mini|Schädeldach der Frau von Naharon Als Frau von Naharon (span: Mujer de Naharon, wegen ihres Alters auch Eva/Eve de Naharon [Eva von Naharon]) wird das Skelett einer jungen Frau bezeichnet, das ab 2001 im Unterwasser-Höhlensystem Sistema Ox Bel Ha im mexikanischen Gebiet der Halbinsel Yucatán im Bundesstaat Quintana Roo geborgen wurde. Dem Skelett wird ein Alter von mehr als 13.000 Jahren zugeschrieben, weswegen es als eines der ältesten Fossilien gilt, das den Aufenthalt von Menschen in den Amerikas belegt. Arturo H. González González, Carmen Rojas Sandoval et al.: The Arrival of Humans on the Yucatan Peninsula: Evidence from Submerged Caves in the State of Quintana Roo, Mexico. In: Current research in the Pleistocene. Band 25, 2008, S. 1–24, Volltext (PDF). Beleg zu den Leitern des Forschungsprojekts. Die Datierung ist allerdings umstritten.
Entdeckung Nach Hinweisen eines Tauchers erkundeten Arturo H. González González (heute: Direktor des Museo del Desierto in Saltillo) und Carmen Rojas Sandoval (heute: Professorin am Instituto Nacional de Antropología e Historia) um das Jahr 2000 im Rahmen eines Doktorandenprogramms das Höhlensystem Sistema Ox Bel Ha. . Im Original publiziert in: Texas A&M University, Department of Anthropology: Mammoth Trumpet. Band 20, Nr. 3, 2005, S. 8–11. Dies geschah vor dem Hintergrund, dass zahlreiche prähistorische Funde wie beispielsweise Feuerstellen mit verbrannten Knochen eine Nutzung der Höhlen durch Menschen bereits im späten Pleistozän belegten. Gegen Ende der letzten Kaltzeit vor rund 12.000 Jahren war noch so viel Wasser in riesigen Eisschilden gebunden, dass die Küstenlinie des heutigen Yucatán mehr als 100 Meter unterhalb der heutigen Küstenlinie lag. Aus dem Wasser ragende Kalksteingebirge wurden durch Regenfälle ausgewaschen, sodass sich Karstlandschaften mit zahlreichen Höhlen und kilometerlangen unterirdischen Flüssen herausbilden konnten. Die eustatische Anhebung des Meeresspiegels hatte zur Folge, dass – mit dem allmählichen Abschmelzen der Eisschilde – vor rund 8400 Jahren (cal BP) die heutige Küstenlinie erreicht war.
Geborgen wurde das Fossil ab 2001 rund 4,5 Kilometer südwestlich der Küstenstadt Tulum im Höhlensystem Naranjal, das zwischen 10 und 25 Metern unter Wasser liegt; die Halokline befindet sich in einer Tiefe von bis zu 16 Metern. Das Höhlensystem ist durch mehrere Cenotes (wassergefüllte Einsturzöffnungen) zugänglich, diese Öffnungen werden von Tauchschulen für Trainings zum Höhlentauchen genutzt. Einer dieser Cenotes namens Naharon hat einen Durchmesser von rund 40 Metern und ermöglicht einen Zugang zur Naharon-Höhle, die wegen ihres klaren Wassers lokal auch als Kristall-Höhle bezeichnet wird. Auf ihrem Boden, 368 Meter nördlich des Cenote und in 22,6 Meter Wassertiefe, wurde das Skelett entdeckt, eingebettet in drei bis fünf Zentimeter mächtigem, feinkörnigem Kalksteinschlamm.
Beschreibung und Datierung mini|Cicero Moraes: die Frau von Naharon, Stufen der Rekonstruktion ihres Gesichts Das weibliche Skelett (Sammlungsnummer: Naharon I) ist zu 80 Prozent vollständig; die Knochen lagen jedoch zumeist nicht in ihrer natürlichen anatomischen Anordnung, einzig mehrere Wirbel waren noch miteinander verbunden. Da es in der Höhle keine Strömungen gibt, die Knochen umlagern können, ist zu vermuten, dass das Skelett wiederholt von Höhlentauchern aufgesucht und durcheinandergebracht wurde. Das Alter der Frau zum Zeitpunkt des Todes wird aufgrund der Beschaffenheit ihrer Zähne auf ungefähr 20 bis 30 Jahre geschätzt. Anhand ihres linken Unterarmknochens und ihres rechten Oberarmknochens wurde rekonstruiert, dass sie vermutlich rund 1,40 Meter groß war und 53 Kilogramm wog. Die erhaltenen Knochen werden im Museo Arqueológico de Xochimilco in Mexiko-Stadt aufbewahrt.
