymptomen Rigor, Tremor und Hypokinese (siehe unten), aber auch zur Verlangsamung der geistigen Prozesse (Bradyphrenie).
Neben dem Dopaminmangel wurden auch Veränderungen anderer Neurotransmitter festgestellt. So zeigte sich in einigen Regionen des Hirnstammes ein Serotonin-, Acetylcholin- und Noradrenalin-Mangel.
Zelluläre Ebene Die Forschung und die Identifizierung der vererbten Formen haben gezeigt, dass es sich beim Morbus Parkinson (MP) nicht um eine einheitliche Erkrankung handelt, sondern um eine heterogene Gruppe von Erkrankungen mit einem Spektrum klinischer und pathologischer Ausprägungen (PARK1 bis PARK13). Monogene Formen des Morbus Parkinson sind für etwa fünf bis zehn Prozent aller Patienten mit Morbus Parkinson verantwortlich. Unter diesen sind Punktmutationen des alpha-Synuclein-Gens (SNCA-Gen, PARK1) von besonderem Interesse, da alpha-Synuclein (SNCA) die Hauptkomponente der Lewy-Körper bei familiärem und sporadischem Morbus Parkinson darstellt.M. G. Spillantini, M. L. Schmidt, Michel Goedert u. a.: Alpha-synuclein in Lewy bodies. In: Nature. Band 388, Nummer 6645, August 1997, S. 839–840, doi:10.1038/42166. PMID 9278044. Der PARK1-Lokus wurde in einer großen Familie mit dominant vererbten Morbus-Parkinson- und Lewy-Körperchen-Pathologie kartiert; zwei weitere Punktmutationen mit hoher Penetranz wurden in großen Familien identifiziert, aber nicht bei Patienten mit sporadischem Morbus Parkinson.M. H. Polymeropoulos, C. Lavedan u. a.: Mutation in the alpha-synuclein gene identified in families with Parkinson’s disease. In: Science. Band 276, Nummer 5321, Juni 1997, S. 2045–2047, PMID 9197268.R. Krüger, W. Kuhn u. a.: Ala30Pro mutation in the gene encoding alpha-synuclein in Parkinson’s disease. In: Nature genetics. Band 18, Nummer 2, Februar 1998, S. 106–108, doi:10.1038/ng0298-106. PMID 9462735.J. J. Zarranz, J. Alegre u. a.: The new mutation, E46K, of alpha-synuclein causes Parkinson and Lewy body dementia. In: Annals of neurology. Band 55, Nummer 2, Februar 2004, S. 164–173, doi:10.1002/ana.10795. PMID 14755719.D. Berg, M. Niwar u. a.: Alpha-synuclein and Parkinson’s disease: implications from the screening of more than 1,900 patients. In: Movement disorders: official journal of the Movement Disorder Society. Band 20, Nummer 9, September 2005, S. 1191–1194, doi:10.1002/mds.20504. PMID 15895422.
Bemerkenswerterweise wurden 2007, möglicherweise als Ausdruck einer frühen synaptischen Störung, SNCA-Aggregate in der präsynaptischen Fraktion aus menschlichem Hirngewebe identifiziert, wobei die genaue Beziehung zwischen Aggregation, zellulärer Dysfunktion und Zelltod bislang nicht bekannt ist.E. R. Kramer, L. Aron u. a.: Absence of Ret signaling in mice causes progressive and late degeneration of the nigrostriatal system. In: PLoS biology. Band 5, Nummer 3, März 2007, S. e39, doi:10.1371/journal.pbio.0050039. PMID 17298183. .