Der Schafstall (auch Schafstall-Abri, seltener Schafstallhöhle oder Kleine Nikolaushöhle genannt) ist ein archäologisch und paläontologisch bedeutender Fundplatz des Mittel- und Jungpaläolithikums in Veringenstadt im Laucherttal (Landkreis Sigmaringen, Baden-Württemberg). Die Fundstelle besteht aus zwei nach Norden exponierten Felsdächern (Abris), die wissenschaftlich als Schafstall I und Schafstall II unterschieden werden.Giulia Toniato: Late Pleistocene Environments and Hominin Ecology at Schafstall Rock Shelter in Southwestern Germany, Dissertation, Tübingen 2020, S. 29.Nicholas J. Conard, Sarah Rudolf, Giulia Toniato: Neue Ausgrabungen in den Felsdächern Schafstall I und II in Veringenstadt. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2016. Wbg Theiss, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-8062-3601-9, S. 63.

Der Platz wurde ab 1935 unter der Leitung des Prähistorikers Eduard Peters systematisch ausgegraben.Giulia Toniato: Late Pleistocene Environments and Hominin Ecology at Schafstall Rock Shelter in Southwestern Germany, Dissertation, Tübingen 2020, S. 30. Während Schafstall I anthropogene Aktivitäten aus dem Mittelpaläolithikum dokumentiert, erbrachte Schafstall II primär Funde von Höhlenbären, enthält jedoch auch Belege für temporäre Begehungen des frühen anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) im Aurignacien und Gravettien.Giulia Toniato: Late Pleistocene Environments and Hominin Ecology at Schafstall Rock Shelter in Southwestern Germany, Dissertation, Tübingen 2020, Summary v. Die Fundstelle liefert damit wichtige Daten für die Erforschung eiszeitlicher Siedlungsmuster auf der westlichen Schwäbischen Alb.

Geographie und Topographie Die beiden benachbarten Abris liegen auf einer Höhe von etwa 655 m ü. NN, rund 25 Meter über dem heutigen Niveau des Flusses Lauchert in den Kalksteinfelsen des Weißen Juras (Weißjura-Kalkstein, Malm ). Aufgrund ihrer strikten Nordexposition liegen die Felsdächer fast den gesamten Tag im Schatten.Nicholas J. Conard, Markus Schumacher, Michael Bolus: New Research on Eduard Peters’ Excavations at Schafstall II Rockshelter in the Lauchert Valley of Southwest Germany. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte. Band 25, 2016, S. 90. Die Fundstelle befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu weiteren bedeutenden eiszeitlichen Fundstellen des Laucherttals und nur rund 50 Meter westlich der großen Nikolaushöhle.Nicholas J. Conard, Markus Schumacher, Michael Bolus: New Research on Eduard Peters’ Excavations at Schafstall II Rockshelter in the Lauchert Valley of Southwest Germany. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte. Band 25, 2016, S. 97.

Schafstall I bildet den östlichen Teil des Komplexes. Es handelt sich um eine rund 36 Meter lange, bis zu 5 Meter hohe und knapp 10 Meter tief in die Felswand reichende Nische.Nicholas J. Conard, Markus Schumacher, Michael Bolus: New Research on Eduard Peters’ Excavations at Schafstall II Rockshelter in the Lauchert Valley of Southwest Germany. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte. Band 25, 2016, S. 92. Zur Zeit der ersten Untersuchungen im Jahr 1934 wurde das Felsdach von lokalen Bauern noch als Schafpferch genutzt, was der Fundstelle ihren Namen gab.Giulia Toniato: Late Pleistocene Environments and Hominin Ecology at Schafstall Rock Shelter in Southwestern Germany, Dissertation, Tübingen 2020, S. 30. Schafstall II schließt sich unmittelbar westlich hinter einem markanten Felsknick an, wo die Wand abrupt nach außen dreht. Die nutzbare Fläche vor den Abris ist durch den steil zur Lauchert abfallenden Hang stark eingeengt.

