Russische Lyrik. Von den Anfängen bis zur Gegenwart ist eine zweisprachige Anthologie russischsprachiger Lyrik, die von Kay Borowsky und Ludolf Müller herausgegeben wurde und 1983 in der Universal-Bibliothek des Verlags Philipp Reclam jun. erschienen ist. Die Sammlung enthält 274 Gedichte von 87 Autoren sowie zwei anonyme mittelalterliche Gedichte. Etwa zwei Drittel der Autoren sind mit nur einem oder zwei Gedichten vertreten. Die mit den meisten Gedichten vertretenen Autoren sind Ossip Mandelstam, Alexander Puschkin, Anna Achmatowa, Michail Lermontow, Alexander Blok und Marina Zwetajewa.

Konzept mini|Kay Borowsky, Mitherausgeber Die Sammlung richtet sich sowohl an das allgemeine Publikum als auch an die Studierenden der russischen Literatur und will „die gedankliche Entwicklung des Gedichts und die Genauigkeit der Bilder“ wiedergeben, ohne Bindung an Reimschema und Metrum. Es handelt sich also um wortgenaue Prosaübertragungen, die sich jedoch von reinen Interlinearversionen durch ihre korrekte Grammatik unterscheiden. Kay Borowsky rechtfertigt sich dafür mit einem Zitat aus Goethes Dichtung und Wahrheit. Er verzichtet auf jede weitere Begründung für die „Übersetzung von Lyrik in Prosa, deren Sinn heute nicht mehr in Zweifel gezogen wird.“

Den russischen Strophen sind die deutschen Übersetzungen strophenweise (nicht zeilenweise) gegenübergestellt, wobei die originalen Zeilen durch eingefügte Schrägstriche / erkennbar sind. Mit wenigen Ausnahmen (die vor allem den schwer übersetzbaren Welimir Chlebnikow betreffen) wurden alle Gedichte von einer Handvoll Übersetzer neu übersetzt (die meisten von den Herausgebern selbst). Für jeden Dichter wurde nur ein Übersetzer ausgewählt, dem auch die Auswahl der Gedichte übertragen wurde. Einige wenige lange Gedichte werden nur auszugsweise wiedergegeben.

Obwohl die Herausgeber es nirgendwo zugeben, haben sie ihre Auswahl als Blütenlese und Bestandteil der weltlichen Hochkultur konzipiert. Die kirchliche Dichtung des alten Russlands und die über Jahrhunderte mündlich überlieferte Volksdichtung wurden gänzlich ausgeschlossen. Am Anfang der chronologisch geordneten Sammlung steht zwar das Igorlied, aber nur wenige Autoren vor 1800 wurden berücksichtigt; eigentlich beginnt die russischsprachige Lyrik erst mit der Generation um Puschkin.

Die Auswahl ist mit 87 Autoren eher breit als tief (angesichts des Umstandes, dass weniger als zwei Jahrhunderte abgedeckt werden). Etwa zwei Drittel der Autoren sind mit nur einem oder zwei Gedichten vertreten. Falls die Anzahl der Gedichte mit der Wertschätzung des Dichters konform gehen sollte, sind Alexander Puschkin und Ossip Mandelstam mit je 17 Gedichten die bedeutendsten Lyriker, gefolgt von Anna Achmatowa mit 13, Michail Lermontow mit 11 und Alexander Blok und Marina Zwetajewa mit je 10 Gedichten.

Aufbau Nach einer kurzen editorischen Vorbemerkung folgt eine Einleitung betitelte längere Darstellung der Entwicklung der russischen Versdichtung, die einigermaßen detailliert die langsame Entwicklung der Metren, Rhythmen und Reimschemen nachzeichnet. Der Übergang von den syllabischen Versen (gleiche Silbenanzahl bei unregelmäßiger Betonung) zu den tonischen (in denen auch die Betonung einem regelmäßigen Schema unterliegt) dauerte bis etwa 1800 und erfolgte teilweise auf deutschen Einfluss. Noch gegenwärtig sind die meisten russischen Lyriker im Formalen konservativ: „Freie Rhythmen sind selten; […] auch der Reim ist weiterhin ein unangefochtenes Kunstmittel; allerdings sind hier durch den ungenauen Reim die engen Grenzen des alten Reimkanons unermeßlich erweitert. […] Der Ernst der Aussage ist dem russischen Dichter wichtiger, steht für ihn höher als die Originalität der Form.“

Im Hauptteil, über 600 Seiten im ungefähren DIN-A6-Format, sind die Dichter nach ihren Geburtsdaten chronologisch sortiert, und innerhalb der Dichter die Gedichte nach dem Entstehungsjahr (ersatzweise das Erscheinungsjahr). Darauf folgen etwa 80 Seiten Anmerkungen, die vor allem aus einer Biografie des jeweiligen Autors bestehen. Spärliche Kommentare zu einzelnen Gedichtstellen dienen vor allem zur Begründung der jeweils gewählten Übersetzung. Ein alphabetisches Register der Autoren (mit Angabe des Übersetzers) beschließt den dicken, aber noch handhabbaren Band.

Alle russischen Eigennamen sind nach wissenschaftlicher Transliteration in lateinische Schrift übertragen worden, was für das allgemeine deutschsprachige Publikum ungewohnt ist.

