mini|Jewsei Liberman (1967) Die sowjetische Wirtschaftsreform von 1965, auch Kossygin-Reform () oder nach Jewsei Liberman Liberman-Reform genannt, war ein Bündel geplanter Veränderungen in der Wirtschaft der Sowjetunion. Ein zentrales Element war die Einführung von Rentabilität und Absatz als zwei wichtigen Kennziffern für den Erfolg eines Unternehmens. Ein Teil des Unternehmensgewinns floss in drei Fonds, die unter anderem der Belohnung der Beschäftigten und der Erweiterung der Produktion dienten; der größte Teil wurde weiterhin an den Staatshaushalt abgeführt.

Politisch wurde die Reform von Alexei Kossygin vorangetrieben, der nach der Absetzung Nikita Chruschtschows Vorsitzender des Ministerrats geworden war. Das Zentralkomitee der KPdSU billigte die Reform im September 1965. Sie griff länger bestehende Vorstellungen mathematisch orientierter Wirtschaftsplaner auf und leitete eine gewisse Dezentralisierung des Prozesses der Wirtschaftsplanung ein. Die Reform fiel mit dem Achten Fünfjahrplan zusammen und wurde zunächst von weiterem Wirtschaftswachstum begleitet. Ihr Erfolg blieb jedoch begrenzt. Nach dem Prager Frühling von 1968 und den politischen Reaktionen Moskaus auf Reformversuche in anderen Staaten des Ostblocks wurden Teile der Reform wieder eingeschränkt. Ökonomen wie Lew Gatowski und Liberman hatten wesentlichen Anteil an der theoretischen Begründung der Reformen und plädierten für eine stärkere Nutzung von Gewinnanreizen und begrenzten Marktmechanismen innerhalb des sozialistischen Systems.

Hintergrund Unter Lenin hatte die Neue Ökonomische Politik Gewinn und materielle Anreize als Instrumente zur Regulierung der sowjetischen Wirtschaft zugelassen. Unter Josef Stalin wurde diese Politik mit der Kollektivierung der Landwirtschaft und der weitgehenden Verstaatlichung der Industrie zurückgedrängt. Zugleich wurde die zentrale Planung durch die Fünfjahrpläne erheblich ausgeweitet.Abraham Katz: The Politics of Economic Reform in the Soviet Union. Praeger, New York 1972, S. 8–17.

Seit etwa 1930 wurde die sowjetische Wirtschaft weitgehend zentral gelenkt. Eine staatliche Bürokratie erstellte Produktionspläne, setzte Löhne fest, bestimmte die Verteilung von Ressourcen, legte den Außenhandel fest und plante die technologische Entwicklung. Die Einzelhandelspreise für Konsumgüter wurden staatlich festgesetzt. Auch Großhandelspreise wurden zentral bestimmt, hatten jedoch eher eine buchhalterische als eine marktwirtschaftliche Funktion. Kolchosen bezahlten ebenfalls staatlich festgesetzte Preise für ihre Betriebsmittel; anders als in vielen anderen Bereichen hing das Einkommen ihrer Mitglieder stärker von der wirtschaftlichen Leistung des Betriebs ab.Jan Adam: Economic Reforms in the Soviet Union and Eastern Europe since the 1960s. Macmillan Press, Hongkong 1989, S. 5–11.

Die sowjetischen Unternehmen unterlagen theoretisch dem Prinzip des Chosrastschot (, etwa „wirtschaftliche Rechnungsführung“). Danach sollten sie innerhalb eines Systems vorgegebener Preise ihre Planvorgaben erfüllen und zugleich wirtschaftlich arbeiten. Tatsächlich hatten die Betriebe jedoch nur geringen Einfluss auf die wichtigsten Entscheidungen.Jan Adam 1989, S. 11–13. Betriebsleiter waren für die Planung der künftigen Bruttoproduktion verantwortlich und neigten dazu, die voraussichtliche Produktion bewusst niedrig anzusetzen, um die Vorgaben anschließend übertreffen zu können.Abraham Katz 1972, S. 155. Für die Übererfüllung des Plans erhielten sie Prämien, unabhängig davon, ob die zusätzliche Produktion kosteneffizient oder das Unternehmen insgesamt rentabel war. Dieses System förderte teilweise unnötige Steigerungen von Größe, Gewicht oder Kosten der produzierten Güter, weil vor allem die mengenmäßige Planerfüllung honoriert wurde.Richard Irving Tubis: Decision-Making in the Soviet Economic Bureaucracy: Administrative Implementation of the 1965 Economic Reform. Dissertation, University of Illinois, Urbana-Champaign 1973, S. 22–27.

