Hart-Aufstand (türkisch Hart Olayı oder Hart İsyanı, auch Şeyh Eşref İsyanı, „Scheich-Eşref-Aufstand“) war ein bewaffneter, religiös-messianisch motivierter Aufstand, der sich zwischen Oktober und Dezember 1919 in der Ortschaft Hart (heute Aydıntepe), einem Bezirk des Kreises Bayburt in Nordostanatolien, ereignete.Cevat Şenol: Atatürk'ün Katıldığı Savaşlar. Halk Kitabevi, 2016, ISBN 978-605-9828-21-5, S. 118. Anführer war Scheich Eşref, der sich selbst zum „Herrn der Scharia“ und zum erwarteten Mahdi erklärte, die osmanische Zentralregierung samt ihren Vertretern für „ungläubig“ (kâfir) erklärte und sich einer behördlichen Untersuchung mit Waffengewalt widersetzte.
Der Aufstand wurde erst nach bewaffneten Zusammenstößen mit Artillerie- und Infanterieeinsatz von osmanischen Truppen niedergeschlagen. In der türkischen Geschichtsschreibung wird er, ähnlich wie der spätere Scheich-Said-Aufstand (1925) und der Vorfall von Menemen (1930), zu den religiös-reaktionären (irtica) Erhebungen gegen die neue politische Ordnung gezählt.Türk İstiklal Harbi. Bd. 6, S. 62. Mustafa Kemal Atatürk beschreibt das Ereignis in seiner Rede Nutuk unter dem Kapitel „Ein falscher Prophet in Bayburt“ (Bayburt'ta bir yalancı peygamber) als „bedeutenden und blutigen“ Zwischenfall.Mustafa Kemal Atatürk: Nutuk. Kapitel „Bayburt'ta bir yalancı peygamber“, 1927.
Hintergrund Eşref, ein in Hart ansässiger Scheich, gründete eigenen Angaben zufolge eine eigene religiöse Bruderschaft (Tarikat) und erlangte in der Umgebung Bekanntheit. Nach Berichten der lokalen Verwaltung erklärte er sich zum „Herrn der Scharia“ (sahib-i şeriat) und zum „erwarteten Mahdi“ (mehdi-i muntazar), verkündete, von Gott gesandt worden zu sein, und ließ freitags die Predigt (hutbe) auf seinen eigenen Namen verlesen. Über die genauen Beweggründe des Aufstands gehen die Angaben in der Literatur auseinander: Einige Quellen sprechen von schiitischer Missionierung (Şiilik telkini) in einer mehrheitlich sunnitischen Region, andere von einem universalistischen Reformanspruch, dem zufolge Eşref sieben Staatsoberhäupter vor sich habe versammeln wollen, um „die Welt zu ordnen“. Die Statthalterschaft Erzurum bat die Kaimakamie Bayburt um Auskunft über Herkunft, Beruf, Glaubensrichtung und Anhängerschaft des Scheichs.Rahmi Apak: Türk İstiklal Harbi, İç Ayaklanmalar. S. 8.
Verlauf Die Provinz Bayburt setzte unter Leitung des Muftis eine Kommission aus Geistlichen ein, die Eşref zur Befragung vorladen sollte. Der Scheich lehnte die Vorladung ab. Nachdem Berichte über eine Erhebung seiner Anhänger eintrafen, entsandte die lokale Verwaltung am 6. Dezember 1919 ein 50 Mann starkes Kommando des 28. Regiments von Bayburt nach Hart, um Eindruck zu machen; ein bewaffnetes Vorgehen wurde zunächst vermieden.Kâzım Karabekir: İstiklal Harbimizin Esasları. İstanbul 1951, S. 153–156. Stattdessen wurden über 16 Tage hinweg mehrere Delegationen aus Geistlichen und Honoratioren zu Eşref geschickt, zuletzt angeführt vom Kadi von Erzurum, um ihn zur Unterordnung unter die Regierung zu bewegen. Diese Vermittlungsversuche blieben erfolglos; laut Nutuk erklärte Eşref die Abgesandten zu „Ungläubigen“ und verkündete, niemanden anzuerkennen und kämpfen zu wollen. Zugleich verbreitete er in den umliegenden Dörfern Rundschreiben, in denen er die Bevölkerung zum Anschluss an ihn aufrief.Mustafa Kemal Atatürk: Nutuk. Kapitel „Bayburt'ta bir yalancı peygamber“, 1927.
