Als Aktion Intelligenzija in Karlsdorf bezeichnet man die Verschleppung, Misshandlung und Erschießung von 36 prinzipiell donauschwäbischen Karlsdorfern. Hauptsächlich fanden diese Kriegsverbrechen zwischen dem 4. und dem 11. November 1944 durch serbische Partisanen im Rahmen der vom Tito-Regime initiierten landesweiten Aktion Intelligenzija statt. thumb|Ausgangsort der Aktion Intelligenzija: Gemeindehaus in Karlsdorf um 1900vgl. Ludwig Szmida: Geschichte der Grossgemeinde Karlsdorf im Temeser Comitate. Herausgegeben von der Karlsdorfer Gemeinde. Temesvar. Buchdruckerei J. Osendes 1902. S. 7. mini|Karlsdorfer Zentrum vor der Ermordung und Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung
Hintergründe und Forschungsdiskurs Nachdem die Kriegshandlungen gegen die Wehrmacht im südwestlichen Banat beendet waren, wurden die dort lebenden deutschstämmigen Einwohner von der Partisanenbewegung unter Josip Broz Tito als Volksfeinde bzw. Landesverräter kategorisiert. Offenbar orientiert am sowjetischen Vorbild, sollte die gebildete Schicht dieser Bevölkerungsgruppe liquidiert werden, um sich diese ethnische Minorität gefügig zu machen.Hans Sonnleitner: Aktion Intelligenzija in Karlsdorf. Tatsachen und Hintergründe, Reflexionen zur Sinnfrage über Mord und Tod. Gedenkschrift 1944–1984 über die Ermordung von 36 Karlsdorfern. Donauschwäbisches Archiv, 1986. S. 15ff.
Nachdem eine Militärverwaltung errichtet worden war und damit ca. 160 000 Donauschwaben unter die Herrschaft Titos gefallen waren, setzten in der zweiten Oktoberhälfte 1944 die ersten systematischen Verhaftungen von bedeutenden Vertretern der volksdeutschen Bevölkerungsgruppe ein. In Zusammenarbeit von Geheimpolizei, militärischer Spezialeinheit und örtlicher Militärverwaltung wurden die Verhafteten verhört, dabei nicht selten misshandelt, gefoltert und anschließend in improvisierten Lagern zusammengetrieben. Ob Tito selbst hierzu den Befehl gab, ist nicht bekannt. So deutet zumindest die „Organisationsstruktur der Militärverwaltung“ für das „Banat, die Bačka und die Baranja mit ihrer Abteilung für Mobilisation, Lager und Arbeitsdienst“ darauf hin, „dass zumindest ein eher allgemeiner, möglicherweise nur mündlicher Befehl von ganz oben" auf eine „Spezialbehandlung“ der deutschen bzw. ungarischen Bevölkerung abzielte. Michael Portmann schließt sich in diesem Zusammenhang der aus der „Dokumentation der Vertreibung“ sowie aus „der donauschwäbischen Literatur“ hervorgegangen Auffassung an, es sei „von einem geplanten, zentral gesteuerten Vorgehen“ auszugehen. Aufgrund der hierarchischen Struktur der Partei und der Armee unter Tito habe dieser zumindest von den Exekutionen wissen und ihnen zustimmen müssen.
