Die Rückkehr (auch Gabrielle oder Die Rückkehr; Originaltitel: The return) ist eine im Sommer 1897 verfassteTim Middleton: Tales of Unrest (1898). In: Tim Middleton: Joseph Conrad. Routledge, London 2006. ISBN 978-0-415-26852-3. S. 36–42. Hier S. 39. und 1898 in dem Sammelband Geschichten der Unrast veröffentlichte Erzählung von Joseph Conrad.
Kurzbeschreibung Alvan Hervey und seine Frau leben in einer distanzierten, routinierten Ehe in einem prächtigen Haus. Eines Abends findet Alvan einen Brief seiner Frau an ihn, die darin erklärt, ihn für einen anderen Mann zu verlassen. Er fühlt sich gedemütigt und zornig. Die Frau kehrt zurück, bezeichnet den Vorfall als Versehen. Alvan hält einen moralisierenden Vortrag unter anderem über Pflicht und Treue. Sie gibt sich gefügig und meist äußerlich gefasst. Er stellt fest, dass er aufgrund mangelnden Vertrauens das eheliche Zusammenleben nicht fortsetzen will, weil er nur noch Täuschung wittert, und verlässt schließlich das Haus, ohne zurückzukehren.
Inhalt Der viktorianisch-steife Alvan Hervey und seine Frau leben nach fünfjähriger Ehe nur noch nebeneinanderher in einem prachtvollen Haus mit Dienstpersonal, Nussbaummöbeln und einem „schwarzen Eichenbüfett“ im Esszimmer. „Fünf Jahre gemeinsamen Lebens hatten seine Sehnsucht gestillt. […] Es blieb die Gewohnheit – die Gewohnheit ihrer Person, ihres Lächelns, ihrer Gebärden, ihrer Stimme, ihres Schweigens“. Alvan und seine Frau sind wie „zwei Tiere, die aus demselben Trog fressen, unter demselben Dach, in ein und demselben luxuriösen Stall stehen“ und „beide unfähig, eine Tatsache, ein Gefühl, einen Grundsatz oder einen Glauben anders zu betrachten als im Licht ihrer eigenen Würde, ihrer eigenen Verherrlichung, ihres Vorteils“. Eines Abends kehrt Alvan heim, findet einen Brief vor, liest darin, dass seine Frau „fort“ wäre zu dem Chefredakteur von Alvans Zeitung. Alvan lässt „den Brief fallen, als wäre er etwas Heißes oder Giftiges oder Schmutziges gewesen“, zerreißt ihn in einem „Ausbruch glühenden Zorns“ später. „Und es gab nichts als Demütigung. Nichts. […] Ihm kam zu Bewußtsein, daß ihm das Herz brechen müßte; aber binnen eines erstaunlich kurzen Moments erkannte er, daß sein Leiden nicht von so belangloser und unwürdiger Art war“: kein gebrochenes Herz, sondern „ein Gefühl tiefster, unverdienter Erniedrigung. Warum mußte er in eine so schauerliche Bloßstellung verwickelt werden!“ Es kommt zu einigen Alvan selbst unangenehmen „abscheulichen Gefühlswallungen, die alle Reserven durchbrachen, welche seine Mannesehre bewachten.“ Er fragt sich, was er sich vorzuwerfen hätte. „Er war ihr alles das gewesen, was man von einem Ehemann erwarten durfte. Er hatte ihr eine gute Position verschafft – sie teilte seine Ansichten – er hatte sie beständig mit größter Rücksicht behandelt. Er musterte sein Verhalten mit einer Art düsteren Stolz. Es war untadelig gewesen“. Vielleicht war es nicht besonders leidenschaftlich, aber nach seiner Auffassung ist Leidenschaft „die unverzeihliche und geheime Schändlichkeit unseres Herzens“.
