mini|Bergungs- und Aufräumarbeiten nach dem Abbruch des Allalingletschers Der Gletschersturz des Allalingletschers war eine Naturkatastrophe, die sich am 30. August 1965 im Saastal im Kanton Wallis in der Schweiz ereignete. Beim Gletschersturz lösten sich Eismassen vom Allalingletscher, die Teile der Baustelle des Stausees Mattmark verschütteten, insbesondere die Arbeiterunterkünfte. Dabei wurden 88 Bauarbeiter, Techniker und Kantinenangestellte getötet, 56 davon italienischer Nationalität.Christian Raaflaub: Mattmark: Dunkle Seite der Baugeschichte. In: Swissinfo. 30. August 2005. Kein anderer Bau eines Stausees in der Schweiz forderte so viele Opfer.Unglück am Mattmark-Staudamm: Als eine Eislawine 88 Arbeiter unter sich begrub auf Swissinfo, 29. August 2025

Bauprojekt und Arbeiterunterkünfte mini|Baustelle 1965 vor dem Unglück Rund 700 Arbeiter waren im Hochgebirge der Walliser Alpen am Bau des Stausees Mattmark beschäftigt,Bauarbeiten am Mattmark-Staudamm. In: Schweizer Filmwochenschau. 26. August 1965. der sich 1965 in der Endphase befand.

Die Werkstätten und Baracken waren zuerst im leeren Seebecken aufgebaut worden. Später wurden sie zugunsten einer Teilflutung des Sees verschoben: Der Bauplatz unterhalb der Staumauer, auf über und direkt unterhalb der Zunge des Gletschers – wurde damit vergrössert. Das Risiko bei der Errichtung der Unterkunftsbaracken direkt unterhalb der Gletscherzunge war nicht beachtet und kein Warnsystem eingerichtet worden.

Der Allalingletscher ist der längste und am tiefsten hinab reichende Gletscher an der Westseite des Saastals und reichte zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch bis ins Tal hinab. Hinter der Gletscherzunge und seiner Moräne, wo später der Damm gebaut wurde, staute sich das Wasser zum Mattmarksee. Die Gletscherzunge hatte sich in den 1960er Jahren in den Steilhang über dem Talboden zurückgezogen.

Unglück Im heissen Sommer fielen wiederholt Eisblöcke vom Gletscher ab. Am späten Nachmittag des 30. August 1965 um ca. 17:15 Uhr kam es kurz vor dem Schichtwechsel zum grossen Abbruch: 2'000'000 m³ Eis und Geröll überschütteten die Barackensiedlung und den gesamten Bauplatz mit Werkstätten, Unterkünften, Kantine, Fahrzeugen und zahlreichen Arbeitern.60 Jahre Mattmark-Unglück: Ein Zeitzeuge und viele Schicksale, über Stefan Andenmatten aus Saas-Almagell, auf der Website des Vereins Landschafts- und Kulturerbe Drei-Seen-Land, August 2025 Neben 56 Italienern wurden 23 Schweizer, vier Spanier, zwei Deutsche, zwei Österreicher und ein Staatenloser verschüttet. Das jüngste Todesopfer war 17, das älteste 70 Jahre alt. Unter den Toten befanden sich zwei Frauen.88 Tote – Die Schande von Mattmark. In: Tages-Anzeiger. 26. August 2015.Viele Verschüttete waren bis zur Unkenntlichkeit entstellt, Interview von Walter Bellwald mit dem Zeitzeugen und Opferangehörigen Peter Anthamatten bei www.1815.ch, 20. August 2015.Jetzt musst du um dein Leben rennen, drei Überlebende der Mattmark-Katastrophe erzählen ihre Erlebnisse der Zeitung Work der Gewerkschaft Unia, 19. August 2005.

Rettungsmassnahmen mini|Nächtliche Rettungsarbeiten Überlebende begannen sofort, nach den Verschütteten zu suchen, eine Aufgabe, die sie noch wochenlang beschäftigen sollte. Bald wurden sie durch Hilfskräfte unterstützt, die ins Tal hochfuhren. Doch die Härte und Dicke der Eisschicht machte Rettungen fast aussichtslos.Philippe Reichen: Mattmark, die unbewältigte Tragödie. In: Tages-Anzeiger. 27. August 2015 (Archiv) Nur fünf oder zehn Verschüttete wurden lebend geborgen. Die Eis- und Geröllschicht war stellenweise bis zu 50 Meter stark. Es dauerte rund drei Monate, bis unter diesen Massen das letzte Opfer gefunden und geborgen werden konnte. Die Identifizierung der Leichen war ebenfalls sehr schwierig, weil von vielen Verschütteten nur Gliedmassen übrig waren.

