mini|Benedetto da Rovezzano: Überführung des Leichnams des heiligen Johannes Gualbertus, 1505, Marmorrelief, 55 × 165 cm, Museo del Cenacolo di Andrea del Sarto in San Salvi, Florenz Benedetto da Rovezzano (* um 1474 in Pistoia; † 1554 in Vallombrosa bei Florenz), eigentlich Benedetto di Bartolomeo de’ Grazini bzw. Benedetto di Bartolomeo di Ricco di Grazino war ein italienischer Bildhauer, Baumeister und Steinmetz der Florentiner Renaissance. Sein Beiname da Rovezzano bezieht sich nicht auf seinen Geburtsort, sondern auf den gleichnamigen Ort bei Florenz, wo er sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts ein Haus und Grundstücke erwarb.

Leben Er wurde um 1474 als Sohn des Bartolomeo di Ricco di Grazino de’ Grazini und der Francesca di Monna Nencia in Pistoia geboren. Die Familie väterlicherseits stammte aus Canapale bei Pistoia. Über seine Ausbildung liegen keine gesicherten Nachrichten vor. Nach stilkritischen Erwägungen wird jedoch vermutet, dass er ab etwa 1490 im Umfeld der an der Sakristei und dem Vestibül von San Spirito in Florenz tätigen Künstler – darunter Giuliano da Sangallo, Andrea Sansovino und Simone del Pollaiuolo, genannt il Cronaca – seine handwerkliche und künstlerische Ausbildung erhielt. Zwischen 1490 und 1496 soll er zudem an einem Teil der Kapitelle der Sakristei mitgewirkt haben. In der Folge wird eine Mitarbeit an mehreren Florentiner Werken Giuliano da Sangallos angenommen, darunter der Kamin im Palazzo Gondi, Dekorationen im Palazzo Corsi-Horne sowie die Cappella Gondi in Santa Maria Novella. Eine weitere, möglicherweise über mehrere Jahre und Orte reichende Zusammenarbeit wird mit Andrea Sansovino vermutet. Sie begann mit Friesarbeiten am Corbinelli-Altar in San Spirito, setzte sich eventuell in Rom mit den Gräbern Basso und della Rovere in Santa Maria del Popolo fort und endete in der Santa Casa von Loreto. mini|Benedetto da Rovezzano (zugeschrieben): Johannes der Täufer, um 1500–1510, Terrakotta Als sein erstes gesichert dokumentiertes Werk gilt die gemeinsam mit Donato Benti ausgeführte Sängerkanzel (Cantoria) für die Kirche San Stefano in Genua. Sie wurde 1499 im Auftrag des Abtes Lorenzo Fieschi vollendet und trug eine heute verlorene Inschrift, die beide Bildhauer als Urheber nannte. Zwischen 1494 und 1504 lieferte Benedetto Entwürfe und leitete die Ausführung mehrerer von den Pandolfini gestifteter Bauteile der Badia Fiorentina: das Hauptportal an der heutigen Via del Proconsolo mit der zugehörigen Freitreppe, den Säulenportikus anstelle des älteren Vestibüls sowie die aus der ehemaligen Pfarrkirche San Stefano del Popolo hervorgegangene Familienkapelle.

Am 29. August 1502 unterzeichnete er in Genua gemeinsam mit Donato Benti, Michele D’Aria und Girolamo di Viscardo da Lavorno vor dem Notar Urbano Granello einen Vertrag mit Jean Hernoet, dem Staatssekretär und Schatzkanzler des französischen Königs Ludwig XII., über ein für Paris bestimmtes Grabmonument zu Ehren der Eltern des Königs. Der Vertrag sah eine Ausführungszeit von fünfzehn Monaten vor. Ob Benedetto tatsächlich nach Frankreich reiste, ist nicht dokumentiert, jedoch gilt dies als wahrscheinlich, da sich seine Spur in den Folgejahren in Italien verliert. Das Werk wird, wenn auch mit gewissen offenen Fragen, mit dem seit 1816 in der Abteikirche Saint-Denis aufgestellten Grabmal für Louis d’Orléans, Valentina Visconti, Charles d’Orléans und Philippe de Vertus identifiziert. Dabei wird Benedetto die Ausführung mehrerer Heiligenstatuen zugeschrieben. Im Jahr 1505, vermutlich kurz nach seiner Rückkehr, entstand für den Florentiner Palazzo Borgherini (heute Palazzo Rosselli del Turco) ein aufwendig gestalteter Kamin mit zugehörigen Kapitellen und Friesdekorationen. Der Kamin befindet sich heute im Museo Nazionale del Bargello.

