Die Geschichte der Stadt Rawicz (historisch deutsch Rawitsch) im heutigen Polen beginnt mit der Gründung der Stadt im Jahr 1638 auf dem Gebiet des älteren Dorfes Sierakowo. Der Name der Neugründung geht auf die Geschlechts- und Wappenbezeichnung Rawicz der Gründerfamilie Przyjemski zurück. Begünstigt durch ihre Lage im großpolnisch-schlesischen Grenzraum und eine früh einsetzende Zuwanderung entwickelte sich die planmäßig angelegte Privatstadt im 17. und 18. Jahrhundert zu einem bedeutenden Handwerks- und Handelsort. Prägend waren vor allem die Tuchmacherei und andere textilverarbeitende Gewerbe. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bestimmten wechselnde staatliche Zugehörigkeiten, der wirtschaftliche Strukturwandel des 19. Jahrhunderts und die politischen Umbrüche des 20. Jahrhunderts die weitere Entwicklung.
Stadtgründung und 17. Jahrhundert Gründung und Stadtanlage mini|links|Adam Olbracht Przyjemski, Stadtgründer Rawicz wurde 1638 von Adam Olbracht Przyjemski auf dem Gebiet seines Dorfes Sierakowo gegründet. Für Sierakowo sind bereits mittelalterliche Namensformen überliefert; Nazwy miejscowe Polski führt unter anderem auf 1240 und 1310 zurückgehende Belege an.
Das am 24. März 1638 von König Władysław IV. Wasa ausgestellte Gründungsprivileg verlieh der neuen Stadt Magdeburger Stadtrecht, Markt- und Zollrechte sowie fünf Jahrmärkte; außerdem gewährte es eine auf 35 Jahre befristete Befreiung von bestimmten Zöllen. Zugleich wurde den Einwohnern freie Religionsausübung zugesichert.
Auch die Benennung der Stadt war im Privileg ausdrücklich festgelegt. Przyjemski durfte die Neugründung nach dem Namen seines „Stammes und Geschlechtes Rawicz“ benennen; der Stadtname bezog sich damit auf die Geschlechts- und Wappenbezeichnung Rawicz der Gründerfamilie und nicht auf das ältere Dorf Sierakowo. Die überlieferte Privilegienurkunde zeigt entsprechend als Wappenmotiv einen schwarzen Bären in goldenem Feld.
Mit der Planung der neuen Stadt wurde der aus Wrocław (Breslau) berufene Ingenieur und Architekt Michał Flandrin betraut. Er entwarf einen annähernd quadratischen Stadtkern mit zentralem Markt, rechtwinkligem Straßennetz und regelmäßig zugeschnittenen Grundstücken. Diese Grundstruktur prägt das historische Zentrum bis heute.
Die Gründung fiel in eine Phase intensiver Migration im schlesisch-großpolnischen Grenzraum. Die frühen protestantischen Zuwanderer kamen überwiegend aus Schlesien, darunter aus den Räumen Zielona Góra (Grünberg), Głogów (Glogau), Ścinawa (Steinau), Milicz (Militsch), Oleśnica (Oels), Świdnica (Schweidnitz) und Bolesławiec (Bunzlau). Daneben siedelten sich Katholiken aus Großpolen und Niederschlesien sowie bereits früh jüdische Bewohner an.
Wachstum, Handwerk und Stadterweiterung Die Verbindung von Zuwanderung, städtischen Privilegien und günstigen Bedingungen für das Handwerk führte zu einem raschen Wachstum. 1639 wurden 63 Personen in die Bürgerschaft aufgenommen; bis zum 28. Dezember 1640 waren 160 Bürger verzeichnet, 1641 bereits 284 und bis Ende 1643 insgesamt 501. Bis Ende 1649 waren seit der Stadtgründung insgesamt 764 Bürgeraufnahmen registriert. Da das Bürgerrecht nur einen Teil der Einwohnerschaft erfasste, dokumentieren diese Zahlen vor allem die rasche Herausbildung einer rechtlich vollberechtigten Stadtbürgerschaft.
Parallel dazu differenzierte sich das Gewerbe. Unter den frühen Bürgern erscheinen Tuchmacher, Leinweber, Tuchscherer, Färber, Müller, Weiß- und Rotgerber, Tischler, Schmiede und Brettschneider. Die Tuchmacher erhielten 1640 eine eigene Organisation mit Ältesten; bereits im folgenden Jahr bestanden Ordnungen mehrerer weiterer Handwerke. 1642 folgten unter anderem die Fleischer, und im selben Jahr bestätigte der Grundherr die Statuten der Schützenbruderschaft. 1643 wurden auf grundherrlichem Boden vor der Stadt die ersten zehn Windmühlen errichtet. Damit entstand früh ein weiterer Gewerbezweig, der für Rawicz bis in das späte 18. Jahrhundert charakteristisch blieb.