Untersuchungen und Prozess Der Direktor der Elektrowatt Olivier Rambert, der zweite Elektrowatt-Chefingenieur Alexandre Verrey, der Bundesrat Roger Bonvin und die Gutachter Peter KasserBiografie von Peter Kasser ETH Zürich. und Gerold Schnitter (beide Professoren an der ETH Zürich) behaupteten wider besseres Wissen, trotz früherer Vorfälle am Allalingletscher und vorhandener Gutachten und Warnungen, nichts von der möglichen Gefahr durch den Gletscher geahnt zu haben, und blieben auch später bei der Aussage der angeblichen Unvorhersehbarkeit eines Unglücks.Und die Schweiz schaut bis heute weg: Mattmark 1965. Interview mit Elisabeth Joris. In: Online-Magazin Syntopia Alpina, 1. September 2025.Kurt Marti: Mattmark-Prozess (1972): Ein Fehlurteil mit Ansage. In: Online-Magazin Infosperber, 21. August 2015.60 Jahre nach dem Unglück beim Mattmark Staudamm VS Video auf SRF News, 29. August 2025.Vor sechzig Jahren starben beim Mattmark-Staudamm im Wallis 88 Menschen – die Katastrophe war vorhersehbar, von Marc Tribelhorn, Neue Zürcher Zeitung, 30. August 2025.

Die Angehörigen der Opfer, zumeist die Witwen der getöteten Arbeiter, klagten gegen die Verantwortlichen der Mattmark-Baustelle. Sieben Jahre nach dem Unglück sprach das Bezirksgericht Oberwallis in VispSchweizer Filmwochenschau kündigt 1972 den Prozessbeginn an, auf Lab. Geschichte der sozialen Sicherheit in der Schweiz alle siebzehn Angeklagten, darunter Ingenieure und Manager der Elektrowatt sowie Beamte der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (SUVA), frei.Selbstdarstellung der SUVA zur Katastrophe und zum Prozess, vor 2022 Die Opferangehörigen legten Berufung ein beim Walliser Kantonsgericht in Sitten. Paul-Eugen Burgener, Richter am Kantonsgericht, wurde beauftragt, die Akten zu lesen und einen Urteilsvorschlag vorzubereiten. Burgener empfahl die Verurteilung von vier Managern der Elektrowatt AG wegen fahrlässiger Tötung. Er stützte seinen Vorschlag auf wissenschaftliche Berichte und ein internationales Gutachten, das 1967 von drei Experten aus Österreich, Deutschland und Frankreich im Auftrag des Untersuchungsrichters erstellt worden war. Seine Verurteilungsforderung wurde jedoch abgelehnt: Die anderen vier Richter überstimmten ihn. Das Kantonsgericht in Sitten bestätigte das Urteil aus Visp und erlegte den Angehörigen der Opfer die Hälfte der Verfahrenskosten auf, was in Italien zusätzliche Empörung verursachte.

Der Journalist Kurt Marti brachte 2005 zutage, dass die Verantwortlichen der Baustelle um die Gefahren des Allalingletschers gewusst hatten und dass das Gericht bei seiner Entscheidung sämtliche belastenden Fakten ausblendete. Marti arbeitete mindestens 18 Jahre an diesem Thema, publizierte und gab Interviews. Die Mattmark-Katastrophe und deren Aufarbeitung zeigt, wie eng Politik (Bundesrat Bonvin und die CVP im Wallis), Elektroindustrie (Elektrowatt, Swisselectra), Bauindustrie, Wissenschaft (ETH Zürich) und Behörden (Amt für Hydrologie und Wasserbau) miteinander vernetzt waren. So konnten sie eine Verurteilung der Verantwortlichen verhindern.88 Tote – Die Schande von Mattmark. In: Tages-Anzeiger. 26. August 2015.

Erst 2022, 50 Jahre nach dem Urteil, gab das Gericht in Visp die Prozessakten frei. Sie bestätigen die spätestens seit 2015 öffentlich bekannten Aussagen von Kurt Marti und der Filmemacherinnen Cristina Karrer und Patricia Wagner. Der Bericht des Kantonsrichters Paul-Eugen Burgener fehlt in den freigegebenen Akten. Kurt Marti erhielt ihn aus dem persönlichen Nachlass seiner Familie; nur deshalb konnten Kurt Marti und später Elisabeth Joris Erkenntnisse daraus für ihre Publikationen nutzen.Verdrängte Katastrophe, Interview mit Elisabeth Joris, von Giulia Bernardi, bei null41.ch, 1. Oktober 2025.