Im selben Jahr beauftragte der Ordensgeneral der Vallombrosaner, Don Biagio Milanesi, Benedetto mit einem monumentalen Grab- und Altarwerk für den Ordensgründer Giovanni Gualberto. Das Werk sollte ursprünglich in der Kirche Santa Trinita in Florenz aufgestellt werden. Benedetto arbeitete von 1507 bis 1513 nahezu ununterbrochen daran. Nach der Amtsenthebung des Auftraggebers durch Papst Leo X. im Jahr 1513 kam die Arbeit zum Erliegen; eine letzte Zahlung ist für das Jahr 1516 belegt. Das nie montierte und aufgestellte Werk verblieb im Palazzo del Guarlone bei San Salvi und wurde bei der Belagerung von Florenz im Jahr 1530 durch kaiserliche Truppen beschädigt und zum Teil zerstört. Die heute noch vorhandenen, überwiegend fragmentarischen Teile befinden sich im Cenacolo di San Salvi, in der Badia di Passignano, im Museo Nazionale del Bargello sowie – in Gestalt des Sernigi-Altars – in der Kirche Santa Trinita. In der Forschung wird unterschiedlich beurteilt, ob und in welchem Umfang die Bestandteile des Sernigi-Altars tatsächlich zum ursprünglichen Gualberto-Monument gehörten.

Zwischen 1507 und 1510 arbeitete Benedetto an dem als Triumphbogen gestalteten Wandgrabmal für Oddo Altoviti in der Kirche Santi Apostoli. Der Sarkophag ist reich mit Harpyien, von Schlangen durchbohrten Totenschädeln und Blumengirlanden verziert. In dieselbe Zeit oder unmittelbar danach fallen vermutlich das zweifarbig marmorne Portal der Kirche Santi Apostoli und das benachbarte Gebäude, das heute als Pfarrhaus dient. Am 3. Juni 1508 wurde Benedetto in die Zunft der Steinmetze und Holzschnitzer in Florenz (Arte dei Maestri di Pietra e Legname) aufgenommen. Im Januar 1509 erhielt er von der Florentiner Signoria zehn Goldflorin für die Nachbearbeitung des von Michelangelo begonnenen Bronzegusses eines David. Die Statue war ursprünglich für Pierre de Rohan und später für Florimond Robertet bestimmt. Sie gilt seit dem 18. Jahrhundert als verschollen. mini|Benedetto da Rovezzano und Simone Mosca: Sockel der Statue des Orpheus von Baccio Bandinelli, um 1512–1519, Marmor, Innenhof des Palazzo Medici Riccardi, Florenz Am 28. September 1512 beauftragte ihn die Dombauhütte (Opera del Duomo) mit einer Marmorstatue des heiligen Johannes Evangelist für eine der Nischen an den Vierungspfeilern des Florentiner Doms. Die am 30. Oktober 1513 aufgestellte Statue wurde mit 100 Florin honoriert. Zwischen 1512 und 1519 fertigte er zudem den reliefierten Sockel für Baccio Bandinellis Orpheus-Statue im Hof des Palazzo Medici Riccardi. In den Jahren 1515 bis 1518/1519 wird Benedetto mehrfach in den Rechnungsbüchern der Santa Casa von Loreto als ausführender Steinmetz für den ornamentalen Schmuck der Kapelle genannt, ohne dass ihm einzelne Teile sicher zugeordnet werden können. Vermutlich im Zusammenhang mit dem Umbau des Palazzo Portinari-Salviati (später Palazzo Da Cepparello) anlässlich der Hochzeit von Giovanni dalle Bande Nere mit Maria Salviati entwarf er die beiden Ädikula-Nischen für den Hof und leitete deren Ausführung. Diese wurden 1881 abgebaut und dem Museo Nazionale del Bargello übergeben.

1519 verließ Benedetto Italien und ging nach England. Über seine Tätigkeit in den ersten Jahren dort liegen keine Nachrichten vor. Erst seine Arbeit von 1524 bis 1536 an dem für Kardinal Thomas Wolsey bestimmten Grabmonument ist durchgehend dokumentiert. Es sollte ursprünglich in einer eigens vorgesehenen Kapelle bei St George’s Chapel in Windsor aufgestellt werden. Nach Wolseys Sturz im Jahr 1529 beanspruchte König Heinrich VIII. das Monument für sich. Benedetto arbeitete bis 1536 mit weiteren Künstlern daran, bevor ihn eine fortschreitende Erblindung, die durch die langjährige Arbeit am Gussofen bedingt war, zur endgültigen Rückkehr nach Italien veranlasste. Von der ursprünglichen Anlage – einer von einer bronzenen Einfassung mit Figurenschmuck umgebenen liegenden Königsfigur samt begleitenden Statuen – blieb nach Zerstörung und teilweiser Einschmelzung um die Mitte des 17. Jahrhunderts der schwarze Marmorsarkophag erhalten. Dieser bildet seit dem frühen 19. Jahrhundert das Grab Horatio Nelsons in der St Paul’s Cathedral in London. Ebenso erhalten blieben zwei bronzene Kandelaber, die sich heute in der Kathedrale von Gent befinden.