Mit dem Wachstum dehnte sich auch das Stadtgebiet aus. 1663 ließ Jan Opaliński östlich des älteren Stadtkerns eine zweite, vor allem für Katholiken vorgesehene Siedlung mit einem Neuen Markt anlegen, dem heutigen Plac Wolności. Für die dort angesiedelten Franziskaner-Reformaten stiftete er Kloster und Kirche. 1665 wurden die Befestigungen des älteren Stadtkerns unter Leitung des Ingenieurs Marcin Purlitz aus Gorlice ausgebaut; der Neue Markt lag zunächst außerhalb der Wälle.
Kriegsbelastungen Die wirtschaftliche Expansion wurde wiederholt durch Kriegslasten beeinträchtigt. Während des schwedischen Einfalls unter Karl X. Gustav musste Rawicz 1655 hohe Kontributionen zahlen und Tuch liefern. Auch in den folgenden Jahren belasteten Einquartierungen und Abgaben die Stadt. Im Oktober 1663 bezogen elf Kompanien der Truppen Jerzy Sebastian Lubomirskis Winterquartier in Rawicz; zuvor hatte die Stadt 5.000 Floren Kontribution an Lubomirski gezahlt.
Krieg, Seuche und Wiederaufbau im frühen 18. Jahrhundert Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde die bis dahin erreichte Entwicklung durch eine Folge schwerer Krisen unterbrochen. 1701 zerstörte ein Stadtbrand einen Teil der Bebauung. Im Großen Nordischen Krieg nahm König Karl XII. mit seinem Hof am 25. November 1704 Winterquartier in Rawicz und blieb bis zum 8. August 1705 in der Stadt.
Die schwersten Zerstörungen folgten 1707. Russische Truppen überfielen Rawicz am 18. Juli; am 27. Juli wurden die Breslauer Vorstadt, die noch verbliebenen Häuser, Sierakowo und nahezu sämtliche 48 Mühlen niedergebrannt. Nur eine Mühle blieb erhalten. Mit der evangelischen Kirche gingen zugleich die dort verwahrten älteren Kirchenbücher verloren.
Mit dem anschließenden Wiederaufbau setzte erneut Zuwanderung ein. Geflüchtete kehrten zurück, weitere Ansiedler kamen hinzu und die Wallanlage wurde nach Osten erweitert. Dadurch wurden der Neue Markt, das Reformatenkloster und das neu errichtete herrschaftliche Schloss in die Befestigung einbezogen; zeitweilige Abgabenbefreiungen sollten die Wiederherstellung der Stadt erleichtern.
Noch während dieser Erholungsphase wurde Rawicz von einer Pestepidemie getroffen. Sie dauerte von Juli bis Dezember 1710 und trat um die Mitte des Jahres 1711 erneut auf. Für die Epidemie sind 1.835 Todesfälle überliefert. Im Juli 1710 wurde die Stadt für sechs Wochen gesperrt; die Wochenmärkte wurden ausgesetzt und der Personen- und Warenverkehr eingeschränkt.
Die Erholung setzte dennoch vergleichsweise rasch wieder ein. Bereits 1713 wurden 52 neue Bürger aufgenommen, überwiegend Handwerker. Die politische Lage blieb jedoch instabil. Im November 1733 bezogen während des Polnischen Thronfolgekriegs rund 1.400 sächsische Soldaten vorübergehend Quartier in Rawicz und belasteten die Stadt erneut durch Einquartierung und Versorgung.
Wirtschaft und Stadtentwicklung im 18. Jahrhundert Nach den Krisen der ersten Jahrzehnte ging der Wiederaufbau in eine längere Phase erneuten Wachstums über. Zuwanderung, die weitere Ausdifferenzierung des Handwerks und die Erholung des Tuchgewerbes stärkten die Stellung Rawiczs als Handels- und Gewerbezentrum.
Bürgerschaft und Herkunftsräume Die anhaltende Anziehungskraft der Stadt wird besonders in den Bürgeraufnahmen sichtbar. Die Rawiczer Bürgerregister sind für den Zeitraum von 1639 bis 1853 lückenlos in mehreren Bänden erhalten. Für das 18. Jahrhundert nennen die Einträge neben dem Namen häufig auch Beruf und Herkunft. Neben dem schlesisch-großpolnischen Grenzraum erscheinen dabei auch deutlich weiter entfernte Herkunftsorte.Archiwum Państwowe w Poznaniu, Akta miasta Rawicz, Bestand 53/4320/0, Signaturen I/88 und I/89. Bestandsübersicht: Ergänzende Digitalisate der beiden Bände: I/88 und I/89 bei Skanoteka.
