mini|Finnisch und Schwedisch im öffentlichen Raum in Helsinki (Helsingfors). Finnland hat zwei Nationalsprachen; in zweisprachigen Gemeinden müssen amtliche Bezeichnungen und öffentliche Informationen in beiden Sprachen verwendet werden
Finnländer () ist ein Demonym für die Einwohner bzw. Staatsbürger Finnlands und dient als Sammelbegriff, der alle Einwohner und Staatsbürger Finnlands bezeichnet, unabhängig von ihrer Sprache oder ethnischen Zugehörigkeit. Der Begriff umfasst die finnisch- wie die schwedischsprachige Bevölkerung des Landes ebenso wie weitere dort lebende Gruppen, etwa Samen, Roma, Tataren und Juden. Die schwedische Entsprechung finländare steht im Gegensatz zu finne, das finnischsprachige Personen meint, und zu finlandssvensk, das Finnlandschweden bezeichnet. Die finnische Sprache verfügt nicht über ein entsprechendes Wort.
Der Gebrauch des Wortes ist seit dem Mittelalter in der schwedischen Sprache belegt und war im 17. Jahrhundert verhältnismäßig geläufig, blieb aber während des größten Teils des 19. Jahrhunderts randständig, obwohl der Pfarrer Erik Gustaf Ehrström bereits 1829 systematisch für seinen Gebrauch argumentierte. Durchgesetzt hat es sich erst nach einer ab 1912 von schwedischsprachigen Intellektuellen Finnlands geführten Kampagne, endgültig etabliert nach dem Zweiten Weltkrieg und nach jahrzehntelangem Widerstand auf finnischsprachiger Seite, wo ihm seine russische Herkunft und ein separatistischer Beiklang vorgeworfen wurden.
Das deutsche Wort Finnländer für diesen Begriff war ebenfalls lange gebräuchlich. Laut Duden bezeichnet das deutsche Wort Finnländer heute jedoch spezifisch die Finnlandschweden, was der ursprünglichen Bedeutung nicht entspricht.
Der Begriff im Schwedischen Im heutigen schwedischen Sprachgebrauch in Finnland bilden drei Bezeichnungen ein System: finländare bezeichnet Personen aus Finnland unabhängig von ihrer Sprachgruppe, finnar diejenigen mit Finnisch als Muttersprache und finlandssvenskar jene finländare, deren Muttersprache Schwedisch ist.
Dieselbe Unterscheidung empfiehlt in Schweden das Institut für Sprache und Volkskunde (Institutet för språk och folkminnen): finsk und finne gelten dem finnischsprachigen Teil der Bevölkerung, finlandssvensk denjenigen mit Schwedisch als Muttersprache, finländsk und finländare den Einwohnern und Verhältnissen Finnlands ohne Rücksicht auf die Sprache. So unterscheidet man finländsk litteratur – die gesamte in Finnland geschriebene Literatur, gleich in welcher Sprache – von finsk litteratur, der auf Finnisch geschriebenen Literatur.
Der finnlandschwedische Sprachwissenschaftler Mikael Reuter führte die Ablehnung des Wortes in manchen finnischsprachigen Kreisen 1987 auf die Vorstellung zurück, es sei ein Zeichen von Separatismus, mit dem die schwedischsprachige Minderheit sprachlich signalisiere, zum Volk zu gehören, ohne zur finnischsprachigen Mehrheit zu gehören. Er selbst sah darin umgekehrt ein Symbol gemeinsamer Zugehörigkeit: Die Finnlandschweden gehörten – wie die Samen – einer anderen Sprachgruppe an als die finnar, aber demselben Volk, den finländare. Am deutlichsten spürbar werde das Bedürfnis nach dem Wort oft im Ausland.
Der Begriff im Deutschen
Laut dem finnlandschwedischen Historiker Max Engman kamen Anstöße zur Unterscheidung zwischen „Finne“ und „Finnländer“ aus fremden Sprachen ins Schwedische, besonders dem Deutschen. So ist in den schwedischen Übersetzungen (1811) der Arbeiten des pommerschen Historikers Friedrich Rühs zur Geschichte Finnlands ist – wenn auch nicht durchgängig – von finländare die Rede. Rühs (1781–1820), ab 1810 Professor für Geschichte an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin, hatte 1809 mit Finland (sic!) und seine Bewohner die erste deutschsprachige Gesamtdarstellung des Landes vorgelegt.