Über Benedettos Tätigkeit zwischen seiner Rückkehr nach Florenz und seinem Tod ist nichts bekannt. Am 22. Mai 1542 (nach anderer Lesart 1543) setzte er in Florenz vor dem Notar Filippo Rovai sein Testament auf. Nach seiner vollständigen Erblindung vereinbarte er eine lebenslange Versorgung durch das Kloster Vallombrosa, wo er nach überwiegender Forschungsmeinung im Jahr 1554 starb.

Werk mini|Benedetto da Rovezzano: Grabmonument des Oddo Altoviti, 1507, Detail, Marmor, Santi Apostoli, Florenz Zu den Benedetto da Rovezzano zugeschriebenen oder dokumentarisch gesicherten Werken zählen unter anderem: Florenz, Badia Fiorentina: Hauptportal an der Via del Proconsolo mit Freitreppe, Säulenportikus und Familienkapelle der Pandolfini (Cappella di Santo Stefano), 1490er Jahre bis 1504; Florenz, Dom (Santa Maria del Fiore): Statue des heiligen Johannes Evangelist, Marmor, 1512/13; Florenz, Santi Apostoli: Wandgrabmal für Oddo Altoviti, 1507–1510; Kirchenportal; angrenzendes Pfarrhaus; Florenz, Santa Maria del Carmine: Kenotaph für Piero Soderini (um 1509/1512); Florenz, San Spirito: Kapitelle und Dekorationsarbeiten in der Sakristei sowie am Corbinelli-Altar (Zuschreibung); Florenz, Museo Nazionale del Bargello: Kamin aus dem Palazzo Borgherini (heute Palazzo Rosselli del Turco); Ädikula-Nischen aus dem Palazzo Portinari-Salviati (Da Cepparello); Florenz, Palazzo Medici Riccardi: Sockel für die Orpheus-Statue von Baccio Bandinelli (1512–1519); San Salvi bei Florenz, Cenacolo di San Salvi und Kirche San Michele: zahlreiche Marmorfragmente vom unvollendeten Grabmonument des heiligen Giovanni Gualberto mit Szenen aus dessen Leben sowie dekorativen Friesen und Zwickeln; Florenz, Santa Trinita: Sernigi-Altar, dessen Bauteile teilweise mit dem Gualberto-Monument in Verbindung gebracht werden (Zuschreibung, in der Forschung umstritten); Badia di Passignano, Kapelle des heiligen Giovanni Gualberto: Reliefs mit wappentragenden Putten, Statue des Heiligen (später ergänzt und restauriert); Genua, San Stefano: Sängerkanzel (Cantoria), gemeinsam mit Donato Benti, datiert 1499 (Kirche im 19. Jahrhundert zerstört, Fragmente erhalten); Saint-Denis bei Paris, Abteikirche: Grabmonument für Louis d’Orléans, Valentina Visconti, Charles d’Orléans und Philippe de Vertus. Es war ursprünglich für die Pariser Coelestinerkirche bestimmt und befindet sich seit 1816 in Saint-Denis (die Zuschreibung ist teilweise umstritten); London, St Paul’s Cathedral: schwarzer Marmorsarkophag, ursprünglich Teil des Grabmonuments für Kardinal Thomas Wolsey bzw. Heinrich VIII., seit dem frühen 19. Jahrhundert Grabstätte Admiral Nelsons; Gent, Sint-Baafskathedraal: zwei bronzene Kandelaber vom Wolsey-/Heinrich-VIII.-Grabmonument; Washington, D.C., National Gallery of Art (Widener Collection): Sockelfragment mit tafeltragenden Engeln, das dem Giovanni-Gualberto-Monument zugeschrieben wird; Florenz, Gabinetto dei Disegni e delle Stampe: mehrere Zeichnungen, darunter Ornament- und Architekturentwürfe.

Literatur Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker. Band IX. Saur, München/Leipzig 1992, S. 19–20, s. v. Benedetto da Rovezzano. Eugenio Luporini: Benedetto da Rovezzano. Scultura e decorazione a Firenze tra il 1490 e il 1520. Edizioni di Comunità, Milano 1964. Eugenio Luporini: Battista Pandolfini e Benedetto da Rovezzano nella Badia fiorentina. Documenti per la datazione. In: Prospettiva. Nr. 33–36, 1983/84, S. 112–123. Alison Luchs: A Relief by Benedetto da Rovezzano in the National Gallery of Art in Washington. In: Mitteilungen des Kunsthistorischen Institutes in Florenz. XVIII (1974), Nr. 3, S. 363–369. Antonio Natali: Giovanni Caccini ‚eccellente nel restaurare‘. Un’ipotesi di restituzione a Benedetto da Rovezzano. In: Paragone. N. S., XLII (1991), Nr. 491 (25), S. 1–14.