Kontext und Rezeption Russische Lyrik. Von den Anfängen bis zur Gegenwart stand von Anfang an in Konkurrenz zu dem zwei Jahre zuvor erschienenen von Efim Etkind herausgegebenen Band Russische Lyrik. Gedichte aus drei Jahrhunderten. (Piper, 1981, 575 Seiten). Etkind rühmte seine Ausgabe als „umfassendste Anthologie russischer Lyrik, die je in deutscher Sprache vorgelegt wurde“; sie war jedoch nur einsprachig deutsch. Diese beiden Ausgaben waren für zwei Jahrzehnte die einzigen auf dem deutschsprachigen Buchmark.

Der Reclam-Band wurde wiederholt nachgedruckt, blieb aber bis (mindestens) 1994 inhaltlich unverändert. 1998 erschien dann eine „5., erweiterte Auflage“, die um 50 Seiten mit neuen Dichtern und neuen Gedichten erweitert worden war und 2006 nachgedruckt wurde. Borowsky/Müller war seit seinem Erscheinen ein fester Bestandteil der Lektüreempfehlungen an deutschen Slawistik-Instituten.

Enthaltene Autoren mini|130px|Anna Achmatowa 130px|mini|Alexander Blok 130px|mini|Joseph Brodsky mini|130px|Welimir Chlebnikow mini|130px|Sergei Jessenin mini|130px|Michail Lermontow mini|130px|Ossip Mandelstam mini|130px|Boris Pasternak mini|130px|Alexander Puschkin mini|130px|Fjodor Tjuttschew mini|130px|Marina Zwetajewa

+ Autoren in Russische Lyrik. Von den Anfängen bis zur Gegenwart.(Originalausgabe 1983–1994). Name Geboren Gestorben Gedichte Seite Übersetzer 1937 2010 1 626 1889 1966 13 342 1934 2006 4 610 1855 1909 2 230 2 42 1896 1978 1 492 1889 1963 2 360 1895 1934 1 486 1867 1942 2 246 1800 1844 2 138 1787 1855 2 98 1880 1934 4 270 1910 1975 1 538 1880 1921 10 282 1873 1924 2 258 1940 1996 6 634 1870 1953 3 254 1905 1942 1 520 1885 1922 9 306 1886 1939 5 328 1804 1860 1 164 1798 1831 1 108 1743 1816 1 82 1921 1990 2 576 1820 1892 5 196 1918 1977 2 566 1936 2013 4 618 1886 1921 4 318 1869 1945 2 250 1894 1958 4 462 1866 1949 2 240 1803 1846 4 146 1895 1925 8 466 1932 2017 2 602 1708 1744 3 72 1640 1 60 1907 1945 1 526 1906 1972 2 522 1884 1937 1 338 1809 1842 2 168 1925 2018 4 586 1769 1844 3 88 1919 1943 2 564 1936 2 622 1872 1936 1 264 1814 1841 11 172 1922 1996 1 580 1911 2003 1 548 1711 1765 1 78 1893 1930 3 426 1891 1938 17 384 1905 1980 3 514 1937 1 630 1821 1878 3 204 1824 1861 1 218 1895 1990 1 496 1924 1997 3 582 1885 1933 2 302 1890 1960 7 364 1908 1979 1 534 1820 1898 1 202 1629 1680 1 64 1681 1736 1 66 1799 1837 17 110 1914 1941 2 550 1903 1958 5 500 1920 1990 3 572 1944 2026 1 648 1914 2002 1 554 1783 1852 2 94 1915 1979 1 556 1837 1904 4 220 1919 1986 2 560 1863 1927 4 234 1853 1900 2 226 1907 1989 3 528 1896 1979 1 494 1803 1873 8 154 1817 1875 3 190 1703 1769 1 68 1910 1971 1 540 1805 1827 1 166 1925 1993 2 598 1792 1878 2 102 1877 1932 2 266 1933 2010 1 600 1938 1980 1 632 1892 1941 10 410

Ausgabe Kay Borowsky, Ludolf Müller (Hrsg.): Russische Lyrik. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Russisch/Deutsch. (= Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7994.) Philip Reclam jun., Stuttgart 1983, ISBN 3-15-007994-2, 731 Seiten. Nachdruck 1994, 731 Seiten. 5. erweitere Auflage 1998, 784 Seiten. 6. Auflage 2006.

Einzelnachweise Kay Borowsky: Vorbemerkung. In: Kay Borowsky, Ludolf Müller (Hrsg.): Russische Lyrik. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Russisch/Deutsch. (= Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7994.) Philip Reclam jun., Stuttgart, durchgesehene Ausgabe 1991, ISBN 3-15-007994-2, Seite 21 f. Ludolf Müller: Einleitung. In: Kay Borowsky, Ludolf Müller (Hrsg.): Russische Lyrik. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. Russisch/Deutsch. (= Reclams Universal-Bibliothek Nr. 7994.) Philip Reclam jun., Stuttgart, durchgesehene Ausgabe 1991, ISBN 3-15-007994-2, Seite 23 bis 41. Birgit Veit: Wider die prachtvolle Monotonie. In: NZZ vom 16. September 2012, abgerufen am 2. September 2026. Lektüreempfehlungen. Institut für Slavistik, Christian-Albrechts-Universität Kiel. Abgerufen am 2. September 2026. Kommentiertes Vorlesungsverzeichnis. Institut für Slavistik, Universität Hamburg. Abgerufen am 2. September 2026.

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