Der Schädel ist nur teilweise erhalten; seine Reste umfassen lediglich die Schädeldecke (Stirnbein, Teile der Scheitelbeine und den größten Teil des Hinterhauptbeins).Mark Hubbe et al.: Morphological variation of the early human remains from Quintana Roo, Yucatán Peninsula, Mexico: Contributions to the discussions about the settlement of the Americas. In: PLoS ONE. Band 15, Nr. 1, 2020, e0227444, doi:10.1371/journal.pone.0227444. Dies schränkt die Aussagekraft der forensischen Rekonstruktion des Gesichts ein.
Berechnungen mit Hilfe der Beschleuniger-Massenspektrometrie ergaben ein Radiokohlenstoffalter von 11.670 ± 60 Jahren, was kalibriert einem tatsächlichen Alter von 13.721 bis 13.354 Jahren („Kalenderjahren“) entspricht.Wolfgang Stinnesbeck, Julia Becker, Fabio Hering, Eberhard Frey, Arturo González González et al.: The earliest settlers of Mesoamerica date back to the late Pleistocene. In: PLoS ONE. Band 12, Nr. 8, 2017, e0183345, doi:10.1371/journal.pone.0183345. Diese Datierung wurde erstmals im September 2004 während einer Fachtagung in Mexiko-Stadt bekannt gegeben und sorgte für großes Aufsehen, da es sich ihr zufolge um den bis dahin ältesten homininen Skelettfund in Amerika handelte. Eingewandt wurde jedoch bereits 2009, dass aus dem zur Datierung herangezogenen Oberschenkelknochen – auf die sich alle späteren Angaben zum Alter stützen – nur 0,1 Prozent der normalerweise zur Datierung üblichen Kohlenstoffmenge gewonnen werden konnte; „das direkt am Skelett ermittelte 14C-Alter“ sei daher als problematisch anzusehen und stelle „bestenfalls eine vorläufige Schätzung dar, bis weitere Daten vorliegen“.Royal Erwin Taylor: Six Decades of Radiocarbon Dating in New World Archaeology. In: Radiocarbon. Band 51, Nr. 1, 2009, S. 173–212 [hier: S. 184], doi:10.1017/S0033822200033774. 2014 wurde das Skelett von einer Berücksichtigung in einer Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Science zu spätpleistozänen homininen Fossilien wegen der umstrittenen Datierung ausdrücklich ausgeschlossen („excluded“).James C. Chatters et al.: Late Pleistocene Human Skeleton and mtDNA Link Paleoamericans and Modern Native Americans. In: Science. Band 344, Nr. 6185, 2014, S. 750–754, doi:10.1126/science.1252619.
In einem Bericht auf der Website des Fachmagazins National Geographic wurde González im September 2008 dahingehend zitiert, dass die Morphologie des Schädels eher Ähnlichkeiten mit Populationen Südasiens als mit Populationen Nordasiens aufweise.. Im Original publiziert auf nationalgeographic.com vom 3. September 2008. Aus dieser Beobachtung lässt sich jedoch keine direkte Herkunft der Frau ableiten.
Literatur Octavio A. Del Río Lara: Tulum’s underwater caves: insights into the oldest human fossils in the Americas. In: TransAmerica Review. Band 2, Nr. 2, 2024, e24006, doi:10.62910/transame24006, Zugang zum Volltext über Button PDF. Mit einer Abbildung des Skeletts in Abbildung 2.
Weblinks Naharon (Cristall) Cenote. Abbildungen und Grafiken zum Naranjal Cave System- Abbildung des Skeletts auf Seite 4 (über Button PDF).
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N Kategorie:Archäologie (Mexiko) Kategorie:Municipio Tulum