Sonntag bei den Kreisands ist der Titel einer 1970in der Sammlung Erzählungen veröffentlichten satirischen Erzählung von Gabriele Wohmann. Sie handelt von den Widersprüchen zwischen dem Selbstbild und dem realen Leben eines bürgerlichen Ehepaars.

Inhalt Die Erzählung handelt von einem „dieser gemütlichen“ und, nach der Einschätzung Elisabeths, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, „harmonisch[en]“ Sonntage bei den Kreisands.Gabriele Wohmann: Sonntag bei den Kreisands. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 104. Das Ehepaar ist seit 18 Jahren verheiratet und lebt in seinem gepflegten, wertvoll ausgestatteten Haus mit schönem Garten und Teich. Nach dem ruhigen Frühstück fahren Artur und Elisabeth, von ihrem Mann seit vier Jahren Milli genannt, in ihrem neuen geräumigen Auto „ein bisschen raus“.

Bernhard, den Sohn ihrer Schwester Susanne, der vier Tage seiner Osterferien bei ihnen verbringen darf, lassen sie im Haus zurück. Er räumt inzwischen den Gerätekeller auf und macht ihn sauber: „[E]s war gut für Kinder, wenn man sie ab und zu ein bisschen zwang, sich allein zu beschäftigen. Immerhin erwies sie ihm Vertrauen, indem sie ihn allein bei ihren wertvollen Sachen ließ. […] Beschäftigungstherapie hieß das Kapitel, an das Elisabeth sich kurz vor der Abfahrt mit Artur gottlob noch erinnerte. Er ist ja so ein kleiner Ordner und Tüftler, Bernhard. […] Obwohl kinderlos, lieben sie Diskussionen um Probleme der Kindererziehung und haben da ganz feste Vorstellungen.“Gabriele Wohmann: Sonntag bei den Kreisands. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 104, 105, 11. Am Abend darf sich Bernhard für seine gute Arbeit eine Belohnung wünschen. Die Sendung im Fernsehen, die er sehen will, ist jedoch „nichts für Kinder, meinen die Kreisands. Zweitens verdirbt es die Augen, möglicherweise, wenigstens die Augen Bernhards.“ Deshalb wird er früh ins Bett im Bügelkeller („Kinder mögen so was ja, Provisorien, sie finden es abenteuerlich.“Gabriele Wohmann: Sonntag bei den Kreisands. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 111.), geschickt und erhält er eine der beiden Tafeln Schokolade, die sie für den Besuch „angeschafft“ haben.

Die Kreisands lassen den Sonntag ausklingen bei Wein vor dem Fernseher. Der Wein stammt aus dem Keller von Elisabeths Eltern, Artur nimmt ihn, unbemerkt von den Schwiegereltern, mit, wenn sie „fast jede zweite Woche zu den alten Leutchen hinübergehen, meistens mittwochs“: da „gibt’s nichts rechtes im Fernsehen“.Gabriele Wohmann: Sonntag bei den Kreisands. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 108. Der Genuss am Abendprogramm wird für Elisabeth etwas eingeschränkt durch ihr schlechtes Gewissen ihren Eltern gegenüber. Sie muss ihnen noch behutsam beibringen, dass sie nicht im großen Auto der Kinder, wie bereits versprochen, zu ihren gemeinsamen Sommerferien an die belgische Küste Badeort fahren. Denn die tochter hat bereits bei einer Bekannten in der Schweiz angefragt, ob deren Tessiner Häuschen für drei Wochen als „Zwei-Personen-Idyll“ frei wäre, und es wird ihr dort „nie ganz wohl sein“, wenn sie an ihre alten Eltern mit dem von ihnen eingeladenen Bernhard in einem belgischen Badeort denkt. Sie haben „mit Absicht in ihrem weitläufigen Haus kein Gästezimmer etabliert“ und denken auch nicht an die Aufnahme der Eltern, die demnächst in eine „winzige Wohnung“ übersiedeln müssen, denn „man soll ja nicht zu eng mit der Verwandtschaft zusammenleben, darüber sind sie sich einig.“Gabriele Wohmann: Sonntag bei den Kreisands. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 111, 110. Zwischenzeitlich hat Elisabeth Bedenken über ihre Lebensphilosophie: „[I]m Barockspiegel sah sie ein niederträchtiges Gesicht: Ihr eigenes. Die verstoßenen Eltern […] Bernhardchen. Schlimm war daran, dass es dabei bliebe. Sie konnte bloß bereuen, sonst nichts.“Gabriele Wohmann: Sonntag bei den Kreisands. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 112.

