Reinhold Stief (* 14. Dezember 1934 in Heidelberg; † 30. März 1992 in Ladenburg) war ein deutscher Lehrer, der als Musikpädagoge, Komponist und Chorleiter im Bereich der deutschen Jagdmusik wirkte.
Leben mini|Detail des Grabsteins in Heidelberg-Kirchheim Stief wuchs in Heidelberg-Rohrbach auf, war seit seinem 18. Lebensjahr Jäger, leitete bereits im Alter von 20 Jahren die Heidelberger Jagdhornbläsergruppe, war zeitgleich aktiver Sänger und komponierte Lieder. In Heidelberg studierte Stief Musik, Geschichte und Deutsch auf Lehramt, um ab 1964 als Lehrer am Carl-Benz-Gymnasium in Ladenburg tätig zu sein. An seinem Wohnort Ladenburg wirkte er als Leiter des Schulchores und des Gesangsvereines Liederkranz Ladenburg 1843. Stief war auch Chorleiter des Sängerbundes 1856 Heidelberg-Rohrbach (1966 bis 1986) und des Sängerbundes Neunkirchen (Baden). Im Jahr 1964 wurde der Kurpfälzer Jagdhornbläserkreis Heidelberg gegründet, dessen musikalischer und organisatorischer Leiter Stief war. Ziel der Gruppe war es, "eine führende Stellung im Bereich der Parforcehornmusik zu erreichen und zu erhalten".Satzung des Kurpfälzer Jagdhornbläserkreis Heidelberg Dieses Ziel wurde mit jagdmusikalischen Konzerten, über 200 Hubertusmessen, Rundfunk- und Fernsehauftritten sowie Tonträgeraufnahmen umgesetzt, wobei Stiefs Kompositionen und Arrangements das Repertoire der Gruppe ausmachten. Die Strahlkraft dieser Gruppe war ein Grund dafür, dass sich das Parforcehorn als fester Bestandteil der Jagdkultur etablieren konnte. Stief war verheiratet und Vater eines Sohnes. Er verstarb am 30. März 1992 im Alter von 57 Jahren in seinem Wohnhaus in Ladenburg. Die Trauerfeier fand am 5. April 1992 in der Galluskirche in Ladenburg statt, einen Tag später wurde Stief auf dem Friedhof in Heidelberg-Kirchheim beigesetzt.
Förderung des Jagdhornblasens mini|Plakat zum Landestreffen der Jagdhornbläser 1970 auf der "Thingstätte Heidelberg" mit Motiv aus dem Codex Manesse. Handbuch der Jagdmusik 1967 wurde Stief vom Deutschen Jagdverband beauftragt die Jagdsignale neu zu ordnen und herauszugeben. In Stiefs 1969 veröffentlichten „Handbuch der Jagdmusik. Band 1“ wurden den 1878 erstmals veröffentlichten Jagdsignalen für das Fürst-Pless-Horn Stimmen für Parforcehörner in B-Dur hinzugefügt. Mit diesem Instrument, welches eine Oktave tiefer klingt als das Fürst-Pless-Horn, hatte Stief 1957 mit seiner Bläsergruppe die ersten Versuche unternommen gemeinsam mit Fürst-Pless-Hörnern zu blasen. Das Parforcehorn in B-Dur wurde von Stief als klangliche Ergänzung gefördert, um den immer leistungsstärkeren Jagdhornbläsergruppen die Möglichkeit zu geben, neben reinen Jagdsignalen auch anspruchsvollere Vortragsstücke, viele davon Kompositionen Stiefs, in ihr Repertoire aufzunehmen. Bis 1992 folgten weitere acht Bände des „Handbuch der Jagdmusik“, die seither die Grundlage der Jagdmusik in Deutschland darstellen. Die Bände 2, 3 und 8 widmen sich der Jagdmusik in B-Dur für gemischte Gruppen mit Fürst-Pless-Hörnern und Parforcehörnern in B-Dur.
Etablierung der Hubertusmessen Am 30. Oktober 1965 führte der Kurpfälzer Jagdhornbläserkreis Heidelberg in Neidenstein erstmals die von Stief bearbeitete Hubertusmesse in Es-Dur auf. In wesentlich größeren Rahmen und unter reger Beteiligung der Öffentlichkeit fand am 5. November 1966 eine Hubertusmesse in der Jesuitenkirche Mannheim statt. 1967 waren es die St. Pankratiuskirche in Schwetzingen (28. Oktober), die Wallfahrtsbasilika St. Georg in Walldürn (11. November) und die Hofkirche in Bruchsal, wo der Kurpfälzer Jagdhornbläserkreis die Hubertusmesse mitgestaltete. In den Folgejahren nahm der Wirkungskreis und die Anzahl der Hubertusmessen weiter zu, so dass sich mit der Veröffentlichung des Notenmaterials im Jahr 1970 diese Hubertusmesse etabliert hatte und von anderen Jagdhornbläsergruppen übernommen wurde. Auch wenn die ursprüngliche Hubertusmesse nicht Reinhold Stiefs Komposition, sondern französischen Ursprungs ist, so war die Zusammenstellung der Stücke und die Anpassungen der Notenvorlage an das Vermögen der damaligen Jagdhornbläsergruppen ein wichtiger Faktor, um eine breite Aufnahme in die deutsche Jagdkultur zu finden.
