Bernhard von Zallinger zum Thurn (* 1888 in Innsbruck, Österreich-Ungarn; † 10. Oktober 1957) war ein Rechtsanwalt, deutschfreiheitlicher Politiker und Publizist. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörte er zu den führenden Vertretern der Deutschfreiheitlichen Partei in Südtirol und dem Direktorium des Deutschen Verbandes an. Von 1920 bis 1922 war er Hauptschriftleiter der Südtiroler Landeszeitung. Nach 1945 trat er als Kritiker der politischen Vorherrschaft der Südtiroler Volkspartei (SVP) und des katholischen Lagers hervor.
Leben Bernhard von Zallinger entstammte einer alten Bozner Familie. Sein Vater Otto von Zallinger zum Thurn war Universitätsprofessor des Deutschen Rechts und der Österreichischen Reichsgeschichte in Innsbruck und später in Wien.Otto von Zallinger zum Thurn, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften. Seine Mutter Luise von Walther zu Herbstenburg war eine Schwester des deutschfreiheitlichen Politikers Wilhelm von Walther. Zallinger studierte Rechtswissenschaften an der Universität Innsbruck und promovierte dort 1911 sub auspiciis Imperatoris. Ab 1912 war er als Rechtsanwalt in Meran tätig und heiratete kurze Zeit später.Als solcher nachgewiesen, gemeinsam mit P. von Hepperger, im Fernsprech-Verzeichnis für Südtirol, 2. Halbjahr 1925. Pötzelberger, Meran 1925, S. 59 (online).
Nach dem Zusammenbruch Österreich-Ungarns und der italienischen Besetzung Südtirols gehörte Zallinger ab November 1918 dem provisorischen Nationalrat für Deutsch-Südtirol an. Politisch schloss er sich der im Dezember 1918 neu konstituierten Deutschfreiheitlichen Partei Südtirols an.
Infolge der Annexion Südtirols durch das Königreich Italien schlossen sich im Oktober 1919 die Deutschfreiheitliche Partei und die katholisch-konservative Tiroler Volkspartei zum Deutschen Verband zusammen. Beide Parteien behielten ihre eigenen Programme und Organisationsstrukturen. Die gemeinsame Verbandsleitung bestand aus einem paritätisch zusammengesetzten zehnköpfigen Landesverbandsausschuss, in den jede der beiden Parteien fünf Mitglieder entsandte. Zallinger gehörte dem Direktorium des Deutschen Verbandes an und fungierte als einer ihrer Sprecher.Leitsätze des Deutschen Verbandes in Südtirol. In: Bozner Nachrichten, Nr. 229, 11. Oktober 1919, S. 1.
Am 18. Oktober 1919 reiste Zallinger gemeinsam mit Eduard Reut-Nicolussi, Friedrich von Toggenburg und seinem Onkel Wilhelm von Walther als Delegierter des Deutschen Verbandes nach Rom, wo die Südtiroler Vertreter gegenüber der italienischen Regierung Forderungen nach politischer und administrativer Autonomie vorbrachten.
Bei den Freiheitlichen trat Zallinger in den folgenden Jahren zunehmend als politischer Redner und programmatischer Kopf hervor. Bei einer großen politischen Kundgebung am 9. Mai 1920 in Meran vertrat er die Deutschfreiheitlichen und forderte die Wahrung des deutschen Charakters Südtirols sowie eine weitgehende Autonomie.Bozner Nachrichten, Nr. 106, 11. Mai 1920, S. 1.
Im Juni 1920 übernahm Zallinger die Funktion des Hauptschriftleiters der neu gegründeten Südtiroler Landeszeitung, die als Organ der Deutschfreiheitlichen Volkspartei erschien. Das Blatt sollte den bisher lokal ausgerichteten deutschfreiheitlichen Kräften eine landesweite publizistische Stimme geben und bestand bis Ende 1922.Max Malleier: Die liberale Südtiroler Landeszeitung (1920–1922) und die Nachrichtenpolitik der faschistischen Machtergreifung in Italien. Diplomarbeit, Universität Innsbruck, Innsbruck 1990, S. 165 f.
Im Oktober 1920 reiste Zallinger nach Berlin. In einem dort vorgelegten Memorandum verband er die politische und kulturelle Selbstbehauptung der deutschen Südtiroler mit wirtschaftspolitischen Forderungen. Er trat für engere Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland, deutsche Investitionen in Südtirol, Absatzmöglichkeiten für Südtiroler Agrarprodukte sowie verstärkte wissenschaftliche und kulturelle Kontakte mit dem deutschen Sprachraum ein.Leopold Steurer: Südtirol zwischen Rom und Berlin 1919–1939. Europaverlag, Wien/München/Zürich 1980, S. 71 und 419.
