mini|Palazzo della Sapienza, heute Sitz der Biblioteca Forteguerriana, Pistoia; Fassade nach einem Entwurf von Giovanni d’Alesso Unghero (Nanni Unghero), ab etwa 1530. Die Biblioteca Forteguerriana (offiziell Biblioteca Comunale Forteguerriana) ist eine öffentliche Bibliothek in Pistoia in der Toskana, Italien. Sie geht auf eine Stiftung des Kardinals Niccolò Forteguerri aus dem Jahr 1473 zurück und zählt zu den ältesten Bibliotheken Europas. Seit 1967 wird sie unter dem heutigen Namen geführt. Sie befindet sich im Palazzo della Sapienza in Pistoia.
Geschichte
Vorgeschichte und Gründung Der älteste nachweisbare Buchbestand der heutigen Bibliothek geht auf eine testamentarische Verfügung des Domherrn Zomino di Ser Bonifazio, genannt Sozomeno (1378–1458), zurück. Dieser vermachte seine Büchersammlung im Jahr 1423 der Stadt Pistoia mit der Bestimmung, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Ob und in welcher Form dieser Bestand später tatsächlich in die Forteguerriana überging, ist nicht dokumentiert. Als Gründungsjahr der Bibliothek gilt das Jahr 1473: Nach einer Stiftung des mit dem Humanistenpapst Pius II. (Enea Silvio Piccolomini) verwandten Kardinals Niccolò Forteguerri (1419–1473) wurde die Pia Casa di Sapienza eingerichtet, eine kostenlose Schule für alle mit angeschlossenem Kolleg. Aus dem Stiftungsvermögen – unter anderem sechs Landgütern und zahlreichen Erbpachtzinsen – wurden zudem zwölf Stipendien für mittellose Studierende aus Pistoia und Umgebung für die Fächer Theologie, Kirchen- und Zivilrecht sowie Medizin finanziert. Die Stiftung wurde von den alle fünf Jahre neu gewählten Ufficiali della Sapienza verwaltet. Die erste Unterkunft der Einrichtung war ein Gebäude des Hospitals San Bartolomeo in Alpi.
Bau des Palazzo della Sapienza mini|Sala Gatteschi im ersten Obergeschoss der Biblioteca Forteguerriana Um 1530 wurde der Bau eines eigenen, repräsentativeren Gebäudes an der heutigen Piazza della Sapienza in Angriff genommen. Zur Datierung und zur Urheberschaft der Fassade finden sich in den Quellen unterschiedliche Angaben. Das Verzeichnis SAN (Sistema Archivistico Nazionale) nennt das Jahr 1530 als Planungsjahr und den Architekten Nanni Unghero. Die Gemeindeverwaltung von Pistoia und eine offizielle Mitteilung zum 550-jährigen Jubiläum der Institution (2023) datieren den Baubeginn dagegen auf das Jahr 1533 und nennen als Architekten Giovanni Unghero. Es ist davon auszugehen, dass mit Nanni und Giovanni dieselbe Person gemeint ist. Die genaue Jahreszahl (1530 oder 1533) lässt sich anhand der vorliegenden Quellen nicht zweifelsfrei klären.
Öffnung und weitere Entwicklung Im Jahr 1696 ordnete Großherzog Ferdinando II. de’ Medici die öffentliche Zugänglichmachung der Buchbestände der Einrichtung an. Nach der Aufhebung der Pia Casa di Sapienza im Jahr 1777 wurde die Bibliothek dem Kolleg angegliedert, das ab 1814 als Liceo Forteguerri firmierte, und teilte fortan dessen Geschick. Im Jahr 1921 wurde die Bibliothek – zeitgleich mit der Verlegung des Liceo Forteguerri an einen anderen Standort – wegen des schlechten Zustands ihrer Bestände geschlossen. mini|Wappen der Familie Forteguerri im ersten Obergeschoss der Biblioteca Forteguerriana Ihre Wiedereröffnung ist maßgeblich dem Bibliothekar und Schulleiter Quinto Santoli zu verdanken, der die Bibliothek bis 1959 leitete. Dem damaligen Podestà Arturo Ganucci Cancellieri wird zudem die Einrichtung eines großzügigen Lesesaals zugeschrieben. Wenige Jahre später, ab 1930, verfügte die Bibliothek erstmals über ein festes Jahresbudget und fest angestellte Mitarbeiter. In dieser Zeit trugen auch private Schenkungen, etwa die des Arztes Alberto Chiappelli, wesentlich zur Erweiterung der Bestände an Druckwerken und Handschriften bei. Von 1930 bis 1967 wurde die Bibliothek von einem Konsortium aus Gemeinde, Provinz und der Sparkasse von Pistoia und Pescia (Cassa di Risparmio di Pistoia e Pescia) getragen. Seitdem untersteht sie unmittelbar der Stadtverwaltung Pistoias und trägt seit 1967 die offizielle Bezeichnung Biblioteca Comunale Forteguerriana.
Seit der Eröffnung der neuen Biblioteca San Giorgio im Jahr 2007, die seither die Funktion der öffentlichen Ausleihbibliothek Pistoias übernommen hat, konzentriert sich die Forteguerriana ausschließlich auf ihre Aufgaben als historische Erhaltungs- und Dokumentationsbibliothek. Im November 2023 beging die Stadt Pistoia mit einer zweitägigen Veranstaltungsreihe den 550. Jahrestag der Gründung der Bibliothek und des Liceo Forteguerri. Als symbolische Bezugsdaten wurden dabei das Testament Sozomenos von 1423, die Stiftung Forteguerris von 1473 sowie der Baubeginn des heutigen Gebäudes im Jahr 1533 genannt.
