Trillium J (vollständiger Titel Composition No. 380: Trillium J (The Non-Unconfessionables)) ist ein Musikalbum von Anthony Braxton. Die am 21. und 22. April 2014 in den Avatar Studios entstandenen Aufnahmen von Braxtons vieraktiger Oper Trillium J sowie der am 19. April 2014 live im Veranstaltungsort Roulette in New York City entstandene Mitschnitt erschienen im Januar 2016 als 4-CD-Box auf dem Eigenlabel New Braxton House. Das Album enthält nicht nur eine, sondern gleich zwei Aufnahmen der Oper, neben der Studioaufnahme auf vier CDs eine weitere, die auf einer Blu-ray eine Aufführung im Roulette dokumentiert.
Hintergrund Braxtons Kreativität scheint traditionelle Produktionsweisen zu umgehen. Seine Vision ist völlig und entwaffnend unbeeinflusst von Vorstellungen davon, „wie es gemacht wird“ oder, einfacher gesagt, von Vorstellungen von Realismus, schrieb Alexander Hawkins. Das habe eine sehr praktische Komponente, denn Braxton hatte natürlich das Glück, früh in seiner Karriere die Unterstützung eines großen Labels zu erfahren.
In den 1970er-Jahren, während er für das von einem Major-Label finanzierte Label Arista Records aufnahm, signalisierte Braxton seine Absicht, in verschiedenen kreativen Bereichen tätig zu sein, und stellte seine rasend schnellen Bebop-Kompositionen neben seinen Experimenten mit elektronischer Musik. Er komponierte außerdem Musik für zahlreiche Klaviervirtuosen, und mit Creative Orchestra Music 1976 produzierte er eines der großartigen Bigband-Alben der Post-Ellington-Ära. Gegen Ende seines Arista-Vertrags reichte Braxton eine Dreifach-LP mit einer Aufnahme eines modernen klassischen Stücks „für vier Orchester“ ein. Sein Vertrag mit dem Major-Label wurde nicht verlängert.
Nach dem Ende dieses Vertrags und Stationen bei Labels wie Leo und HatHut Records drosselte er seine Produktion jedoch nicht, sondern steigerte sie und schuf seine eigenen Vertriebswege (in Anlehnung an die Selbstbestimmungsethik, die beispielsweise die frühen Generationen der AACM oder noch weiter zurückliegende Musiker wie Max Roach und Charles Mingus mit ihrem Label Debut Records an den Tag gelegt hatten). Zuerst gab es Braxton House; die neuere Version heißt New Braxton House. mini|Iannis Xenakis Als Braxton die Unterstützung der [großen Musik-]Unternehmen verlor, reagierte er darauf mit noch ehrgeizigeren Plänen, so Colter Walls. Er begann mit der Komposition eines Zyklus aus zwölf Opern mit dem Titel „Trillium“. Obwohl jede einzelne davon sich von allem anderen im klassischen Repertoire unterscheidet, würden die Werke dieser Reihe doch Spuren europäischer Modernisten wie Iannis Xenakis und Karlheinz Stockhausen aufweisen. An anderer Stelle hat Braxton Standards des frühen Jazz interpretiert; zudem hat er eine Reihe kleinerer Ensembles ins Leben gerufen, die sich auf seine Eigenkompositionen und sein wachsendes Repertoire an „Systemen“ konzentrieren – die oft mystische Bezeichnungen wie „Ghost Trance Music“ oder „Diamond Curtain Wall Music“ tragen. Einige seiner späteren Konzepte erfordern von den Mitwirkenden, sich mit dem Einsatz von Elektronik auseinanderzusetzen oder sich in Partituren zurechtzufinden, die wie Gemälde aussehen.
Braxtons Temperament ermögliche es ihm, seine Arbeit unbeirrt und ohne praktische Erwägungen voranzutreiben, so Hawkins weiter. „Die Frage, ob eine Aufführung einer Komposition für 100 Tuben (Komposition Nr. 19) eine realistische Idee ist, stellt sich nicht drängend, solange das Stück noch nicht geschrieben ist“. Daher auch seine Bemerkungen in den Liner Notes von Trillium J – zweifellos scherzhaft, aber mit unverkennbarer Ernsthaftigkeit –, dass die Oper […] mit jeder beliebigen Instrumentierung aufgeführt werden kann – von einem Orchester mit zehn Milliarden Musikern (oder mehr) bis hin zu einer reduzierten Aufführung mit nur zwölf „Ziegeln und einem Eimer“ (schmunzelnd). Kurz gesagt: Für Braxton würde das Konzept selbst im Vordergrund stehen, nicht das „Wie“. Und es sei bemerkenswert, wie oft er Wege fände, diese Konzepte umzusetzen, so Hawkins.