Niederschlagung Daraufhin übernahm der Kaimakam Halit Bey persönlich das Kommando der 9. Division und rückte am 25. Dezember 1919 (25. Kânunuevvel 1335 nach dem Rumi-Kalender) mit ausreichender Truppenstärke gegen Hart vor.Kâzım Karabekir: İstiklal Harbimizin Esasları. İstanbul 1951, S. 153–156. Eşref und seine bewaffneten Anhänger leisteten mit Artillerie und Infanterie offenen militärischen Widerstand gegen die Regierungstruppen, wurden jedoch niedergeschlagen. Mustafa Kemal bezeichnet den Vorfall in der Nutuk ausdrücklich als „blutig“ (kanlı), was auf Verluste auf beiden Seiten während der Kampfhandlungen hindeutet; genaue Opferzahlen sind in den ausgewerteten Quellen nicht einheitlich überliefert. Nach einer Quelle wurden im Anschluss 65 Anhänger festgenommen und zur Vernehmung nach Erzurum gebracht, womit der Aufstand endete.
Darstellung in Mustafa Kemals Nutuk Mustafa Kemal ordnet das Ereignis in seiner mehrtägigen Rede Nutuk (1927) als bedeutenden und blutigen Zwischenfall ein, der während der Auseinandersetzung mit der Regierung in Istanbul im Osten des Landes durch einen „falschen Propheten“ ausgelöst worden sei.Mustafa Kemal Atatürk: Nutuk. Kapitel „Bayburt'ta bir yalancı peygamber“, 1927. Er schildert den Ablauf im Kapitel „Ein falscher Prophet in Bayburt“ im Wesentlichen so, wie oben zusammengefasst.
Historiographische Einordnung In der offiziellen türkischen Geschichtsschreibung – etwa in dem vom Generalstab herausgegebenen Werk İstiklâl Harbinde Ayaklanmalar – wird der Hart-Aufstand ausdrücklich als „typisch irtica-Bewegung“ eingestuft und in die Reihe religiös-reaktionärer Erhebungen der Zeit eingeordnet, zu denen später auch der Scheich-Said-Aufstand (1925) und der Vorfall von Menemen (1930) gezählt werden.Türk İstiklal Harbi. Bd. 6, S. 62. Gemeinsames Merkmal dieser drei Ereignisse ist die Berufung ihrer Anführer auf religiöse Autorität und die Ablehnung der neuen, sich säkularisierenden Staatsordnung; im Fall von Hart äußerte sich dies konkret in der Erklärung der Regierungsvertreter zu „Ungläubigen“ und im bewaffneten Widerstand gegen reguläre Truppen. Der Hart-Aufstand ist im Vergleich zu den beiden späteren Ereignissen deutlich weniger bekannt und wird in der Forschung seltener behandelt.
Zeitgenössische Autoren wie Hüseyin Kenan Esengin ordneten Erhebungen wie den Hart-Aufstand in ihren Darstellungen der „Verratsgeschichte“ der Nationalen Befreiungsbewegung (Millî Mücadelede Hıyanet Yarışı) als Beispiel für innere Widerstände gegen die sich formierende neue Ordnung ein.Hüseyin Kenan Esengin: Millî Mücadelede Hıyanet Yarışı. Ankara 1969, S. 42. Neuere Regionalforschung (u. a. Arbeiten von Süleyman Atmaca sowie ein Aufsatz in der Zeitschrift Gazi Akademik Bakış) bestätigt den religiösen Charakter des Aufstands, weist aber zugleich darauf hin, dass die genauen Beweggründe (schiitische Missionierung vs. universalistischer Mahdi-Anspruch) in den zeitgenössischen Quellen uneinheitlich dargestellt werden und der Fall lange Zeit ohne Auswertung der einschlägigen Archivdokumente (u. a. verschlüsselter Telegramme im Osmanischen Archiv) beschrieben wurde.Süleyman Atmaca: Bayburt'ta Şeyh Eşref İsyanı. In: Gazi Akademik Bakış.Süleyman Atmaca: „Hart Vakası ve Şeyh Eşref olayının iç yüzü“. In: Bayburt Postası. Diese Autoren plädieren für eine differenziertere Untersuchung der genauen Ursachen und weisen darauf hin, dass das Ereignis über längere Zeit das Bild der Region Bayburt in der öffentlichen Wahrnehmung negativ geprägt habe.
Einzelnachweise
Kategorie:Aufstand (20. Jahrhundert) Kategorie:Türkische Geschichte (20. Jahrhundert) Kategorie:Aufstand im Osmanischen Reich Kategorie:Konflikt 1919