Mit der faschistischen Machtergreifung und der schrittweisen Unterbindung der politischen Tätigkeit der deutschen Parteien verlor Zallinger seine politischen Betätigungsmöglichkeiten. Aufgrund seines Geburtsortes Innsbruck wurde ihm im Juni 1927 die italienische Staatsbürgerschaft endgültig verweigert. Damit war ihm auch die weitere Ausübung seines Rechtsanwaltsberufes in Italien unmöglich. Zallinger musste Südtirol verlassen und ließ sich zunächst in Salzburg, später in Wien nieder, wo er wieder als Rechtsanwalt tätig war.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrte Zallinger nach Meran zurück. Politisch fand er jedoch keinen Anschluss an die 1945 gegründete Südtiroler Volkspartei. Er kritisierte insbesondere das weitgehende Verschwinden der früheren freiheitlichen Strömung, den starken Einfluss des politischen Katholizismus sowie die beherrschende Stellung der mit der SVP verbundenen Presse um Athesia.
Von 1948 bis 1949 schrieb Zallinger unter dem Kürzel O.Th. für die Wochenzeitung Der Standpunkt. Die 1947 gegründete Zeitung trat als publizistische Alternative zur dominierenden SVP-nahen Presse auf und wurde vom italienischen Ufficio per le Zone di Confine (UZC), einer bei der Präsidentschaft des Ministerrats angesiedelten Grenzzonenbehörde, finanziell unterstützt.Philipp Trafojer: La Voce del Padrone: Der Standpunkt. Ein italienisches Propagandamedium in Südtirol 1947–1957. In: Gerald Steinacher, Leopold Steurer (Hrsg.): Im Schatten der Geheimdienste. Südtirol 1918 bis zur Gegenwart. StudienVerlag, Innsbruck-Wien-Bozen 2003, S. 161–186, hier S. 179.
1949 und 1950 arbeitete Zallinger für das Presseamt der Bozner Messe. Nach politischen Kontroversen musste er diese Tätigkeit wieder aufgeben. In der Folge stand er auch unmittelbar mit dem Ufficio per le Zone di Confine in Verbindung.Carlo Romeo: Un vecchio liberale nella controversia etnica. Bernhard Zallinger (1888–1957) e la questione sudtirolese. In: Luca Renzi, Ferruccio Delle Cave (Hrsg.): La convivenza in Alto Adige 1920–2020 / Zusammenleben in Südtirol 1920–2020. Meran 2022, S. 173–189, hier S. 180 f.
Im Februar 1949 legte Zallinger dem UZC ein Memorandum über die geplante Veröffentlichung einer deutschsprachigen politischen Schrift vor. Vorgesehen war eine hohe Auflage, die gezielt unter gesellschaftlichen Multiplikatoren in Südtirol verbreitet werden sollte. Aus diesem publizistischen Umfeld entstand seine Schrift Die Grundlagen der Südtiroler Politik, die 1949 erschien. Eine italienische Ausgabe folgte 1951 unter dem Titel I capisaldi della politica alto-atesina.
Bernhard von Zallinger starb nach längerer Krankheit am 10. Oktober 1957 in verarmten Verhältnissen.
Schriften Deutschland, Südtirol und Italien. Von einem Südtiroler Politiker. Bozen-Meran: Südtiroler Zeitungs-Verlag, 1921. Die Grundlagen der Südtiroler Politik. Selbstverlag des Verfassers, 1949. I capisaldi della politica alto-atesina. Rom 1951.
Literatur Carlo Romeo: Un vecchio liberale nella controversia etnica. Bernhard Zallinger (1888–1957) e la questione sudtirolese. In: Luca Renzi, Ferruccio Delle Cave (Hrsg.): La convivenza in Alto Adige 1920–2020 / Zusammenleben in Südtirol 1920–2020. Meran 2022, S. 173–189. Leopold Steurer: Südtirol zwischen Rom und Berlin 1919–1939. Europaverlag, Wien/München/Zürich 1980. Philipp Trafojer: La Voce del Padrone: Der Standpunkt. Ein italienisches Propagandamedium in Südtirol 1947–1957. In: Gerald Steinacher, Leopold Steurer (Hrsg.): Im Schatten der Geheimdienste. Südtirol 1918 bis zur Gegenwart. StudienVerlag, Innsbruck 2003, S. 161–186.
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