Der Abend endet mit dem Versuch des ein bisschen betrunkenen Artur, zu erkunden, ob die von ihm erinnerte Blinddarmnarbe zu Elisabeth gehört oder zu einer seiner Affären-Frauen, Milli Bechstein oder Irene-Schatz. „Aufseufzend begibt sie sich in ihre Schlaflage. Es ist harmonisch in ihrem Schlafzimmer, zwei Türen weg von Arturs Schlafzimmer: mit den besten Ohren der Welt könnte sie ihn hier nicht schnarchen hören.“ „aber man soll ja nicht zu eng mit der Verwandtschaft zusammenleben, darüber sind sie sich einig.“Gabriele Wohmann: Sonntag bei den Kreisands. In: Gabriele Wohmann. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979, S. 113.

Rezeption und Interpretation Gabriele Wohmann war in den 1970er und 1980er Jahren eine erfolgreiche, viel gelesene Autorin und gilt als eine der bedeutendsten Repräsentantinnen der Kurzgeschichte in Deutschland. Nach Reich-Ranickis Einschätzung, gibt es im „Bereich der Kurzgeschichte […] im ganzen deutschen Sprachraum nur sehr wenige Schriftsteller, die Gabriele Wohmann auch nur gleichkommen“.Marcel Reich-Ranicki: Bitterkeit ohne Zorn. In: zeit.de. 21. Juli 1967 ScheidgenIlka Scheidgen: Fünfuhrgespräche. Zu Gast bei Günter Grass, Peter Härtling, Herta Müller, Peter Rühmkorf, Dorothee Sölle, Arnold Stadler, Carola Stern, Martin Walser, Gabriele Wohmann, Eva Zeller, Kaufmann. Lahr, 2008, S. 178. und KrauseTilman Krause: Die Gréco an der Schreibmaschine. In: welt.de. 19. Mai 2012 schließen sich diesem Urteil an: „Sie gilt unbestritten als die beste Autorin in der Beherrschung der Kurzgeschichte“, bzw. als „Königin der Kurzgeschichte“.

Literaturkritiker zählen wesentliche Teile von Wohmanns Werk der Neuen Innerlichkeit und teils thematisch der Frauenbewegung zu. Viele ihrer Romane und Erzählungen handeln von Familien- und Paarbeziehungen (Ländliches Fest, Der Antrag), und von der Situation des Kindes in der Welt der Erwachsenen (Die Klavierstunde, Muränenfang, Paulinchen war allein zu Haus).

Zwar sind zu Wohmanns Hunderten von Erzählungen und Kurzgeschichten nur wenige Einzelrezensionen bekannt, aber es gibt zahlreiche Untersuchungen zu ihren Themen und Stilmerkmalen, die auch auf die 1965 entstandene und zuerst 1970 im gleichnamigen Sammelband erschienene Erzählung „Sonntag bei Kreisands“ zutreffen: Die „zentrale Situation […] ist das Beziehungsgefüge in der Familie oder in Kleingruppen, wobei sich die Konstellationen, jeweils nur leicht verändert, wiederholen“. Wohmanns Texte setzen sich „aus minutiös beschriebenen Kleinszenen oder Dialogen zusammen, die genaue Beobachtung ersetzt die klärende Reflexion“. Rötzers Beschreibung Wohmanns kann auf die Erzählerin im ländlichen Fest übertragen werden: „Viele Gestalten sind Projektionen des eigenen Konflikts der Autorin: Sie durchschaut die antiintellektuelle Bürgerlichkeit, aber sie kann nicht das Stützkorsett bürgerlicher Lebensformen und Sozialordnungen ablegen.“Hans Gerd Rötzer: Geschichte der deutschen Literatur. Epochen Autoren Werke. C. C. Buchners Verlag Bamberg 1992, S. 455. Die Analyse der Verhältnisse von Menschen untereinander habe die Autorin bei Tschechow gelernt, seine ruhige Art der Konfliktbeschreibung sei auch die ihre.Jörg Sundermeier: Nachruf Gabriele Wohmann. Die begnadete Vielschreiberin. taz, 24. Juni 2015 https://taz.de/Nachruf-Gabriele-Wohmann/!5206651/ Als „Diagnostikerin des privaten Alltags“ könne man sie mit der Kanadierin Munro, dem Amerikaner Updike oder der Engländerin Simpson vergleichen.Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags. Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf

Hinck verweist in seiner Untersuchung auf Bergsdorfs („Die ganz normale Katastrophe des Alltäglichen“) Bemerkung, dass sich Wohmann auf die Wirklichkeit nicht politisch agitierend, sondern psychologisch sondierend einlässt und führt weiter aus, Wohmanns Feld sei, wenn sie sich mit „der Rolle der Frau und mit den Fragen der Erziehung“ auseinandersetze, nicht „die Gesellschaftskritik, die auf durchgreifende Änderungen dringt, sondern die Enthüllung zwischenmenschlicher Unstimmigkeiten und menschlicher Unzulänglichkeiten“. Wohmann betreibe „keine Denunziation, sondern Nachbarschafts-Diagnose, die insgeheim und ganz ohne moralische Appelle auf therapeutische Wirkung setzt“.Walter Hinck: Gabriele Wohmann zum Siebzigsten Rebellion gegen die Behaglichkeit. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html

Nach Eichmann-Leutenegger trifft Wohmanns Blick, der oft als „böser Blick“ bezeichnet worden sei, in ihren psychologischen Skizzen ungemein scharf. Ihre Diagnose falle „bissig“ aus, „jeder noch so unscheinbare Tic“ gerate ans Tageslicht.Beatrice Eichmann-Leutenegger: Diagnostikerin des privaten Alltags Zum 80. Geburtstag von Gabriele Wohmann. https://media.herder.de/files/0003366948_0001-id-9597.pdf.

In einem Interview widerspricht Wohmann dem Bild von ihr als unpolitische Autorin: „[D]ass Politik wichtig ist und in meinem Leben eine große Rolle spielt, sollte man schon merken. Kritiker haben mich oft festgelegt auf »kleine Alltagsnöte in unserem kleinen Alltag«. Aber auch in den Alltagsgeschichten spielt ja etwa Erziehung eine Rolle – das ist ja nun nicht unpolitisch. Politisch sein, kann ja auch bedeuten, nicht mit allem einverstanden zu sein.“Georg Magirius in Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, 13. Februar 2009. https://www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html

In den Kreisands verbindet die Autorin die Alltagshandlung eines Sonntags, die schematisierten Gesprächs- und Gesellschaftsformen, mit der Thematik des geruhsamen Lebens. Wohmann erklärte in einem Interview, dass Gespräche über religiöse und existentielle Fragen Teil ihrer Sozialisation waren: Das Beunruhigende liege „in unserer Existenz, in unserer Vergänglichkeit. Das hat mir tatsächlich schon als Kind zu schaffen gemacht: Wenn schöne Dinge vorbei waren – furchtbar! […] Es geht alles vorbei“.Georg Magirius. Publik-Forum, Zeitung kritischer Christen, 13. Februar 2009. www.theologie-und-kirche.de/gabriele-wohmann.html

Veröffentlichungen Sonntag bei den Kreisands. Entstehungsjahr: 1965. Erstveröffentlichung: 1970 in der Sammlung Sonntag bei den Kreisands.https://doczz.net/doc/5907041/sämtliche-erzählungen-von-gabriele-wohmann

Sonntag bei den Kreisands. Erzählungen. Eremitenpresse, Stierstadt und Düsseldorf, 1970. Alles für die Galerie. Erzählungen. Mit einer Nachbemerkung von Günther Cwojdrak. Aufbau-Verlag Berlin, 1972. Nachrichtensperre. Ausgewählte Erzählungen, Aufbau Verlag Berlin/Weimar, 1978. Ausgewählte Erzählungen aus zwanzig Jahren, Band 2. Hermann Luchterhand Verlag Darmstadt und Neuwied (SL 297), 1979. Stolze Zeiten. Erzählungen. Claassen Verlag Düsseldorf. 1981- (Ein Teil der Erzählungen wurde auch veröffentlicht in: Ein Mann zu Besuch. Piper Verlag München/Zürich, 1993) Gesammelte Erzählungen aus dreißig Jahren, Band 1 bis 3. (Hrsg. Thomas Scheuffelen). Luchterhand Verlag Darmstadt/Neuwied, 1986. Der Kanon. Die deutsche Literatur, Erzählungen. (Hrsg. Marchel Reich Ranicki). Insel Verlag Frankfurt am Main, 2003.

Anmerkungen

Kategorie:Werk von Gabriele Wohmann Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Deutsch) Kategorie:Erzählung