Bestand und Sammlung Der Bestand der Forteguerriana umfasst historische Buch- und Archivbestände von erheblichem Umfang. Zu den quantitativen Angaben finden sich in den Quellen abweichende Zahlen. So beziffert die Website der Stadt Pistoia den Bestand beispielsweise mit rund 220.000 Bänden und Broschüren, darunter 126 Inkunabeln, etwa 3300 Drucke des 16. Jahrhunderts (Cinquecentine), über 1300 Dokumente aus den Handschriftenbeständen, 2700 Druckgrafiken, 900 Zeichnungen, 3500 Einblattdrucke sowie 3600 Postkarten und Fotografien. Zu den bedeutenden in die Bibliothek eingegangenen Sammlungen zählen die Nachlässe bzw. Bibliotheken von Policarpo Petrocchi, Niccolò Puccini, Domenico Mazzoni, Sebastiano Ciampi und – als umfangreichster Einzelbestand – Ferdinando Martini. Laut der italienischsprachigen Wikipedia enthält der Bestand Martinis nahezu die gesamte italienische und französische Theaterproduktion in ihren besten Editionen sowie wertvolle orientalische Handschriften.
Die Bibliothek erfüllt seit ihrer Gründungszeit Funktionen der lokalen Dokumentation und ist als Pflichtexemplarstelle (deposito legale) für Bücher, Broschüren und Drucke der Provinz Pistoia zuständig. Die Bestände der Forteguerriana sind unter anderem über den Verbundkatalog der Bibliotheksnetzwerke der Provinz Pistoia, das Portal BiblioToscana, den Gesamtkatalog OPAC SBN des Servizio Bibliotecario Nazionale sowie die Verzeichnisse Manus Online (mittelalterliche Handschriften) und EDIT16 (italienische Drucke des 16. Jahrhunderts) recherchierbar.
Die Göttliche Komödie auf einer Seite mini|Francesco Cossovel: Divina Commedia, 1888; auf einem Blatt in mikroskopischer Kalligrafie wiedergegebener vollständiger Text der Göttlichen Komödie, 71 × 50 cm. Historische Reproduktion einer handschriftlichen Mikroabschrift Unter den zahlreichen Ausgaben von Dantes Divina Commedia (Göttliche Komödie) im Besitz der Biblioteca Forteguerriana, befindet sich eine besonders ungewöhnliche Ausgabe aus dem 19. Jahrhundert. Auf einem einzigen Blatt im Format 71 × 50 Zentimeter ist der vollständige Text der Göttlichen Komödie in äußerst kleiner Schrift wiedergegeben. Der Text ist mit bloßem Auge praktisch nicht lesbar und auf drei rechteckige Felder mit jeweils 69 Spalten verteilt, die die drei Gesänge des Werkes enthalten. Ein architektonischer Rahmen mit dem Porträt Dante Alighieris umgibt die Darstellung. Auf dem Blatt findet sich die Angabe: Trascritto micro-calligrafico, a mano libera senza uso di lente, composto di 14.233 versi, c.a 96.000 parole, c.a 400.000 lettere. Am unteren Rand sind die drucktechnischen Angaben G. Cossovel Edit. Gorizia (Austria) sowie die Jahreszahl 1888 angegeben. Die Mikroabschrift geht auf den Gorizianer Typografen Francesco Cossovel zurück. Die Überlieferung über ihre Entstehung ist allerdings teilweise legendarisch. Danach soll Cossovel in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch den Tod seines Sohnes traumatisiert worden sein, der beim Einsturz des Bodens einer Dachkammer ums Leben gekommen sei. Infolge des Schocks habe sich seine Sehfähigkeit derart verändert, dass er kleinste Schrift ohne optische Hilfsmittel habe erkennen können. Diese ungewöhnliche Fähigkeit soll ihn dazu veranlasst haben, die gesamte Göttliche Komödie in mikroskopischer Schrift auf einem einzigen Pergamentblatt niederzuschreiben. Die Quellen geben diese Geschichte ausdrücklich als Überlieferung beziehungsweise als legendär gefärbte Entstehungsgeschichte wieder. Nach der handschriftlichen Anfertigung wurde die Mikroabschrift fotografisch reproduziert; von der Vorlage wurden anschließend mehrere Exemplare hergestellt. Daher sind verschiedene Ausführungen mit unterschiedlichen Kolophonen überliefert. Eine bibliografische Quelle nennt außerdem Hinweise darauf, dass bereits 1883 eine erste Reproduktion hergestellt worden sein könnte und weitere Auflagen 1888 und später folgten. Das Exemplar der Biblioteca Forteguerriana wurde 1965, dem 700. Geburtsjahr Dantes, vom damaligen Bibliotheksdirektor Giancarlo Savino erworben.
Literatur
Quinto Santoli: La Biblioteca Forteguerriana di Pistoia. Stabilimento grafico Niccolai, Pistoia 1932. Ennio Sandal: Endowed Municipal Public Libraries. In: Libraries & Culture, Band 25, Nr. 3: Libraries and Librarianship in Italy, 1990, S. 358–371, .
Weblinks
Offizielle Website der Biblioteca Forteguerriana Rekordverdächtiges Pistoia: Kuriositäten und Besuchsideen
Einzelnachweise
Kategorie:Bibliothek in Italien Kategorie:Pistoia Kategorie:Bildungseinrichtungsgründung 1473