Während Alvan hadert, kehrt seine Frau jedoch zurück, „ihre Schuhe beschmutzt, ihre Röcke naß und bespritzt“ und mit einem „Ausdruck stumpfer Erschöpfung“. Sie sieht ihn an. „Er fühlte sich hilflos vor dem verborgenen Sinn dieses Blickes [...] Und er konnte nur sagen: ‚Wie lange beabsichtigst du hierzubleiben?‘“ Sie schweigt. Er sagt: „Soll also ich gehen?“ Sie steht auf, steht vor ihm, sagt: „Nicht – Alvan!“ Sie bezeichnet den Brief als „Versehen“, als einen „Anfang – und das Ende“, denn auf seine „schreckliche Begierde zu wissen, wie weit sie gegangen war“ reagiert sie mehrfach mit den Worten „daß es nichts zu wissen gibt“. Sie hätte sich nie außerhalb des ehelichen Hauses mit dem Chefredakteur getroffen; Alvan sei jeweils daheim gewesen. „Als ich mich entschloß, zu ihm zu gehen – schrieb ich“ den Brief, ist dann aber doch nicht zu ihm gegangen, obgleich er sie erwartet habe. Als Motivation für ihre Rückkehr gibt sie später an: „Ich kam mir selbst auf die Spur und kehrte zu dem zurück [...] was du mir in Aussicht stelltest“. Über den Beginn ihrer Ehe meint Alvan, er habe sie geliebt. Sie sagt, das hätte sie nicht gewusst und sei selbst „zu etwas Derartigem völlig unfähig“ gewesen: „Wenn ich dazu fähig gewesen wäre, hättest du mich vielleicht nicht geheiratet“. Mit der angeblichen Liebe Alvans konfrontiert, will sie nun doch das Haus verlassen, Alvan fragt „Zu ihm?“, sie antwortet: „Nein – allein“. Alvan insistiert, dass sie bleiben möge, legt ihr ausführlich „mit Professorenmiene“ und einer „stumpfsinnigen Strenge“ seine Glaubenssätze dar über „Beherrschung, Pflicht, Treue – unerschütterliche Treue zu dem, was von dir erwartet wird“. Für ein Zusammenleben unerlässlich sei unter anderem außerdem „das Festhalten an dem, was recht ist“. Sie fragt: „Was ist recht?“ Alvan antwortet: „Nichts, was den überkommenen Glaubenssätzen Gewalt antut, kann recht sein“. Und er legt ihr nahe, sie müsse „die sittlichen Grundlagen einer Gesellschaft achten, die aus dir das gemacht hat, was du bist“. Nachdem seine Frau dies angehört und „unterwürfige Zustimmung“ signalisiert hat, ergeht Alvan sich in Selbstmitleid: „Ich habe gelitten – ich leide jetzt. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr. So sehr, daß ich, wenn du von Trennung sprichst, fast denke... Aber nein. Da ist die Pflicht. Du hast sie freilich vergessen; ich nie“. Leidenschaften wären verwerflich, „Versuchungen entschuldigen [...] niemanden“. Irgendwann endet Alvans Vortrag allerdings doch. „Und es herrschte Schweigen, Schweigen innen und Schweigen außen“. Alvans Frau ist es, die das Schweigen bricht: Mit einem „Heiterkeitsausbruch“, während dessen eine „Lachsalve“ nach der anderen auf Alvan niedergeht. Alvan schüttet ein Glas Wasser über seine Frau aus, weil er das für „Hysterie“ hält. Nachdem sie sich beruhigt hat, sagt er: „Du bist vollkommen in der Lage, zum Abendessen herunterzukommen. Niemand soll auch nur den geringsten Argwohn hegen“. Sie bestätigt: „Ja, ich kann“. Alvan freut sich: „An diesem Morgen, an diesem Tisch hatten sie zusammen gefrühstückt; und jetzt würden sie zu Abend essen. Es war vorüber!“
Doch es ist nicht vorüber. Seiner Frau scheint wie gewünscht beim Abendessen nichts anzumerken zu sein. „Und nichts hätte wunderbarer sein können als ihre Gefaßtheit“, die nun an Alvan zu nagen beginnt. Er erkennt, dass sein Grundvertrauen in seine Ehefrau für immer ruiniert ist. „Sie hatte ihn getäuscht, jeden anderen Mann, sich selbst [...]. Immer Täuschung. Ihr blickten Lügen aus den Augen, sie atmete Lügen, lebte Lügen – würde Lügen erzählen – immer, bis ans Ende ihrer Tage!“ Verwirrt beginnt Alvan nach dem Abendessen von Vergessen und Verzeihung zu reden, doch seine Frau bekundet, sie werde „nie vergessen [...] Und ich werde mir nie verzeihen“. Seine Verzeihung brauche sie nicht: „Ich kam nicht um deiner Vergebung willen zurück“, geschweige denn, weil sie gedacht hätte, dass er sie liebte: „Du betrügst dich selbst. Du liebtest mich nie. Du wolltest eine Frau – irgendeine Frau – jede Frau, die in einer bestimmten Weise dachte, redete, auftrat – in einer Weise, die dir zusagte. Du liebtest dich selbst“, entlarvt sie Alvans Narzissmus: „Wenn ich geglaubt hätte, daß du mich liebst [...] wäre ich nie zurückgekommen“. Sie begibt sich ins Schlafzimmer. Alvan malt sich unter anderem ihre künftige gemeinsame Zukunft aus. „Die Jahre würden in der Qual der Zweifel dahingehen [...]. Die Jahre würden dahingehen, und er würde immer ihrem Lächeln mißtrauen, ihren Blick beargwöhnen; er würde immer ihre Stimme verdächtigen, er würde nie mehr Vertrauen in ihr Schweigen haben“. Schließlich findet er weit nach Mitternacht doch noch den Weg ins Schlafzimmer, fragt mehrmals seine Frau: „Kannst du das aushalten?“ Sie bejaht. Er erwidert: „Nun, ich kann es nicht!“ Er verlässt das Haus und kehrt nie dorthin zurück. Und seine Frau? „In gewisser Weise gewinnt sie am Ende den Machtkampf, und Hervey gibt nach“.„In a sense, she wins the contest of wills at the end of the story, and Hervey cedes ground“ – Ellen Burton Harrington: The adulteress and the confines of marriage. „The Return“ and „The Rescue“. In: Conrad’s sensational heroines. Gender and representation in the late fiction of Joseph Conrad. Springer, Cham 2017. ISBN 978-3-319-63297-1. S. 107–131. Hier S. 119.