Die folgende Auswahl veranschaulicht die geographische Reichweite und die berufliche Vielfalt dieser Zuwanderung. Sie setzt mit zwei Beispielen aus dem späten 17. Jahrhundert ein und zeigt anschließend vor allem den überregionalen Einzugsraum Rawiczs im 18. Jahrhundert. Die Entfernungen nach Rawicz sind gerundete Näherungswerte.Archiwum Państwowe w Poznaniu, Akta miasta Rawicz, Signatur I/88. Fundstellen der in der Tabelle ausgewählten Bürgeraufnahmen: Johann Günther: S. 124; Joseph Antoni Kuspichowski: S. 166; Johann Lange: S. 223; David Schrieger: S. 270; Johann Joseph Eglau: S. 279; Johann Schmidt: S. 297; Matthäus Zudny: S. 311; Johann Michael Grauman: S. 313; Dietrich Schmidt: S. 349; Johan George Gißler; Joseph Ewig: S. 395; Gottfried Ullman: S. 408; Daniel Zogen: S. 465; Jacob Wronek: S. 467; Johann Heinrich Vogt: S. 474.
Ausgewählte überregionale Bürgeraufnahmen Jahr Name Beruf Herkunft Entfernung 1683 Johann Günther Goldschmied Strasbourg (Straßburg) (Kgr. Frankreich – Elsass) ca. 731 km 1698 Joseph Antoni Kuspichowski Koch Chrzanów (Krone Polen) ca. 242 km 1716 Johann Lange Handelsmann Hamburg (Freie Reichsstadt) ca. 511 km 1732 David Schrieger Apotheker Dresden (Kfsm. Sachsen) ca. 226 km 1735 Johann Joseph Eglau Bildhauer Wien (Erzhzt. Österreich u. d. Enns) ca. 380 km 1740 Johann Schmidt Waffenschmied Bautzen (Budissin) (Mgft. Oberlausitz – kursächsisch) ca. 175 km 1744 Matthäus Zudny Musicus Praha (Prag) (Kgr. Böhmen) ca. 241 km 1745 Johann Michael Grauman Schneider Sopron (Ödenburg) (Kgr. Ungarn) ca. 437 km 1752 Dietrich Schmidt Tischler Bremen (Freie Reichsstadt) ca. 571 km 1753 Johan George Gißler Schuhmacher Heidelberg (Kfsm. Pfalz) ca. 628 km 1762 Joseph Ewig Hechelmacher Ansbach (Mgft. Brandenburg-Ansbach) ca. 514 km 1765 Gottfried Ullman Holz- und Siebmacher Liberec (Reichenberg) (Kgr. Böhmen) ca. 157 km 1780 Daniel Zogen Weißgerber Węgorzewo (Angerburg) (Kgr. Preußen – Ostpreußen) ca. 437 km 1781 Jacob Wronek Brettschneider Třebíč (Trebitsch) (Mgft. Mähren) ca. 275 km 1782 Johann Heinrich Vogt Tischler Jelgava (Mitau) (Hzgt. Kurland u. Semgallen) ca. 716 km
Die Beispiele reichen vom böhmisch-lausitzischen und mitteldeutschen Raum über Süd- und Nordwestdeutschland bis nach Ungarn, Ostpreußen, Kurland und ins Elsass. Neben Kaufleuten und Angehörigen verbreiteter städtischer Handwerke erscheinen spezialisierte Berufe wie Goldschmied, Apotheker, Bildhauer, Hechelmacher, Weißgerber und Brettschneider. Damit wird sowohl die überregionale Reichweite der Rawiczer Bürgerschaft als auch die fortschreitende Spezialisierung des städtischen Gewerbes sichtbar.
Wirtschaft, Krieg und Stadtbild Tragende Grundlage der Stadtwirtschaft blieben Tuchmacherei und Wollverarbeitung. Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) führte zu Rohstoffmangel, Einquartierungen, Requisitionen und Absatzproblemen; weitere Belastungen folgten während der Konföderation von Bar (1768–1772).
Die unmittelbaren Auswirkungen des Siebenjährigen Kriegs auf die städtische Versorgung sind in zeitgenössischen Ratsprotokollen dokumentiert.
Bereits im November 1756 reagierte der Magistrat auf den Mangel an Mehl. Die Müller sollten ausreichende Vorräte für die Einwohner bereithalten; der Verkauf an auswärtige Käufer und die Ausfuhr aus der Stadt wurden eingeschränkt und Verstöße mit Konfiskation beziehungsweise Strafe bedroht.
Am 1. Juli 1758 ließ der Magistrat angesichts bereits durchgezogener und weiterer erwarteter Truppen die Vorräte an Roggen, Weizen, Mehl und Graupen in Häusern und Mühlen erfassen. Die Erhebung bezog außerdem Bäcker, Bestände an Fleisch und Schlachtvieh sowie die Malzhäuser ein. Zugleich wurde die Ausfuhr von Mahlgut und Mehl, insbesondere nach Schlesien, beschränkt, damit die Vorräte für Stadt und Einquartierung verfügbar blieben.
Im September 1761 wurde Rawicz auch direkt von einer preußischen Operation gegen russische Truppen und deren Versorgung in Großpolen berührt. Eine zeitgenössische militärische Darstellung berichtet, dass am 14. September ein preußisches Detachement nach Rawicz entsandt wurde; ein Teil der russischen Truppen zog sich zurück, während ein Offizier und einige Husaren gefangen genommen wurden.