Forschungsgeschichte Die Ausgrabungen durch Eduard Peters (1935–1948) Nach seiner Ernennung zum ehrenamtlichen Vertrauensmann für kulturgeschichtliche Bodenaltertümer für den Bereich des Regierungsbezirks Sigmaringen im März 1934 suchte Eduard Peters zunächst die bereits aus der Literatur bekannten vorgeschichtlichen Landschaften Hohenzollerns auf, bevor er bei anschließenden Erkundungen die urgeschichtliche Bedeutung der Höhlen von Veringenstadt feststellte und im Sommer 1934 erste Probegrabungen durchführte.Oscar Paret, Eduard Peters: Vorwort. In: Fundberichte aus Hohenzollern. Heft 3, 1935, S. 1f. (Digitalisat).

Eduard Peters leitete zwischen 1935 und 1937 drei erste systematische Grabungskampagnen im Schafstall I. Um große Felsblöcke zu entfernen, mussten im Winter 1936/1937 unter Mithilfe des Archäologen Hugo Obermaier Sprengungen durchgeführt werden. Trotz der Erschwernisse des Zweiten Weltkriegs grub Peters in den Jahren 1943, 1944 und nach Kriegsende ab 1946 allein weiter.Giulia Toniato: Late Pleistocene Environments and Hominin Ecology at Schafstall Rock Shelter in Southwestern Germany, Dissertation, Tübingen 2020, S. 31.Nicholas J. Conard, Markus Schumacher, Michael Bolus: New Research on Eduard Peters’ Excavations at Schafstall II Rockshelter in the Lauchert Valley of Southwest Germany. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte. Band 25, 2016, S. 88.

mini|hochkant|Historische Grabungsbefunde und Absteckungen am Schafstall II während der Kampagne von Eduard Peters

Im Frühjahr 1948 weitete er die Arbeiten nach Westen aus und entdeckte dabei den zuvor vollständig verschütteten Bereich des Schafstalls II. Bis zu seinem plötzlichen Tod am 21. Mai 1948 leitete er dort die Ausgrabung.

Peters wandte als einer der ersten Archäologen in Südwestdeutschland konsequent ein nasses Schlämmverfahren an; hierfür hatte er eine Station an der nahen Lauchert errichtet, um auch kleinste Fundstücke aus dem Sediment zu bergen.Giulia Toniato: Late Pleistocene Environments and Hominin Ecology at Schafstall Rock Shelter in Southwestern Germany, Dissertation, Tübingen 2020, S. 27.

Dokumentations- und Fundverluste Nach den Nachkriegswirren musste Peters feststellen, dass seine gesamte Grabungsdokumentation sowie ein Großteil der bis dahin geborgenen Artefakte aus Schafstall I, die er im Landeshaus in Sigmaringen eingelagert glaubte, nicht mehr vorhanden waren.Oscar Paret: Eduard Peters. In: Fundberichte aus Schwaben. Neue Folge, Band 11: 1938–1950. Teil 1, 1951, Digitalisat, S. 15.

Ein unpublizierter Bericht seines Grabungshelfers Johann Riedinger blieb nach dem plötzlichen Tod von Peters lange Zeit das einzige Zeugnis zu Schafstall II.Nicholas J. Conard, Giulia Toniato: Fortsetzung der paläolithischen Ausgrabungen am Abri Schafstall II im Laucherttal bei Veringenstadt. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2017. wbg Theiss, Stuttgart 2018, S. 60.

Moderne Nachgrabungen (2016–2017) mini|Das westliche Felsdach Schafstall II mit baulichen Sicherungsmaßnahmen im Grabungsbereich (Zustand 2017)