Würdigung und Forschung mini|Gedenkstätte für die 88 ums Leben gekommenen Bauarbeiter Das Unglück wird als Wendepunkt in der Schweizer Migrationsgeschichte gedeutet. Mehr als zwei Millionen Franken brachte eine Spendenaktion der Glückskette ein. Die Gesellschaft begann, hinter den ausländischen Arbeitskräften Menschen zu sehen, die schwer arbeiteten und einen Beitrag zum Fortschritt der Schweiz leisteten – Herkunft, Religion und Bildung traten in den Hintergrund.

Die Mattmark-Katastrophe hatte auch Einfluss auf die Arbeitssicherheit in der Schweiz: Nach der Katastrophe wurden die Sicherheitskontrollen der SUVA auf Baustellen verschärft, Gewerkschaften setzten sich verstärkt für ausländische Arbeiter ein.Mattmark-Katastrophe – eine Tragödie, die die Schweiz veränderte. (srf.ch zum 60. Jahrestag der Katastrophe), 29. August 2025 (mit Video). Mattmark 1965: Die Folgen einer Katastrophe. Schweizerischer Gewerkschaftsbund, 3. September 2025.

2005 erschien die dreisprachige, 80-seitige Broschüre Mattmark nie vergessen, publiziert von der Schweizer Gewerkschaft Unia.Mattmark: Erinnern – und die richtigen Lehren ziehen, auf der Website der Gewerkschaft Unia, 29. August 2025.

2015 erschien das Buch Mattmark, 30. August 1965 der Soziologen Sandro Cattacin, Rémi Baudouï und Toni Ricciardi. Diese erste soziohistorische Untersuchung zur Mattmark-Katastrophe rückte das nahezu vergessene Ereignis wieder ins Bewusstsein der Gesellscht – ebenso wie der Dokumentarfilm Das Unglück von Mattmark von Patricia Wagner und Cristina Karrer aus dem gleichen Jahr.

2025 veröffentlichte Elisabeth Joris eine historische Untersuchung zum Unglück. Gestützt auf Gespräche mit Zeitzeuginnen zeigte sie die Erwerbsarbeit von Frauen rund um eine Grossbaustelle in den 1960er-Jahren in der Schweiz.Mattmark 1965 von Ueli Mäder, auf seniorweb.ch, 9. September 2025.

Der Schriftsteller Urs Hardegger verfasste den Roman Ein unvorhersehbares Ereignis über das Unglück, der ebenfalls 2025 erschien. Der Roman stützt sich bei der Darstellung von Ereignissen in Mattmark auf Prozessakten und Medienberichte.

Eine Kapelle zwischen Stausee und Saas-Almagell erinnert an die Opfer der Katastrophe. Am 29. August 2026 wurde in Saas-Grund eine Mattmark-Gedenkstätte eröffnet.

Literatur

Mattmark, 30. August 1965. Die Katastrophe, von Toni Ricciardi, Sandro Cattacin, Rémi Baudouï, Seismo Verlag, Zürich 2015. Roman Urs Hardegger: Ein unvorhersehbares Ereignis. Verlag Nagel und Kimche, Zürich 2025. ISBN 978-3-312-01390-6Der Roman auf der Website von Urs Hardegger

Filme Patricia Wagner und Cristina Karrer: Das Unglück von Mattmark, Dokumentarfilm, BearPit Films AG, Bern 2015.Patricia Wagner & Cristina Karrer: Das Unglück von Mattmark, BearPit Films AG, Bern. Samir: Die wundersame Verwandlung der Arbeiterklasse in Ausländer, Dokumentarfilm, Dschoint Ventschr Filmproduktion AG, Zürich 2024, beinhaltet ein Kapitel über die Mattmark-Katastrophe.Die wundersame Verwandlung der Arbeiterklasse in Ausländer bei 3sat.deDie wundersame Verwandlung der Arbeiterklasse in Ausländer bei Swiss Films

Weblinks

Schweizer Filmwochenschau vom 3. September 1965: Der Gletschersturz von Mattmark (Film, Memoriav 1177-1) Die Katastrophe von Mattmark. Schweizer Fernsehen SRF, 30. August 2005.

Einzelnachweise

Allalingletscher Kategorie:Naturkatastrophe 1965 Kategorie:Schweizerische Geschichte (20. Jahrhundert) Kategorie:Geologie (Schweiz) Kategorie:Ereignis im Kanton Wallis Kategorie:Saas-Almagell