Textanalyse Bei Die Rückkehr handelt es sich um die „Geschichte einer ehelichen Trennung in der Mittelschicht“,„tale of middle-class marital break-up“ – Middleton, Tales of Unrest (1898), S. 36. die teils auktorial, teils personal „aus der indirekten Perspektive“ von Alvan Hervey erzählt wird.„telling the story largely, though not exclusively, through the indirect perspective of Hervey“ – Harrington, The adulteress and the confines of marriage, S. 111. Ort der Handlung ist das Haus des Ehepaars Hervey irgendwo in den „Straßen der Wohlhabenden“ im Londoner West-End. Zeitlich ist die Handlung in den Jahren nach 1884 zu verorten.Die in dem Werk erwähnte Circle Line der Londoner U-Bahn war ab 1884 in Betrieb (Conrad, Die Rückkehr, S. 9).
Figuren Das Personal der Erzählung Die Rückkehr besteht außer aus der Dienerschaft nur aus dem Ehepaar Hervey sowie, in Rückblenden, dem Chefredakteur von Alvan Herveys Zeitung:
Alvan Hervey: Dieser nach eigener Ansicht „mit guten Verbindungen, mit Bildung und Verstand“ versehene Mann mit seinen „zurückhaltenden und spärlichen Gesten“ ist ausgestattet „mit der ruhigen Behaglichkeit dessen, der erfolgreich und verachtungsvoll ist und seiner selbst sehr sicher – eines Mannes mit viel Geld und vielen Freunden. Er war groß, stattlich, gut aussehend und gesund; und sein helles, bleiches Gesicht trug unter seiner platten Kultiviertheit jenen gewissen Zug anmaßender Brutalität, welche sich vom Besitz nicht allzu ungewöhnlicher Talente herschreibt“. Alvan nimmt „tätiges Interesse an der Politik; und da er zufällig einen Literaten kennenlernte […], ließ er sich bewegen, eine in den letzten Zügen liegende Zeitung […] zu finanzieren. Es war ein halbpolitisches Blatt, das nur durch übermäßige Stumpfsinnigkeit versöhnte“ und dessen Chefredakteur Alvan Herveys Nebenbuhler um seine Ehefrau wird. „Die Untreue seiner Frau hat Hervey sein Gefühl für seine eigene Macht geraubt“, so die US-Literaturwissenschaftlerin Ellen Burton Harrington (University of South Alabama),„His wife's infidelity has taken away Hervey's sense of his own power“ – Harrington, The adulteress and the confines of marriage, S. 118. und lasse ihn „fast zur Karikatur“ werden„almost a caricature“ – Harrington, The adulteress and the confines of marriage, S. 111. bei der Herausstellung seiner Glaubenssätze wie dem, dass er mit beiden Beinen im Leben stünde, „dieses vernünftige und ersprießliche Dasein, das nicht von zu viel Liebe oder zu viel Reue gestört wurde“, weil „jedes Übermaß des Gefühls ungesund sei – sittlich verkehrt; ein Makel auf tätiger Mannhaftigkeit“. Alvan achtet nur Menschen, die „nicht Unvorgesehenes und nichts Unschickliches“ tun, und ist nach Harringtons Auffassung daher „unfähig, seine Frau als Individuum kennenzulernen“.„incapable of getting to know his wife as an individual“ – Harrington, The adulteress and the confines of marriage, S. 113.