Aufstieg der „optimalen Planer“ Die Reformdebatte entwickelte sich in einer Phase intensiver ideologischer Auseinandersetzungen über die Wirtschaftsplanung. Mathematische und kybernetische Ansätze galten zunächst als Abweichung von der orthodoxen marxistischen Wirtschaftstheorie, nach der der Wert von Waren letztlich aus der Arbeit hervorging.Michael Ellman: Soviet Planning Today: Proposals for an Optimally Functioning Economic System. Cambridge University Press, Cambridge 1971, S. 4. Stalin hatte noch 1952 in seiner Schrift Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR die Vorstellung vertreten, Preis- und Marktbeziehungen seien Überreste des Kapitalismus und würden im Kommunismus langfristig verschwinden.Michael Ellman 1971, S. 30.

Dennoch gewann die mathematisch gestützte Wirtschaftsplanung zunehmend an Bedeutung. Während die marxistisch-leninistische politische Ökonomie weiterhin öffentlich gelehrt wurde, entwickelte sich die Wirtschaftskybernetik zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin.Michael Ellman 1971, S. 11.George R. Feiwel: The Soviet Quest for Economic Efficiency: Issues, Controversies, and Reforms. Praeger, New York 1972, S. 199.

Die wachsende Bedeutung statistischer und mathematischer Planung zeigte sich in der Gründung des Zentralen Ökonomisch-Mathematischen Instituts (ZEMI) unter Wassili Sergejewitsch Nemtschinow.Michael Ellman 1971, S. 2. Nemtschinow, der Mathematiker und Erfinder wichtiger Verfahren der linearen Optimierung Leonid Witaljewitsch Kantorowitsch sowie der Ökonom Wiktor Walentinowitsch Nowoschilow erhielten 1965 den Leninpreis.George R. Feiwel 1972, S. 197–198. Die Auseinandersetzung zwischen einer „optimalen“ und einer traditionellen Form der Wirtschaftsplanung zog sich durch die gesamten 1960er Jahre.Michael Ellman 1971, S. 11–12.

Eine weitere Richtung der Reformdebatte betonte den „normativen Verarbeitungswert“ und damit die Bedeutung gesellschaftlicher Bedürfnisse bei der Bewertung wirtschaftlicher Produktion.Richard Irving Tubis 1973, S. 85–86.

Kossygin und Breschnew lösen Chruschtschow ab Mit der Absetzung Chruschtschows und dem Aufstieg von Alexei Kossygin und Leonid Breschnew im Jahr 1964 wurden umfassendere Veränderungen der sowjetischen Wirtschaftspolitik möglich.Jan Adam 1989, S. 23. In der sowjetischen Presse wurde Chruschtschows Wirtschaftspolitik nachträglich scharf kritisiert.Abraham Katz 1972, S. 105.George R. Feiwel 1972, S. 256. Reformorientierte Ansätze in der Sowjetunion standen zugleich in Verbindung mit vergleichbaren Diskussionen in anderen Staaten Osteuropas.Abraham Katz 1972, S. 123.

Kossygin kritisierte die Ineffizienz und Trägheit des bestehenden Wirtschaftssystems. Im September 1965 legte er dem Zentralkomitee einen Reformplan vor, der unter anderem Vorstellungen Libermans und Nemtschinows aufgriff.Jan Adam 1989, S. 40. Die Zustimmung des Zentralkomitees bildete den entscheidenden Schritt für die praktische Umsetzung der zuvor theoretisch diskutierten Vorschläge.Richard Irving Tubis 1973, S. 110.

Begründung der Reformen mini|310x310px|Arbeitsalltag 1967 in der Moskauer Bekleidungsfabrik Bolschewitschka, einem der frühen Versuchsbetriebe der Reform Nach der offiziellen Begründung hatte die zunehmende Komplexität wirtschaftlicher Beziehungen die Wirksamkeit der zentralen Planung verringert und damit das Wirtschaftswachstum gebremst. Das bestehende System bot Unternehmen nur geringe Anreize zu höherer Produktivität oder zur Einführung organisatorischer und technischer Innovationen.Protokoll des 22. Parteitags der KPdSU, Moskau 1961.

Im Zuge einer etwas offeneren Reformdebatte erschienen in sowjetischen Zeitungen zunehmend Vorschläge zur Veränderung der Wirtschaftsorganisation. Der Flugzeugkonstrukteur Oleg Antonow veröffentlichte am 22. November 1961 in der Iswestija einen Artikel mit dem Titel Für alle und für sich selbst, in dem er größere Entscheidungsbefugnisse für Betriebsleiter forderte.Abraham Katz 1972, S. 66.