Andere Beispiele sind die Finnländische Rundschau, die 1907 benannte Finnländische Straße in Berlin und die kurz nach 1914 als Vorläufer der Finnischen Botschaft in Berlin gegründete Finnländische Kanzlei und später das Finnländische Büro.Geschichte der Vertretung Finnlands in Berlin, abgerufen am 26. April 2022.
Im heutigen Deutsch ist diese Bedeutung nicht mehr vorhanden. Der Duden verzeichnet Finnländer zwar als Stichwort, definiert es aber – übereinstimmend mit dem Wörterbuch des Verlags PONS – als „Finne mit schwedischer Muttersprache“ – Das deutsche Wort bezeichnet somit nicht den Oberbegriff, sondern gerade jene Untergruppe, für die im Schwedischen finlandssvensk verwendet wird. In dieser Hinsicht entspricht der heutige deutsche Sprachgebrauch eher dem finnischen als dem schwedischen: Weder das Deutsche noch das Finnische verfügt über ein einzelnes Lexem für den umfassenden Begriff.
Der Begriff in anderen Sprachen mini|Der Finnländische Bahnhof (Finljandski woksal) in Sankt Petersburg Eine dem schwedischen Begriffspaar finne und finländare vergleichbare Unterscheidung findet sich teilweise auch in anderen Sprachen. Im Englischen steht neben Finn die seit dem frühen 18. Jahrhundert belegte Bezeichnung Finlander. Der britische Diplomat und Reiseschriftsteller Thomas Michell unterschied in der zweiten, überarbeiteten Ausgabe seines Reiseführers Hand-book for Travellers in Russia, Poland, and Finland (1868) ausdrücklich zwischen beiden Begriffen: Finlander bezeichnete demnach alle Bewohner Finnlands, während Finn nur auf diejenigen bezogen wurde, die im damaligen Sprachgebrauch als „ethnisch“ finnisch galten. Später wurde Finlander insbesondere auch für Finnlandschweden verwendet; diese Bedeutung wird noch in heutigen englischen Wörterbüchern angeführt.
Auch das Russische kennt neben финн (finn) die von der Landesbezeichnung Финляндия abgeleitete Form финляндец (finljandez, Plural финляндцы finljandzy). Russische Wörterbücher definieren финляндец als „Bewohner Finnlands“, während финн zugleich eine ethnolinguistische Bedeutung besitzt. Beide Bezeichnungen sind bereits in russischen Texten des 19. Jahrhunderts nachweisbar, wurden jedoch nicht durchgehend im Sinne einer festen Unterscheidung zwischen Staatszugehörigkeit und ethnischer beziehungsweise sprachlicher Zugehörigkeit verwendet.
Entsprechungen im Finnischen Das Finnische hat keinen vergleichbaren Begriff ausgebildet, und finnisch suomalainen deckt sowohl die sprachliche und ethnische Zugehörigkeit als auch die Nationalität bzw. Staatsangehörigkeit ab. Falls notwendig, wird die Unterscheidung durch Umschreibungen wiedergegeben, etwa Suomen kansalaiset („die Bürger Finnlands“).
Gleichwohl hat die finnische Sprache manchmal eine solche Unterscheidung geschaffen. Das war z. B. in Ingermanland der Fall, um zwei verschiedene Gruppen von Finnen auseinanderzuhalten: jene, die sich seit dem 17. Jahrhundert dort niedergelassen hatten und seit 1703/1721 russische Untertanen waren, und jene, die nach 1809 zugewandert und Untertanen des Großfürstentums geblieben waren. Die finnischsprachigen Ingermanländer schufen sich – in russischsprachiger Umgebung, aber eigenständig und auf Finnisch – den benötigten Ausdruck selbst: Die Untertanen des Großfürstentums hießen suomenmaakkoset (bisweilen suomenalamaiset oder suomenkansalaiset).