Trillium J – The Non-Unconfessionables ist der jüngste Teil von Braxtons umfangreichem Trillium-Opernkomplex, nach dem 2011 erschienenen Album Trillium E. Jede Oper ist gewissermaßen modular aufgebaut, schrieb Hawkins: Sie besteht aus mehreren autonomen Akten (ein Strukturmerkmal, das sie mit den Opern aus Karlheinz Stockhausens Zyklus „Licht“ teilt), die sich letztlich neu anordnen lassen – eine makroskopische Manifestation von Braxtons „Baukasten“-Konzept für die Strukturentwicklung. Trillium J selbst umfasst vier Akte (ebenso wie ihr direkter Vorgänger, Trillium E: Wallingford’s Polarity Gambit). Obwohl sie vom Trillium-Thema umrahmt werden, sind diese Akte in anderer Hinsicht nicht unbedingt miteinander verbunden (sowohl bei Trillium J als auch bei Trillium E und ihrem Vorgänger, Trillium R: Shala Fears for the Poor, erklingt das Thema zunächst auf einem Soloblasinstrument, gefolgt von einem Orchesterpart, wobei diese Reihenfolge am Ende der Oper umgekehrt wird). Tatsächlich könnte man einen Theaterabend im antiken Griechenland, bei dem das Publikum nicht nur ein Stück, sondern vier sah (in der Regel drei Tragödien, gefolgt von einem Satyrspiel), als eine Art Analogie für diese Aufführungsform betrachten, so Hawkins.
Titelliste Anthony Braxton: Trillium J (New Braxton House – NBH906) CD 1 Act I 57:45 CD 2 Act II 36:51 CD 3 Act III 54:04 CD 4 Act IV 1:01:38
Trillium J: The Non-Unconfessionables – Composition No. 380 (Blu-ray Disc) BD-1 Act I 55:41 BD-2 Act II 47:47 BD-3 Act III 54:38 BD-4 Act IV 57:32
Die Komposition stammt von Anthony Braxton.
Besetzung Gesang: Roland Burks, Bass (Zakko), Kelvin Chan, Bariton (Ashmenton), Tomas Cruz, Tenor (Joreo), Lucy Dhegrae, Sopran (Helena), Chris DiMeglio, Bariton (Bubba John Jack), Kristin Fung, Mezzosopran (Alva), Nick Hallett, Tenor (David), Kyoko Kitamura, Sopran (Ntzockie), Kamala Sankaram, Sopran (Sundance), Elizabeth Saunders, Mezzosopran (Kim), Jen Shyu, Sopran (Shala), Vince Vincent, Tenor (Ojuwain) Instrumentalsolo: Vincent Chancey (Horn), Jacob Garchik (Baritonhorn), Jim Hobbs (Altsaxophon), Ingrid Laubrock (Sopransaxophon), Domenica Fossati (Flöte), Oscar Noriega (Klarinette), Dan Peck (Tuba), Reut Regev (Posaune), Stephanie Richards (Trompete), Katie Scheele (Englischhorn), Josh Sinton (Bassklarinette), Libby Van Cleve (Oboe) Tänzerinnen: Rachel Bernsen, Melanie Maar Orchester: Violine: Erica Dicker (Konzertmeisterin), Sam Bardfeld, Sarah Bernstein, Julianne Carney, Jason Kao Hwang, Mazz Swift, Scott Tixier, Ginger Dolden; Bratsche: Amy Cimini, Jessica Pavone, Erin Wight; Cello: Marika Hughes, Tomeka Reid, Tomas Ulrich; Bass: Ken Filiano, Mark Helias; Flöte: Leah Paul, Domenica Fossati; Oboe/Englischhorn: Kathy Halvorson, Katie Scheele, Libby Van Cleve; Klarinette/Saxophon: Mike McGinnis, Jim Hobbs, Ingrid Laubrock, Oscar Noriega, Josh Sinton; Fagott: Sara Schoenbeck, Katherine Young; Waldhorn: Nathan Koci, Vincent Chancey; Trompete: Gareth Flowers, Stephanie Richards; Posaune: Jacob Garchik, Reut Regev; Tuba: Dan Peck; Schlagzeug: David Shively: Harfe: Jacqui Kerrod; Dirigent/Komponist/Librettist: Anthony Braxton
Rezeption Das bemerkenswerteste Werk [von Braxtons Veröffentlichungen Mitte der 2010er-Jahre] sei „Trillium J“, das kurz zuvor aufgeführte Musikdrama in vier Akten des Komponisten, meint Seth Colter Walls in Pitchfork Media. Die Libretti von Braxtons Opern würden seine philosophische Analyse der Kultur im weiteren Sinne mit absurden komödiantischen Situationen verbinden, die sich oft keiner Auflösung hingeben. Diese postmoderne Dramaturgie passe zum Orchester-Idiom, das sich stark auf dichte, atonale Kadenzen stützen kann, bevor sie ohne Vorwarnung in einen Square Dance übergeht. (Im Ernst, was passiere im ersten Akt).