Libermans Vorschläge Eine besonders einflussreiche Begründung für Reformen lieferte Jewsei Liberman vom Charkower Institut für Ingenieurwesen und Wirtschaft. Sein Artikel Pläne, Gewinne und Prämien erschien im September 1962 in der Prawda.Jan Adam 1989, S. 23–24. Liberman, der von den wirtschaftlichen „Optimierern“ beeinflusst war,Michael Ellman 1971, S. 17. forderte die Wiedereinführung der Rentabilität als zentrale wirtschaftliche Kennziffer.Abraham Katz 1972, S. 66.George R. Feiwel 1972, S. 218. Sein Grundgedanke lautete, dass das gesellschaftlich Erwünschte auch für den einzelnen Betrieb wirtschaftlich vorteilhaft sein müsse.Richard Irving Tubis 1973, S. 1 und 81–85.

Diese Vorstellungen waren umstritten und wurden von Kritikern als Annäherung an kapitalistische Mechanismen betrachtet. Außerdem wurde befürchtet, eine stärkere Orientierung an der Rentabilität könne die Produktionsstruktur verzerren, weil Unternehmen bevorzugt besonders profitable Güter herstellen könnten.Abraham Katz 1972, S. 67.Richard Irving Tubis 1973, S. 87–88.

W. Trapesnikow vertrat im August 1964 in der Prawda eine ähnliche Position. Er forderte, veraltete Methoden der Wirtschaftsführung durch einfachere und effizientere Formen zu ersetzen, bei denen die Belegschaften einen wirtschaftlichen Vorteil davon hätten, ihre Betriebe im Sinne der Gesamtwirtschaft erfolgreich zu führen.Richard Irving Tubis 1973, S. 91–92.

Anders als Liberman zwei Jahre zuvor setzte Trapesnikow bereits voraus, dass die politische Führung die Notwendigkeit einer Reform inzwischen weitgehend akzeptiert habe. Im folgenden Monat veröffentlichte die Prawda weitere Beiträge von Wissenschaftlern, Planern und Betriebsleitern, die sich für Reformen aussprachen. Die Kritik an diesen Vorschlägen fiel nun deutlich schwächer aus.

Zur Erprobung von Libermans Vorstellungen wurden mehrere wirtschaftliche Experimente begonnen. 1964 führten zunächst zwei Bekleidungsbetriebe – die Bolschewitschka in Moskau und das Werk Majak in Gorki – neue Regelungen ein.Jan Adam 1989, S. 40.George R. Feiwel 1972, S. 237. Nachdem die Versuche als vergleichsweise erfolgreich galten, wurde das Modell auf etwa 400 weitere Unternehmen ausgeweitet.George R. Feiwel 1972, S. 242.Richard Irving Tubis 1973, S. 93–94.

Ein Experiment in Lwiw umfasste unter anderem ein Kohlebergwerk sowie Fabriken für Bekleidung, Schuhe und Hebezeuge.Abraham Katz 1972, S. 111. Insbesondere das Bergwerk soll nach der Einführung von Prämien und größerer Entscheidungsfreiheit rentabler geworden sein.Abraham Katz 1972, S. 112. Einige Versuchsbetriebe gerieten jedoch in Schwierigkeiten, weil ihre Zulieferer weiterhin nach dem alten System arbeiteten. Das Werk Majak sah sich beispielsweise gleichzeitig zentral angeordneten Reformvorgaben und widersprüchlichen Weisungen des regionalen Sownarchos ausgesetzt.Richard Irving Tubis 1973, S. 95.

Ausgestaltung Die Reform wurde vom Zentralkomitee der KPdSU und vom Ministerrat der UdSSR verwaltet. Sie umfasste fünf zentrale Maßnahmen:

Unternehmen wurden zu den grundlegenden wirtschaftlichen Einheiten. Die Zahl der verbindlichen Planvorgaben wurde von etwa 30 auf neun reduziert.Abraham Katz 1972, S. 143. Dazu gehörten unter anderem die Gesamtproduktion zu geltenden Großhandelspreisen, wichtige Erzeugnisse in physischen Einheiten, die gesamte Lohnsumme, Gewinn und Rentabilität, Zahlungen an und Zuweisungen aus dem Staatshaushalt, Investitionsziele für neue Technologien sowie das Volumen der Versorgung mit Rohstoffen und Ausrüstungen. Die wirtschaftliche Selbstständigkeit der Unternehmen wurde erweitert. Sie sollten ihr konkretes Produktionssortiment stärker selbst bestimmen, eigene Mittel für Investitionen einsetzen, langfristige Verträge mit Lieferanten und Kunden abschließen und über den Personalumfang entscheiden können.