mini|Die lichtdurchflutete Kuppelkonstruktion der Cappella Avila in Santa Maria in Trastevere, entworfen von Antonio Gherardi. Antonio Gherardi (geboren als Antonio Tatoti; * 20. September 1638 in Rieti; † 10. Mai 1702 in Rom) war ein italienischer Maler, Bildhauer und Architekt des Spätbarock. Er hatte eine Doppelbegabung als Maler und Architekt und ist für seine spektakuläre, theatralische Lichtführung in der Nachfolge von Gian Lorenzo Bernini und Francesco Borromini bekannt.
Leben Gherardi wurde in Rieti geboren und verlor früh seinen Vater. Um 1656 zog er nach Rom, wo er die Aufmerksamkeit des Monsignore Francesco Maria de’ Medici erregte, der sein Mäzen wurde.Leone Pascoli: Vite de’ pittori, scultori, ed architetti moderni. Band 2, Rom 1736, S. 287–297. Er trat in die Werkstatt des Malers Pier Francesco Mola ein, bei dem er seine künstlerische Ausbildung erhielt. Zwischen 1667 und 1669 unternahm Gherardi eine Studienreise durch Norditalien, die ihn nach Bologna, Venedig und Mantua führte.Ingo Herklotz: Antonio Gherardi. Architekt und Maler im römischen Spätbarock. Marburg 1983. Die dortige Malerei, insbesondere das venezianische Kolorit und die perspektivische Quadraturmalerei der Emilianischen Schule, prägten seinen Stil nachhaltig. Nach seiner Rückkehr nach Rom etablierte er sich als Meister und war sowohl für Ordensgemeinschaften als auch für den römischen Adel tätig.Ivana Corsetti: Gherardi, Antonio. In: Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 53, Rom 2000. Er verstarb am 10. Mai 1702 in Rom und wurde in der Dominikanerkirche Santa Maria sopra Minerva beigesetzt.
Werk Gherardis kunsthistorische Bedeutung liegt in seiner Fähigkeit, Malerei, Bildhauerei und Architektur zu einem theatralischen Gesamtkunstwerk (bel composto) zu verschmelzen.
Architektur Als Architekt schuf Gherardi wichtige Werke des römischen Spätbarock: Cappella Avila in Santa Maria in Trastevere (um 1680): Seine erste große Kapellenarchitektur. Berühmt für eine perspektivische Scheinarchitektur, bei der vier vollplastische Stuckengel ein scheinbar frei schwebendes, offenes Kuppelauge (Oculus) tragen, durch das reales Tageslicht in die Kapelle strömt. Cappella di Santa Cecilia in San Carlo ai Catinari (1692–1700): Sein unbestrittenes architektonisches Hauptwerk. Er konstruierte eine doppelte Decke mit einer verborgenen Lichtführung. Die obere Kuppel wird optisch von Stuckengeln getragen und bricht das Licht bühnenhaft direkt auf das Altarblatt herab.
Malerei Gherardi war ein Maler, dessen monumentaler Stil das dramatische Chiaroscuro Roms mit der lichten Farbigkeit Venedigs verband: Deckenfresken in Santa Maria in Trivio (1667–1669): Ein monumentaler Zyklus von 21 Szenen aus dem Leben der Jungfrau Maria, der die gesamte Kirchendecke einnimmt. Das Altarblatt in San Carlo ai Quattro Fontane: Das Gemälde Die Kreuzigung im Refektorium des Klosters der Borromini-Kirche. Altarblatt der Cäcilienkapelle: Das Gemälde Die Heilige Cäcilie bei der Orgel mit Engeln (1700), das er passgenau für seine eigene Lichtarchitektur in San Carlo ai Catinari schuf.
Literatur Leone Pascoli: Vite de’ pittori, scultori, ed architetti moderni. Band 2, Rom 1736, S. 287–297 (Digitale barocke Originalbiografie). Ingo Herklotz: Antonio Gherardi. Architekt und Maler im römischen Spätbarock. Marburg 1983. Ivana Corsetti: Gherardi, Antonio. In: Mario Caravale (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 53: Ghitti–Giacinto. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2000 (Wissenschaftliches Standard-Lexikon). Lydia Saraca Colonnelli (Hrsg.): Antonio Gherardi. Artista Reatino (1638–1702). Un Genio Bizzarro nella Roma del Seicento. Editoriale Artemide, Rom 2003, ISBN 978-8886291705 (Umfassender Werk- und Archivkatalog).
Weblinks
Eintrag zu Antonio Gherardi im Dizionario Biografico degli Italiani (italienisch)
Einzelnachweise
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