Braxtons Fähigkeit, eigenständig ein Orchester auf die Beine zu stellen, das komplexe, mehrstündige Bühnenwerke überzeugend aufführen kann, würde von seinem unternehmerischen Mut zeugen. Passenderweise habe Braxton eine Reihe dramat[urg]ischer Einflüsse genannt, zu denen Richard Wagner, Stockhausen und Walt Disney gehören. Diese Aufnahme von Trillium J profitiere auch von dem Blu-ray-Bonusmaterial, das eine vollständige Live-Aufführung aus dem New Yorker Veranstaltungsort „Roulette“ enthalte. Im Allgemeinen würden die CDs in der Box klarere Darbietungen bieten – wobei insbesondere das Orchester im Studio Details auskoste, die im Live-Moment verloren gingen. Da die Oper jedoch auch ein visuelles Medium sei und diesen Komponisten seit Jahrzehnten so sehr beschäftige, biete die Blu-ray-Version eine seltene Gelegenheit, die äußerst eigenwillige Ästhetik seines laufenden „Trillium“-Projekts in vollem Umfang zu würdigen.
Von Braxtons Veröffentlichungen zu Beginn des Jahres 2016 sei jede einzelne für sich genommen schon überwältigend, meinte Michael J. West in JazzTimes. Die kürzeste, „3 Compositions (EEMHM) 2011“, sei keineswegs die zugänglichste; Geduld sei also gefragt. Doch diese Geduld würde sich auszahlen, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Das anspruchsvollste Werk sei „Trillium J“, Braxtons vierstündige, voll orchestrierte Oper über … nun ja, wenn überhaupt, geht es um „das Konzept der zweiten Affinitätserkenntnis“, das im Verlauf der Oper erklärt wird, ohne jemals einen Hinweis darauf zu geben, worum es sich dabei handelt. Doch jeder Akt würde Schauplatz und Figuren wechseln (die ohnehin nie wirklich feststanden), wobei die Besetzung und das erwähnte Konzept sie miteinander verbinden. Der dritte Akt, ein Mordfall in einem Spukhaus, sei ungemein unterhaltsam, und die Bösewichte im vierten Akt herrlich übertrieben („Wie hätte ich ahnen können, dass es Probleme geben würde, 6.000 mit Lepra infizierte Skimützen in 248 National Townships und auf Spielplätzen zu verteilen?“). Doch bis dahin müsse man sich durch einen quälend langen ersten Akt und einen nur mäßig amüsanten zweiten quälen. Die Musik sei dabei nie besonders interessant. Meistens würde sie nur aus dissonanter Begleitung für die Sänger bestehen, deren Melodien formlos und einfallslos sind; es gebe zwar Zwischenspiele mit mehr Substanz, aber auch diese hätten keine nennenswerte Wirkung. (Allerdings besäßen einige der visuellen Effekte auf der beiliegenden Blu-ray, insbesondere die Zwischenspiele „Prinzessin der Neugier“ aus dem zweiten Akt, eine eigentümliche Schönheit, so der Autor).
Für Alexander Hawkins (London Jazz News) liegt die Faszination an Braxtons Libretti in ihrer völligen Individualität und in der Weigerung, irgendwelche Normen der „hohen“ oder „niedrigen“ Kultur anzuerkennen (auch hier scheint Braxton einen alternativen Rahmen anzubieten; genauso wie es sich nicht ganz richtig anfühlte, ihn als „Außenseiter“ zu bezeichnen, fühlt es sich auch nicht ganz richtig an, ihn in eine „hoch“/„niedrig“-Erzählung einzuordnen). Sie würden völlig ungeniert zwischen Verweisen auf seine eigenen philosophischen Grundsätze und der Umgangssprache hin und her wechseln.
Die Trillium-Opern seien keine „Nummernopern“ im eigentlichen Sinne, obwohl sie wunderbare Nummern enthalten: Eine von Hawkins‘ persönlichen Lieblingsnummern in Trillium J wird von Elizabeth Saunders (als „Kim“/„Gräfin Lila de Borge“) am Ende des dritten Akts fulminant vorgetragen, als sie Zornheims Testament verliest. Anstatt aus einzelnen Nummern zu bestehen, scheint die musikalische Struktur eher vom Fluss des Librettos (von Braxton selbst verfasst) bestimmt zu sein – sowohl rhythmisch als auch erzählerisch. „Als Musikliebhaber schätzen wir das Einzigartige und Eigenwillige, doch manche scheinen nicht bereit zu sein, diese Wertschätzung auf Geschriebenes, Gesprochenes oder Gesungenes auszudehnen. [Oder vielleicht sind sie in bestimmten Kontexten dazu bereit, denn es ist ja nicht so, als ob die kanonischen klassischen Opern nicht auch ihren Anteil an stilisierten Passagen enthielten.]“
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Album (Klassische Musik)