In den Jahren 2016 und 2017 führte eine Forschungsgruppe der Eberhard Karls Universität Tübingen unter der Leitung von Nicholas Conard neue Geländearbeiten durch, um die Altfunde stratigraphisch einzuordnen.Giulia Toniato: Late Pleistocene Environments and Hominin Ecology at Schafstall Rock Shelter in Southwestern Germany, Dissertation, Tübingen 2020, S. 32. Die Untersuchungen in den ungestörten Profilresten erbrachten wichtige Mikrodaten zur Paläoumwelt und dokumentierten in Schafstall II eine Abfolge von sechs geologischen Horizonten, bestätigten jedoch die weitgehende Ausräumung der fundreichen Kernbereiche durch Peters, weshalb die Nachgrabungen 2017 beendet wurden.Nicholas J. Conard, Giulia Toniato: Fortsetzung der paläolithischen Ausgrabungen am Abri Schafstall II im Laucherttal bei Veringenstadt. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2017. wbg Theiss, Stuttgart 2018, S. 60.Nicholas J. Conard, Giulia Toniato: Fortsetzung der paläolithischen Ausgrabungen am Abri Schafstall II im Laucherttal bei Veringenstadt. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2017. wbg Theiss, Stuttgart 2018, S. 63.

Stratigraphie und Steinartefakte Das östliche Felsdach (Schafstall I) umfasst Fundhorizonte des Mittelpaläolithikums, was durch die technologische Signatur der Steinartefakte belegt ist.Giulia Toniato: Late Pleistocene Environments and Hominin Ecology at Schafstall Rock Shelter in Southwestern Germany, Dissertation, Tübingen 2020, Summary v. Eduard Peters dokumentierte hier bei seinen Grabungen ab 1935 eine Kulturschicht mit Moustérien-Artefakten und verbrannten Knochen, deren Fundmaterial und Dokumentation jedoch im Jahr 1945 verloren gingen.Giulia Toniato: Late Pleistocene Environments and Hominin Ecology at Schafstall Rock Shelter in Southwestern Germany, Dissertation, Tübingen 2020, S. 30 f. Die Nachgrabung von 2016 in der verbliebenen Basisschicht verlief zwar fundarm, erbrachte jedoch neben Holzkohle und verbrannten Knochen noch einzelne Steinartefakte, darunter einen typischen Levallois-Abschlag aus Muschelkalkhornstein.Nicholas J. Conard, Sarah Rudolf, Giulia Toniato: Neue Ausgrabungen in den Felsdächern Schafstall I und II in Veringenstadt. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2016. Wbg Theiss, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-8062-3601-9, S. 65.

Das westliche Felsdach (Schafstall II) bewahrte eine jungpaläolithische Sequenz aus sechs geologischen Horizonten.Nicholas J. Conard, Giulia Toniato: Fortsetzung der paläolithischen Ausgrabungen am Abri Schafstall II im Laucherttal bei Veringenstadt. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2017. wbg Theiss, Stuttgart 2018, S. 60. Aus Peters Grabung von 1948 stammen 316 erhaltene Artefakte aus lokalem Jurahornstein, deren technologische Analyse eine unidirektionale Klingenproduktion des Aurignacien mit Endkratzern, lateral retuschierten Klingen, Splitterstücken und Sticheln belegt.Nicholas J. Conard, Markus Schumacher, Michael Bolus: New Research on Eduard Peters’ Excavations at Schafstall II Rockshelter in the Lauchert Valley of Southwest Germany. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Urgeschichte. Band 25, 2016, S. 94–95. Die Nachgrabung von 2017 erbrachte in diesen Horizonten fast ausschließlich kleinsten Steinschlag-Abfall sowie drei modifizierte Einzelwerkzeuge.Nicholas J. Conard, Giulia Toniato: Fortsetzung der paläolithischen Ausgrabungen am Abri Schafstall II im Laucherttal bei Veringenstadt. In: Archäologische Ausgrabungen in Baden-Württemberg 2017. wbg Theiss, Stuttgart 2018, S. 62. Ein seltener Fund ist ein fundplatzübergreifender Zusammensetzungskomplex (inter-site refit): Ein Hornstein-Trümmerstück aus Schafstall II passt exakt zu einem Fragment aus der 50 Meter östlich gelegenen Nikolaushöhle, was die parallele oder abwechselnde Nutzung beider Orte als funktionale Einheit zeigt.

Faunen- und organische Befunde Höhlenbären und weitere eiszeitliche Fauna