Das umschaltbare Parforcehorn in Es-Dur/B-Dur mini|Parforcehorn. Unten sichtbar ist das Ventil zum Umschalten zwischen den Stimmungen in Es und B. Zur weiteren Verbreitung der Jagdmusik in Es-Dur verhalf auch eine technische Neuerung, nämlich das in den Tonarten Es-Dur/B-Dur umschaltbare Parforcehorn, welches Hermann Neuhaus und Reinhold Stief 1962 gemeinsam mit der Firma Wenzel Meinl GmbH entwickelten. Viele Jagdhornbläser rüsteten sich mit diesen Umschalthörnern aus, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt ausschließlich in der Tonart B-Dur musizierten. Durch das Vorhandensein dieser Hörner war die Hürde den Umstieg auf Es-Dur anzugehen weitaus geringer. In Baden-Württemberg lag der Höhepunkt des Umstiegs ganzer Jagdhornbläsergruppen von B-Dur auf Es-Dur zwischen 1975 und 1985. Beispielhaft seien hier die Gruppen Kraichgau-Steinsberg(1975), Kocher-Jagst-Neckartal(1980), Schriesheim (1982) und Schömberg (vor 1984) genannt.
Öffentlichkeitsarbeit Stief wurde im Jahr 1981 Landesobmann für das Jagdhornblasen in Baden-Württemberg und hatte diese Position bis zu seinem Tod 1992 inneStief verfasste noch das Grußwort für das Landesbläsertreffen 1992 in Sigmaringen, verstarb aber wenige Wochen zuvor. Er setzte sein pädagogisches Geschick ein, um unzählige Bläser aus- und fortzubilden. Ein wichtiges Anliegen war ihm, mit Hilfe der Jagdmusik das jagdliche Brauchtum der Öffentlichkeit nahe zu bringen und gleichzeitig die Musik innerhalb der Jägerschaft als wichtigen kulturellen Bestandteil zu fördern. Für Stiefs kurpfälzische Heimat besonders öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen waren die jagdmusikalischen Konzerte und Jagdhornbläsertreffen auf der als „Thingstätte“ bezeichneten Freilichtbühne auf dem Heidelberger Heiligenberg in den Jahren 1967, 1970, 1980 und 1986, die jeweils mehrere tausend Besucher und hunderte Mitwirkende zählten.
Leitlinien und Nachwirkung Vereinheitlichung der Jagdmusik Obwohl sich die Jagdmusik seit 1992 weiterentwickelt hat, ist sie weiterhin stark von der Arbeit Stiefs geprägt. Dies gilt nicht nur für Deutschland, sondern für alle Länder Mitteleuropas, auch wenn die von ihm angestoßene engere internationale Zusammenarbeit erst 25 Jahre nach Stiefs Tod mit der dauerhaften Etablierung einer „Europameisterschaft der Jagdhornbläser“ Früchte trug. Im Fall der beiden Jagdhörner in B-Dur wird, ganz in Stiefs Sinne, in Mitteleuropa weitgehend einheitlich musiziert. Somit hat sich hier eine gemeinsame europäische Kultur des Jagdhornblasens etabliert und spontan zusammenkommende Jagdhornbläser können so auch gemeinsam Jagdsignale ohne vorheriges Einüben blasen.
Für den Bereich der Jagdmusik mit Es-Dur Parforcehörnern haben sich im hingegen zwei Entwicklungslinien herausgebildet, die ein gemeinsames Musizieren erschweren: Einerseits haben sich zunehmend anstelle der Umschalthörner reine Es-Dur Parforcehörner verbreitet, die sich an den historischen Vorbildern des 18. Jahrhunderts orientieren. Mit diesen Hörnern sind viele Kompositionen Stiefs, die für wenige Töne ein Umschalten in die Tonart B-Dur erfordern, nicht mehr notengerecht umsetzbar. Beispielhaft seien hier die Musikstücke Trara so blasen die Jäger, Kurfürstenfanfare, Kurpfälzer Halali, Trara, das tönt wie Jagdgesang und Jagdfantasie genannt. Die entgegengesetzte Entwicklungslinie ist, gezielt Umschalthörner einzusetzen, um nicht nur einzelne in Stiefs Notenvorlagen markierte Töne der B-Dur Tonleiter zu blasen, sondern grundsätzlich alle Töne auf B-Dur umschalten, die in der Es-Dur Naturtonleiter „unrein“ klingen.