Der serbische Historiker Zoran Janjetović sieht hingegen in den Tötungen von Karlsdorfern lediglich eine „Vergeltungsmaßnahme für die Misshandlung und die summarische Vertreibung serbischer Kolonisten im April 1941“ – Hans Sonnleitner habe als Überlebender dieses Massakers spontane Gewaltexzesse unmittelbar nach der Befreiung Jugoslawiens von der NS-Besatzung zur Aktion Intelligenzija umgemünzt. In diesem Zusammenhang weist Janjetović die These einer von oben geplanten und systematisch erfolgten Intelligenz-Aktion mit den Argumenten zurück, es hätten vergleichbare Hinrichtungen nicht in allen deutschen bzw. ungarischen Siedlungen stattgefunden und es seien „in einigen Fällen sogar bartlose Jungen getötet“ worden, „die mit Sicherheit nicht der dörflichen Intelligenzija angehörten.“
Ablauf mini|Karl-Franz Leidecker, * 4. Oktober 1878 in Detta (Kreis Timiș) – Opfer der Massenerschießung bei Weißkirchen und als Gemeindenotär der wichtigste Verwaltungsbeamte von Karlsdorf während der deutschen Besatzung Jugoslawiens Im Oktober 1944 verlangte ein Kommando Titopartisanen im Karlsdorfer Gemeindeamt eine Anzahl an Deutschstämmigen, um diese zu erschießen. Die Forderung wurde zunächst von ortsansässigen Serben mit der Begründung zurückgewiesen, es gebe keine Schuldigen. Dennoch wurden ab Ende Oktober einzelne Karlsdorfer ermordet. Als am 4. November 1944 erneut ein Partisanenkommando im Gemeindeamt erschien, wurden prominente Deutsche dort direkt verhaftet und misshandelt. Der Ehefrau eines Verhafteten wurde von den serbischen Titopartisanen zur Begründung mitgeteilt, es handle sich bei den Verhafteten um die „Intelligenz“. Der 13-jährige Hans Sonnleitner, dessen Vater bei den Verhafteten war, wurde verhört. Es wurden Anstalten gemacht, den Jungen zu exekutieren, er durfte dann aber gehen. Insgesamt wurden schließlich sechs Frauen und 27 Männer vor dem Karlsdorfer Gemeindeamt auf mehrere Pferdefuhrwerke verladen und nach Weißkirchen deportiert. Als bei einer Frau unterwegs die Geburtswehen einsetzen, wurde diese vom Wagen geholt und im Milizgebäude von Jasenovo ermordet. Die verbliebenen Deportierten wurden schließlich nach zahlreichen weiteren Misshandlungen gemeinsam am 8. oder 11. November 1944 bei Weißkirchen in der Schindergrube am Nera-Mühlenkanal erschossen. Ihre Gräber mussten sie vorher selbst ausheben.vgl. hierzu auch: Hans Sonnleitner: Aktion Intelligenzija in Karlsdorf. Tatsachen und Hintergründe, Reflexionen zur Sinnfrage über Mord und Tod. Gedenkschrift 1944–1984 über die Ermordung von 36 Karlsdorfern. Donauschwäbisches Archiv, 1986. S. 81–93.
Unter den Opfern befanden sich etwa der sog. Gemeindenotär als wichtigster Verwaltungsbeamter während der deutschen Besatzung, zwei ehemalige Bürgermeister von Karlsdorf, ein Arzt, ein römisch-katholischer Priester, Rechtsanwälte – einer davon (Jozo Rogitsch) ehemals Minister für Sport und Körperkultur in der Regierung Stojadinović –, die Leiterin der Karlsdorfer Deutschen Frauenschaft, Kaufleute bzw. Großhändler, Geschäfts- und Betriebsinhaber, selbständige Landwirte, Handwerksmeister; aber auch einfache Angestellte und Handwerker.Hans Sonnleitner: Aktion Intelligenzija in Karlsdorf. Tatsachen und Hintergründe, Reflexionen zur Sinnfrage über Mord und Tod. Gedenkschrift 1944–1984 über die Ermordung von 36 Karlsdorfern. Donauschwäbisches Archiv, 1986. S. 231–234.
Folgen Am 11. November 1983 erfolgte bei der Staatsanwaltschaft, dem Landgericht München I, eine Strafanzeige wegen Folterung und Mordes in Karlsdorf. Das Ermittlungsverfahren musste allerdings eingestellt werden.Hans Sonnleitner: Aktion Intelligenzija in Karlsdorf. Tatsachen und Hintergründe, Reflexionen zur Sinnfrage über Mord und Tod. Gedenkschrift 1944–1984 über die Ermordung von 36 Karlsdorfern. Donauschwäbisches Archiv, 1986. S. 71, S. 388.
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Politik 1944 Kategorie:Ereignis 1944