Im September 2000 fragte die sozialdemokratische Abgeordnete Liisa Jaakonsaari in der Fragestunde des finnischen Parlaments Ministerpräsident Paavo Lipponen nach dem Wort suomenmaalainen, das die Soziologin Outi Lepola in ihrer im selben Jahr erschienenen Dissertation vorgeschlagen hatte. Im Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Eingliederung von Zuwanderern regte Jaakonsaari an, es auf diese anzuwenden: Das Wort helfe Menschen ohne finnländische Wurzeln, sich als suomalainen zu fühlen. Zugleich merkte sie an, es sei durch die Nähe zu Suomenmaa, dem in Oulu erscheinenden Presseorgan der damals oppositionellen Zentrumspartei, etwas belastet. Lipponen antwortete, in der anderen Nationalsprache gebe es das Wort bereits – er verwende die Form finländsk recht häufig –, nahm zur finnischen Entsprechung aber nicht Stellung.
Begriffsgeschichte im Schwedischen Vor 1809 Der Ausdruck finländare kam bereits im Mittelalter vor und wurde im 17. Jahrhundert recht häufig gebraucht, wenn es galt, das westlich des Bottnischen Meerbusens gelegene Schweden vom östlichen Reichsteil Finnland zu unterscheiden. Im 18. Jahrhundert wurde er seltener. Während der gesamten Zugehörigkeit Finnlands zu Schweden herrschte der Sprachgebrauch vor, die Einwohner des Landes finnar („Finnen“) zu nennen; die schwedischsprachigen Bewohner Finnlands hießen entsprechend dem Sprachgebrauch des einfachen Volkes schlicht svenskar („Schweden“).Engman: Språkfrågan. 2016, S. 236.
Das Großfürstentum und Ehrströms Vorschlag (1829) mini|hochkant|links|Johan Ludvig Runeberg 1863. Der Vers „auch ich bin ein finne“ aus Fähnrich Stahl bezeugt die Doppelbedeutung, die das Wort finne das ganze 19. Jahrhundert hindurch behielt.
Entscheidend änderte sich die Lage 1809, als Finnland als autonomes Großfürstentum an das Russische Kaiserreich fiel; der Sprachgebrauch blieb allerdings noch lange schwankend. Zusätzlich verkompliziert wurde die Terminologie dadurch, dass die russische Verwaltung zwischen finljandski (финляндский) und finski (финский) unterschied: Die russischen Behörden in Finnland und die dort stationierten Truppen fielen unter den ersten Ausdruck, die aus Untertanen des Großfürstentums aufgestellten Truppen unter den zweiten – die Unterscheidung betraf das Rekrutierungsgebiet, nicht die Sprache. So hieß die Passexpedition auf Russisch Finljandskaja Pasportnaja Expeditsia und das Kadettenkorps Finljandskij Kadetskij Korpus, die Ökonomische Gesellschaft dagegen Finskoje Ekonomitscheskoje Obschtschestwo.
Die erste systematische Begründung einer Unterscheidung legte 1829 der Pfarrer der schwedischen Gemeinde in Sankt Petersburg, Erik Gustaf Ehrström, vor – zuvor selbst ein Eiferer für das Finnische (siehe Fennomanen). Er verwies darauf, dass man in der Stadt jene Personen, deren Mutter- und Bildungssprache Finnisch war, von jenen unterschied, die ohne Rücksicht auf die Sprache durch Geburt und Bürgerrecht zu Finnland gehörten, und schlug vor, im Schwedischen ebenso zu verfahren:
Ehrström machte überdies geltend, die Bezeichnungen finländare und finländsk seien in der Amtssprache Finnlands bislang selten gebraucht worden, verdienten es aber, häufiger verwendet zu werden, denn sie gäben „dem Ausdruck größere Bestimmtheit und Richtigkeit“.
Gleichwohl blieben finne und finsk das ganze 19. Jahrhundert hindurch die gebräuchlichsten Bezeichnungen, und zwar in ihrer doppelten Bedeutung. Wenn Johan Ludvig Runeberg in Fähnrich Stahl schrieb „auch ich bin ein finne“, so war das kein sprachliches oder ethnisches Bekenntnis, sondern die Behauptung einer Zusammengehörigkeit mit den Einwohnern des Großfürstentums.
Die Debatte des 19. Jahrhunderts Die Auseinandersetzung über die zwei Nationalitäten Finnlands ließ den Bedarf an zwei neuen Ausdrücken entstehen: einem Oberbegriff, der die finnische wie die schwedische Nationalität umfasste, und einer eigenen Bezeichnung für die letztere; für die Finnischsprachigen gab es das Wort finne bereits.Engman: Språkfrågan. 2016, S. 238.