Abgrenzung zur „grünen Blasmusik“ Auch wenn Stief selbst in seinen Kompositionen für das Es-Dur Parforcehorn auf einzelne Töne der B-Dur Tonleiter zurückgriff, galt für ihn immer die Leitlinie: "Das Jagdhorn ist ein Naturhorn ohne Ventile". Demzufolge lehnte Stief, von Beginn seines Wirkens an, den Einsatz des Ventils zur „Korrektur“ der Es-Dur Naturtonleiter ebenso entschieden ab, wie den Gebrauch von Fürst-Pless-Hörnern mit Ventilen. In beiden Fällen sei dies keine Jagd- sondern grüne Blasmusik, die man „Musiziergruppen“ überlassen sollte: „Allzugern sind dabei gute Bläser geneigt, die oft von Natur aus unreinen Töne des Jagdhorns mit technischen Einrichtungen am Instrument zu verbessern, die im Grunde alle mit dem Ziel münden, das Plesshorn oder das Parforcehorn mit Ventilen zu versehen. Dies würde eine Wiederholung der um 1800 bereits geschehenen Weiterentwicklung der Instrumente bedeuten und zwangsweise zu einer Trennung zwischen der Jagdmusik der Jäger und der sich mit den Ventilinstrumenten entwickelnden „grünen Blasmusik“ von Musiziergruppen führen. Die musikalische Möglichkeit des Jägers und Jagdhornbläsers muss auf die Naturtonreihe begrenzt bleiben, weil nur mit den Naturinstrumenten der besondere Klangcharakter der Jagdmusik erhalten bleibt.“ Während sich das Fürst-Pless-Horn mit Ventilen in Westdeutschland tatsächlich kaum verbreitete, so war dies in Ostdeutschland anders. Noch kurz vor seinem Tod befürchtete Stief daher, dass die durch ihn maßgeblich geprägte (west)deutsche Jagdmusik durch die Wiedervereinigung verwässert werden könnte.
Verwendung von Noten bei Aufführungen Stief lehnte die Verwendung von Notenvorlagen während Aufführungen von Jagdhornbläsergruppen strikt ab. In seinem Handbuch der Jagdmusik. Band 9 „Die Jagdhornbläsergruppe: Aufbau, Ausbildung, Einsatz“ schreibt Stief dazu: „Von den ersten Übungen an werden die Bläser zur Notenkenntnis geführt, wobei die aufgehängten Tafeln mit den Notenreihen eine große Hilfe bieten. Sehr bald erhält jeder Bläser (oder zu zweit) auch einen Notenständer als feste Einrichtung im Probenraum. Aber auch nur dort, im Probenraum, wird ein Notenständer verwendet. Beim Auftreten vor Zuhörern bläst der Jagdhornbläser auswendig!“ Auch im Band 4 "Hubertusmesse" von 1970 fordert Stief auf die Verwendung von Noten zu verzichten, wobei aus der ursprünglichen Formulierung "Die Bläsergruppe (...) bläst die Messe (wenn möglich) auswendig" in der späteren Auflage von 1992 ein konsequentes: ""Die Bläsergruppe (...) bläst die Messe auswendig" wurde.
Preise und Ehrungen mini|Straßenschild der Reinhold-Stief-Straße in Fürstenau 1991 erhielt Reinhold Stief in feierlicher Kulisse des Schwetzinger Schlosses den Kulturpreis des Deutschen Jagdschutzverbandes „in Anerkennung und Würdigung seiner Verdienste um das jagdliche Brauchtum, insbesondere seiner jagdmusikalischen Leistungen“. Stief sei es zu verdanken, dass "die Parforcehörner in Deutschland eine Renaissance erlebten“ und er habe "nicht nur viele Jagdhornbläser inspiriert, sondern auch der Öffentlichkeit die Jagdkultur nahegebracht.“
In der Gemeinde Fürstenau bei Bramsche (Niedersachsen) wurde im Jahr 2000 im Beisein der Witwe Stiefs eine Wohnstraße nach Reinhold Stief benannt. Initiiert wurde dies von der örtlichen Jagdhornbläsergruppe, welche in dieser Straße bereits vor Erschließung des Wohngebietes ein Vereinsheim gleichen Namens betrieb. Das Zusatzschild unter dem Straßennamensschild trägt die Erläuterung: „Musiker und Komponist für Jagd- und Chormusik“.
Die Hubertuskapelle im Weiler Leidenharter Hof, auf der Gemarkung der Gemeinde Neunkirchen (Neckar-Odenwald-Kreis), wurde zum Gedenken an Reinhold Stief erbaut und zehn Jahre nach seinem Tod im Jahr 2002 eingeweiht. Der Leidenharter Hof steht historisch in Verbindung mit der nahgelegenen Minneburg, die im ehemaligen Jagdrevier Stiefs liegt.Hubertuskapelle Gedenktafel Reinhold Stief
Werke/Schriften Das in neun Bänden herausgegebene und immer wieder neu aufgelegte Handbuch der Jagdmusik gilt als Standardwerk der deutschen Jagdhornmusik.
Handbuch der Jagdmusik. Bd. 1. Die deutschen Jagdsignale in der offiziellen Fassung des DJV, München 1969